Es geht um Amore. Um die Liebe. In all ihren Formen. „Bologna“ von Wanda (2014)

Wanda

Bologna

Ich kann sicher nicht mit meiner Cousine schlafen,
obwohl ich gerne würde, aber ich trau mich nicht.
Ich kann sicher nicht mit meiner Cousine reden,
obwohl ich gerne würde, aber ich trau mich nicht.

Tante Ceccarelli hat in Bologna Amore gemacht.
Amore, meine Stadt!
Tante Ceccarelli hat einmal in Bologna Amore gehabt.
Bologna, meine Stadt!

Ich kann sicher nicht mit meiner Cousine reden,
obwohl ich gerne würde, aber wir trauen uns nicht.
Ich kann sicher nicht mit meiner Cousine tanzen,
obwohl ich gerne würde, aber sie traut sich nicht.

Tante Ceccarelli hat in Bologna Amore gemacht. [...]

Und eins merk dir genau:
Wenn jemand fragt, wohin du gehst, sag nach Bologna!
Wenn jemand fragt, wofür du stehst, sag für Amore, Amore!
Wenn jemand fragt, wohin du gehst, sag nach Bologna!
Wenn jemand fragt, wofür du stehst, sag für Amore, Amore!

Tante Ceccarelli hat in Bologna Amore gemacht. [...]
Bologna, meine Stadt!

     [Wanda: Amore. Problembär 2014.]

Ganz viel Amore

Schrammelige Gitarrenklänge mischen sich mit Wiener Schmäh. Der Sound ist ebensowenig geglättet wie die Texte. Es geht um Ehrlichkeit. „Ich kann sicher nicht mit mainer Cousine danzen“. Wandas Herkunft ist unverkennbar. Nach Bologna haben die fünf jungen Wiener einen Ausflug unternommen.

Tante Ceccarelli hat in Bologna Amore gemacht. Mit wem, das wird nicht verraten. Das Sänger-Ich würde gerne mit seiner Cousine schlafen. Handelt es sich bei ihr um die Tochter der Tante? Die in Bologna gezeugt wurde? Das wird der Phantasie überlassen.

Eine Auflösung erhofften sich zahlreiche Journalisten, die mit dem Sänger der österreichischen Newcomerband Wanda sprachen. Eine Reporterin der Zeitung Die Presse kam dem Rätsel zumindest teilweise auf die Spur: Marco Michael Wanda, Verfasser des Lieds „Bologna“, verriet ihr, seine Tante habe tatsächlich Ceccarelli geheißen und in Bologna gewohnt. Sie sei in ihren Cousin verliebt gewesen, der im Krieg starb. Ob es aber zwischen den beiden zum Vollzug der „Amore“ kam, bleibt ungewiss.

Seine Tante jedenfalls hatte einen Einfluss auf Marco Michael Wanda. Sie sei „super“ gewesen, habe „immer nur ferngesehen und geweint, weil sie schwer mit Arthritis beschäftigt war. Alle anderen in meinem Umfeld haben ihre Unsicherheit überspielt, diese Tante hat sie gezeigt. Das fand ich ehrlich. Sie war ein unglaublich mitfühlender Mensch“. Offen gezeigte Gefühle – darum geht es in Wandas Liedern. „Wenn jemand fragt, wofür du stehst, sag für Amore, Amore!“ Wer mit wem verwandt ist, gerät da zur Nebensache.

Inszenierter Tabubruch

Oder doch nicht? „Ich kann sicher nicht mit meiner Cousine schlafen“ Warum nicht? „[I]ch trau mich nicht.“ Die fünf jungen Musiker von Wanda kommen aus Österreich. Dort sollte man sich im Grunde mit Liebesbeziehungen zwischen Verwandten auskennen. Schließlich war sogar Kaiser Franz Josef mit seiner Cousine Elisabeth, genannt Sissi, verheiratet. Doch was im 19. Jahrhundert möglich war, stellt heute eines der letzten Tabus unserer Gesellschaft dar. Wanda scheuen sich nicht, es zu thematisieren.

