Ungeschick und Untenrum. Zu Mike Krügers Schelmerei „Der Nippel“

Mike Krüger

Der Nippel

Ich konnte gerade lesen,
da kam ich auch schon drauf:
Fast alles ist heut eingepackt,
man kriegt es sehr schlecht auf.
Jetzt steh’ ich hier am Würstchenstand
und schwitze, weil ich kämpf’
mit einer kleinen Tube, drin ist Senf!
Und drauf steht:

Sie müssen nur den Nippel durch die Lasche zieh’n
und mit der kleinen Kurbel ganz nach oben dreh’n,
da erscheint sofort ein Pfeil,
und da drücken Sie dann drauf,
und schon geht die Tube auf!

Aber erst den Nippel durch die Lasche zieh’n […]

An ’ner Autobahnraststätte
da hatt’ ich großen Durst.
Es gab nur Automaten,
doch das war mir ganz wurst.
Ich drückte auf zwei Knöpfe,
da war ich auch schon naß,
halb voll Cola und halb voll Bier vom Faß.
Kam ’ne rote Lampe raus
und auf der stand:

Mensch, Sie müssen erst den Nippel durch die Lasche zieh’n […]
und schon kommt da unten Kaffee raus!

Ich mußte mal ins Krankenhaus,
mein Blinddarm war defekt.
Die Narkose hat nicht so gewirkt,
da hab’ ich mich erschreckt.
„Mann, wie kriegen wir denn Sie bloß auf?“,
hat der Chefarzt mich gefragt.
„Nichts einfacher als das“, hab’ ich gesagt:

Sie müssen nur den Nippel durch die Lasche zieh’n [...]
Mal sehn’, da geht der Bauch schon auf!

Ich hatte mal ’ne Freundin,
ich bin auch nur ein Mann.
Doch leider trug sie ’nen BH,
man kam da sehr schlecht ran.
„Mann, Mädel, wie geht denn das?
Ich komm da nicht mehr mit!“
Sie sagte: „Komm mein Jung,
ich geb’ dir mal ’nen Tip:

Du musst doch nur die Nippel durch die Lasche zieh’n
Und mit der kleinen Kurbel ganz nach oben dreh’n
Da erscheint dann auch ein Pfeil
Und da drückst du ganz leicht drauf
Und schon geht die Sache auf!“

Ich flog mal so im Flugzeug, da fiel der Motor aus.
Zum Glück trug ich ’nen Fallschirm und kam auch ganz gut raus.
Draußen wollte ich ihn öffnen,
hatt’ die Schnur schon in der Hand,
voll Entsetzen las ich,
was darauf stand:

Sie müssen erst den Nippel durch die Lasche zieh’n [...]
Ich wollt’ es gerade tun, da schlug ich auf!

Daß ich das nicht überlebt hab,
wird jeder wohl versteh’n.
Jetzt steh ich hier vorm Himmelstor,
kann keinen Menschen sehen. 
„Kommt, laßt mich rein, ihr Engels!“,
schrie ich und tobte wild.
Da sah ich an der Tür das goldne Schild.
Drauf stand:

Sie müssen erst den Nippel durch die Lasche zieh’n [...]
und schon ist die Himmelspforte auf!

     [Mike Krüger: Der Nippel. EMI 1980.]

1. Zu Risiken und Nebenwirkungen

Bei Recherchen, zumal im Internet, kommen einem schnell Sachen unter, die man eigentlich gar nicht gesucht hat und im Nachhinein vielleicht auch besser gar nicht gefunden hätte . Wenn es um Lieder geht, drohen bei der Suche nach allerlei aus dem Umfeld eines Untersuchungsgegenstands schlimme Ohrwürmer. Fatal gerät die Angelegenheit, wenn es sich von Anfang an schon um ein Lied handelt, das sich einst erbarmungslos im musikalischen Gedächtnis eingenistet hat, um von dort aus immer wieder nervtötend im Kopf los zu dudeln. Zu derlei Machwerken fallen einem ohnehin meist schnell ähnliche Quälsongs ein, und die Youtube-Vorschlagsleiste tut bei der Recherche ihr Übriges. Am Ende sieht man sich mit einem ganzen Ohrgewürm konfrontiert, das wie ein schlimmer Tinnitus durch die Hörbahnen wimmelt. So geschehen – dies sei hier zur Warnung vorausgeschickt – bei meiner Recherche rund um Mike Krügers Der Nippel.

