Party auf dem Totenacker: Wolfgang Ambros‘ Geburtstagsständchen für den Wiener Zentralfriedhof (1974)

Wolfgang Ambros

Es lebe der Zentralfriedhof (Text: Josef Prokopetz)

Es lebe der Zentralfriedhof, und olle seine Toten! 
Der Eintritt is für Lebende heit ausnahmslos verboten, 
weu da Tod a Fest heit gibt, die ganze lange Nocht, 
und von die Gäst' ka anziger a Eintrittskort‘n braucht.

Wann's Nocht wird über Simmering, kummt Leben in die Toten, 
und drüb‘n beim Krematorium tan‘s Knochenmork ohbrot‘n. 
Dort hinten bei der Marmorgruft, durt stengan zwa Skelette, 
die stess‘n mit zwa Urnen au und saufen um die Wette. 

Am Zentralfriedhof is Stimmung, wia‘s sei Lebtoch no net woa, 
weu olle Tot‘n feiern heit seine erscht‘n hundert Joahr. 

Es lebe der Zentralfriedhof, und seine Jubilare! 
Sie lieg‘n und sie verfäul'n scho durt seit über hundert Jahre. 
Drauß‘t is koit und drunt‘ is worm, nur monchmol a bissl feucht, 
wenn ma so drunt‘ liegt, freut ma sich, wenn's Grablaternderl leucht. 

Es lebe der Zentralfriedhof, die Szene wirkt makaber: 
Die Pforrer tanz‘n mit die Huren, und Juden mit Araber, 
heit san olle wieder lustig, heit lebt ollas auf, 
im Mausoleum spü‘t a Band, die hot an Waunsinnshammer d‘rauf.

Happy Birthday! Happy Birthday!

Happy Birthday! 

Am Zentralfriedhof is Stimmung, wia‘s sei Lebtog no net woa, 
weu olle Tot‘n feiern heit seine erscht‘n hundert Joahr.

Happy Birthday! Happy Birthday!

Es lebe der Zentralfriedhof! Auf amoi mocht's an Schnalzer, 
da Moser singt's Fiakerlied, und die Schrammeln spü‘n an Walzer. 
Auf amoi is die Musi stü, und olle Aug'n glänz’n, 
weu dort drü‘m steht da Knoch‘nmonn und winkt mit seiner Sens‘n. 

Am Zentralfriedhof is Stimmung, wia‘s sei Lebtog no net woa, 
weu olle Tot‘n feiern heit seine erscht‘n hundert Joahr.

Happy Birthday! Happy Birthday!

[Wiederholung ad lib und fade out]

     [Quelle: Best of Austropop. 100 unverzichtbare Hits, Texte und Akkorde. 
     Vorwort von Rudi Dolezal. 2008. Etliche kleinere Eingriffe meinerseits 
     zugunsten einer besseren Lesbarkeit, sinnvolleren Interpunktion und 
     logischeren Vers- bzw. Strophenstruktur.]

Man sagt den Wienern ein ganz besonderes gemütliches Verhältnis zum Tod, zum Morbiden und Makabren nach und ich glaube, sie geben sich auch alle Mühe, diesem Ruf gerecht zu werden. Nicht von ungefähr gibt es in der Donaumetropole ein Bestattungsmuseum (Objekt des Monats November 2015 ist übrigens ein Funeralkelch aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts) und ein extrem breites Angebot an einschlägigen Stadtrundfahrten und Führungen, bei Interesse gerne auch als Privatexkursionen zu Tot- und Fehlgeburten, Massengräbern von Katastrophenopfern, Familiengruften, Fledermäusen oder besonders romantischen Friedhofswinkeln. In diesem Programm spielt der Zentralfriedhof, wie es sein Name schon andeutet, eine zentrale Rolle.

Die seit dem 18. Jahrhundert rapide wachsende Stadt erforderte von der Stadtverwaltung auch hinsichtlich ihres Bestattungswesens kreative Lösungen, um einerseits den knappen räumlichen und finanziellen Ressourcen, andererseits aber auch den ästhetischen Ansprüchen der Bevölkerung, welche eine „schöne Leich“ seit alters her zu schätzen wusste, gerecht zu werden. Leider ist dieses Blog nicht dazu bestimmt, sich über Schachtgräber und Klappsärge, zwei Erfindungen der josephinischen Epoche, näher auszulassen. Überspringen wir also großzügig die Vorgeschichte und kommen gleich zum Beschluss des Wiener Gemeinderates von 1863, auf dem Gelände einiger Gemeinden (Kaiserebersdorf, Simmering u.a.) im heutigen 11. Bezirk eine größere Friedhofsanlage einzurichten. Mit ausschlaggebend für die Wahl dieses Geländes waren geologische Gutachten, die das dortige ebene Gelände und den leicht auszuhebenden Lößboden, den man überdies für den Verwesungsprozess von Leichen für vorteilhaft ansah, entschieden präferierten.

1869 wurden die Grundstücke angekauft, den Architekturwettbewerb gewann ein Frankfurter Büro (Mylius/Bluntschli) und schon am 1. November 1874 verfügte Wien über einen modernen Totenacker vom Feinsten. Modern auch in der Hinsicht, als er ausdrücklich interkonfessionell sein sollte, was gewisse Konflikte mit katholischen Kreisen mit sich brachte, die hier aber nicht vertieft werden müssen, zumal unser Geburtstagsständchen nur sehr kurz und indirekt darauf anspielt. Seiner Modernität ungeachtet war der Friedhof bei seinen ersten Kunden und deren Angehörigen nicht besonders beliebt; er lag zu weit vor der Stadt und wirkte angesichts der jungen Bepflanzung noch reichlich trostlos. Allein, findige Gemeinderäte sannen erfolgreich auf Abhilfe: Man richtete eine Ehrengräber-Anlage ein und siedelte zur Imagepflege prominente Tote wie Beethoven und Schubert auf den Zentralfriedhof um, der nun auch eine schicke Kirche bekam.

Von den wechselnden Ereignissen auf, unter und um den Zentralfriedhof herum in den folgenden Jahren und Jahrzehnten muss an anderer Stelle berichtet werden. Allenfalls seien noch die – leider letztlich nicht realisierten – Pläne des Architekten Josef Hudetz und seines Ingenieurs Franz von Felbinger kurz erwähnt, das Problem der Leichenbeförderung aus Wien zum schlecht erreichbaren Zentralfriedhof mittels eines Rohrpostsystems zu lösen.

Das von Josef Prokopetz getexte und vom Interpreten Wolfgang Ambros komponierte Lied Es lebe der Zentralfriedhof erklärt sich nach dem Gesagten beinahe von selbst. Der Dialekt des Liedes scheint mir auch für Piefkes einigermaßen verständlich, so dass ich mir eine spezielle Übersetzung wohl erlassen darf. Das Lied malt die Feier der Untoten liebevoll aus, wobei eine gewisse Steigerung der Stimmung zum Auftritt und freundlichen Sensengruß des Gevatters Tod (vgl. Erste Allgemeine Verunsicherung: Der Tod) in der letzten Strophe nicht zu verkennen ist. Prokopetz bringt in seinen Text gewisse bauliche Elemente des Zentralfriedhofs ein – Krematorium, Marmorgruft, Mausoleum – die bei morbiden Stadtexkursionen bestaunt werden können und zu denen es interessante Geschichten gibt, wie beispielsweise zum erbitterten Kampf um die Feuerbestattung zwischen Arbeiterbewegung bzw. Sozialdemokratie und katholischer Kirche, in deren Verlauf es zu einer ausgesprochen kuriosen Inbetriebnahme der sog. Simmeringer Feuerhalle aufgrund eines „entschuldbaren Rechtsirrtums“ gekommen ist.

Der Auftritt des Knochenmanns wird von Hans Moser mit dem Fiakerlied (1885, Text und Musik von Gustav Pick; bekanntester Interpret eigentlich Paul Hörbiger) vorbereitet; diese kleine Reminiszenz an das traditionelle ,Wiener Lied‘ nehme ich halb als Hommage – Ambros/Prokopetz wissen (?) um ihre Traditionen – , halb als Frechheit gegen den seinerzeit noch sehr beliebten Altvorderen, dessen Hits den Austropoppern nur noch geeignet scheinen, verblichene Skelette und halb verfaulte Leichen in Stimmung zu versetzen. Wie auch immer: Es lebe der Zentralfriedhof ist vermutlich ein probates Mittel gegen Novemberdepressionen!

(Offen bleibt allerdings noch die Frage nach der Sprecherinstanz …)

Hans-Peter Ecker, Bamberg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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