Ein Land soll erwachen. „Wach auf, wach auf, du deutsches Land“ – Johann Walters Lied immer noch aktuell?

Johann Walter

Wach auf, wach auf, du deutsches Land

1. Wach auf, wach auf, du deutsches Land!
Du hast genug geschlafen,
bedenk, was Gott an dich gewandt,
wozu er dich erschaffen.
Bedenk, was Gott dir hat gesandt
und dir vertraut sein höchstes Pfand,
drum magst du wohl aufwachen!
 
2. Gott hat dich, Deutschland, hoch geehrt
mit seinem Wort der Gnaden.
Ein großes Licht dir auch beschert
und hat dich lassen laden
zu seinem Reich, welchs ewig ist,
dazu du denn geladen bist,
will heilen deinen Schaden.

3. Gott hat dir Christum, seinen Sohn,
die Wahrheit und das Leben,
sein liebes Evangelium
aus lauter Gnad gegeben;
denn Christus ist allein der Mann,
der für der Welt Sünd gnug getan,
kein Werk hilft sonst daneben.
 
4. Du lagst zuvor im Finstern gar
mit Blindheit hart gekränket.
Bei dir kein Licht der Wahrheit war.
Dein Herz war gar gelenket
zur Lüge und Abgötterei,
falsch Gottesdienst und Heuchelei
ins Teufels Reich versenket.
 
5. Du hast zuvor den Antichrist,
sein Teufels Lehr gehöret.
Und seine Lügen, Stank und Mist
als göttlich Ding geehret.
Du gabst ihm noch als deinem Herrn
dein Leib und Gut auch willig gern,
der keins dich nicht beschweret.
 
6. Von solcher Lügen falschem Schein
hat Gott dein Herz getrennet.
Durch Luther, den Propheten dein,
ganz Deutschland solchs bekennet.
Hat dich gezogen gnädiglich
zu seinem Reich gar väterlich.
wohl dem, der's recht erkennet.

7. Für solche Gnad und Güte groß
sollst du Gott billig danken.
Nicht laufen aus sei'm Gnaden Schoß
von seinem Wort nicht wanken!
Dich halten wie sein Wort dich lehrt.
Dadurch wird Gottes Reich gemehrt,
geholfen auch den Kranken.
 
8. Du solltest bringen gute Frucht,
so du rechtgläubig wärest.
In Lieb und Treu, in Scham und Zucht,
wie du solch's selbst begehrest.
In Gottes Furcht dich halten fein
und suchen Gottes Ehr allein,
dass du niemand beschwerest.
 
9. Ob du solchs tust, das ist am Tag,
darf nicht erweiset werden.
Es zeugt jetzt die gemeine Klag',
dass ärger nie auf Erden,
auch weil die Welt gestanden ist,
noch nie gewest solch Tück' und List,
in Worten und Gebärden.
 
10. Es ist nicht auszusprechen mehr
die Bosheit, Sünd und Schande,
die grausam Gottes Läst'rung schwer,
so jetzt in deutschem Lande.
Solch Sünde ist so hoch gebracht,
dass auch dafür der Himmel kracht,
erschüttert seine Bande.
 
11. Gott hat sein Wort gegeben drum,
dass wir uns zu ihm wenden.
So kehrt Deutschland das Blättlein um,
tut seinen Namen schänden.
Ist ärger worden denn zuvor,
all Sünde schwebt jetzt hoch empor.
Drum wird Gott Strafen senden!
 
12. Der Wucher, Geiz, Betrügerei
wird jetzt als Kunst gelobet,
Ehebruch, Unzucht und Völlerei,
wird auch noch wohl begabet.
Falsch Tück und List, Verräterei,
Untreu, Falschheit , groß Büberei
ihr viel jetzt hoch erhebet.
 
13. Die Jugend wird gezogen jetzt
in Mutwill frech gewähnet,
dass sie in Schalkheit so verschmitzt,
was ehrlich ist, verhöhnet.
Ihr Kleidung muss fein bübisch sein.
Das Weibsvolk gibt sehr bösen Schein,
Mit Zierlichkeit beschönet.
 
