Was Xavier Naidoo und die Böhsen Onkelz gemeinsam haben. Ein Vergleich von „Dieser Weg“ und „Wir bleiben“

Xavier Naidoo

Dieser Weg

Also ging ich diese Straße lang,
und die Straße führte zu mir.
Das Lied, das du am letzten Abend sangst,
spielte nun in mir.
Noch ein paar Schritte und dann war ich da
mit dem Schlüssel zu dieser Tür.

Dieser Weg wird kein leichter sein.
Dieser Weg wird steinig und schwer.
Nicht mit vielen wirst du dir einig sein.
Doch dieses Leben bietet so viel mehr.

Es war nur ein kleiner Augenblick.
Einen Moment war ich nicht da.
Danach ging ich einen kleinen Schritt.
Und dann wurde es mir klar.

Dieser Weg wird kein leichter sein [...]

Manche treten dich.
Manche lieben dich.
Manche geben sich für dich auf.
Manche segnen dich.
Setz' dein Segel nicht,
wenn der Wind das Meer aufbraust.

Manche treten dich [...]

Dieser Weg wird kein leichter sein [...]

     [Xavier Naidoo: Dieser Weg. Naidoo Records 2005.]

Böhse Onkelz

Wir bleiben

Wir waren unsterblich, 
bis wir gestorben sind.
Doch wir glauben, dass die Zeit
wirklich alle Wunden heilt,

sagt der Geist, der stets verneint,
zum Sterben ist noch immer Zeit.
Das Leben, eine Unbekannte.
Schicksal, du böse Schlampe.

Weckt die Kinder auf!

Wir bleiben.
Wir bleiben und feiern das Leben
Räumt uns ein Zimmer frei
Macht Platz für eine neue Zeit
Wir bleiben
Wir bleiben – Und feiern das Leben
Lasst uns zusammen
Die Fahne in den Gipfel rammen

Neue Frucht am alten Baum,
lang genug gegeißelt,
wir wollten uns zurück,
jetzt wird’s in Stein gemeißelt.

Das Beste kommt zum Schluss,
wir werden singen und nicht weinen.
Wer so zurück kommt,
darf gerne bleiben.

Weckt die Kinder auf!

Wir bleiben [...]

     [Böhse Onkelz: Wir bleiben. V.I.E.R. 2015.]

Während der langen Durststrecke der deutschen Titellosigkeit beim Grand Prix Eurovision de la Chanson nach Nicoles Gewinn im Jahr 1982 empfahl die Fun-Metal-Band J.B.O., die deutschen Exporterfolge Nicole und Rammstein zu kombinieren und coverte Ein bißchen Frieden im Industrial-Metal-Stil. Nachdem die Zuständigen beim NDR es nach Jahren der Erfolglosigkeit in der Post-Raab-Ära diesmal wissen wollten und beschlossen hatten, dass Xavier Naidoo Deutschland (auf die BRD sollte man den Sänger bekanntlich nicht ansprechen) beim Eurovision Song Contest 2016 vertreten solle, wollte ich eigentlich an diesen Vorschlag erinnern. Weil Naidoo allein ja musikalisch eher den Nicole-Part vertritt, hätte man ihm (wie schon mit Kool Savas bei Xavas) jemand zur Seite stellen müssen, der etwas Aggressivität in die Sache bringt, ein klassisches Beauty & The Beast-Duett also. Und da die Kriterien der Verantwortlichen kommerzieller Erfolg und politisch fragwürdige Äußerungen in der Vergangenheit zu sein scheinen – wer hätte sich da eher angeboten als Kevin Russel, Sänger der Böhsen Onkelz, die mit ihrer Comeback-Single Wir bleiben immerhin auf Platz 4 der Charts eingestiegen sind. Nun wird es also nicht dazu kommen. Und dass die Böhsen Onkelz nun Gelegenheit bekommen, in Stockholm die deutsche Fahne ‚in den Gipfel zu rammen‘, ist wohl eher unwahrscheinlich.

Doch auch wenn dieser Auftritt nun nicht stattfinden wird, lohnt ein Vergleich zwischen zwei der seit Langem erfolgreichsten Vertreter des Genres der Lebenshilfemusik. Denn auch wenn die Fans beider sich musikalisch und im Outfit fern stehen mögen, so dürften nicht nur Naidoos Texte von seinen Fans zum ermutigenden Mood Management eingesetzt werden. Unter Onkelz-Liedern auf Youtube findet man fast immer schon in den ersten Kommentaren Bekenntnisse von Fans, die angeben, dass ihnen der jeweilige Song in einer bestimmten Krise geholfen habe, und die ausführen, die Band habe für jede Lebensituation das richtige Lied geschrieben.

