Genie und Wahnsinn: „Eigentum“ von Knorkator als Kritik an der Besitzgesellschaft

Knorkator

Eigentum

Das große Leben eines großen Mannes
braucht als Basis einen großen Traum,
den er träumt in einem großen Bett,
und so ein Bett gehört in einen großen Raum.
Große Räume gibt es nur in großen Häusern,
mit großen Fenstern, um hinaus zu schau'n
auf das eigene entsprechend große Land,
das umgeben ist von einem großen Zaun.

Ich bin das Eigentum von meinem Eigentum,
bin allem hörig, was mir gehört.
Ich bin besessen von dem, was ich besitze,
und werd' gefressen von dem, was mich ernährt.
Ich bin der Diener von dem, was ich verdiene,
ich bin der Sklave von dem, was ich versklavt.
Und allen Dingen, über die ich verfüge,
füge ich mich brav.

Ich hab's geschafft, wonach ich immer strebte:
Alle Dinge ringsumher gehören mir.
Doch das Einzige was ich dabei empfinde,
ist die Angst, es wieder zu verlier'n.
Und so verkriech ich mich mit allen meinen Schätzen
ins verkabelte, gepanzerte Versteck.
Ich bin müde, doch wag ich nicht zu schlafen,
sonst kommt der Pöbel und nimmt mir alles weg.

Ich bin das Eigentum von meinem Eigentum,
bin allem hörig, was mir gehört.
Ich bin besessen von dem, was ich besitze
und werd' gefressen von dem, was mich ernährt.
Was ich beherrsche, das raubt mir die Beherrschung,
bin ganz benommen, von dem, was ich mir nahm,
um meinem Schicksal geschickt zu entkommen - doch es kam.

Ich bin das Eigentum von meinem Eigentum,
bin allem hörig, was mir gehört.
Ich bin besessen von dem, was ich besitze
und werd' gefressen von dem, was mich ernährt.
Ich bin erdrückt, von all den Unterdrückten,
und weil mein Reichtum mir immer noch nicht reicht,
bleibt mir als Sicherheit doch nur ein wenig Sicherheit - vielleicht.

     [Knorkator: Das nächste Album aller Zeiten. Nuclear Blast 2007.]

Der Grad zwischen Genie und Wahnsinn ist bekanntlich ein schmaler. Betrachtet man den oben stehenden Text, kann man dem Dichter durchaus Tiefgang und Sprachgespür attestieren. Der Topos des Eigentums, das vom Inhaber Besitz ergreift, die Umkehrung des Besitzverhältnisses ist ein beliebtes Thema in Film und Literatur. In der Herr der Ringe-Trilogie wird dies auf die Spitze getrieben, wo der Ring seinen Besitzer letzten Endes kontrolliert. Auch in Tolkiens Hobbit ist der Zwergenkönig Thorin Eichenschild kurz davor seinen Verstand zu verlieren, als es darum geht sein Gold zu verteidigen. Sieht man eine Live-Aufnahme von Knorkator würde einem wohl aber nicht gerade der Liedtext als erstes auffallen. Die Band, die in das paradoxe Genre des Fun-Metal passt, tritt in kuriosen Kostümen auf, animiert das Publikum zu obskuren Gesten oder schmeißt Toastbrote in das Publikum. Ist Eigentum nun also eine smarte Abrechnung mit der Raffgier der Menschen oder doch nur das Werk einiger Tollköpfe, die sich einen Spaß erlauben? Handelt es sich bei dem Song um die sinnfreien Kapriolen einiger „Irrer“ (Bild online) oder geht es hier doch um mehr?

Das Lied wird nicht, wie die meisten anderen Lieder der „Boyband“ (Selbstbeschreibung) Knorkator von dem vielleicht durchgeknalltesten Mitglied Knorkators, dem Sänger Stumpen, sondern von Keyboardspieler Alf Ator gesungen. Der Text führt aus, wie eine Sprechinstanz sich mehr und mehr auf Grund eines Besitzwahnes in Isolation begibt. In der ersten Strophe werden wir in die Gedankenwelt dieser Sprechinstanz eingeführt. Hier wird ein Mann beschrieben, der keine kleinen Gegenstände besitzt: Bett, Haus und Land sind allesamt groß. Bis in das kleinste Detail sind die Gegenstände massiv, inklusive der Fenster und des Zaunes. Schließlich braucht es für große Gedanken große Requisiten. Somit ist der große Mann von großen Dingen umgeben, aber, wie in der zweiten Strophe ausgeführt wird, ist es noch viel wichtiger, wem dieses große Land mit allem was darauf steht gehört, nämlich der Sprechinstanz, die ab dem ersten Refrain in der ersten Person Singular redet, sich vielleicht nun also auch selber für groß genug hält um stärker in Erscheinung zu treten.

