Unterdrückte Homoerotik. Börries von Münchhausens „Jenseits des Tales“ (1907)

Börries von Münchhausen

Jenseits des Tales

1.
Jenseits des Tales standen ihre Zelte,
Zum roten Abendhimmel quoll der Rauch.
Das war ein Singen in dem ganzen Heere,
Und Ihre Reiterbuben sangen auch.

2.
Sie putzten klirrend am Geschirr der Pferde,
her tänzelte die Marketenderin.
Und unterm Singen sprach der Knaben einer:
"Mädchen, du weißt, wo ging der König hin?"

3.
Diesseits des Tales stand der junge König
Und griff die feuchte Erde aus dem Grund.
Sie kühlte nicht die Glut der heißen Stirne,
Sie machte nicht sein krankes Herz gesund.

4.
Ihn heilten nur zwei knabenfrische (jugendfrische) Wangen
Und nur ein Mund, den er sich selbst verbot.
Noch fester schloss der König seine Lippen
Und sah hinüber in das Abendrot.

5.
Jenseits des Tales standen ihre Zelte,
Zum roten Abendhimmel quoll der Rauch.
Und war ein Lachen in dem ganzen Heere
Und jener Reiterbube lachte (ihre Reiterbuben lachten) auch.

[Wegen der als anzüglich angesehenen Textstelle knabenfrische Wangen und 
des Hinweises auf einen bestimmten Reiterbuben jener Reiterbube wurden 
in vielen Liederbüchern diese Stellen geändert (s. Text in Klammern).]

Entstehung

Der im Stil einer Volksballade verfasste Originaltext von Börries von Münchhausen (1874 bis 1945) erschien 1907 in seiner Sammlung Die Balladen und ritterlichen Lieder. Der Nachfahre des „Lügenbarons“ schrieb unzählige Balladen und Lieder; darin feierte er die Ritterlichkeit, was für das romantische Lebensgefühl der deutschen Jugendbewegung anschlussfähig war. Um 1910 waren seine Gedichte Allgemeingut. Jenseits des Tales wurde besonders populär durch die Vertonung 1920 durch Robert Götz (weswegen als Entstehungsjahr des Textes in vielen Liederbüchern 1920 angegeben wird). Robert Götz (1892 bis 1978), der im Laufe seines Lebens rund 500 Gedichte und Texte vertont hat, ist auch Schöpfer der populären Lieder Aus grauer Städte Mauern und Wildgänse rauschen durch die Nacht.

Als ein historisch-literarisches Vorbild des Textes gilt der Roman von Felix Dahn (1834 bis 1912) Ein Kampf um Rom (1876). Die Reiterbuben des ostgotischen Heeres sollen für ihre Herren Tag und Nacht da gewesen sein. Eine andere Vorlage könnte der Preußenkönig Friedrich II geliefert haben. Der „Alte Fritz“, der in jungen Jahren gegen seinen Willen verheiratet worden war, soll deshalb seine Jugendliebe in Männerkleidern in seinem Tross mitgeführt haben. Eine Variante bietet die Deutung, dass mit dem „jungen König“ der letzte Staufenkaiser Konradin gemeint sei, dem man homoerotische Neigungen nachsagte (vgl. Jürgen Reuleke: Ich möchte einer werden so wie die… Männerbünde im 20. Jahrhundert. Frankfurt 2001). Wieder andere Auffassungen vermuten, dass Börries von Münchhausen eine Anregung zu seiner Ballade durch die Novelle Gustav Adolfs Page (1882) von Conrad Ferdinand Meyer (1799 bis 1878) erhalten hat. Der Page ist eine junge Frau, die verkleidet als junger Mann anstelle ihres als Reiterbuben erkorenen jüngeren Bruders in die persönlichen Dienste des Königs Gustav Adolf tritt.

Interpretation

Die Szenerie der Ballade spielt in Zeiten der Landsknechte, worauf die Erwähnung einer Marketenderin hinweist. Seit dem 12. Jahrhundert hatte jedes Fähnlein der Landsknechte einen Marketender (mercatante, Händler), oft auch eine Marketenderin, die eine Art „Mädchen für alles“ war. Sie sorgte für Lebensmittel, Tabak und Alkohol, flickte die Uniformen, wusch die Wäsche und kochte das Essen. Manchmal war sie auch, sofern sie nicht Ehefrau eines Landknechts war (den Söldnern war es nicht verboten zu heiraten), für nächtliche Vergnügungen zuständig (Prostitution), wie es im Lied der Marketenderin von Heinrich Heine (1787 bis 1856) heißt:

Die Kavallerie und die Infanterie,
ich hab sie alle die Braven,
auch habe ich bei der Artillerie
gar manche Nacht geschlummert.

Im Zeltlager herrscht eine Stimmung wie nach einer gewonnenen Schlacht. An den Lagerfeuern wird gesungen und – wie anzunehmen ist – auch getrunken und gescherzt. Gesungen wurde nicht nur von dem „ganzen Heere“, sondern auch von den Reiterbuben, die für die Pferde zu sorgen hatten und hier „klirrend das Pferdegeschirr putzen“. Der Anführer des Heeres, ein junger König, hat sich von dem Treiben abgesetzt, die Liebesdienste einer Marketenderin verschmäht und sich auf die andere Seite des Tales begeben. Ein dem König zugeneigter Reiterbube, fragt die Marketenderin, wohin der König gegangen sei.

Vom sprichwörtlich „anderen Ufer“ (vgl. erste Strophe „Jenseits des Tales“ mit der dritten Strophe „Diesseits des Tales“) denkt der König an diesen Reiterbuben und ist offensichtlich in ihn verliebt. Da sitzt er nun, der junge König, schaut hinüber und ist mit sich nicht ganz im Reinen. Er versucht, seine Leidenschaft zu unterdrücken, indem er sich bemüht, „die Glut der armen Stirne“ zu kühlen. Das gelingt nur bedingt; sein (liebes-) ‚krankes Herz macht es nicht gesund‘.

Er weiß, dass ihm nur die körperliche Nähe zu diesem Knaben Linderung bringen kann, dessen ‚Mund und knabenfrischen Wangen‘. Doch versagt er sich diesem Wunsch und schaut stattdessen mit zusammengepressten Lippen „in das Abendrot“.

Im Lager „[j]enseits des Tales“ herrscht nach wie vor eine gute Stimmung. Und nun kommt noch „ein Lachen in dem ganzen Heere“ hinzu. Vermutlich haben sich die Soldaten über ihren jungen König lustig gemacht. Wie konnte er nur die Marketenderin ablehnen? Auch „jener Reiterbuben lachte“; er macht sich nach wie vor Hoffnung, dass der König ihn irgendwann doch noch erhört.

Eine andere Deutung gibt Jürgen Reuleke (Historiker mit einem Schwerpunkt Jugendbewegung): „Nach innerem Ringen …. blickt der junge König schließlich hinüber ins Abendrot zu seinem Heer; das Lachen des Heeres ist dann ein befreiendes: Der König hat sich offensichtlich zum Männerbund und gegen die Verführung der Marketenderin entschieden“ (Reuleke: Ich möchte einer werden so wie die…, S. 123).

Rezeption

Vor 1933 verbreitete sich das Lied Jenseits des Tales überwiegend durch mündliches Weitergeben am Lagerfeuer oder auf Wanderungen. Viele Jugendgruppen verfügten über hektographierte Liederblätter und handschriftliche Liederbücher. Eine gesteigerte Verbreitung erfuhr das Lied ab 1932 nach der Erstveröffentlichung des von Robert Götz herausgegebenen Liederbuchs Aus grauer Städte Mauern.

Im Vergleich zu anderen Liedern der Jugend- und Wandervogelbewegung wie z. B. Aus grauer Städte Mauern, Wildgänse rauschen durch die Nacht oder Und wenn wir marschieren haben die Nationalsozialisten Jenseits des Tales nur in sehr wenige ihrer Liederbücher aufgenommen. Nur zu Beginn der Nazi-Herrschaft tauchte es in einigen Liederbüchern auf, allerdings mit „jugendfrischen“ statt „knabenfrischen Wangen“ auf, z. B. in dem vom Reichsjugendführer der Hitlerjugend Baldur von Schirach herausgegebenen Liederbuch für die Hitlerjugend Blut und Ehre und dem Liederbuch der Jungmannen Die weiße Trommel (beide 1933). Eines der wenigen Liederbücher, das außerhalb der NS-Organisationen mit dem Lied erschien, war 1935 St. Georg, Lieder der deutschen Jugend der katholischen Pfadfinder, deren Organisation, die DPSG, 1938 aufgelöst und verboten wurde. Nach Erscheinen von Soldaten singen (1936) ist das Lied bis 1945 in keinem gängigen Liederbuch zu finden. Es war „unerwünscht, weil es homosexuelle Assoziationen erregen“ könnte (so Ernst Klusen in Robert Götz: Ich wollte Volkslieder schreiben – Gespräche mit Ernst Klusen, Köln 1975, S. 61). Dagegen haben es 1942 KZ-Häftlinge des „Konzentrationslagers“ Sachsenhausen in ihr handschriftliches Lagerliederbuch aufgenommen, allerdings ebenfalls in der verharmlosenden Fassung.

Bereits in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen Liederbücher Jenseits des Tales in der bezeichnenden Abänderung mit „jugendfrischen Wangen“ in ihr Repertoire auf, z. B. Lieder der Jugend (1946) und Singende Jugend (1948), beide verlegt von katholischen Organisationen, und auf evangelischer Seite Unser kleines Liederbuch für Fahrt und Lager (1949).

1958 wuchs die Popularität des Liedes, nachdem einige Sänger des Südwestdeutschen Rundfunks und der Staatsoper Stuttgart nach dem Erfolg mit dem piemontesischen Volkslied La Montanara als Montanara Chor eine Schallplatte mit Jenseits des Tales herausbrachten. Anfangs hatten die Chormitglieder das Lied für ein altes Landsknechtlied gehalten, bis sie von Götz selbst über die Entstehung aufgeklärt wurden (ebd., S. 54).