14. Wer jetzt nicht Pluderhosen hat,
die schier zur Erde hangen
mit Zotten wie des Teufels Wat,
der kann nicht höflich prangen.
Es ist solchs so ein schnöde Tracht,
der Teufel hat's gewiss erdacht,
wird selbst sein also gangen.
 
15. Denn welcher Christ solch Kleid anblickt,
der wird vor Trauer klagen.
Sein Herz vor Gottes Zorn erschrickt.
Wird bei ihm selbst oft sagen:
Ach Gott, Deutschland, das dringet dich!
Das du musst straffen härtiglich
mit schweren großen Plagen.
 
16. All Ständ' sind jetzt so gar verderbt.
Will niemand sich erkennen
mit gutem Schein, doch so gefärbt,
tun all sich Christen nennen.
Und wird der göttlich Name teu'r
zur Sünd' gebraucht so ungeheu'r,
Deutschland wird sich abrennen.
 
17. Was vormals Unrecht, Sünd' und Schand',
das tut man jetzt gut preisen.
Was vormals Blei und Zinn genannt,
das heißt man jetzt hart Eisen.
All Ding' han sich so gar verkehrt.
Unrecht hat sich sehr hoch gemehrt.
Solch's tut die Tat erweisen.

18. Die Wahrheit wird jetzt unterdrückt,
will niemand Wahrheit hören;
die Lüge wird gar fein geschmückt,
man hilft ihr oft mit Schwören;
dadurch wird Gottes Wort veracht’,
die Wahrheit höhnisch auch verlacht,
die Lüge tut man ehren.
 
19. Dieweil denn Deutschland gar nicht will
an Gottes Wort sich kehren
und häuft der Sünden täglich viel,
es lässt ihm niemand wehren,
so wird auch Gott ein scharfe Rut,
viel Strafen senden wie ein Flut
und Deutschland mores lehren.
 
20. Wer Augen hätt' und sehen könnt,
der würde freilich spüren
an Himmel, Erde, Luft und Wind
die Gottesstrafe rühren.
Viel Zeichen lässt geschehen Gott.
Fürwahr er was im Sinne hat:
Will uns zur Busse führen.
 
21. Martinus Luther, Gottes Mann,
hat Deutschland oft vermahnet.
Es sollt von Sünden abelan,
ein große Straf ihm ahnet.
Gott würd an Deutschland strafen hart
den Undank an seim Gnadenwort
keins Undanks Gott sich schonet.
 
22. Wach auf, Deutschland, ’s ist hohe Zeit,
du wirst sonst übereilet,
die Straf dir auf dem Halse leit,
ob sich’s gleich jetzt verweilet.
Fürwahr, die Axt ist angesetzt 
und auch zum Hieb sehr scharf gewetzt,
was gilt’s, ob sie dein fehlet.

23. Gott warnet täglich für und für,
das zeugen seine Zeichen,
denn Gottes Straf ist vor der Tür;
Deutschland, lass dich erweichen,
tu rechte Buße in der Zeit,
weil Gott dir noch sein Gnad anbeut
und tut sein Hand dir reichen.
 
24. Das helfe Gott uns allen gleich,
dass wir von Sünden lassen,
und führe uns zu seinem Reich,
dass wir das Unrecht hassen.
Herr Jesu Christe, hilf uns nu’
und gib uns deinen Geist dazu,
dass wir dein Warnung fassen.
 
25. O Gott gib, dass der Name dein
durch falsche Lehr nicht g'schändet!
Von deinem Wort und Lehre rein
nicht werden abgewendet.
Dein Wille dämpf all' Menschen Tand,
so von der Wahrheit abgewandt,
durch Teufels List verblendet.
 
26. Amen spricht, der dies Lied gemacht.
Gott tröste, die Not leiden,
und stürze bald der Lügen Pracht,
so Wahrheit stets tut neiden,
und mach zuschand, was Unrecht ist.
Stärk unsern Glauben, Jesu Christ,
wenn wir von hinnen scheiden.