In der zweiten Strophe dann wird der Besitzwahn auf die Spitze getrieben. Die zunächst zufriedene Sprechinstanz attestiert sich selber: „Ich hab’s geschafft, wonach ich immer strebte: /Alle Dinge ringsumher gehören mir. / Doch das Einzige was ich dabei empfinde. / Ist die Angst, es wieder zu verlier’n“. Die letzten Zeilen drücken die Kehrseite der Raffgier aus: die konstante Angst, das Gehortete zu verlieren. Wieder trifft ein Vergleich aus dem Herren der Ringe zu, nämlich der mit dem selbst-zerstörerischen Gollum, und auch die Zeile „so verkriech ich mich mit allen meinen Schätzen“ erinnert stark an den abgemagerten, fast verrückten Hobbit und seine Obsession für seinen „Schatz“. Auch die Zwerge aus dem Hobbit fürchten, dass die Menschen oder Elfen ihnen ihren Schatz wegnehmen könnten. Sogar ehemals Verbündete werden in dieser aggresiven Stimmung zu Feinden: allen voran der Hobbit Bilbo.

Die Sprechinstanz fügt nun eine moderne Ebene hinzu, welche jedoch altbekannte Topoi aufgreift. Auch wenn das Versteck „verkabelt [und] gepanzert“ und somit durch die moderne Technik in der Gegenwart lokalisiert ist, ist die Thematik der Habgier epochenübergreifend. Knorkator leisten hier einen Beitrag zu einer Gesellschaftskritik, die in der moderne, genauso wie im Mittelalter und in der Fiktion genauso wie in der Realität präsent ist. Martin Luthers Ablasskritik beispielsweise richtete sich auch gegen den Reichtum der Mönche und des Papsttums, doch genauso versucht manch einer heutzutage seine Reichtümer durch zwielichtige Steuertricks zu schützen. Ein Beispiel, welches aus der fiktiven Literatur besonders passend scheint, ist das der Disney-Figur Onkel Dagobert. Dieser schützt seine Reichtümer gegen die Panzerknacker und andere Bösewichte in seinem überdimensionalen Geldspeicher, an dem aber keiner außer ihm Freude findet. Ebenso wie Onkel Dagobert kann auch die Sprechinstanz nie genug Reichtümer besitzen. Das Lied Eigentum ist somit eine Gesellschaftskritik am besitzorientierten Menschen.

Schließlich wird in den letzten Zeilen der zweiten Strophe mit dem wachsenden Irrsinn der Sprechinstanz gespielt. Die Besessenheit auf den Besitz bringt die Sprechinstanz um ihren Schlaf und shließlich schlägt die Besitzsucht dann in einen Verfolgungswahn um („sonst kommt der Pöbel und nimmt mir alles weg“). Somit zeichnet Knorkator eine Progression (oder Regression) von einem verständlichen Traum nach einem großen Haus, über die Versessenheit auf den Besitz bis hin zum Verfolgungswahn, der wohl nur im Kopf der Sprechinstanz exisitert, gegen den nicht näher spezifizierten Pöbel. Das Plebs-Kollektiv kann nur neidisch auf die Sprechinstanz sein, die natürlich von sich auf andere schließt und somit davon ausgeht, dass alle Alles haben wollen. Dass die Sprechinstanz im dritten Refrain beschreibt, dass sie von Unterdrückten erdrückt wird kann auch als weiterer Verweis auf den Pöbel verstanden werden, der der Sprechinstanz ihren Besitz nehmen will.

Die Erklärung liefert bereits der erste Refrain: In einer Umkehrung der Besitzverhältnisse verliert der Eigentümer seine Wirkmächtigkeit und gibt diese stattdessen an sein Eigentum ab. In cleveren Wortpaarungen variieren Knorkator den Machtwechsel von Besitzer zu Besitz: gehören – hörig, Diener – verdienen, Sklave – versklaven, verfügen – fügen. Das vielleicht interessanteste Oppositionspaar ist hierbei gefressen werden und ernähren. Das Bild der Nahrung, welche einen von innen heraus auffrisst, stellt eine groteske Vorstellung dar. In der westlichen Konsumgesellschaft hat die schädliche Wirkung des Ernährenden auch in der Form von durch starkes Übergewicht hervorgerufene Krankheiten moderne Parallelen. Doch auch hier greifen Knorkator einen jahundertealten Topos auf: Bereits im Mittealalter richtete sich Kritik gegen fettlaibige Regenten und Mönche. Im Herren der Ringe wird dies ebenfalls dargestellt: korrumpiert von Macht interessiert sich Denethor nur für seine eigene Belustigung durch Gesang und Essen und nicht für den nahenden Tod seines Sohnes.

