Trauerarbeit, aber auch Liebesgedicht. „Mensch“ von Herbert Grönemeyer (2002)

Herbert Grönemeyer

Mensch

Momentan ist richtig,                             I, 1-4
momentan ist gut.
Nichts ist wirklich wichtig,
nach der Ebbe kommt die Flut.
Am Strand des Lebens,                             II, 5-8
ohne Grund, ohne Verstand,
ist nichts vergebens –
ich baue die Träume auf den Sand.

Und es ist,                                       III, 9-18
es ist ok.        
Alles auf dem Weg.
Und es ist Sonnenzeit,
unbeschwert und frei.
Und der Mensch heißt Mensch,
weil er vergisst, weil er verdrängt,
weil er schwärmt und stählt,
weil er wärmt, wenn er erzählt,
weil er lacht, weil er lebt, du fehlst.

Das Firmament hat geöffnet,                       IV, 19-22
wolkenlos und ozeanblau,
und Telefon, Gas, Elektrik
unbezahlt, und das geht auch.
Teil mit mir deinen Frieden,                      V, 23-26
wenn auch nur geborgt.
Ich will nicht deine Liebe,
ich will nur dein Wort.

Und es ist,                                       VI, 27-37
es ist ok.
Alles auf dem Weg.
Und es ist Sonnenzeit,
ungetrübt und leicht.
Und der Mensch heißt Mensch,
weil er irrt und weil er kämpft,
weil er hofft und liebt,
weil er mitfühlt und vergibt.
Und weil er lacht und weil er lebt, du fehlst.
Oh, weil er lacht, weil er lebt, du fehlst.

Es ist ok.                                        VII, 38-46
Alles auf dem Weg,
und es ist Sonnenzeit,
ungetrübt und leicht,
und der Mensch heißt Mensch,
weil er vergisst, weil er verdrängt,
und weil er schwärmt und glaubt,
sich anlehnt und vertraut
und weil er lacht, weil er lebt, du fehlst.

Ist schon ok,                                    VIII, 47-56
es tut gleichmäßig weh.
Es ist Sonnenzeit,
ohne Plan und Geleit.
Der Mensch heißt Mensch,
weil er erinnert, weil er kämpft,
weil er hofft und liebt,
weil er mitfühlt und vergibt.
Und weil er lacht und weil er lebt, du fehlst.
Weil er lacht, weil er lebt, du fehlst.

(Interpunktion sowie Entscheidungen über Recht-, Groß- und Kleinschreibung von mir, 
teilweise in interpretierender Funktion.)

     [Herbert Grönemeyer: Mensch. Grönland Records 2002.]

 

Vorbemerkung:

Ich möchte Herbert Grönemeyers Text Mensch im Folgenden als lyrisches Gedicht lesen, das allgemeine Aussagen zur conditio humana macht, und ihn möglichst wenig auf seine – entstehungsgeschichtlich sicherlich höchst relevanten – biographischen Bezüge einschränken. Auch ohne diese Fakten zu kennen, geht aus dem Wortlaut des Textes klar hervor, dass die Sprecherinstanz Trauerarbeit leistet, dass sie versucht, mit dem Verlust eines wiederholt angesprochenen Du („du fehlst“) irgendwie zurecht zu kommen. Diese Sprecherinstanz, die ich gelegentlich auch „das Ich“ nenne, stelle ich mir männlich vor, das Du weiblich als verstorbene Frau oder Geliebte. Für diese Konkretisierungen, die der Text so nirgends vorschreibt, sprechen dennoch ein paar Umstände: Einerseits wird das Lied von einem männlichen Interpreten vorgetragen, andererseits ist bekannt, dass Herbert Grönemeyer darin biographische Erfahrungen verarbeitet. Außerdem ist die Konstellation des um seine verstorbene Geliebte trauernden Dichters in der Geschichte häufiger anzutreffen als andere personale Figurationen. Allerdings wäre durchaus denkbar, dass Mensch eines Tages von einer Sängerin interpretiert wird; in diesem Fall würde sich das Geschlechterverhältnis einfach umkehren. Ein letzter Satz vorab: Bei meiner Deutung lege ich es in keiner Weise darauf an, Grönemeyers Text mit bestimmten Theorien des Trauerprozesses (Phasen-Modelle) in Einklang zu bringen, obwohl ich überzeugt bin, dass ein solches Vorgehen plausible Ergebnisse produzieren würde; allerdings bestände dabei die Gefahr, jene Aspekte des Liedes zu übersehen, die es auch zu einem Liebesgedicht machen.