Bußlieder liegen seit Jahren nicht mehr unbedingt im „mainstream“ der Kirchen, dennoch wurde das Lied vor 20 Jahren in das damals neue Evangelische Gesangbuch (EG) aufgenommen. Das dritte Reich hatte es auf die erste Strophe verkürzt und so als ein religiöses „Deutschland erwache“ mißbraucht. Und heute stößt es auf Zurückhaltung, weil die Gemeinde hellhörig geworden ist, wenn von einem besonderen Auftrag die Rede ist, den Gott Deutschland gegeben habe – vielen fällt bei solchen Worten eben nicht die Reformation ein, sondern die rechtsradikale Parole vom „Stolz darauf, Deutscher zu sein“. Ein Text aus der Reformationszeit, nicht als Gesangbuchlied geschrieben, für 370 Jahre vergessen, heute im EG auf ein Viertel seines Textes zusammengestrichen – Worum geht es in diesem ersten Beitrag zum bevorstehenden Reformationsjubiläum?

Heute würde er eine halbseitige Anzeige in den großen Tageszeitungen schalten oder seinen Aufruf ins Internet setzen. Als der ehemals kurfürstlich sächsische Hofkapellmeister Johann Walter seine Landsleute 1561 aufrütteln wollte, konnte er seinen Appell nur als Einzeldruck über den Buchhandel verbreiten: Ein newes Christlichs Lied / Dadurch Deudschland zur Busse vermandt. 1554 hatte Walter sein Amt aufgegeben und sich wieder in Torgau niedergelassen, wo er 1520 als Kantor der Lateinschule und Leiter der Stadtkantorei seine berufliche Laufbahn begonnen hatte. Von hier aus war er damals oft für mehrere Wochen nach Wittenberg gereist, um Luther in kirchenmusikalischen Angelegenheiten zu beraten. Aber die theologischen Auseinandersetzungen, die in Dresden letztlich den „Vorruhestand“ des erst 58jährigen ausgelöst hatten, gingen in Torgau weiter. Auf neue Spannungen mit den Pfarrern und eine Abmahnung durch den Rat der Stadt reagierte er mit einem Bußlied von 26 Strophen, dem heute unsere Aufmerksam gilt:

1. Wach auf, wach auf, du deutsches Land! Du hast genug geschlafen[1].
Bedenk, was Gott an dich gewandt, wozu er dich erschaffen.
Bedenk, was Gott dir hat gesandt, und dir vertraut sein höchstes Pfand,
drum magst du wohl aufwachen. (EG 145,1)

Worum ging es?

Das Augsburger Interim von 1548 hatte zwar die zentralen lutherischen Glaubenssätze sola fide und sola scriptura bestätigt, aber es hatte Angelegenheiten der Liturgik und der Zeremonien als „Mitteldinge“, Adiaphora bezeichnet, für die es keine aus der Schrift abzuleitenden verbindliche Regelungen zu geben brauche. Diese Übereinkunft wurde für Sachsen im Leipziger Interim zwar ein wenig abgemildert, aber für strenge Lutheraner blieben viele nun wieder zulässige alte liturgische Formen und Feiertagsregelungen eine ernste Belastung ihres Glaubens. Walter hatte seinen Kantorendienst in Gottesdiensten zu verrichten, deren Prediger das Interim befürworteten. Sie waren in seinen Augen der Ketzerei verdächtig. Er selbst, seine Familie, aber auch die in seinem Haushalt lebenden Chorknaben gingen daher drei Jahre lang nicht zum Abendmahl.

Ich stehe heute mit großem Respekt vor der Konsequenz seines Handelns, aber auch recht verständnislos vor seinen Gewissensnöten. Ich kann sie, im In- und Ausland an Oekumene gewöhnt, nicht nachvollziehen, zumal der Streit in Dresden letztlich nur noch um den sog. papistischen Chorrock ging. Chorhemd und Stola waren für Walter aber Symbole für theologische Grundsatzfragen geworden: durch das Interim sah er die ganze Reformation bedroht.