Mit diesem witzigen und schon im Titel anzüglichen Lied über die Kompliziertheit von Verpackungen jedweder Art erreichte der 1951 in Ulm geborene Krüger 1980 sowohl in den deutschen als auch in den österreichischen Single-Charts Platz 1 (vgl. www.offiziellecharts.de und Wikipedia). Wahrscheinlich konnte niemand, der in den 80er Jahren bundesdeutsche Musikradio- und/oder Fernsehsender empfangen hat, diesem Lied entkommen. Viele hatten einfach Spaß damit, so zum Beispiel (zumindest zu Teilen) die siegreiche EM-Nationalmannschaft von 1980 auf dem Rückflug von Italien (vgl. o. A. 1980 u. Jürgens 2012). Der Refrain wird sogar in einem Informatik-Fachaufsatz zur „Didaktik und Methodik der fehlerpräventiven Programmentwicklung“ unter der Kapitelüberschrift „Ausblick“ zitiert (vgl. Eggers 1984, S. 23).

Freilich fand aber nicht jeder Gefallen an Krügers Lied. Im Spiegel war ausgehend vom krügerschen Exempel fatalistisch gar von einer unaufhaltsamen „Nippelierung des musikalischen Unterhaltungswesens der Bundesrepublik“ die Rede, quasi von einem um sich greifenden Prinzip der aus Blödelei und Untenrum erzeugten, alles und jeden mitreißenden Stimmung. So treffe die „Schilderung von Ungeschicklichkeiten und kleinen Alltags-Desastern“ im Nippel-Song ganz einfach „zwei Seelen in der Brust des Deutschen: das katastrophengeplagte HB-Männchen und den Schweinigel.“ (o. A. 1980). Nicht einmal der Spiegel-Artikel selbst konnte sich der Macht der Anzüglichkeit entziehen, wenn es hieß: „Sein Nippel ist in aller Munde“. Gut drei Jahre später wurde im Spiegel gegen die Schleichwerbung in ARD- und ZDF-Shows für den Kinofilm Die Supernasen – mit den Hauptdarstellern Thomas Gottschalk und Mike Krüger, die auch das Drehbuch geschrieben hatten – und natürlich gegen den Film selbst („Mummenschanz auf Grundschul-Niveau“) geätzt. Dabei erfuhr Krüger en passant die sarkastische Würdigung als „Schöpfer der Nationalhymnen Mein Gott, Walther und Der Nippel“ (o. A. 1983). Diese beiden Lieder erhielten hier die Relevanz von Prototypen jenes „neudeutschen Frohsinns“ (ebd.), den die Unterhaltungsindustrie zum im Spiegel geäußerten Verdruss derer, die das gar nicht witzig finden konnten, verbreitete.

Dass einen der Humor, den die hier geschmähte Unterhaltungsbranche pflegte, verdrießen konnte, leuchtet mir durchaus ein – zumal nach meinen Erkundungstouren durch zahlreiche Musikvideos, Filmtrailer, Chartarchive, Zeitungs- und Zeitschriftenartikel, Bücher sowie Homepages von Musikern und Komikern, die ich bei der Beschäftigung mit Krügers Der Nippel unternommen habe. Insgesamt war das nicht uninteressant. Bisweilen überkam mich nahezu Nostalgie, weil ich viele Lieder vom Schlage Der Nippel seit meiner Kindheit kenne, denn Mike Krüger und Co. waren in der DDR, in der ich geboren bin, keine Unbekannten (vgl. z. B. Reder 2009 u. Krüger/Hoheneder 2015, S. 202-208). Außerdem nötigte mir die Konsequenz, mit der Mike Krüger über sein musikalisches Oeuvre hinweg an dieser bestimmten Form von Humor festhält, einen gewissen Respekt ab, und hatten die gelegentlichen Country-Anklänge ihren Reiz, insbesondere in zugleich lustigen und trist-melancholischen Liedern wie etwa Mama ist im Himmel bei John Wayne oder der Bearbeitung des Johnny Cash-Songs A Boy Named Sue (geschrieben von Shel Silverstein) – Ein Junge namens Susi (das verdient eine eigene Untersuchung, zumal es mit dem Country auf Deutsch eine eher schwierige Sache ist, vgl. Posener 2010). Allerdings überfiel mich beim Querhören desöfteren auch arge Fremdscham, zum Beispiel beim Lied Der Gnubbel. Perplex war ich, als ich auf der Startseite des Webauftritts von Mike Krügers Management las: „Mike Krüger – Mythos, Ikone, Sexsymbol“. Am Schluss blieb ein ambivalenter Eindruck aus interessantem Wiederhören, mal mehr, mal weniger unterhaltsamen Funden und Genervtsein.

2. Untersuchung

Wegen seines großen Erfolgs beim Publikum und seiner Hartnäckigkeit, den es als Ohrwurm hat, will ich Mike Krügers erfolgreichstem Lied Der Nippel analytisch zu Leibe rücken. Wie funktioniert es und was kann man interpretatorisch mit ihm anstellen?

Uraufgeführt wurde es vor 1500 Friseuren in der Darmstädter Stadthalle, im Saalbau in Witten entstand die Live-Aufnahme für die spätere Single Der Nippel und das gleichnamige Album. Ursprünglich hatte Krüger keine Single-Auskoppelung geplant, denn er wollte sein Album verkauft wissen. Die Plattenfirma witterte aber ein sehr gutes Geschäft, zumal nachdem Hans Werner Olms unter dem Pseudonym „Balduin Ebenholz“ veröffentlichte Lizenzsingle vom Nippel gute Verkaufszahlen erreicht hatte. So erschien schließlich auch eine Nippel-Single von Krüger selbst, die schnell auf Platz 1 der Verkaufscharts stieg. (vgl. Krüger/Hoheneder 2015, S.122-123 u. 128 f.)

Sehr vielen Plattenkäufern gefiel also das Lied, in dem ein Ich – genauer ein Mann – das sein Leben leitmotivisch durchziehende Problem kompliziert zu öffnender Verpackungen erzählend mit sich von Episode zu Episode verschlimmernden Auswirkungen bearbeitet. Eine solche episodische Struktur mit Steigerung bis zum desaströsem Ereignis findet man beispielsweise auch in Krügers erstem großen Hit Mein Gott, Walther (1975) oder in dem schon erwähnten Gnubbel (1981), außerdem in Jürgen von der Lippes Nummer-1-Hit Guten Morgen, liebe Sorgen (1987). In letzterem wird die Reihe aus Ungeschicklichkeiten und kleineren wie größeren Katastrophen auf einen Tag komprimiert – angefangen beim fehlenden Papier zum morgendlichen Toilettenbesuch, weiter mit einer kalten Dusche wegen eines defekten Rohrs, einem Sturz mit Steißprellung auf glatten Fliesen, nach Schweiß schmeckendem Kaffee, der geklauten Zeitung, der mit Auto, Hund und Pornosammlung abgehauenen Frau, schließlich dem Suff und der betrunkenen Autofahrt mit tödlichem Unfall, nach dem es (immerhin) ein Erwachen als Engel gibt.

Aber zurück zum Nippel: Schlaues Kerlchen, das der Typ in Krügers Lied schon immer war, hat er bereits als ABC-Schütze erkannt, dass man heutzutage alles Verpackte nur „sehr schlecht“ aufkriegt. Exemplarisch erzählt er sogleich von seinem (scheinbar gegenwärtigen – „Jetzt“) Kampf mit einer Senftube, auf der eine Anleitung für den kniffligen Öffnungsvorgang zu lesen ist. Hier schwitzt er nur und bekommt das Ding nicht geöffnet. In der nächsten Situation, von der er erzählt, gelingt es ihm zwar, etwas aus einem Automaten herauszubekommen, allerdings völlig unkontrolliert und mit dem Ergebnis einer Cola- und Bierdusche. Nach dieser Slapstick-haften Szene erfährt die Drastik des Problems eine absurde Steigerung: Dem Mann soll der Blinddarm entfernt werden, jedoch wirkt die Narkose nicht richtig. Daraufhin ruft der Chefarzt fragend aus „Mann, wie kriegen wir denn Sie bloß auf!“, womit er wohl meinen dürfte, dass es unmöglich, weil unzumutbar, ist, bei unzureichender Betäubung den Schnitt zur Öffnung des Körpers zu setzen und überhaupt die Operation weiter durchzuführen. Der Mann allerdings bezieht die Äußerung auf sein ‚Lebensthema‘ und erklärt dem Operateur die Öffnungstechnik, die er selbst zwar ausweislich seiner Erzählungen praktisch nicht beherrscht, als theoretisches Wissen aber mittlerweile verinnerlicht hat.

In der folgenden Szene fehlt dieses Wissen dann wieder, denn hier geht es schließlich weniger um Verstand als um Geschicklichkeit: Der Mann erzählt in Ansätzen vom Sex mit seiner Freundin, die er ‚mal hatte‘, weil er eben „auch nur ein Mann“ und somit in seinem Weltbild ‚natürlicherweise‘ heterosexuell und triebbeherrscht sei. Die Sache droht einmal mehr an einer schwierigen Verpackung – dem BH, an dem sich die anzügliche Komponente des Liedes nun festmachen lässt – und an der mangelnden Handfertigkeit des Tollpatsches zu scheitern. Glücklicherweise kennt sich die resolut auftretende Frau aber aus und kann ihn in der sattsam bekannten Technik unterweisen. Der Mann rückt dadurch eher in eine Schüler- oder Sohn-Rolle („Komm mein Jung, / ich geb’ dir mal ’nen Tip: […]“) und erscheint nicht als Partner auf Augenhöhe oder gar in dominanter Position.

Auf die Erzählungen von den Pannen in Alltagssituationen, der medizinischen Malaise und dem verpackungsbedingt gehemmten Vorspiel folgt schließlich die Episode vom finalen Scheitern, müsste der Mann nach Verlassen eines abstürzenden Flugzeugs doch den rettenden Fallschirm öffnen, wofür er freilich mit Nippel, Lasche usf. umgehen können müsste. Aber er bringt es wieder nicht und schlägt auf. Mit zugleich entschuldigendem wie schulterzuckendem Gestus – das „wird jeder wohl versteh’n“ – teilt er mit, dass der Absturz für ihn tödlich geendet hat.

Sein Problem bleibt ihm aber über den Tod hinaus erhalten, denn das Himmelstor tut sich ihm nicht einfach so auf. Keine Menschen und keine Engel sind zu sehen. In Mike Krügers Lied Mein Gott, Walther, in dem es ebenfalls um einen wenig geschickten Unglücksraben geht, von dem das Pech auch nach dem Tod nicht abfällt, ist die Situation vor dem Himmelstor etwas anders gestaltet:

[…]

Ja das Leben verlangte Walther schon ’ne Menge ab.
Und sein Pech verfolgte ihn sogar bis ins Grab.
Denn sein Sarg glitt den Trägern aus den Händen, auf den Boden knallt’ er.
Der Pfarrer rief entsetzt:
Mein Gott, Walther.

Nun steht Walther ganz allein vorm Himmelstor
und kommt sich eigentlich ziemlich einsam vor.
Petrus sieht durch das Guckloch, drauf verliert den Halt er,
zum lieben Gott ruft er nach hinten:
Da draußen, da steht Walther.

Auch Walther findet sich allein an der himmlischen Pforte wieder. Allerdings spielen Gott und Petrus an dieser Stelle eine Rolle in der Geschichte, nur für Walther nicht wahrnehmbar. Ob der entsetzte Petrus dem trotteligen Walther Einlass gewährt oder nicht, wird nicht mehr erzählt. Der Liedtext endet mit Petrus’ gerufener Mitteilung an Gott „Da draußen, da steht Walther.“ Dabei wird der als running gag wiederkehrende und zum Mitsingen animierende Seufzer „Mein Gott, Walther.“ variiert; der Ausruf „Mein Gott“ nähme sich wohl unziemlich aus gegenüber Gott persönlich, zumal in einer Äußerung des Petrus. Durch den Bruch mit der Erwartung einer neuerlichen Wiederholung von „Mein Gott, Walther.“ entsteht Komik (wobei es vielleicht aber doch noch komischer gewesen wäre, wenn Petrus vor lauter Schreck in eben diesem Wortlaut aufgejault hätte).