In den letzten Zeilen des dritten Refrains wird die Figur des besitzorientierten Menschen weiter entwickelt: Die Raffgier dient dazu dem Schicksal zu entkommen und Sicherheit zu generieren. Durch den Besitz erhält die Sprechinstanz, so glaubt sie, Macht über ihr Schicksal. Die eigene kleine Welt darf nicht ins Wanken gebracht werden. Doch nicht einmal die Sprechinstanz selber ist vollständig davon überzeugt, dass die Masse des Gehorteten Sicherheit gibt, und beendet somit das Lied mit einem vielsagenden „vielleicht“. Wie uns Finanzkrisen und Naturkatastrophen lehren, gibt einem auch der größte Haufen Besitzes keine absolute Sicherheit. Chronikalische Überlieferungen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit spiegeln diese Unsicherheiten über Naturereignisse wieder und legen nahe, dass der Wunsch nach Sicherheit seit vielen Jahrhunderten ein menschliches Verlangen ist. Auch wenn Naturkatastrophen damals oft als Strafe Gottes interpretiert wurden, war das Ergebnis ähnlich wie das von Finanzkrisen oder Unglücksfällen in der Moderne: Der angehäufte Besitz verliert jeglichen Wert. Die Sprechinstanz scheint dies am Ende des Liedes ebenfalls realisiert zu haben.

Knorkator liefert mit diesem Songtext somit eine durchaus interessante und gehaltvolle Kritik an einer ungebremsten Fokusierung auf den eigenen Besitz. Somit geht die „meiste Band der Welt“ (Selbstbeschreibung) sogar noch einen Schritt weiter, als nur eine Konsumgesellschaft anzuprangern. Denn die Sprechinstanz konsumiert das Gehortete nicht einmal, sondern verspricht sich vielmehr Sicherheit nur durch die Tatsache, dass die gerafften Güter vorhanden und intakt sind. „Alles meins“ wird das leitende Mantra des Horters. Durch die Kritik am Horten empfehlen Knorkator sogar implizit den Konsum. Betrachtet man den Song-Text unter monetären Gesichtspunkten, wie es die Anspielungen auf einen Tresor in der zweiten Strophe nahelegen, ist das Lied eine Kritik des Onkel Dagobert-Prinzips: auf seinem Geldhaufen sitzen und dabei zuschauen, wie dieser größer wird. Stattdessen kann das Lied als Aufruf verstanden werden, sich auf nicht-materielle Dinge zu konzentrieren und den Besitz zu verwenden bzw. auszugeben.

Das vorliegende Lied als genial zu bezeichnen wäre vielleicht etwas hoch gegriffen. Knorke ist es auf jeden Fall. Die extravaganten Bühnenauftritte der Band machen es für viele schwierig, die Gruppe und ihre Texte vollständig ernst zu nehmen. Man bedenke, dass Knorkator gelegentlich ihre Auftritte mit einem Badminton-Spiel auf der Bühne unterbrechen und der Sänger Stumpen gerne mal in einer rosa Unterhose auftritt. Auch manche Songtexte scheinen selbst wohlwollend betrachtet nicht allzu tiefgründing. Das Lied Zoo beispielsweise besteht aus einer Aneinanderreihung diverser Zootiere und dem gelegentlich geschrienen Wort „Zoo“. Doch auch solche absurden Texte erfüllen ihre Funktion und sind bewusst sinnfrei gehalten. Knorkator verfolgen in diesen Liedtexten auch einen dekonstruvistischen Ansatz. Abgesehen davon haben die Texte und auch das musikalische Können Knorkators Qualität. Eigentum ist somit keine Ausnahme. So kann z.B. das nihilistische Wir werden alle sterben als Abgesang auf die Leistungsgesellschaft verstanden werden oder das Kinderlied als Kritik an übereifrigen Tiger-Eltern. Nur wegen ihrer Extravaganz Knorkator fehlenden Tiefgang zu attestieren, wäre also eine falsche Fixierung auf Äußerlichkeiten. Werden nicht die Menschen, die wirklich Bahnbrechendes und Neues leisten, oft als Außenseiter und Verrückte gesehen, wie dies auch in Dostojewskis Der Idiot geschieht? Ist es vielleicht das Zeichen des wahren Genies sich als Wahnsinniger zu verkaufen? Vielleicht.

Martin Christ, Oxford

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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