Er hat sehr darunter gelitten, daß Kinder ungetauft bleiben oder Erwachsene in der Pest von 1552 ohne den Trost des Abendmahls sterben sollten, nur weil sie glaubten, das Sakrament nicht von einem Pfarrer entgegennehmen zu dürfen, der das Interim anerkannte. Über den Abendmahlsbesuch seiner Chorbuben war es in Dresden zum Streit gekommen, um das Abendmahl wurde auch in Torgau weiter gestritten, vor allem, als man dort eine Frau ohne Predigt und Chorgesang beerdigt hatte, die das letzte Abendmahl verweigert hatte, weil sie es nicht von einem „interimistischen“ Pfarrer entgegennehmen wollte. Aus dieser Situation heraus ist unser Lied geschrieben. Wenn wir es heute im Gesangbuch lesen, merken wir ihm das nicht mehr an. Walters Bußruf war ungehört verhallt, er hatte für seine Bedenken keine Mehrheit gefunden. Bis zum 20. Jahrhundert geriet das Lied in Vergessenheit.

Die ersten drei Strophen (das EG verwendet nur 1 und 3) sprechen Deutschland direkt an und rufen ihm in Erinnerung, was ihm geschenkt ist: Gottes Wort und sein Sohn.

2. Gott hat dir Christus, seinen Sohn, die Wahrheit und das Leben,
sein liebes Evangelium aus lauter Gnad gegeben;
denn Christus ist allein der Mann, der für der Welt Sünd g‘nug getan,
kein Werk hilft sonst daneben.

Strophen 4 bis 6 der Originalfassung beschreiben die Glaubenssituation in Deutschland vor der Reformation. Ich zitiere exemplarisch die Strophen 5 und 6. Sie standen damals auf dem Flugblatt, wurden aber nie in ein Gesangbuch übernommen.

(5) Du hast zuvor den Antichrist, sein’s Teufels Lehr gehöret,
und seine Lügen, Stank und Mist als Göttlich Ding geehret.
Du gabst ihm noch, als deinem Herrn dein Leib und Gut auch willig gern
Der keins dich nicht beschweret.

(6)Von solcher Lügen falschem Schein hat Gott dein Herz getrennet
Durch Luther, den Propheten dein. Ganz Deutschland solchs bekennet.
Hat dich gezogen gnädiglich zu seinem Reich, gar väterlich.
Wohl dem, ders recht erkennet.

Im Originaltext folgen nun als 7 und 8 die beiden Strophen, die das EG als 3 und 4 abdruckt:

3. Für solche Gnad und Güte groß sollst du dem Herren danken,
nicht laufen aus seim Gnadenschoß, von seinem Wort nicht wanken,
dich halten, wie sein Wort dich lehrt, dadurch wird Gottes Reich gemehrt,
geholfen auch den Kranken.

4. Du solltest bringen gute Frucht, so du recht gläubig wärest,
in Lieb und Treu, in Buß und Zucht, wie du solchs selbst begehrest,
in Gottes Furcht dich halten fein und suchest Gottes Ehr allein,
daß du niemand beschwerest.

Im ursprünglichen Lied soll das Land also dafür danken, daß Gott Martin Luther geschickt hat. Dieser Gedanke wurde später bis 1917 in den Liedern zum Reformationsgedächtnis breit ausgeführt. Ohne die originalen Strophen 4-6 schließt heute der Text im EG aber direkt an die Strophe 3 (EG 2) an und das Lied ruft dazu auf, Gott dafür zu danken, daß er uns seinen Sohn geschenkt hat. Diese Fassung umgeht jeden Personenkult und ist theologisch richtig – auch wenn Walter es ursprünglich anders gemeint hatte. Er zog die Parallele zwischen Christus und Luther nämlich sehr bewusst und er stellte gezielt die Römische Kirche mit dem Antichrist gleich. So könnten wir heute nicht mehr singen, aber Toleranz stand damals noch nicht auf der theologischen Agenda. Bei keiner der streitenden Parteien. Nun folgen im Original zehn Strophen (9-18), die Walters Sorge über die Zustände seiner Zeit in Worte fassen. Nie sei es in der Welt und besonders in Deutschland sündiger zugegangen:

(12) Der Wucher, Geiz, Betrügerei wird jetzt als Kunst gelobet;
Ehebruch, Unzucht und Völlerei wird auch noch wohl begabet
(belohnt).
Falsch Tück und List, Verräterei, Untreu, Falschheit, groß Büberei
Nun frech das Haupt erhebet.

Nie sei die Jugend mehr in Mutwillen und Frechheit großgezogen worden, als jetzt, man gewöhne sie geradezu daran, gute Sitten zu verhöhnen, schreibt er. Besonders die Kleidermode der Zeit erregt seinen Zorn:

(14) Wer jetzt nicht Pluderhosen hat, die schier zur Erde hangen,
mit Zotteln, wie des Teufels Wat (Gewand), der kann nicht vornehm prangen.
Es ist solchs eine schnöde Tracht, der Teufel hat‘s gewiß erdacht.
Wird selbst sein also gangen.

Gottes Strafe kommt unweigerlich auf Deutschland, das geradezu in einer verkehrten Welt lebt, weil die Deutschen den Namen Gottes mißbrauchen, wenn sie trotz ihrer Schuld „all sich Christen nennen“ (16).

(17) Was vormals Unrecht, Sünd und Schand, das tut man jetzt gut preisen.
Was vormals Blei und Zinn genannt, das heißt man jetzt gut Eisen.
All Ding habn sich so gar verkehrt, Unrecht hat sich sehr hoch gemehrt,
solchs tut die Tat erweisen.

Von dieser Aufzählung bietet das EG nur noch Strophe 18, die das Sündenregister abschließt:

5. Die Wahrheit wird jetzt unterdrückt, will niemand Wahrheit hören;
die Lüge wird gar fein geschmückt, man hilft ihr oft mit Schwören;
dadurch wird Gottes Wort veracht’, die Wahrheit höhnisch auch verlacht,
die Lüge tut man ehren.

Die Strophen 19 bis 23 ziehen Bilanz: Weil man sich nicht zu Gottes Wort kehrt, wird Gott seine Strafen senden „und Deutschland Mores lehren“ (19). Luther habe immer wieder dazu aufgefordert, aber man wolle sich ja nicht ändern. Jetzt sei die Strafe unvermeidlich. Die Strafen, deren „Zeichen“ man zu sehen glaubte, waren Krieg und Seuchen und vor allem Hungersnöte, die sich seit dem frühen 16. Jahrhundert, ausgelöst durch extreme Wettersituationen auffallend häuften. Niemand ahnte damals, dass die sogenannte „Kleine Eiszeit“ begonnen hatte, die etwa 200 Jahre dauern sollte und noch in den Liedern Paul Gerhardts eine Rolle spielt.

Das Lied endet mit fünf Strophen, von denen wir im EG die Str. 23 und 24 nachlesen können.

6. Gott warnet täglich für und für, das zeugen seine Zeichen,
denn Gottes Straf ist vor der Tür; Deutschland, lass dich erweichen,
tu rechte Buße in der Zeit, weil Gott dir noch sein Gnad anbeut
und tut sein Hand dir reichen.

7. Das helfe Gott uns allen gleich, dass wir von Sünden lassen,
und führe uns zu seinem Reich, dass wir das Unrecht hassen.
Herr Jesu Christe, hilf uns nu’ und gib uns deinen Geist dazu,
dass wir dein Warnung fassen.