Die große Linie:

Beginnen wir mit einem Überblick über die Makrostruktur des Textes: Die von mir, wie oben erklärt, als männlich gedachte Sprecherinstanz (die ich jetzt nicht einfach ,Grönemeyer‘ nennen will, um die fundamentale Differenz zwischen literarischem Text und seinen Rollenträgern und realer Person nicht zu verwischen) bestimmt in den ersten 13 Verszeilen ihre existentielle Position: räumlich, situativ, emotional, gedanklich, wobei die verwendeten sprachlichen Wendungen häufig neben einer wörtlichen Bedeutung einen metaphorischen Sinn nahelegen. Vom 14. Vers an unternimmt sie über einige Zeilen hinweg den Versuch, aus den eigenen Erfahrungen bzw. der momentanen Befindlichkeit eine allgemeine Definition des Menschen abzuleiten. Mit dieser philosophischen Anstrengung sucht das Ich m.E. Distanz zum erlittenen Verlust, mit anderen Worten eine Art von Trost. Dieser Versuch bricht allerdings in Zeile 18 jäh ab, sobald die Verlusterfahrung die Sprecherinstanz überwältigt. Lassen wir uns durch die lakonische Feststellung „du fehlst“ nicht täuschen, was die emotionale Wucht dieses Einbruchs angeht.

Versgruppe IV führt uns situativ an den Anfang des Textes zurück: der Sprecher sortiert aufs Neue seine Befindlichkeit, um im nächsten Versblock das verlorene, fehlende (weiblich gedachte) Du persönlich anzusprechen: Er bittet darum, sie möge mit ihm ihren Frieden (den der Toten!) teilen und ihm – das liest sich auf den ersten Blick reichlich verwirrend! – ein „Wort“ geben. Wie ich bei der Feinarbeit im Kommentar plausibel machen werde, handelt es sich bei diesem Wort um ein Signal des Einverständnisses, der Einwilligung in das willkürliche und ,ungerechte‘ Verhängnis, dass der eine Mensch gehen musste, während der andere leben, sogar lachen darf, Träume bauen, eine „Sonnenzeit“ genießen … Selbstverständlich erwartet das Ich besagtes „Wort“ nicht als okkulte Botschaft, sondern als inneres Gefühl, eine Art tiefer Überzeugung, die sich aus einem intensiven Gewissensdialog ergeben könnte – und hier auch im weiteren Verlauf des Liedes tatsächlich ergeben wird.

Dieser Dialog in Form eines Selbstgesprächs, das die Antworten des Du imaginiert, erfolgt in den folgenden Versblöcken und führt zu einigen nicht unwichtigen Variationen bei den verschiedenen Ansätzen, das Mensch-Sein zu definieren. In diesem inneren Dialog erinnert sich das Sprecher-Ich an den verlorenen Menschen (die tote Geliebte) und zeichnet dabei auf höchst indirekte Weise ein anrührendes Bild von ihr und von der Substanz ihrer beider Liebe, ein Bild, das der Geliebten und ihren Charaktereigenschaften Vertrauen, Respekt und tiefe Verbundenheit entgegen bringt. In diesem Zusammenhang lohnt es sich, ganz genau darauf zu achten, welche Definitionsbestandteile des Mensch-Seins von Versblock zu Versblock übernommen und welche durch neue, bessere und gültigere Formulierungen ersetzt werden. Von zentraler Bedeutung ist dabei die Ersetzung der frühen Formel „weil er vergisst, weil er verdrängt“ (Zeile 15) durch die spätere „weil er erinnert, weil er kämpft / weil er hofft und liebt / weil er mitfühlt und vergibt“ (52-54). Am Ende fehlt das Du dem Ich selbstverständlich immer noch und alles „tut gleichmäßig weh“, aber es hat mit seiner letzten Definition menschlicher Existenz für sich eine Basis zum Weiterleben mit einer zukunftsoffenen und positiven Grundeinstellung („weil er lacht“!) gefunden. Erst jetzt fühlt sich das Leben in der Sonnenzeit wirklich richtig an.

