Ins Meer der Liebe versenken. Zu Gerhard Tersteegens „Ich bete an die Macht der Liebe“

Gerhard Tersteegen

Ich bete an die Macht der Liebe

Ich bete an die Macht der Liebe,
die sich in Jesus offenbart.
Ich geb mich hin dem freien Triebe,
wodurch auch ich* geliebet ward.
Ich will, anstatt an mich zu denken,
ins Meer der Liebe mich versenken.**

* Original: „ich Wurm“.
** Original: „ersenken“.

Wenn in einigen Jahren unser Bundespräsident, die Kanzlerin oder die Verteidigungsministerin feierlich durch die Bundeswehr verabschiedet werden, dann wird er wieder ausbrechen, der Streit um den großen Zapfenstreich und die Liedstrophe Ich bete an die Macht der Liebe, die zu diesem Zeremoniell gehört. Dann greifen die Journalisten wieder in ihre Tatstaturen und holen aus dem Internet, was ihre Vorgänger in ihren Zettelkästen fanden: die Legenden und Histörchen über die Geschichte dieser Veranstaltung, die seit über 100 Jahren eine Generation von der anderen abschreibt. Dabei geht es vor allem um zwei Fragen: Wie ist das heute gebräuchliche Zeremoniell entstanden, und wie kommt die Liedstrophe eines niederrheinischen Pietisten „unter die Soldaten“?

Ein Beispiel aus meinem „Zettelkasten“:

Nach der Schlacht bei Großbeeren im August 1813 unternahm der preußische König Friedrich Wilhelm III. zusammen mit dem russischen Kaiser Alexander I. eine Truppenbesichtigung. Am Abend kamen die beiden Monarchen in die Nähe eines russischen Lagers. Wie es im russischen Heere üblich war, sangen die Soldaten nach dem Zapfenstreich ein geistliches Lied. Friedrich Wilhelm III. stand gerade dabei, als die russischen Soldaten das Lied von Bortnianski Ich bete an die Macht der Liebe sangen und war so ergriffen von dem religiösen Schauspiel und von der Melodie, dass er diese Form des Zapfenstreichs auch für seine Truppen befahl (P. Panoff: Militärmusik in Geschichte und Gegenwart. Berlin 1938, S. 128.)

An dieser Geschichte stimmt nur wenig:

  • Es war nicht die Schlacht von Groß-Beeren südlich Berlin am 23. August 1813, denn der Befehl des Königs wurde bereits am 10. August 1813 erlassen.
  • Es war auch nicht die Schlacht von Groß-Goerschen südlich Leipzig am 2. Mai 1813, obwohl auch dies seit 1882 ein Autor vom anderen abschreibt. Am Abend nach dieser Schlacht zogen sich die gegen Napoleon verbündeten Heere nach Schlesien zurück. Der Zar und der König trafen sich nicht auf dem Schlachtfeld sondern in Groitsch und stritten sich höchst unmajestätisch darüber, ob sie über die Elbe ausweichen oder am kommenden Tag die Schlacht wieder aufnehmen sollten.
  • Es war aber tatsächlich eine Truppenbesichtigung. Die allerdings fand bei Landeshut in Schlesien statt, an dem Tag, an dem der Waffenstillstand von Poischwitz endete und der Herbstfeldzug gegen Napoleon begann. Dort steht heute noch eine Gedenksäule, die an diese Feldparade erinnert. An diesem Abend des 10. Augusts 1813 erließ der König den Befehl, der heute als Grundlage des Großen Zapfenstreiches gilt.
  • Bei den Kosaken war es nicht ungewöhnlich, das Abendgebet zu singen. Aber sie sangen nicht die Weise, die heute beim deutschen Militärzeremoniell gespielt wird. Die wurde nämlich wohl erst 1822 komponiert – Dmitri Stepanowitsch Bortnjanski (1751–1825) komponierte die Melodie 1822 zu dem von Michail Matwejewitsch Cheraskow (1733–1807) verfassten, später als Freimaurerlied bekannt gewordenen Text Kol’ slaven naš Gospod’ v Sione („Wie gepriesen ist unser Herr in Zion“) (Angabe 1822 nach Wikipedia; die Angaben in den deutschen Gesangbüchern schwanken zwischen 1820 und 1825.)
  • Die russischen Soldaten sangen 1813 auch nicht Ich bete an die Macht der Liebe von Gerhard Tersteegen (1697–1769). Dieser Text war 1813 in Russland noch unbekannt. Er wurde erst 1820 durch Johannes Evangelista Gossner, Prediger an der katholischen Malteser-Kirche in Petersburg, und seine Sammlung auserlesener Lieder von der erlösenden Liebe in Russland verbreitet, und der Petersburger Organist Johann Heinrich Tscherlitzky gab 1825 in Leipzig ein Choralbuch heraus, in dem er zum ersten Mal Tersteegens Lied mit Bortianskis Weise zusammenbrachte.

Wie kam das Lied dann in den Zapfenstreich?

Auch wenn einige Autoren in meinem Zettelkasten das so darstellen, der König hatte nicht „diese Form des Zapfenstreiches“ befohlen. Er ordnete viel mehr an, dass

  • in Garnison die Kasernenwache nach dem Zapfenstreich-Signal heraustreten und bei abgenommenem Helm ein „stilles Gebet, etwa ein Vater-Unser lang verrichten“ solle. (Daher stammt übrigens der Ausdruck „Stilles Gebet bis Fuffzehn“, der alten Soldaten heute noch vertraut ist.)
  • Im Feldlager sollten die Soldaten nach dem Zapfenstreich-Signal zur Vollzähligkeitskontrolle antreten und anschließend während ein „kurzes Abendlied“ geblasen wurde, wie die Wache die Kopfbedeckung abnehmen und dann zur Nachtruhe in die Zelte gehen.

Damit führte der König das in der Preußischen Armee früher gebräuchliche Abendgebet wieder ein, das unter dem Einfluss der Aufklärung mit den ab 1788 herausgegebenen neuen Reglements abgeschafft worden war. Dabei wurde aber sicherlich nicht Ich bete an die Macht der Liebe gesungen. Dies ist eigentlich die vierte Strophe des Liedes Für dich sei ganz mein Herz und Leben. Gossner hatte diese Strophe an die Spitze von Tersteegens Lied gesetzt, wo sie noch heute steht (Das Lied steht weder im Gotteslob noch im Stammteil des Evangelischen Gesangbuches [EG], aber in den Regionalteilen einiger EG-Ausgaben), aber diese Fassung wurde erst 1825 auch in Deutschland bekannt. Die Preußischen Militärgesangbücher nahmen den Text erst nach der Reichsgründung auf.

Der Befehl des Königs zum Abendgebet wurde während der Feldzüge gegen Napoleon nachweislich befolgt. Bis nach dem Ersten Weltkrieg stand das Abendgebet auch noch in den Vorschriften. Das Zapfenstreich-Signal war in vielen Kasernen der Bundeswehr noch in den frühen 60er Jahren zu hören.

Vom Zapfenstreich zum „Großen Zapfenstreich“

Die preußische Armee hat 1814 nach der Einnahme von Paris einen besonders feierlichen Zapfenstreich zelebriert und dazu Signale aller Truppengattungen zusammengefasst. Dieses Zeremoniell wurde für repräsentative Anlässe weiter ausgebaut und um mehrere Musikstücke erweitert. Später ließ man auch Truppe dazu aufmarschieren, die beim „Gebet“ den Helm abnahm. Dabei ist nicht feststellbar, wann die Weise Bortnianskis zum ersten Mal als „Gebet“ gespielt wurde. Eine Möglichkeit wäre die Truppenparade von Kalisch, mit der 1835 gemeinsame deutsch-russische Manöver beendet wurden.

Noch wahrscheinlicher ist ihre Aufführung bei dem Zapfenstreich, der damals noch „russischer“ Zapfenstreich hieß, anlässlich des Staatsbesuches von Zar Nikolaus I. 1838 in Berlin, wo das Stück eines russischen Komponisten an exponierter Stelle sicher eine passende ehrende Geste war. Dieses Musikstück war mittlerweile in der deutschen Literatur als Melodie für Tersteegens Lied eingeführt und bekannt und wurde nach dessen Incipit benannt.

Unter dem preußischen Musikinspizienten Wilhelm Friedrich Wieprecht wurde 1865 zum ersten Mal der Begriff „Großer Zapfenstreich“ für die von ihm verbindlich zusammengestellte Partitur verwendet, die sich zu einem beliebten patriotischen Konzertstück weiterentwickelte. Erst unter Wieprechts Nachfolgern Rossberg und Hackenberger wurde der Zapfenstreich zu einem exklusiv staatlichen, ja dem protokollarischen Ehrenzeremoniell, das es heute ist.

Den Text können bei einer Zapfenstreich-Aufführung im 21. Jahrhundert wohl die wenigsten der angetretenen Soldaten und nur noch wenige ältere unter den Zuhörern mitdenken. Es ist ein Text der frommen Hingabe an Gott, dessen Denk- und Ausdrucksweise uns heute sehr fremd geworden ist. Mehr als die Anfangszeile kennt kaum ein Teilnehmer.

Zum Lied werden zwar Gebetsgesten ausgeführt (die Zuschauer erheben sich, die Soldaten nehmen den Helm ab) aber die Gebetsform hat keine funktionale, sondern nur noch symbolische Bedeutung. Aber: Wer will, darf beten und sich gedanklich in „das Meer der Liebe“ Gottes versenken. Wer das nicht will, möge sich von der romantisch-süßen Melodie anrühren lassen und an ihre Herkunft denken: Sie wird gespielt, weil sie aus Russland kam.

Nicht Tersteegens Text hat Bortnianskis Melodie in das militärische Zeremoniell des deutschen Protokolls eingeführt, sondern Bortnianskis Komposition hat Terstegens Text eine Verbreitung gebracht, an die der fromme Bandwirker aus Moers nie gedacht hatte.

Andreas Wittenberg

 

Dieser Beitrag ist eine stark gekürzte Fassung des Artikels Helm ab zum Gebet im Jahrbuch für Liturgik und Hymnologie, 26. Band 1982, S. 157–174. Eine Kurzfassung mit einer Auflistung aller bis heute unbeantworteten offenen Fragen findet sich in der Zeitschrift für Heereskunde Heft 362/363 (1992).

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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