Sie mahnen zur Buße, fordern Umkehr und bitten um Gottes Hilfe dazu. Erinnern wir uns der Situation, in der Johann Walter dies Lied geschrieben hat, so fällt auf, daß vom Streit um die Adiaphora bisher eigentlich noch gar nicht so richtig die Rede war. Erst die beiden letzten Strophen des Liedes sprechen das Thema der „falschen Lehre“ an:

(25) O Gott gib, daß der Name dein durch falsch Lehr nicht gschändet.
Von deinem Wort und Lehre rein wir nicht werdn abgewendet.
Dein Wille dämpf allr Menschen Tand, die von der Wahrheit abgewandt
durch Teufels List verblendet.

(26) Amen spricht, der dies Lied gemacht. Gott tröste, die Not leiden.
Und stürze bald der Lügen Pracht, die stets der Wahrheit neiden.
Und mach zu Schand, was Unrecht ist. Stärk unsern Glauben, Jesus Christ,
wenn wir von hinnen scheiden.

Dieser Schluss schlägt den Bogen zurück zum Anfang des Liedes: der Aufruf an Deutschland endet mit der Bitte um Gottes Hilfe für die, die sich den Zielen des Verfassers anschließen. Eigentlich haben wir es also mit zwei Liedern zu tun. Strophen 1-8 und 22-26 handeln von den geistlichen Anliegen, die Walter bekümmert haben: seine Enttäuschung darüber, daß sich die in seinen Augen ketzerischen Auffassungen wieder durchsetzen; seine Sorge, dass Luthers Vermächtnis in Vergessenheit geraten könne; und seine Hoffnung daß sich seine Landsleute bußfertig zum rechten Glauben wenden könnten. Die Strophen 9-21 schieben ein zweites Lied dazwischen, das den tiefen Pessimismus des alten, erzkonservativen Mannes ausdrückt, der um sich nur noch Sünde und Verderbnis, und falsche gesellschaftliche Entwicklungen sieht.

Walters Lied im Gesangbuch

Das älteste Gesangbuch, in dem ich Walters Lied, damals gekürzt auf fünf Strophen, bisher gefunden habe, ist das Buch unserer bayerischen Landeskirche von 1928 (Nr. 502). Der Text war neu entdeckt worden, als man nach dem ersten Weltkrieg neue Lieder zum Thema Vaterland und Obrigkeit suchte. Er wurde seitdem mit zehn unterschiedlichen Strophenzusammenstellungen in fast alle neu entstehenden Gesangbücher aufgenommen: in viele Regionalanhänge des Deutschen Evangelischen Gesangbuches (DEG), die Jugendliederbücher Ein neues Lied und Der helle Ton und in die Soldatengesangbücher der Weimarer Zeit, aber auch in die Liederbücher der „Deutschen Christen“ (DC). Im Kirchenkampf stand es in den Christlichen Kampfliedern der Deutschen – sodass nun beide Seiten, DC und bekennende Kirche Walters Aufruf für sich reklamierten.

Und heute?

Die Herausgeber des EKG hatten das Lied übernommen, und dies erneut in der Gruppe „Volk und Vaterland“. Erst das heutige EG ordnet es seinem ursprünglichen Charakter entsprechend unter „Bußtag“ ein. Mit der Strophenfolge Str. 1, 3, 7, 8, 18, 23 und 24 ist so eine elfte Variante des Liedes entstanden.

Die Zeiten, in denen der Kaiser in einem Interim ein Machtwort in Glaubensdingen sprechen konnte, sind vorbei. Die Demokratie, von Luther nicht für möglich gehalten, hat sich bewährt. Unser freiheitliches System macht es sich verfassungsgemäß selbst schwer, seine Bürger durch Gesetzgebung und Rechtsprechung in Gewissensnöte zu bringen. Die Kirche steht dem Staat gegenüber, nicht unter, aber erst recht nicht mehr über ihm. Sie ist eine der vielen Gruppen, die Einfluß nehmen, bevor der Staat nach eigenem Recht entscheidet. So durfte die weltliche Obrigkeit beispielsweise den arbeitsfreien Tag am Buß- und Bettag wieder abschaffen, den sie selbst einmal eingeführt hatte, aber sie hätte nicht das Recht, Gottesdienste an diesem Tag zu untersagen. Ebenso kann der Staat Verhaltensweisen erlauben, die Christen ablehnen. Aber er kann die Christen nicht zwingen, gegen ihr Gewissen alles zu tun, was er erlaubt. Walters Lied trifft heute also auf völlig veränderte politische und kirchliche aber auch gesellschaftliche Verhältnisse. Dennoch bleibt es aktuell. Aus mehreren Gründen.