Stellenkommentar:

Momentan ist richtig, / momentan ist gut.] Gegenüber dem normalen Satzbau im Deutschen spart sich Grönemeyer hier das im Grunde notwendige „es“. Diese Einsparung hat zunächst einen poetisch-stilistischen Effekt, indem sie den typischen ,Grönemeyerschen Ton‘ kurzer, abgehackter, schnörkelloser Aussagen hervorbringt. Auf längere Sicht bekommt aber das ausgesparte „es“, auf das eben deshalb vorläufig nicht Bezug genommen werden kann, noch eine andere wichtige Bedeutung (vgl. meinen Kommentar zu Vers 26-28).

Nichts ist wirklich wichtig,] Die Aussage eines Menschen, der keinen Sinn (mehr) in seinem Leben erkennen kann.

nach der Ebbe kommt die Flut.] Nachgestellte Begründung für den vorhergehenden Vers in dem Sinne, dass nichts wichtig ist, weil es ohnehin keinen Bestand hat. Wenn es eine Stabilität gibt, dann nur die des beständigen Wechsels. Die Formulierung erinnert an das barocke Sinnbild vom Rad der Fortuna. Allerdings ist hier unklar, in welcher Weise „Ebbe“ und „Flut“ mit Positivem bzw. Negativem korrespondieren; traditionell bezeichnet „Ebbe“ im Deutschen einen Mangelzustand (vgl. z.B. „Ebbe in der Kasse“), allerdings wissen wir auch, dass es die Flut ist, die die Sandburgen der Kinder einreißt und die Schrift im Sand auslöscht. Obwohl dieser Vers auf einer metaphorischen Erkenntnis-Ebene angesiedelt ist, bereitet er schon die spätere Strand-Szenerie vor.

Am Strand des Lebens,] Halb Metapher, halb aber auch wörtlich zu nehmen. Die Metapher von der Schifffahrt als Lebensreise ist in der europäischen Kultur fest verwurzelt: das Lebensschifflein des jungen Menschen läuft aus, muss Sturm und Wellen trotzen und läuft am Ende – wenn man klug gesegelt ist und dazu vielleicht auch noch das nötige Glück gehabt hat – in den sicheren Hafen (der Ehe?) ein. In diesem Kontext klingt in der Wendung vom „Strand des Lebens“ die Katastrophe vom Stranden an; jemand hat Schiffbruch erlitten und konnte sich als Überlebender an eine fremde Küste retten. Andererseits kann man sich das Bild aber auch als Urlaubsidylle ausmalen. M.E. zeichnet es den Text aus, dass er bewusst beide Optionen offen hält.

ohne Grund, ohne Verstand,] „Grund“ ist wieder doppeldeutig zu lesen, als „ohne Sinn“ bzw. als „ohne festen Grund unter den Füßen“. Die letzte Deutung ist auf den ersten Blick paradox, denn am Strand hat der Schiffbrüchige ja wieder festen Grund erreicht. Aber auf den zweiten Blick erinnert man sich an die gebräuchliche Redewendung „er hat auf Sand gebaut“; im Lichte dieser Erinnerung wird man einen Strand nicht als ,festen Grund‘ betrachten. Letztlich verweist der Vers auf die mentale Situation der Sprecherinstanz: Sie ist orientierungslos, handelt intuitiv, zeigt automatische Reaktionen. (In Theorien der Trauerarbeit wird diese Phase ausführlich beschrieben.)

ist nichts vergebens – / ich baue die Träume auf den Sand.] Die Tätigkeit der Sprecherinstanz, Träume auf Sand zu bauen, scheint – logisch betrachtet –, geradezu der Inbegriff eines vergeblichen Tuns zu sein; dennoch behauptet der Text das Gegenteil. Bezogen auf die Gesamtsituation des Ichs, seine Entwurzelung durch den erlittenen Verlust, scheint es nicht nur plausibel, sondern geradezu therapeutisch notwendig, in kindliche Dispositionen (träumen, spielen, phantasieren) zu regredieren, um durch entsprechende Verhaltensweisen wieder aktiv am Leben teilzuhaben. Im Traum und im Spiel können Entwürfe eines künftigen Lebens projektiert werden; dass diese vorläufig noch nicht auf festem Grund errichtet werden, ist geschenkt.

