Schwammerlsuche auf dem Gefechtsfeld: Ulrich Roskis Ballade „Des Pudels Kern“ (1974)

Ulrich Roski 

Des Pudels Kern

Ich geh im Walde bisweilen so für mich hin,
Nach schmackhaften Pilzen steht mir der Sinn.
Schon ihre seltsamen Namen faszinieren mich,
So wie Schlonz oder Mulmiger Knöterich.

Dabei genieß ich auch noch die Waldesruh …
Bei alledem lief mir jüngst ein Zwergpudel zu.
Ich muß gestehn, obwohl das eher gegen mich spricht:
Kinder und Kleintiere liegen mir nicht.

Und dieser Pudel war wirklich lächerlich klein,
„Hau ab!“ rief ich, doch er wich mir nicht vom Bein.
Und weil ich ihn doch irgendwie witzig fand,
Hab ich ihn feierlich „Tarzan“ genannt.

Ich dachte: „Heute Abend gibts Pilzragout,
Vielleicht reißt mir der Pudel einen Hirsch dazu.“
Schon vernahm ich ein gewisses Rascheln im Gras,
Mutmaßte ein Wildbret und rief: „Tarzan, faß!“

Es war kein Hirsch, es war ein Jäger im grünen Gewand,
An dem sich allerlei Blattwerk befand.
Sein Hut war merkwürdigerweise aus Stahl;
Bald kamen auch seine Kollegen, in stattlicher Zahl.

Immer mehr grüne Jungs brachen durch das Geäst,
Die sahen alle gleich aus, ich dachte: „Hier ist wohl‘n Nest!“
Sie waren schwer bewaffnet, und ich hab mich gefragt,
Seit wann man Hasen mit Maschinenpistolen jagt.

Dann kroch einer aus dem Dickicht heraus,
Der sah wie der Oberjäger aus,
Voller Würde, wie's einem Anführer frommt.
Ich rief: „Tarzan, Ast weg, der Förster kommt!“

Ich begrüßte ihn zünftig mit: „Waidmannslust!“
Doch er schrie: „Tun Sie nicht so, als hab'n sie nicht gewußt,
Daß hier Manöver ist, also nennen Sie a) einen Grund
Für Ihr Dasein und b) begründen Sie den Hund!“

„Herr Förster, ich versteh Sie, Sie tun ja auch nur Ihre Pflicht;
Also a) Ich suche Pilze und b) Ich kenne den Pudel nicht.“
„Aha, kenn‘ Sie nicht, ham‘ Sie wohl vorher nie gesehn,
Wie? Die Masche kenn‘ wir. Alle Mann ins Glied, wir gehn!“

„Welches Glied?“ frage ich, doch er donnert nur barsch:
„Ich stelle die Fragen, also vorwärts, Marsch!“
 
Die Grünen stell'n sich wirklich auf in Reih und Glied;
Ich frag einen von ihnen, als uns der Förster nicht sieht,
Was denn des Laub an ihren Klamotten soll?
Darauf antwortet er mir geheimnisvoll:
 
„Wenn wir so mit den Blättern im Unterholz stehn,
Kann der Feind uns im Wald überhaupt nicht sehn,
Und weil er uns alle für Büsche hält,
Tappt er in die Falle und schon ist er umstellt.“
 
Ich lache herzlich, dann seh ich am Wegesrand
Ein paar Pilze und hab sie schon fast in der Hand,
Als mich eine Stimme laut „Vorsicht!“ warnt,
„Das sind welche von uns, als Morcheln getarnt!“
 
Wir marschieren weiter und kommen sehr schnell
Zu einem großen Gebäude, wie es scheint ein Hotel;
Denn die Angestellten in diesem Haus
Sehn wie frisch gebadete Liftboys aus.
 
Sie bringen uns zu einem Herrn in schmucker Livree,
Ich such nach Trinkgeld, weil ich denk, das ist der Portier.
Der Förster zischt: „Sie spinn' wohl, das ist der Major!“
Und stellt uns dem geschniegelten Herren vor:
 
„Streun'nder Pudl und verdächt'che Person.“
Der Major sagt scheißfreundlich: „Nimm Platz, mein Sohn!“
Ich nehm an, dass er glaubt, dass ich ihn jetzt Papi nenn,
Frag aber nur: „Hoppla Kumpel, seit wann duzen wir uns denn?“
 
Da raunzt er: „Auch noch frech werden, wie?
Also raus mit der Sprache: Was ist mit dem Vieh?
Ihr schnüffelt hier rum, da ist doch was faul!“
Der Pudel knurrt und ich sag: „Tarzan, halt's Maul!“

Tarzan, des klingt wie ein Codewort, der Major hört so was gern.
Er triumphiert: „Ein feindlicher Agent, jawoll, das ist des Pudels Kern!“
 
Er ruft sein Ministerium an, weil er denkt,
Er hat den Spionagering "Tarzan" gesprengt.
Und während der Major noch telefoniert,
Wird der Pudel gefesselt und abgeführt.
 
Dann redet er wieder auf mich ein,
Wer meine Hintermänner und Drahtzieher sei‘n:
„Nenn' sie ein paar Namen, das ist doch nicht schwer.“
Ich denk „Nö“ und sag ein paar Pilznamen her:
 
Nenn den Ruppigen Stiesel, den Scheuen Kalmück
Den Nonnenschwengel, den Sämigen Lück,
Den Schleimigen Widerling und zum Schluss
Die Stinkmorchel, Phallus Impudicus.
 
Der Major notiert sich die Namen und flucht,
Weil er die Burschen vergeblich im Fahndungsbuch sucht.
Um Zeit zu gewinnen, nimmt er auch mich in Arrest.
Der Raum ist schön dunkel und bald schlafe ich fest.
 
Mir träumt von einem Scharmützel im Wald,
Von einer Schlacht gegen Pilze, es donnert und knallt.
Ich selbst bin der Feldherr und rufe im Traum:
„Seid nicht feige, Leute! Laßt mich hinter'n Baum!“
 
Dann werd ich geweckt und zum Major geführt,
Der hat unterdessen meinen Pudel dressiert.
Er macht Männchen, holt das Stöckchen und kuscht –
Kurzum, sein Charakter ist völlig verpfuscht.
 
„Ihr Hund“, sagt der Major, „macht sich ganz gut.“
„Tja“, denk ich, „hat schon Manier'n wie ein Rekrut.“
Er fährt fort: „Der Verdacht hat sich übrigens zerstreut,
Sie könn' gehn, junger Mann, hat mich sehr gefreut.“
 
„Mich nicht“, sag ich herzlich und ruf „Tarzan, wir gehn!“
Doch ich seh nur einen begossenen Pudel dastehn,
Der nicht mit mir gehen will, mir liegt auch nichts dran,
Weil ich Hunde eigentlich sowieso nicht leiden kann.
 
Seit damals läßt der Wald mich kalt, ich sitze lieber in der Diskothek,
Ich ess‘ Pilze aus der Dose und geh Zwergpudeln aus dem Weg.

     [Ulrich Roski: Des Pudels Kern. Telefunken 1974.]

 

In den letzten Jahren meiner Gymnasialzeit in den frühen 1970ern begeisterte ich mich für sogenannte ,Blödelbarden‘ wie Schobert & Black, Insterburg & Co. oder eben und ganz besonders auch Ulrich Roski. Bei dem Begriff ,Barde‘ werden die meisten Zeitgenossen an die Comic-Figur Troubadix denken, manche vielleicht auch an die Dichter des Göttinger Hains. Beide Seiten haben recht; wer Genaueres über diese fürchterlichen Sänger zu erfahren trachtet, sei auf den Song Die Waden eines Barden der Preußen-Band Hasenscheiße verwiesen. Blödelbarden haben gegenüber richtigen Barden wie Troubadix, Ossian oder Klopstock den ausgeprägteren Sinn für das Groteske, Absurde, Komische und Alberne und besitzen damit – zumindest für mich – den größeren Unterhaltungswert. (Oder wie es die Erlanger Band J.B.O. einmal so treffend formulierte: „Denn wer den Spaß hat, der hat die Macht!“)

Ulrich Roski wurde, wie sich im www unschwer herausfinden lässt (vgl. u.a. die Gedenkseite ulrichroski.de), 1944 in Prüm (Eifel) geboren, wuchs aber in Berlin auf, besuchte allda das Französische Gymnasium, musste/ durfte Reinhard Mey als Klassenkameraden ertragen (wie dieser ihn!) und begann Ende der 60er Jahre, derweilen er in Paris und Berlin Sprachen und Literatur studierte, eine Karriere als Liedermacher, Komponist, Kleinkünstler und Schriftsteller. Obwohl er in der Regel als Solist auftrat, unternahm er auch einmal eine gemeinsame Tournee mit Hannes Wader und Schobert & Black, bei der ich ihn in Ludwigshafen erlebt haben muss. Meiner Erinnerung nach ist es ein erfolgreiches Konzert gewesen, das Publikum hat die Künstler frenetisch gefeiert. Leider hat ein übler Krebs seinem Leben 2003 ein Ende gesetzt. Wie bei Wikipedia nachzulesen ist, hat Roski in seinen letzten Bühnenprogrammen ausführlich und „mit Galgenhumor“ über seinen langjährigen Leidensweg berichtet.

Im Wikipedia-Artikel zu Ulrich Roski findet sich auch jener abgeklärte Satz, der gerne benutzt wird, um sein Schaffen auf eine griffige Formel zu bringen: „Ulrich Roski beschrieb in seinen Liedern mit einer Mischung aus lakonischem Humor und Wortwitz die Tücken des Alltags.“ Ich will diese Formulierung nicht kritisieren, aber doch betonen, dass sein Alltag und meiner nicht immer deckungsgleich sind, wie sich am oben vorgestellten Lied plausibel machen lässt. So ist mir beispielsweise beim Schwammersuchen noch nie ein Hund zugelaufen, schon gar kein Zwergpudel! Schlonze und Mulmige Knöteriche stufe ich als ungenießbar ein und mir wäre es auch nie eingefallen, nach einem als Morchel getarnten Soldaten zu greifen – solch ein Kavenzmann würde doch jedes Pilzkörbchen sprengen!

Die Rede vom „lakonischen Humor“ und „Wortwitz“ lasse ich gelten, füge aber noch hinzu, dass der Text andeutet, dass sich hier ein Germanistikstudium gelohnt hat, obwohl es nicht zum ursprünglich angestrebten Ziel eines Oberstudienrats geführt hat: Goethe ist nicht nur im Titel präsent (vgl. Faust I, Studierzimmerszene), sondern auch noch in den Folgeversen (vgl. das Gedicht Gefunden, 1813) und implizit im weiteren Textverlauf, wenn sich der Liebhaber von Blödelbarden-Gedichten eins ums andere Mal über den harten Zusammenprall von gehoben-goethezeitlicher und modern verknappter, aber auch trivialer militärischer Sprachverwendung erfreuen darf. Zum Sprachwitz kommt ein subversiver Humor mit starker Neigung zum Albernen (das sich quasi verschwörerisch im Konzertsaal auf der Kommunikationsebene zwischen Roski und seinem Publikum ausbreitet), der sich gegen die institutionell verankerte Macht ,des Establishments‘ richtet, als dessen Platzhalter das Militär fungiert.

Die Sprecherinstanz des Gedichts tritt zugleich als erlebendes und als erzählendes Ich auf. Während dieses quasi objektiv ein ,lehrreiches‘ Abenteuer zum Besten gibt und am Ende die Konsequenzen verkündet, die es aus seinen Erlebnissen in der wildromantischen Natur gezogen hat, verhält sich das erlebende Ich auf eine an den Soldaten Schwejk erinnernde Art und Weise schlau und naiv zugleich, sodass an diesem – nur vordergründig harmlos-freundlichen, in Wirklichkeit aber respektlos-,hinterfotzigen‘ Verhalten – die auf Einschüchterung und Disziplinierung zielenden Routinen des Militärapparats abperlen und sich dabei auch noch selber entlarven. Im Jargon seiner Zeit wäre der Gestus dieser Ballade als ,antiautoritär‘ zu bezeichnen. Nur der Zwergpudel fällt auf die Abrichtung des Majors herein und wird vom Sprecher demzufolge auch nur noch als verachtenswerte Verkörperung des sprichwörtlichen ,begossenen Pudels‘ wahrgenommen und konsequenter Weise verstoßen.

Mit den Schlussversen zeigt sich immerhin auch das Ich reuig: Es hat inzwischen durch einen klärenden Traum zu der Erkenntnis gefunden, dass es nicht für’s soldatische Leben im Walde („Waldeslust“?) geschaffen ist. Statt dessen bekennt es sich nun ohne jede Ambivalenz zu seinem angestammten urbanen background, begreift den glücklicherweise glimpflich überlebten Anfall pseudoromantischer Natursehnsucht als Irrweg und schwört, zumindest für eine nähere Zukunft auf Diskotheken, Dosenpilze und zwergpudelfreie Lebensräume.

Hans-Peter Ecker (Bamberg)

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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