Körperlichkeit und Konsumgenuss in Adaptionen von Luthers „Erhalt uns Herr, bey Deinem Wort“

Luthers Version [gesamter Text und Interpretation hier]:
 
Erhol uns Here by dunem Wordt,
unde stüre des Pawest und Türcken mordt
De Ihesum Christum dynen Son
Störtzen wollen van dynem thron.

[...]

Evangelisches Gesangbuch:

Erhalt uns Herr, bei deinem Wort
und steure deiner Feinde Mord,
die Jesus Christus, deinen Sohn,
wollen stürzen von deinem Thron

[...]

Adaption 1:

Erhalt uns Herr bey Deiner Wurst,
Nach gutem Wein uns allzeit Durst,
Den trinken wir uns seyns guths muths,
Sauffen, fressen und thun nichts guts

Adaption 2:

Erhalt uns Herr bey Deiner Wurst,
Sechs Maß die löschen einem den Durst,
Den trinken wir uns seyns guths muths,
Sauffen, fressen und thun nichts guts

Das 1541 von Luther veröffentlichte Lied Erhalt uns Herr, bei deinem Wort, welches in seiner Originalfassung an anderer Stelle in diesem Blog diskutiert wird, hat eine vielschichtige Geschichte. Seine Rezeption im sechzehnten Jahrhundert und darüber hinaus zeigt wie ein Lied immer wieder re-kontextualisiert wurde. Die Aggressivität des Liedes („stüre des Pawest und Türcken mordt“) führte dazu, dass es sowohl von Lutheranern als auch von Katholiken textlich stark variiert wurde. So schrieb beispielsweise der katholische Bautzner Domdekan Johann Leisentrit das Lied in seinem Gesangbuch Geystliche Lieder und Psalmen als „Bey Deiner Kirch, Erhalt uns Herr“ um und ersetzte Angriffe gegen Papst und Türken mit Formulierungen wie „Ein Lied gegen Ketzer und Türck“. Auch im modernen evangelischen Gesangbuch wurden eben jene Zeilen durch das neutralere „und steure deiner Feinde Mord“ ersetzt.

Die hier diskutierten Varianten scheinen zunächst weniger auf theologische Fragestellungen abzuzielen als andere Adaptionen. Sie entstammen dem Buch des Pfarrers und Liederdichters Peter Busch (1682-1744) Ausführliche Historie und Verteidigung des allgemeinen evangelischen Kirchenliedes: Erhalt uns Herr bey deinem Wort aus dem Jahr 1735. Im zehnten Kapitel „Von allerhand Parodien auf dieses Lied“ befinden sich auch die oben zitierten Varianten. Dazu wird beschrieben: „Was einige Päbstliche Lehrer für saubere Parodien gemacht, haben sie zu unterschiedenen mahlen, wiewohl zu ihrer eigenen Schande publiciret“, veröffentlicht wurde die erste Version von einem „Kind der Finsternis“ im Jahre 1656. Die zweite Version, welche lediglich den Weingenuss mit dem Bierkonsum vertauscht, stammt von dem Jesuiten Conrad Andreae, auch Vetter genannt, und wird nicht näher datiert. Obwohl die zwei Varianten des Liedes also von Busch auf das siebzehnte Jahrhundert datiert werden, ist es durchaus wahrscheinlich, dass Varianten wie die obenstehenden schon früher kursierten (laut Wikipedia 1586). Volkstümliche, oft auch vulgäre, Varianten von Kirchenliedern gab es schließlich bereits im Mittelalter.

Die vielleicht interessanteste Beschreibung in dem ungefähr zwei Seiten langen Eintrag zu diesen beiden Varianten des Lutherliedes ist es wert, in ganzer Länge zitiert zu werden. Sie behandelt die Anschuldigungen der Katholiken, die die Jesuiten und andere zur Umdichtung des Liedes bewogen haben:

Weil die Lutherische-Handwercks-Pursche vielfältig vermercket, was ihr lieber Luther für ein guter Collatur-Gesell, ein so feister Doctor, ein so dürftiger Prophet, und dass man mit Essen und Trinken eben so wohl ja besser als mit dem päpstlichen Fasten und Beten könne gen himmel kommen haben sie traun diese evangelische freyheit bald ergriffen […]

Mit dieser Einschätzung des Luthertums als einer Religion der Fleischlichkeit berichtet Busch von einer Eigenschaft lutherischer Theologie, die auch Historikerinnen und Historiker spätestens seit Judith Butlers Betonung der Wichtigkeit des Körpers beschäftigt.

So hat Lyndal Roper in einem Aufsatz gezeigt, wie sehr sich die Körperlichkeit Luthers auch auf seine Theologie auswirkte (siehe Bibliographie). Während die Katholiken (zumindest theoretisch) das Fasten als heilsbringend empfanden, sah Luther Speis und Trank, ebenso wie Sex, als Geschenke Gottes. Dementsprechend galt es diese zu genießen und nicht zu verteufeln. Vergleicht man die berühmten Darstellungen Lucas Cranachs von Martin Luther vor und nach seiner Abkehr vom Katholizismus ist der Kontrast stark sichtbar: als asketischer Mönch und danach als „feister“ Doktor. Martin Luther war nicht nur charakterlich eine Größe, sondern auch rein körperlich mehr als stattlich.

Auf dieser Betonung der Körperlichkeit fußte die Kritik der Katholiken, aber auch anderer religiöser Strömungen, dass das Luthertum zu sittlichem Verfall führe. Der Görlitzer Chronist Johannes Hass beispielsweise schreibt, dass ehemals rechtgläubige Katholiken durch Luthers Lehren „vom Teufel und vom Fleisch gestochen“ wurden, weil Luther die „fleyschliche Freyheit“ propagierte. Neben Essen und Trinken, das im vorliegenden Text thematisiert wird, sahen die Katholiken den moralischen Verfall auch in sexueller Hinsicht: Nonnen, Mönche und Priester konnten nun in neu gefundenen Ehen ihre Sexualität offener ausleben als zuvor. Möglicherweise könnte der Verweis auf die Wurst in der ersten Zeile der hier besprochenen Adaption auch eine sexuelle Anspielung sein. „Ey pfhue Dich“ kommentiert der katholische Chronist Hass diese lutherisch-moralischen Versäumnisse. Verschwiegen wird dabei, dass auch vielen Mönchen Fettleibigkeit und Wolllust vorgeworfen wurde. Das altbekannte Klischee des geilen Mönches mit der Wampe, das sich bis heute hartnäckig hält, wurde nun auf Martin Luther und die Lutheraner umgemünzt.

Doch kehren wir zu dem vorliegenden Text und dem darin beschriebenen Konsum zurück. Als Kritik an dem lutherischen Kampflied Erhalt uns Herr, bey Deinem Wort ist der von Katholiken umgedichtete Text durchaus effektiv. Er kritisiert gleichzeitig die Körperlichkeit der lutherischen Theologie und ist durch seine einfache Form und humoristische Auslegung sehr eingänglich. Wahrscheinlich war das Zielpublikum für solch eine Umdichtung, ähnlich wie dies bei Flugschriften der Fall war, breit gefächert: Handwerker in den Gassen, Frauen im häuslichen Raum und Kinder beim Spielen konnten den Text verstehen und somit auch singen. Das Lied ist ebenfalls als Trinklied in einem der vielen früh-neuzeitlichen Gasthäuser denkbar. Es wäre aber zu simplifizierend zu attestieren, dass solche Adaptionen nur von den „einfachen Leuten“ gesungen worden seien. Es ist durchaus auch möglich, dass beispielsweise die städtischen Eliten und nicht nur „die einfachen Leute“ das Lied sangen. Schließlich besuchten auch Bürgermeister und Ratsmänner Wirtshäuser. Es ist sogar denkbar, dass es von Katholiken, die in lutherische Gottesdienste gehen mussten, gesungen wurde, während der Rest der lutherischen Gemeinde die Originalversion sang. Da Erhalt und Herr, bey Deinem Wort ein häufig nachgedrucktes, rezipiertes und somit wohl auch gesungenes Lied war, war die Melodie sicherlich vielerorts bekannt. Auch dies machte eine katholische Kritik des Luthertums auf diese Art und Weise so attraktiv.

Die Umdichtung von „Wort“ zu „Wurst“ im ersten Vers ist ein schönes Sprachspiel, das einmal mehr eine Verbindung zwischen humoristischer Alltagskultur und theologischen Auseinandersetzungen herstellt. Durch einen kleinen phonetischen Unterschied wird das Lutherlied bereits ad absurdum geführt. Gleichzeitig kann der Vers auch als eine Anspielung auf das Froschauer Wurstessen verstanden werden. Ähnlich historisch verklärt wie Luthers Thesenanschlag ist dieser Konsum von Würsten während der Fastenzeit in Zürich im Jahr 1522 (siehe dazu auch Huldrich Zwinglis Predigt Von Erkiesen und Fryheit der Spysen). Dieser öffentliche Bruch mit der katholischen Kirche durch den Konsum eines Lebensmittels wird in dem Lied thematisiert und, so Busch, signalisierte den Zeitgenossen, dass vieles beim evangelischen Glauben sich um Freiheiten des Fleisches drehte.

Die Verbindungen zwischen Theologie und Esskultur werden ebenfalls im nächsten Vers von Version eins des Liedes thematisiert: „Nach gutem Wein uns allzeit Durst“ ist auch eine Anspielung auf die lutherische Praxis des Laienkelchs. In der katholischen Kirche war es Geistlichen vorbehalten, das gewandelte Blut Christi während des Abendmahls zu trinken. Im Luthertum hingegen durften auch Laien an diesem wichtigen kirchlichen Ritual teilnehmen. Diese als Kommunion in beiderlei Gestalt oder communion sub utraque bekannte Form des Abendmahls war besonders in der Frühen Neuzeit ein wichtiges Zeichen der religiösen Zugehörigkeit. Besonders die Betonung, dass es das Sprecher-Ich, das in dieser Lesart einen Lutheraner darstellen soll, „allzeit“ nach Wein gelüstet, führt die Theologie der Kommunion in beiderlei Gestalt ad absurdum, weil nun nicht mehr das Gedenken an den Tod Christi im Vordergrund steht, sondern stattdessen nur noch der Konsum des Weins und der damit einhergehende Rausch.

In Variante zwei des Liedes wird auf ähnliche Art und Weise der Exzess thematisiert: Nicht weniger als „sechs Maß“ Bier löschen den Durst. Hier ist die Verbindung zur Theologie etwas schwieriger, ist Bier doch kein Getränk, das in Gottesdiensten konsumiert wird. Es ist auch unwahrscheinlich, dass die katholischen Dichter des Liedes auf die ebenfalls katholischen Mönche anspielen wollten, die traditionell mit Bierbrauen in Verbindung gebracht werden. Stattdessen ist eine andere Lesart möglich: Der Bierkonsum kann als Zeichen der „einfachen Leute“ verstanden werden, die „Lutherische[n]-Handwercks-Pursche[n]“ in Buschs Erklärung. In dieser Lesart würde der exzessive Weinkonsum der Oberschicht vorbehalten sein und die sechs Maß Bier dem Karsthans. Das Lied suggeriert damit auch eine Wirtshausatmosphäre in lutherischen Sakralräumen des sechzehnten Jahrhunderts. Dass Luther in den frühen Jahren seiner Auseinandersetzung mit dem Katholizismus auch besonders die „einfachen Leute“ angesprochen hat, stützt diese Interpretation. Viele Bauern beriefen sich beispielsweise 1525 im so genannten „Bauernkrieg“ auf Luther und seine Lehre, auch wenn sich dieser später stark von den „einfachen Leuten“ distanzierte.

Ob nun das Sprecher-Ich Wein oder Bier konsumiert, das Resultat bleibt das gleiche. Fressen und Saufen endet in Lethargie. Selbst in der Übertreibung und Kritik des übermäßigen Konsums kommt der Dichter des Liedes jedoch nicht umhin zu attestieren, dass der Konsument von rauen Mengen Wein oder Bier „guths muths“ ist – jedoch tut er „nichts guts“. Auf Grund der Verbindung von theologischen Elementen mit einer Beschreibung von Konsum operiert die Adaption des Liedes auf zwei Ebenen, die allerdings stärker, als es zunächst scheint, miteinander verbunden sind. Der „feiste“ Doktor hat, so das Lied, in seinem religiösen und persönlichen Leben vorgelebt, dass man Speis und Trank nicht verachten solle. Die Adaption des Lutherliedes zeigt, wie früh-neuzeitliche Akteure gekonnt scheinbar simple Inhalte mit anspruchsvollen Themen verknüpften. So war es möglich, Nicht-Theologen, beispielweise „einfache Leute“, anzusprechen und diese gleichzeitig Kritik an komplexen, religiösen Sachverhalten üben zu lassen. Hierbei waren diese Sängerinnen und Sänger im Wirtshaus natürlich nicht nur passive Rezipienten des Liedes. So veränderten und persiflierten auch illiterate Männer und Frauen Volkslieder.

Die adaptierten Texte verbinden eine Vielzahl von Elementen miteinander. Die Wurst kann sowohl als sexuelles als auch als theologisches Symbol fungieren. Der Alkoholexzess greift eine Thematik auf, die bereits im Mittelalter vorhanden ist, aber bis heute diskutiert wird. Der Verweis auf Bier und Wein suggeriert eine gemütliche Wirtshausatmosphäre, während der ursprüngliche Kontext des Liedes ein kirchlicher ist. Diese Verquickung von Profanem und Kirchlichem, high culture und Alltagskultur, mittelalterlichen Motiven und neuzeitlichen Thematiken macht die Frühe Neuzeit zu solch einer spannenden Periode.

Martin Christ, Oxford

 

Bibliographie:

Erika Heitmeyer: Das Gesangbuch von Johann Leisentrit 1567. Adaption als Merkmal von Struktur und Genese früher deutscher Gesangbuchlieder. St. Otilien 1988.

Lyndal Roper: ‘Martin Luther’s Body: The ‘Stout Doctor’ and his biographers’. In: American Historical Review, April 2010, S. 350-84.

Huldrich Zwingli: Von Erkiesen und Fryheit der Spysen : Von Ergernus und Verböserung : Ob man Gwalt hab die Spysen zuo etlichen Zyten verbieten. Zürich 1522. Faksimile in der Zentralbibliothek Zürich.

Johannes Hass u. E. E. Struve (Hg.): Goerlitzer Rathsannalen. Görlitz, 1870.

Peter Busch: Ausführliche Historie und Verteidigung des allgemeinen evangelischen Kirchenliedes: Erhalt uns Herr bey Deinem Wort. Wolfenbüttel 1735.

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

One Response to Körperlichkeit und Konsumgenuss in Adaptionen von Luthers „Erhalt uns Herr, bey Deinem Wort“

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