Aber zurück zum Nippel-Lied: Hier wird nichts von himmlischem Personal erwähnt. Die Öffnung des Tores obliegt hier nicht, wie im Volksglauben als Ableitung von Matthäus 16,19 verbreitet, dem ‚Pförtner‘ Petrus, sondern der ‚Schlüssel‘ zum Himmelreich liegt einmal mehr in den für den Mann zu komplizierten Handgriffen, auf die eine pompös gestaltete Bedienungsanleitung an der Himmelspforte zum Leidwesen des Pechvogels hinweist. Angesichts dieser Hürde bleibt ihm wohl die Einkehr ins Himmelreich verwehrt, denn es ist ihm bis hierhin nicht gelungen, sein Handicap bei Verpackungen zu überwinden, also sieht es auch nach seinem Tod nicht gut für ihn aus. Warum sollte es, nachdem er schon mit Senftuben, Getränkeautomaten, BHs und Fallschirmen nicht fertig wurde, bei so etwas Großem wie dem Übertritt ins himmlische Jenseits anders für ihn laufen? Er ist ja ohnehin schon seit dem Erstlesealter von der Einsicht durchdrungen, das so ziemlich alles eingepackt und schwer zu öffnen ist. Dieses früh erworbene, für ihn unumstößliche Dogma bestimmt sein Leben, sein In-der-Welt-Sein, und lässt ihn wieder und wieder die gleiche Erfahrung machen, so dass sich seine Überzeugung immer mehr verfestigt.

Treiben wir das interpretatorische Spiel noch ein bisschen weiter: Stellt man die Fähigkeit des Lesens in einen Zusammenhang damit, dass etwas Eingepacktes schwer zu öffnen ist, so kann man das Problem abstrahieren auf die Schwierigkeit des Verstehens (von Texten) bzw. der Erschließung von Sinn überhaupt. So betrachtet hat das Ich in diesem Lied keinen rechten Zugang zum Inhalt, zur Bedeutung, zum ‚Eigentlichen‘ im Leben, zumal bei einem letzten Ding wie dem, was auch immer nach dem Tod zu erwarten ist. Als Leseanfänger hat es begriffen, dass es mit dem Öffnen von Dingen – abstrahiert: mit dem Verstehen – keine einfache Sache ist und sich vieles seinem Erkenntnisvermögen entzieht, die Welt und das Leben kompliziert und unbeherrschbar sind und ihm verschlossen bleiben. An dieser frühen Metaerkenntnis hält das Ich fest. Es kämpft und schwitzt zwar durchaus mal oder schreit und tobt schließlich sogar wild, aber es hat zu wenig Glauben daran, Verpacktes öffnen zu können, oder denkt sich, dass es einfacher funktionieren müsste. Vielleicht hat es als Kind schlicht das falsche Buch (und nicht DAS Buch) gelesen. Es klappt ja nicht einmal mit der korrekten Pluralbildung von ‚Engel‘. „Kommt, lasst mich rein, ihr Engels!“ zu rufen genügt jedenfalls nicht, um die Schwelle zum Himmlischen übertreten zu können. Diese harte Nuss wird Krügers Geschöpf wie so manch andere zuvor wohl auch nicht knacken.

Wie der literarische Schelm – dies sei dann auch der letzte hermeneutische Veredlungsversuch – gelangt es zwar in jungen Jahren zu einer für sein Weltverhältnis wichtigen, quasi initiatorischen Erkenntnis: „Fast alles ist heut eingepackt, / man kriegt es sehr schlecht auf“, was eine leichte Anmutung in Richtung einer Gesellschaftskritik („heut“) hat, womit insbesondere frühneuzeitliche Schelmenerzählungen üblicherweise verbunden waren. Zudem passt auch die erzählerische Konstruktion zum pikarischen Muster: Ein erzählendes Ich blickt (sieht man von der temporalen Konfusion aufgrund des zeitlichen Deiktikons „jetzt“ in der ersten Strophe ab) episodisch auf sein Leben zurück. Der gewitzte Schelm nutzt allerdings traditionell seine – auch gewichtigeren – Einsichten, um sich durchs Leben zu schlagen, das es nicht unbedingt gut mit ihm meint (zum Motiv des Schelms sowie zu den damit typischerweise verbundenen narrativen Elementen und Strukturen vgl. beispielsweise Rötzer 2009, insbesondere S. 112–122). Der Protagonist von Krügers Lied vermag allerdings keinen Vorteil aus seiner Einsicht zu ziehen, er ist in der Praxis nicht lernfähig und kapituliert vor dem Verpackungsproblem. Er schlägt auch keinen bekenntnishaften Ton in Bezug auf seine Schwäche und Unfähigkeit an; ein ‚klassischer‘ Schelm bekennt hingegen seine Laster und Schandtaten. Der von Nippel und Lasche Geplagte weiß auch bis zum Schluss nicht mit Verschlossenem umzugehen – sei es mit einer Senftube oder mit einem der großen Rätsel der Existenz; eine irgendwie geartete Läuterung, gar verbunden mit einer eschatologischen Übersteigerung bis zur Orientierung auf den heilsgeschichtlichen Plan, bleibt also aus. Krügers Antiheld ist eben kein cleverer Schelm, mit dem man die vermaledeite Einrichtung von Welt, Gesellschaft und Leben durchschaut und belächelt, sondern er ist bloß ein ungeschickter Depp, über den man unverzagt lachen kann. Dagegen ist aber eigentlich auch nichts einzuwenden.

3. Anhang

Der Vollständigkeit halber sollen an dieser Stelle noch zwei Liednachfahren, die Mike Krüger zu seinem Nippel erschuf, nicht unerwähnt bleiben. So findet sich in dem von Howard Carpendale bevorworteten krügerschen Golf Lexikon, dessen Ulks einige Schmerzfreiheit in Sachen Humor verlangen, die Variation Sie müssen nur den Putter aus der Tasche ziehen, in der der Ausgangstext gut erkennbar durchscheint:

Putten – ein Lied: zwo, drei, vier – Sie müssen nur den Putter aus der Tasche ziehen

Ich hatte kaum Platzreife,
da kam ich auch schon drauf,
nichts ist dann so einfach,
wie man anfangs glaubt.
Jetzt steh ich auf dem Green
und kenn mich nicht mehr aus,
weil es mir vor Löchern schrecklich graust:

Ich müßte nur den Putter aus der Tasche zieh’n
und mit dem leichten Eisen an den Ball rangeh’n.
In der Ferne ist ein Loch,
und da müßte ich dann rein,
und schon ist der Putter kurz und klein.

Ich mußte in den Bunker,
mein Sandwedge war defekt,
der Abschlag ging daneben,
da hab ich mich erschreckt.
„Mann, wie komm ich wieder raus?“,
hab ich den Caddy gefragt.
„Nichts einfacher als das“, hat er gesagt:

Sie müssen nur den Putter aus der Tasche zieh’n
und mit dem leichten Eisen an den Ball rangeh’n.
In der Ferne ist ein Loch,
und da müssen Sie dann rein,
und schon ist der Putter kurz und klein.

[Musik u. Text: Mike Krüger, Klavier-Bearbeitung: Olaf Weitzl. Aus: Mike Krügers Golf Lexikon [1988], S. 94 f.]

Eine weitere textliche Umarbeitung des Nippel nahm Mike Krüger für eine Kaffeewerbung vor. Das Problem hier – Wie bekommt man guten Kaffee? – lässt sich werbewirksam einfach lösen, und zwar von jedem, sofern er eine Kaffeemühle und ganze Bohnen der beworbenen Kaffeemarke hat.

Wir müssen erst die Bohne durch die Mühle drehn

Frau Müller trinkt gern Kaffee und ihr Mann wollt sie erfreun,
er fängt gleich an die Bohne in die Kanne einzustreun.
Dann gießt er noch heiß’ Wasser drauf und gibt es seiner Frau,
Frau Müller sagt: „Das schmeckt ja ganz schön mau.

Du mußt doch erst die Bohne durch die Mühle drehn
und gleich danach Eduscho-Kaffee frisch aufbrühn.
Ein röstfrischer Kaffee, das ist ein echtes Plus:
die ganze Bohne, der ganze Genuß.“

Auch Müllers Sekretärin weiß, was ihr Chef gern trinkt,
doch Müller tobt, wenn sie im Streß mal Pulverwasser bringt.
Sie hechtet gleich ans Telefon und ruft Frau Müller an,
Frau Müller sagt, ich hab da einen Plan:

Du mußt doch erst die Bohne durch die Mühle drehn […]

Herr Müller machte Urlaub in Süd-Bulgarias
es gab viel Wein und Brause, nur Kaffee war nicht da.
Er schreckte von der Liege hoch und rief ganz aufgeräumt:
„Hey Leute, ich hab da was geträumt:

Wir müssen erst die Bohne durch die Mühle drehn […]“

Herr Müller fragt den Becker: „Gibt’s zum Kuchen auch Kaffee?“
Der Becker, der meint gutgelaunt: „Eduscho, klar, ok!“
Herr Müller sagt zum Becker: „Das find ich wundervoll.
Eduschos ganze Bohne, die schmeckt toll.

Wir müssen erst die Bohne durch die Mühle drehn […]“

Denise Dumschat-Rehfeldt, Bamberg

Literaturangaben:

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

5 Responses to Ungeschick und Untenrum. Zu Mike Krügers Schelmerei „Der Nippel“

  1. Georg says:

    Das „interpretarische Spiel“ hat mir sehr gefallen, ich musste öfter schmunzeln. Bitte mehr!
    Gruß Georg

    • Denise Dumschat-Rehfeldt says:

      Das freut mich, vielen Dank. Demnächst werde ich noch Mike Krügers „Fische sind zum Fischen da“ vorstellen. Herzliche Grüße – Denise (Dumschat-Rehfeldt)

  2. Georg says:

    Sorry, ich war noch so im Text verhaftet, dass mir der Tippfehler unterlief. Es muss natürlich „interpretatorisch“ heißen.

  3. hpecker says:

    Mike Krügers „Nippel-Song“ ist m.E. mehr als ein reines Blödel-Lied und seine Sprecherinstanz auch mehr als ein bloßer Depp: Das Ich ist ein ziemlich durchschnittlicher Mensch, ein zeitgenössischer ,Jedermann‘, im Kampf mit einem Phänomen, das als ,Tücke des Objekts‘ bekannt geworden ist. Über diese ,Tücke‘ gibt es einen langen philosophischen Diskurs. – Krügers spezielle Narration dieses mythischen Streits Mensch-Ding besitzt insofern einen modernen Aspekts, als sie (zumindest für mich) zu suggerieren scheint, dass es letztlich nicht die ,Dinge‘ sind, die tückisch sind, sondern die Techniker, Designer, Bürokraten, die sie so tückisch hergestellt und arrangiert haben, dass die (wir!) ,User‘ (im weitesten Sinne) im Umgang mit besagten Dingen nur zu ,Loosern‘ werden können. Damit wird sich die Masse der Konsumenten der modernen Waren- und Dienstleistungswelt identifizieren. Deshalb, wegen der Identifikation mit dem Ich, nicht wegen der Distanzierung von einem lächerlichen Dummjan geriet das Lied zum Hit. Dieser Schlager – und mag sich Adorno jetzt auch im Grab wenden, gerne mehrmals und in hoher Frequenz, – ist Gesellschaftskritik vom Feinsten!
    Hach, und jetzt habe ich noch gar nichts zu der „kleinen Kurbel“ gesagt … (Wenn mein Smartphone nur eine hätte, mit der man es wieder in Betrieb setzen könnte! Die 1980er waren glückliche Jahre!)

  4. Fred says:

    Interessant in diesem Zusammenhang das Lied „Gebrauchsanweisung, Inliegend“ von Walter Hedemann, auf LP erschienen erst 1982, doch schon früher aufgeführt.

    Fassen Sie den Handgriff mit der linken Hand von unten
    Dreh’n Sie ihn um 30 Grad herum
    Und dann seh’n Sie schon die Nute
    Wo die Feder mit der Schnute
    Auf dem Bolzen bei den Laschen
    Ihrer Zacken nach dem Flaschen-
    Zug-Prinzip auf ihrem Kugellager ruht

    http://de.musicplayon.com/Walter-Hedemann-Gebrauchsanweisung-Inliegend-lyrics-6696325.html
    http://www.allmusic.com/album/beim-fr%C3%BChst%C3%BCck-mw0002885650

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