Der eine Grund: Weil die Menschen sich nicht grundsätzlich geändert haben: Woche für Woche lassen sich aus den Meldungen der Medien genug Beispiele dafür bringen dass beispielsweise die Feststellungen der als EG 145,5 abgedruckte alten Strophe 18 zeitlos sind. Die Menschen sind nicht besser geworden, nur ihre Verfahren wurden anders. Und Johann Walter würde heute vermutlich Missstände im Denken und Handeln seiner Mitchristen anprangern, die es zu seiner Zeit noch gar nicht gab. Die Themen auch der inner- und zwischenkirchlichen Diskussion haben sich verändert, der Ernst der Überzeugungen nicht. Hier hat die Aufklärungsepoche, gegen deren ersten Regungen sich Walter unwissentlich sträubte, viel im Denken Europas verändert.

Der andere Grund: Das Lied bleibt auch deshalb aktuell, weil auch Gott sich nicht geändert hat. Die EG-Strophe 6 gilt noch immer. Gott hat sein Geschenk nicht zurückgefordert und seine Hand bleibt für jeden ausgestreckt. Und sie ist groß genug für ein ganzes Land. Das Land sollte erwachen, so wollte es Johann Walter. Sein Ziel war die Vollendung der Reformation, die gemeinsame Umkehr aller Deutschen zu Gottes Willen. Würde er heute so ein Pamphlet schreiben, müssten Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit als neue Formen des politischen und religiösen Fanatismus darin vorkommen.

Es würde schlimm, wenn in den gesellschaftlichen, politischen und theologischen Auseinandersetzungen unserer Zeit eine Gruppe das Lied gegen die andere singen würde, wenn die streitenden sich gegenseitig zur Buße riefen, da man sich selbst der Gnade sicher weiß. Aber etwas anderes läßt sich tun. Zahl und Inhalt der entsprechenden Lieder in den Gesangbüchern der letzten 80 Jahre zeigen: Seit Christen ihre Obrigkeit wählen können, haben sie zunehmend aufgehört für sie zu beten. Das ist ein auffallendes, aber kein zufälliges Zusammentreffen. Wo früher fünf bis zehn Lieder in einem Gesangbuch standen, finden wir heute noch wenige Strophen, die der Aufforderung von 1. Timotheus 2 folgen. Nehmen wir den Aufruf zur Umkehr ernst, tun wir etwas, was wir zu tun verlernt haben: Beten wir für die Regierenden – ob sie es hören wollen oder nicht. Gott hört es. Und bitten wir für uns selbst um Toleranz, denn Intoleranz ist heute bedrohlicher als es jemals die Farbe der Chorröcke war.

Andreas Wittenberg, Bamberg

(Erweiterte und aktualisierte Neufassung einer Liedbetrachtung aus Confessio Augustana III/2000)

[1] Das EG bietet in den Strophen 1 und 5 die Textvarianten „unser Land“ und „O Land“ an.

Advertisements

Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

One Response to Ein Land soll erwachen. „Wach auf, wach auf, du deutsches Land“ – Johann Walters Lied immer noch aktuell?

  1. Jürgen kurt wenzel says:

    Welch ein unglück2017!!welch eine regierung ,-nach dem jahr der unendlichen freude1990!!das volk erlebte den rausch von freiheit und glück,das ende von diktatur und morden gegen den widerstand der täter in OST und WEST!!!!man hat die hydra unterschätzt…….!!!!der ANTICRIST hat die welt im griff ,,! Wach auf ,wach auf du deutsches land

Hinterlasse einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: