Drogenkonsum führt zu nichts. Zu „Willkommen im Dschungel“ von Bernhard Brink (1984) und von Bilderbuch (2015)

Bernhard Brink (Text: Andreas Bärtels/Ingrid Reith)

Willkommen im Dschungel

Irgendwo in einer kleinen Stadt,
die Bürgersteige sind längst hochgeklappt,
sagt eine Stimme aus dem Dunkeln:
Gehen Sie durch diesen Tunnel.
Willkommen im Dschungel.

Die Trommel tanzt, mein Herz vibriert,
ein Tiger küsst den Kneipenwirt.
Die Luft ist heiß, die Mädchen auch,
Blondinen haben Glut im Bauch.
Das Abenteuer lauert hier,
direkt hinter der Tür.
Was für ein Rummel!
Willkommen im Dschungel.

Ich steh so rum, da kommst du rein,
jetzt möcht ich Großwildjäger sein.
Du lächelst kühl und trägst fast nichts,
nur Raubtier-Makeup im Gesicht.
Du bist wie Tarzans Jane gebaut
und trägst auf deiner Haut
nur nen Minirockfummel. 
Willkommen im Dschungel.

Dann tanzen wir, die Schuhe glühen,
die Katzenaugen leuchten grün.
Du flüsterst: Hey, komm mit nach Haus,
da lassen wir den Tiger raus.
Mein Herz will Autoscooter fahren,
mein Kreislauf Achterbahn,
so wie auf'm Rummel.
Willkommen im Dschungel.

Und dann bei dir, sagst du: Moment,
ich guck erst ob die Fackel brennt.
Ein Krokodil singt Rock'n Roll,
und du liegst auf dem Löwenfell,
und hast mich längst hypnotisiert,
und das, was gleich passiert,
ist viel schöner als Rummel.
Willkommen im Dschungel.

Ohoho, willkommen im Dschungel.
Willkommen im Dschungel,
Oh willkommen im Dschungel.
Willkommen im Dschungel.

     [Bernhard Brink: Willkommen im Dschungel. Toledo 1984.]

 

Bilderbuch

Willkommen im Dschungel

Willkommen im Dschungel!
Willkommen im Dschungel!

Wo ich mich tummle?
Willkommen im Dschungel!
Wo der Handel blüht
mit dem frohem Gemüt.
Wo sind die Drinks?
Wo sind die Drinks?
Willkommen im Dschungel!

Die Luft ist so elektrisch,
Mädels werden hektisch.
Sind das Dschungelbells?
So verdächtig!
Hol die police!
Hol die police!
Ich fühl mich so verbrecherisch.

Es kommt ein neuer Tanz auf
tief im Dschungel.
Ich mein, ich tanz ihn auch
tief im Dschungel.

Das Government ruft zur Fütterung auf!
Wild Life, nimm deinen Lauf!
Das ist das neue Gefühl:
So magnifico,
wie all in im
Discocasino!
Ein bisschen Future
zum Verspielen, ja?
Davon hat man eh zuviel!

Nieder mit dem Krempel!
Holt die Diebe in den Tempel!
Bis das Mausoleum brennt
Und die Oper Feuer fängt!
Unsere Trommeln trommeln lauter als Jumanji!

Es kommt ein neuer Tanz auf
tief im Dschungel.
Ich mein, ich tanz ihn auch
tief im Dschungel.
Das Government ruft zur Fütterung auf!
Wild Life, nimm deinen Lauf!
Sweetchild, nimm deinen Lauf!

     [Bilderbuch: Schick Schock. Maschin Records 2015.]

Bernhard Brink ist nicht Falco und damit auch keine offensichtliche bzw. deutlich heraushörbare Inspirationsquelle der momentan doch „richtig krass gehypt[en]“ (zit. nach Interview in der Sendung Einsweitergefragt) Band Bilderbuch. Auf Spiegel online ist bezüglich der vier Oberösterreicher von spielerischen „Klischee-Anhäufungen“ und einem „Mix aus Art-Rock, HipHop, Funk und Popzitaten“ die Rede – nicht von Schlagerzitaten. Die Tagesschau sieht sie auf „Falcos Spuren“, der Rolling Stone spricht von „Falcos Erben“ – kein Wort von Brink.

Und sie haben ja Recht: Bilderbuch hat mit Schick Schock ein schillerndes Album fabriziert, bei dessen Rezeption man sich doch recht leicht in seelige Austro-Pop-Zeiten zurückgebeamt fühlen kann. Wenn Sänger Maurice Ernst in der Warenfetischhymne Maschin Endsilben unterschlägt und im Video zur Lebe-dein-Ich-Persiflage OM Hip-Hop-Hapitus imitiert, vermittelt das „griffige Arroganz“ (zit. nach einem Beitrag des BR-Fernsehens) und leiwande Wurschtigkeit. Wenn man Spliff hört, werden die Steffl, Ring und Gürtel-Assoziationen noch mehr auf Falcos „Special Places“ gerichtet (vgl. Der Kommissar; „jetzt das Kinderlied“ wird bei Bilderbuch zu „alle Kinder singen“ etc.). Am unverkennbarsten sind die falcoesken Anleihen aber wohl bei den „Denglisch-Exzessen“ (zit. aus Rolling Stone) – man höre sich doch (wieder) einmal America an.

Willkommen im Dschungel wirkt in diesem Geiste nicht nur durch die Vokabeln „[s]weetchild“, „[w]ild life“ und „future“, sondern auch durch „police“ und „government“ und die „Dschungelbells“. Weil sich der Wiener ja eh so fühlt wie „ein verkappter Italiener“ (vgl. Interview im BR-Fernsehen), fällt dazwischen auch mal ein „magnifico“, ansonsten herrscht „sprachliche Reduktion“ (vgl. zu den beiden letztgenannten Aspekten den Deutsche Lieder-Beitrag zu den aktuell ebenfalls sehr gelobten Falco-Erben namens Wanda.

Die sprachliche Reduziertheit ist dann auch der augenfälligste stilistische Unterschied zum „Vorbild“ Brink. Ob Bilderbuch dessen Willkommen im Dschungel kennen oder nicht, sei dahingestellt. Auf jeden Fall hat der Schlageronkel schon 1984 ein Lied vorgelegt, dass neben dem gleichlautenden Titel auch noch einige weiteren Parallelen bemeken lässt. In Brinks Variante ist der Held allerdings nicht schon unmittelbar von Beginn an im Getümmel des „Discocasino[s]“ (Bilderbuch) unterwegs. Bevor auch er zum großen Player werden kann, wird erst noch erzählt, wie er dazu verführt, d.h. von der geheimnisvollen „Stimme aus dem Dunkeln“ (Brink) durch den geheimnisvollen „Tunnel“ (Brink) aus der braven Kleinstadtwelt der hochgeklappten Bürgersteige ins wilde „Wild Life“ (Bilderbuch) gelockt wird. Die Szenarien innen ähneln sich dann, ein Nachtclub ist wie der andere: ein „Dschungel“ halt – dicht, verworren, voller Gefahren und voller Verlockungen, man kann viel nackte Haut und Menschen ihren animalischen Trieben nachgehen sehen, „Trommeln trommeln“ (Bilderbuch) oder „tanzen“ (Brink) gar, man tanzt den „neue[n] Tanz“ (Bilderbuch) bis „die Schuhe glühen“ (Brink), die „Luft ist heiß“ (Brink) bis „elektrisch“ (Bilderbuch) und „Kneipenwirt[e]“ (Brink) zeigen sich bemüht, die Frage nach den „Drinks“ (Bilderbuch) zu beantworten.

Der wesentliche inhaltliche Unterschied hat wohl mit dem Grund zu tun, weshalb die „Mädels […] hektisch [werden]“ (Bilderbuch). Bei Bilderbuch geht es mehr um drugs, bei Brink geht es konsequenter um sex. Ob der Abend im Bilderbuch-Dschungel irgendwohin führt, oder ob er einfach irgendwie ziellos seinen „Lauf“ nimmt, wird nicht recht deutlich. Bei Brink jedenfalls schafft es der „Großwildjäger“ mit seiner Beute wieder aus dem Dschungel heraus, um dann schließlich auf dem „Löwenfell“ den „Minirockfummel“ abziehen zu können. Zusammenfassend lässt sich sagen: Der Feierabendentwurf von Bilderbuch bleibt im Drogensumpf stecken, man gefällt sich ein bisschen „verbrecherisch“ und verspielt ein „bisschen Future“, der Feierabendentwurf bei Brink endet hingegen in trauter Zweisamkeit. Ist man eigentlich alt, wenn man auch das Gefühl hat, dass die zweite Variante tatsächlich noch „viel schöner als Rummel“ ist?

Martin Kraus, Bamberg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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