Eine weitere Gemeinsamkeit neben diesem Rezeptionsmuster stellt das Konzept dar, mit dem sich beide als überaus erfolgreiche Mainstream-Musiker etabliert haben: Sie haben eine schon sehr erfolgreiche Musikrichtung mit breiter Käuferschaft (Soul bzw. Heavy Metal), innerhalb derer aber bis dahin fast ausschließlich englisch gesungen wurde, mit deutschen Texten kombiniert. Erfolgreiche Geschäftsmodelle zu identifizieren und so zu modifizieren, dass sie eine Marklücke füllen, stellt eine bekannte betriebswirtschaftliche Strategie dar.

Nun ist noch eine Gemeinsamkeit hinzugekommen: Das vermeintliche Außenseitertum, der Status als Opfer der ‚Lügenpresse‘, zu dem seine Fans nun umso fester stehen und dies durch den Besuch von Konzerten und den Kauf von Fan-Editionen der Alben und Merchandise unter Beweis stellen müssen.  Was für die Böhsen Onkelz die aus Sicht der Band irreführende MTVMasters-Sendung (die Reaktion darauf, Keine Amnestie für MTV, erreichte immerhin Platz 2 der Singlecharts) und für Frei.Wild die ECHO-Ausladung, das wird gerade für Xavier Naidoo dessen ESC-Denominierung. Ist ein Außenseiter-Image einmal erfolgreich etabliert worden, können ihm erfahrungsgemäß Fakten nichts mehr anhaben: Auch vier Nummer 1-Alben in Folge und hunderttausende Konzertbesucher hindern die „Nichten und Neffen“ der Böhsen Onkelz nicht daran, voller Inbrunst „Mit dieser Band hast du nicht viele Freunde / doch die, die du hast, teilen deine Träume“ (Danket dem Herrn) mitzusingen.

Wenn das anfängliche Alleinstellungsmerkmal beider die deutschsprachigen Texte waren, so kann angenommen werden, dass diese auch eine wichtige Rolle für ihren Erfolg gespielt haben und eventuell, ebenso wie beim betriebswirtschaftlichen Erfolgsmodell der Musiker, auch hier Ähnlichkeiten bestehen. Deshalb soll nun exemplarisch an der neuen Single der Böhsen Onkelz und an Xavier Naidoos Hit Dieser Weg analysiert werden, wie solche Texte rhetorisch funktionieren. Auf Formulierungsebene zeichnen sich beide Texte durch einen archaisierenden Grundton aus: Bei den Böhsen Onkelz tragen neben dem Mephisto-Zitat aus Goethes Faust I („der Geist, der stets verneint“) „Neue Frucht am alten Baum“, „gegeißelt“ und „in Stein gemeißelt“ dazu bei, bei Naidoo der manieristische Refrainanfang „Dieser Weg wird kein leichter sein“ (statt „Dieser Weg wird nicht leicht werden“), das Bild des ’steinigen‘ Weges und schließlich die aus der christlichen Tradition bekannte (vgl. u.a. Es kommt ein Schiff geladen) Segelschiffmetapher mit der sprachlich falschen Verwendung von „aufbrausen“ (statt „aufwühlen“ oder, dann ohne das Meer als Objekt, „brausen“).  Desweiteren werden in beiden Texten heroische Bilder evoziert: Bei den Böhsen Onkelz vor allem das zwischen Luis Trenker und Raising the Flag on Iwo Jima changierende der in den Gipfel gerammten Fahne, bei Xavier Naidoo das des Schiffs in Seenot. Insgesamt wird so eine pathetische Stimmung erzeugt, die die Texte durchzieht.