Und es ist, / es ist ok.] Zwei sehr interessante Verse, die unterschiedlich gedeutet werden können, wobei aber beide Deutungen im Grunde doch auf dasselbe Ergebnis hinauslaufen. Nach einer ersten Lesart will die Sprecherinstanz sagen „Es ist ok.“, ihr stockt aber zwischendrin die Stimme, weil es ihr – angesichts des erlittenen Verlusts – fast unmöglich vorkommt, eine Formel des Einverständnisses mit der aktuellen Situation zu äußern. Nach der zweiten Lesart gibt es keine Unterbrechung, keinen zweiten Anlauf der Artikulation, sondern die Sprecherinstanz wollte von Anfang an sagen „Es ist, wie es ist, und das ist ok!“ In beiden Fällen wird aber deutlich, dass es sie erhebliche Überwindung kostet, die Dinge, so wie sie liegen, ok zu finden. Im weiteren Fortgang des Liedes wendet das Ich dann auch noch erhebliche Anstrengungen auf, dieses grundsätzliche „ok“ vor dem eigenen Gewissen abzusichern. – Ferner ist bemerkenswert, dass hier erstmals das anfangs ausgesparte „es“ explizit ausgesprochen wird. Ich habe es mir versuchsweise mit „die Dinge, wie sie liegen“ konkretisiert; mitzudenken ist dabei Vers 3, „Nichts ist wirklich wichtig“, was das „ok“ doch ziemlich relativiert.

Und es ist Sonnenzeit, / unbeschwert und frei.] „Sonnenzeit“ nehme ich wieder halb metaphorisch als „gute Zeit im Leben“, halb konkret zur Ausgestaltung einer prächtigen Strandkulisse. Diese Sonnenzeit mag „unbeschwert und frei“ sein, aber sicher nicht für die Sprecherinstanz, die darum kämpft, wieder im Leben Fuß zu fassen. Die Zeile wird im Fortlauf des Textes variiert; am Ende heißt es in Vers 50 dann „ohne Plan und Geleit“ – so präsentiert sich diese „Sonnenzeit“ nämlich für unser Ich tatsächlich. Dass es sich am Ende des Textes dieser Wahrheit stellen kann, spricht für die positive Entwicklung im Sinne einer erfolgreichen Trauerarbeit, die es vollzogen hat.

Und der Mensch heißt Mensch, / weil er vergisst, weil er verdrängt,] Relativ unvermittelt wechselt die Sprecherinstanz, so scheint es zumindest, von der Beschreibung ihrer eigenen Situation zu dem philosophischen Versuch, das Wesen des Menschen zu erfassen. Natürlich ist schnell klar, dass sie auch hier von sich spricht, d.h. wenn sie eine Definition des Menschen vorlegt, spiegelt diese ihre eigenen Erfahrungen und Einsichten. Die allgemeine Reflexion über das Wesen des Menschen kann als Versuch gewertet werden, Distanz zur eigenen Lebenstragödie aufzubauen und die eigene Befindlichkeit inklusive der vorhandenen Schuldgefühle an allgemeinen Maßstäben auszurichten. ‚Vergessen‘ und ‚Verdrängen‘ werden hier in diesem Sinne zuerst genannt: Deutlich erkennbar macht sich das Ich entsprechende Vorwürfe und sucht Entlastung in der Einsicht, dass diese psychischen Mechanismen zur anthropologischen Grundausstattung gehören. Im letzten Versblock wird die Sprecherinstanz diese Zeile durch „weil er erinnert, weil er kämpft“ ersetzen. M.E. ist Grönemeyers Lied im Grunde verstanden, wenn Hörer die innere Wandlung nachvollziehen können, die die Sprecherinstanz bis dahin vollzogen hat.

weil er schwärmt und stählt,] Die Sprecherinstanz erkennt ein weiteres menschliches Grundvermögen darin, dass wir uns für etwas begeistern können – das scheint unproblematisch; seltsamer ist die ganz und gar ungewöhnliche Wortwahl „stählt“, die einerseits Anklänge zur Ruhrpott-Welt der Stahlkocher aufweist, andererseits einen gehobenen, heroischen Ton anschlägt. Im Duden findet sich der Beleg „der Lebenskampf hat ihren Willen gestählt“. Nicht von ungefähr wird diese – ein wenig schiefe, vielleicht auch ein wenig zu pathetische – Formulierung in den späteren Definitionen des Textes nicht mehr wiederholt.

weil er wärmt, wenn er erzählt,] Selbstreflexive poetologische Formulierung. Das Erinnern an die gemeinsame Zeit mit dem verlorenen Menschen und das Erzählen davon sind wichtige Elemente erfolgreicher Trauerarbeit.

weil er lacht, weil er lebt, du fehlst.] Der Mensch als Tier, das lachen kann (Aristoteles) – Lachen zählt zum altehrwürdigen Grundbestand (vorgeblich) anthropologischer Spezialvermögen und wird auch hier durchgängig bis zur Schlusszeile verwendet. – Irritierender, wörtlich genommen eigentlich unsinnig, aber letztlich doch poetisch stimmig und beeindruckend, ist da schon die Begründung „weil er lebt“: Ich verstehe diese Formel als Integration aller anderen Fähigkeiten des Menschen und übersetze sie mir mit „weil er beseelt ist“ und aufgrund dieser einen Eigenschaft alles andere (lachen, vergessen, erinnern, lieben, verstehen, verzeihen, ja, auch „stählen“) kann. Selbstverständlich reißt diese Einsicht den tiefen Graben zwischen Lebenden und Toten geradezu brutal auf und zieht konsequenter Weise sofort die Erinnerung an den geliebten verstorbenen Menschen nach sich: „du fehlst“.

Das Firmament hat geöffnet, / wolkenlos und ozeanblau,] „Firmament“ ist ein gehobener Begriff für das Himmelsgewölbe, der eine Menge alter kosmologischer Assoziationen mit sich trägt. (Übrigens liegt der Götterhimmel in traditioneller Sichtweise noch über dem Firmament, das als verbindend-trennende Sphäre zwischen Menschen und höheren Mächten gesehen wurde.) Grönemeyers Text behandelt dieses erhabene „Firmament“ nun wie eine Art Strand-Kiosk und baut es so in seine anfängliche Natur- und Seelenlandschaft ein.

und Telefon, Gas, Elektrik / unbezahlt, und das geht auch.] Die Sprecherinstanz ist wieder dabei, von der eigenen Befindlichkeit zu erzählen. Dass Routinerechnungen unbezahlt sind, verweist auf den Verlust des normalen Lebens, vielleicht indirekt auch darauf, dass die verlorene Partnerin bislang diese Arbeit geleistet hatte. Wie auch immer, irgendwie scheint das bislang auch zu gehen. (Im Hinterkopf haben wir noch Vers 3: „Nichts ist wirklich wichtig“!)

Teil mit mir deinen Frieden,] In ihrer Trauer, Unruhe, Zerrissenheit wendet sich die Sprecherinstanz in einem inneren Dialog an den verstorbenen Partner mit der Bitte, ihr etwas von seinem Frieden abzugeben. Nach landläufiger Meinung haben die Toten ,ihren Frieden gefunden‘. Was den Unfrieden der Sprecherinstanz ausmacht, ist m.E. das Schuldgefühl, selber leben zu dürfen (und das heißt nach der vorgängig diskutierten Definition: Mensch sein zu dürfen), während die tote Geliebte (ich konkretisiere hier die Verlusterfahrung nach Kontext, aber auch nach lyrischer Genre-Traditon) von allem Lebens-Glück ausgeschlossen ist.

wenn auch nur geborgt.] „Geborgt“ bis zum eigenen Tode, dann wird auch der Sprecher genug „Frieden“ haben, um seine Schulden zu begleichen.

Ich will nicht deine Liebe, / ich will nur dein Wort.] Nach dem Gesagten ist klar, was die Sprecherinstanz will: Einwilligung, Vergebung, die Erlaubnis der Geliebten, dass er auch nach ihrem Tod gut (und zwar im emphatischen Sinne!) weiterleben darf. Dieses „Wort“ muss sich als Gefühl im Inneren der Sprecherinstanz einstellen; anders geht es ja unter den gegebenen Umständen nicht. Wenn sich aber das Ich auf diese Weise (d.h. als Imagination einer Einverständnis-Erklärung der toten Geliebten) selbst ,die Absolution‘ geben kann, war seine Trauerarbeit erfolgreich. – Mit dem Begriff ,Wort‘ wurde nun ein sächliches Hauptwort im Singular in unseren Text eingeführt, auf das sich hinfort das Personalpronomen „es“ (zumindest auch) beziehen kann.

Und es ist, es ist ok.] Meiner Interpretationslinie nach bezieht sich das „es“ hier stärker auf das zuvor erbetene „Wort“ als auf die allgemeine Situation der Sprecherinstanz. Diese fühlt hier intensiv, dass die tote Geliebte ihr Wort gesprochen hat und dass dieses Wort ein „ok“ war, die Einwilligung in den Lauf der Dinge, dass sie ihn – fürs Leben – freigegeben und von Verpflichtungen ihr gegenüber freigesprochen hat. Im Zuge dieses inneren Dialogs wandelt sich das Trauer- zum Liebeslied, die Perspektive verschiebt sich – indem das Ich Erinnerungen zulässt – vom eigenen Leid auf die menschliche Größe der ehemaligen Geliebten bzw. der gemeinsamen Liebe, die so in gewisser Weise den Tod überdauern.

weil er mitfühlt und vergibt] Im inneren Dialog mit der toten Geliebten, dem eine intensive ,Erinnerungsarbeit‘ mit der liebevollen Vergegenwärtigung ihrer Persönlichkeit zugrunde liegt, hat die Sprecherinstanz erfahren, dass Mitgefühl und Vergebung zentrale menschliche Vermögen sind. Vertrauensvoll unterstellt das Ich der toten Geliebten, dass sie ihn in der aktuellen Situation freigeben, ihm für seine Zukunft das Allerbeste wünschen würde. Wie er selber im umgekehrten Falle wohl auch. Hochachtung und Liebe gegenüber der Toten sind die Basis für diese Einsicht. Als Resultat seines nunmehr erreichten Erkenntnis- und Reifegrades nimmt der Sprecher jene Eigenschaften in seine Definition des Menschen auf und streicht sie auch bis zum Schluss nicht mehr heraus: „Der Mensch heißt Mensch, […] weil er mitfühlt und vergibt.“

Schlusswort:

Nachdem mein Essay ohnehin schon über Gebühr lang geworden ist, verzichte ich einerseits darauf, alle weiteren Verszeilen bis zum Ende des Liedes ausführlich zu kommentieren, zumal ich nicht sehe, wo sich noch Verständnisschwierigkeiten ergeben könnten; andererseits spare ich nachfolgend aber auch Bemerkungen zu den technischen Details des Liedes, zu biographischen und werkgeschichtlichen Zusammenhängen und auch zu den Rahmenbedingungen der überaus erfolgreichen Rezeptionsgeschichte dieses Titels aus. Vieles davon ist leicht im Internet zu finden, anderes mag in Kommentaren nachgetragen werden.

Hans-Peter Ecker, Bamberg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

One Response to Trauerarbeit, aber auch Liebesgedicht. „Mensch“ von Herbert Grönemeyer (2002)

  1. Cornelia Mühlhoff says:

    Beim Anhören des Songs war mir immer bekannt, dass H. Grönemeyer darin die Trauer um den Verlust seiner verstorbenen Frau verarbeitet hat. Die Worte “ du fehlst“ ließen mich dies auch erkennen. Allerdings konnte ich bislang den verbleibenden Text dazu kaum bzw. nicht in Beziehung setzen. Dank Ihrer außerordentlich gelungenen Interpreatationshilfe ist mir dies nun endlich möglich.
    Auch den zweiten von Ihnen aufgezeigten Aspekt, es könne sich ebenso um ein Liebeslied handeln, fand ich sehr interessant und überdenkenswert.
    Haben Sie ganz herzlichen Dank dafür!
    Cornelia Mühlhoff, Berlin

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