Die Beliebtheit des Liedes nahm weiter zu, als 1965 eine gleichnamige Single mit Heino herauskam. Bis 2014 erschienen 16 Alben und weitere acht Compilations mit Heino als Interpreten. „Selbst Heino gibt zu, dass er durch Jenseits des Tales bekannt wurde“ (ebd., S. 54). Da konnte der Montanara Chor mit dem Lied auf 16 Alben und einer Compilation (1963 bis 1997) nicht mithalten.

Obwohl das Lied nicht in den Schulliederbüchern steht, wurde es in vielen Schulen, manchmal sogar in Latein (vgl. ebd.) gesungen.

In einer repräsentativen Umfrage (E. Klusen: Zur Situation des Singens in der Bundesrepublik Deutschland. Bd. 2. Köln 1975) nach den bekanntesten Liedern war es rund 25 % der Befragten bekannt (Rang 17 der 20 bekanntesten Lieder, „vorgegeben aus 186 Liedern die von 90 bis 50 % der VP als bekannt bezeichnet wurden“). Andere von Götz vertonte Lieder wie Aus grauer Städte Mauern oder Wildgänse rauschen durch die Nacht waren 62 % bzw. 57 % der Befragten bekannt und landeten damit auf Rang 10. bzw. 14. (vgl. E. Klusen im Nachwort zu Götz: Ich wollte Volkslieder schreiben).

Nach Robert Götz hat Jenseits des Tales „laut GEMA-Miteilungen in England eine Riesenauflage in England erfahren; es ist auch in Teilen Afrikas und Australiens und in Honkong und Ceylon bekannt, insgesamt ist das Lied in ungefähr 30 Ländern verbreitet“ (Götz: Ich wollte Volkslieder schreiben; S. 56).

Varianten

Wie bereits oben im Liedtext zu ersehen, ist in der vierten Strophe das Original „knabenfrische Wangen“ häufig durch „jugendfrische Wagen“ ersetzt worden, und in manchen Liederbüchern der bestimmte Reiterbube („jener“) in der fünften Strophe entindividualisiert worden durch „ihre Reiterbuben“.

Während der genannte Historiker Jürgen Reuleke (geb. 1940) den Balladentext Borries von Münchhausens im Original zitiert, ist es bemerkenswert, dass angesehene Volksliedforscher wie der Musikwissenschaftler Ernst Klusen (1909-1988) und der Germanist Heinz Rölleke (geb. 1936) in ihren Liederbüchern (Klusen: Deutsche Lieder. Frankfurt am Main 1980 und Rölleke: Das große Buch der Volkslieder. Köln 1993) „jugendfrische Wangen“ schreiben.

Eine ganz andere Fassung ist in dem auflagenstärksten deutschen Liederbuch Die Mundorgel (1953 bis 2014 Auflage über 10 Millionen Textausgabe und 3 Millionen Notenausgabe) zu finden:

Hoch überm Tale standen unsre Zelte,
der bunte Wimpel flatterte am Schaft.
Die Speere flogen und der Hornruf gellte,
im harten Kampfe spannten wir die Kraft.

Wir zogen wie die Wölfe durch die Wälder,
uns war kein Fels zu steil, kein Pfad zu schmal.
Wir lagen manche Nacht am Lagerfeuer
und unsre Lieder klangen übers Tal.

Wir schritten Seit‘ an Seit‘ in gleichem Schritte,
wir schlossen Hand in Hand den engen Kreis,
da trat der König selbst in unsre Mitte,
und zur Gefolgschaft rief uns sein Geheiß.

Hoch überm Tale standen unsre Zelte
Der bunte Wimpel flatterte im Wind
Als uns in seinen Dienst der König stellte
Und wir sind stolz, dass wir des Königs sind.

In den ersten beiden Verse weisen die jugendbewegten Fahrten und Lager einen an die Jugendbewegung erinnernden Inhalt auf; die dritte und vierte Strophe sind christlich geprägt: der „zur Gefolgschaft aufrufende König“ ist Jesus Christus, der Christkönig (vgl. INRI – Jesus Nazarenus Rex Judaeorum).

In der Mundorgel (1968, 13. Auflage) wird dieser Text W. Heisterkamp, über den nichts Näheres bekannt ist, zugeschrieben. Wie diese Zuordnung zustande gekommen ist, konnte nicht geklärt werden. Andere Liederbücher und spätere Ausgaben der Mundorgel, z. B. die von 1982, nennen Fritz Hockenjos (1909-1988) als Autoren, der mit 23 Jahren als überzeugter Christ und Mitglied des evangelischen Bundes Deutscher Bibelkreise (BK) Hoch überm Tale verfasst hat. In der GEMA-Datenbank sind weder Heisterkamp noch Hockenlos aufgeführt. Außer in der Mundorgel ist Hoch überm Tale noch in einigen Liederbüchern vorwiegend christlicher Provenienz erschienen, zuletzt 2012 in (der neu herausgegebenen) tonspur, herausgegeben von der Heliand Pfadfinderschaft und der Christlichen Pfadfinderschaft Deutschlands (CPD).

Georg Nagel, Hamburg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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