Doch was wird eigentlich so feierlich besungen? Diese Frage lässt sich rein textimmanent nur schwer beantworten, weil in beiden Texten in großem Umfang mit Leerstellen bzw. Aktualisierungsmöglichkeiten und Metaphern gearbeitet wird. Bei Dieser Weg bleibt nicht nur offen, um welchen Weg es sich handelt, sondern auch, wer das angesprochene Du sein soll und ob das Du, das in der ersten Strophe gesungen hat, auch das Du der Bridge („Manche treten dich […]“) ist. Bei Wir bleiben verhält es sich ähnlich. Wer ist dieses Wir? Wie wird die neue Zeit? Auf welchem Gipfel soll welche Fahne gehisst werden? An welchem alten Baum hängt welche neue Frucht? Und was wird in Stein gemeißelt?

Max Fellmann hat sich in seiner Charts-Kolumne im SZ-Magazin über die Inkohärenz der Metaphorik in Wir bleiben lustig gemacht und darauf hingewiesen, dass der Text so vage gehalten sei, „dass sich zwischen Früher-war-alles-besser und Es-muss-sich-endlich-was-ändern ziemlich alles hineininterpretieren lässt“ – auch, so Fellmanns Vorwurf, der Aufruf zu Aktionen gegen Flüchtlinge. Das entspricht zwar der Wahrheit, ist aber nur die halbe. Denn der Text lässt sich für die Fans sehr wohl eindeutig referenzialisieren. „Wir“ sind natürlich die Böhsen Onkelz selbst, erkennbar nicht nur am Selbstzitat „Wir waren unsterblich“, das sich auf den Heckscheibenklassiker „Helden leben lange, Legenden sterben nie“ bezieht, sondern auch daran, dass in ihren Texten mit „wir“ fast immer die Band selbst gemeint ist. Anschließend werden Auflösung und Reunion angesprochen, was in der Aufforderung an die Fans mündet, die neu erschienene Single („Neue Frucht am alten Baum“) zu kaufen, damit die Böhsen Onkelz endlich auch in den Single-Charts einen Nummer 1-Hit („Gipfel“) haben (genau in diesem Sinne hat offenbar auch der Autor der ‚Offiziellen Support Seite‘ www.weidnerwatchblog.de diesen Text verstanden).

Für die Eingeweihten bietet sich so einerseits die Möglichkeit, sich einmal mehr über die Unterstellungen der Journalisten zu empören; andererseits lässt sich das Lied durch seine offenen, interpretationsfähigen und -bedürftigen Formulierungen auch auf viele eigene Lebenssituationen beziehen und vermittelt so das Gefühl, von der Band und den übrigen Familienmitgliedern (den anderen ‚Nichten und Neffen‘) verstanden zu werden, nicht allein zu sein. Diese Wechselwirkung aus durch die textliche Offenheit provozierter ‚Fehllektüre‘ von Außenstehenden, die ein Zusammenstehen der Fangemeinschaft zur Verteidigung der Band (etwa mittels Kommentaren im Internet) nach sich zieht, einerseits und aus der ebenfalls durch eben jene Offenheit eröffneten Möglichkeit zur identifikatorischen Aneignung andererseits dürfte einen erheblichen Teil zum Erfolg der Band beitragen.

Auch Xavier Naidoos Dieser Weg lässt sich durch Kontextualisierung mit dem übrigen Werk Naidoos und seinen öffentlichen Äußerungen monosemieren: Der Text handelt von einem christlichen Erweckungserlebnis, der Weg ist der des aufrechten Christen in einer aus Sicht des Sprechers unchristlichen (d.h. bei Xavier Naidoo wohl: zu liberalen) Gesellschaft, der zwar nur von wenigen Rechtgläubigen mitbeschritten wird und schwer ist, aber zur Erlösung führt. Mit dem Du in der Bridge hingegen wird wohl Jesus angesprochen. Es handelt sich um ein Missionslied, das typische Elemente einer Missionspredigt beinhaltet: Bericht vom Erweckungserlebnis, der Selbstfindung des Predigers selbst, Ansprache des Zuhörers, Verdammung des sündigen Diesseits, Heroisierung des Festhaltens am Glauben, Versprechen von Belohnung. Doch auch Xavier Naidoos Text ermöglicht, kontextualisiert man ihn nicht mit dem übrigen Werk und seinen Äußerungen, andere Lesarten, indem eben weder Jesus genannt noch ausdrücklich eine Jenseitsvorstellung beschrieben wird. So lässt das Lied sich, ebenso wie das bei der Fußball-WM 2006 eingesetzte Was wir alleine nicht schaffen, als Motivationslied für beinahe jede Situation nutzen.

Martin Rehfeldt, Bamberg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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