Der Bruch mit Tabus – ein österreichisches Phänomen? Für einen Skandal sorgte Falco in den 1980er Jahren. Der nach Mozart vielleicht bekannteste österreichische Musiker veröffentlichte ab 1985 die Liederserie Jeanny. Thematisiert wird mutmaßlich die Sicht eines Vergewaltigers bzw. Stalkers auf sein Opfer. Zugegeben, dagegen geht es in Bologna geradezu harmlos zu. Und dennoch zu viel Provokation für manchen: Die österreichischen Radiosender spielten Wandas Lieder nicht. Frontmann Marco sieht darin ein „altes Prinzip: Falco ging nach Deutschland und kam zurück nach Österreich“ (Interview NDR).

Gebrochene Rollenmuster

Amore – das Thema ihrer Lieder transportieren Wanda auch nach außen. Nach Konzerten herzen sich die fünf jungen Wiener gegenseitig, verteilen Luftküsse an ihr Publikum und recken diesem aus Zeigefinger und Daumen geformte Herzen entgegen. Den Zuhörern gefällt’s, sie herzen zurück. Untereinander nennen sich die Bandmitglieder auch schon mal „Baby“. „Zum Wohl, Schatzi“, prosten sich Sänger und Keyboarder beim Interview vor einer ansonsten reizlosen Hannoveraner Pommesbude zu.

Sicherlich, eine Portion Werbung in eigener Sache schadet nicht, das werden auch Wanda wissen. Doch spricht Frontmann Marco über seine Bandkollegen, klingt dies fast wie eine Liebeserklärung: „Ich habe mir viele Jahre nicht gefallen. Es waren diese anderen vier Typen, die das möglich gemacht haben. Es ist das erste Mal, dass ich mir trauen konnte, und das erste Mal, dass mein Lebensentwurf Sinn ergeben hat.“ (Interview www.diepresse.com) Und Keyboarder Christian Hummer meint: „Das ist wie eine Beziehung, aber mehr als eine Beziehung.“ (Interwiew www.falter.at) Das Klischee des derben Rockstars geht anders.

Auf der Bühne beim Singen dagegen spart Marco Michael Wanda nicht mit machistischen Gesten: Nackter Oberkörper, laszive Hüftbewegungen. Dennoch: Wanda brechen mit gängigen Rollenmustern. Das haben sie mit einem weiteren österreichischen Popstar dieser Tage gemein: Tom Neuwirth alias Conchita Wurst. 2014 gewann der Österreicher in Ballkleid und Bart den Eurovision Song Contest. Conchitas Porträt küsst Sänger Marco im Interview auch schonmal.

Empfindet man Lust, muss man sie kompromisslos ausleben“, sagt Marco Michael Wanda im Interview. Ein Verhalten, das klassischerweise der männlichen Geschlechterrolle zugeschrieben wird. In „Bologna“ dagegen bleibt die Liebe unerfüllt. Das Sänger-Ich übt sich in Zurückhaltung, „ich trau mich nicht“. Das Eingestehen der eigenen Schwäche bedeutet einen Bruch mit der Norm.

(Männlich konnotierte) Entschlossenheit ist dennoch zu spüren; in Aufforderungen wie „Und eins merk dir genau“, „Wenn jemand fragt, […] sag“ oder der Einschätzung „sicher nicht“ kommt sie zum Ausdruck. Die Tragik entsteht aus der Unfähigkeit, die Entschlossenheit in die Tat umzusetzen, aus der Diskrepanz zwischen der Entschlossenheit und dem Sich-nicht-trauen.

Die wilde Wanda

Benannt hat sich die Männerband nach einer starken, aber auch brutalen Frau: Wanda Kuchwalek. Als Wilde Wanda wurde „Wiens einziger Zuhälterin“ in den 1970er-Jahren bekannt. Ihr Markenzeichen: eine ausziehbare Stahlrute. Vor ihr zitterten die Männer: Freier ebenso wie andere Zuhälter und sogar Polizisten, wie aus alten Berichten hervor geht.

Über zehn Jahre nach ihrem Tod zollt Marco Michael Wanda mit seiner eigenen Namensgebung und dem seiner Band der Zuhälterin Respekt, die „in einer männlichen Domäne als Frau gesiegt hat“ (Interview NDR). Das irritiert manche Medienvertreter auch im Jahr 2014 noch. Es sei „schon eher selten, dass eine Männerband sich nach einer Frau benennt“, so eine Journalistin des österreichischen Kuriers gegenüber dem Sänger. Der kontert, die Band habe „das Gefühl, das gehört sich so. Das ist anständig“.

Erfolgreicher Schmäh

Wandas Musik, ihr Habitus kommen bei den Medien wie beim Publikum gleichermaßen gut an. „Die beste deutschsprachige Popmusik kommt derzeit aus Österreich“, befindet der NDR. Wandas Debütalbum Amore wurde im Oktober 2014 veröffentlicht und erreichte fünf Monate später Goldstatus in Österreich. Derzeit tourt die Band durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Bei den österreichischen Amadeus Awards waren Wanda die am häufigsten nominierten Künstler und gewannen zwei Preise.

„Ist das schon das grandiose Comeback des Austropop“, fragt die Süddeutsche Zeitung. Doch mit diesem Begriff wollen Wanda im Ausland nicht in Verbindung gebracht werden. Der Focus kann das nachvollziehen. Der Austropop werde als „altbacken und bieder“ wahrgenommen, da man an „Altherren“ wie Wolfgang Ambros, Rainhard Fendrich und Georg Danzer denke. Dagegen wollen Wanda, „dass es Popmusik mit Amore genannt wird“ (Interview www.kurier.at). Passt eh besser.

Kein Musikantenstadel

Ach, Wanda haben es trotz oder gerade wegen ihres Erfolgs nicht leicht. Unzählige Klischees gilt es zu widerlegen. Ein NDR-Reporter äußert sich überrascht, dass es eine österreichische Band gibt, die keinen Schlager macht. Er will wissen, ob Wanda „die Ehrenrettung des deutschen Schlagers“ seien. Keyboarder Christian Hummer ist zu höflich, um sein Entsetzen über diese Frage zu artikulieren. Nur ein leichtes Kopfschütteln verrät ihn, während er erklärt: „Unsere Akkordfolgen, unsere Lederjacken, unser Geruch passen nicht so gut mit Schlager zusammen.“ Sie seien eine Rockband, beeilt sich sein Bandkollege nachzuschieben. Allerdings: „Der Schlager kann unter seiner kitschigen Oberfläche relativ düster sein. Unsere Texte haben auch etwas Düsteres.“ Das stimmt. Man denke nur an Tante Ceccarelli und die Cousine.

Das Interview macht deutlich, wie schwer es Musiker haben, die sich nicht rollenkonform verhalten. Und wie mühsam es ist, Genrevorstellungen zu sprengen. Mit ihrer zurückhaltenden, höflichen Art lassen sich Sänger und Keyboarder auch als Kellner im Smoking in einem Wiener Caféhaus vorstellen. Beim Servieren von Törtchen und Melange. Wie sie Besucherinnen aufmerksam den Stuhl zurück schieben. Doch sie können auch anders und das stellt keinen Widerspruch dar: Auf der Bühne sind sie ganz Rockstars. Rockstars mit Amore und Luftküssen, was von der Kultiviertheit des Caféhauses nicht allzu weit entfernt zu sein scheint. Vielleicht kein Zufall. Schließlich haben sie nach eigener Aussage ihre Jugend dort verbracht.

Sprachliche Reduktion

Dass Wanda „nicht der Musikantenstadel“ (Interview www.rollingstone.de) sind, wie Frontmann Marco es ausdrückt, spiegelt sich auch in ihren Liedtexten. Die Sprache ist zurückgenommen und präzise eingesetzt. Bologna besteht im Wesentlichen aus drei Passagen, die sich in abgewandelter Form wiederholen:

„Ich kann sicher nicht mit meiner Cousine schlafen, / obwohl ich gerne würde, aber ich trau mich nicht!“

„Tante Ceccarelli hat in Bologna Amore gemacht. / Amore, meine Stadt!“

„Wenn jemand fragt, wohin du gehst, sag nach Bologna!“

Wandas Lieder kommen mit einer vergleichsweise geringen Anzahl an Worten aus. Durch den Wechsel zwischen Wiederholung („Wenn jemand fragt“) und Variation („wofür du stehst, sag für Amore, Amore!“) entstehen ein Sog und eine Eingängigkeit, die Wandas Musik kennzeichnen.

Wandas Herkunft hört man ihren Liedern an: helles, gedehntes a, stimmhaftes b, d, g statt ‚harter‘ Konsonanten. Bolognas Charme liegt nicht zuletzt in der Mischung aus unverkennbarer Wiener Sprachmelodie und italienischer Amore. Warum singen Wanda nicht von „Liebe“ oder „Love“? Amore mit seinen drei Selbstlauten sei zum Singen besser geeignet, erklärt Sänger Marco.

Was der Inspiration sonst noch dient: „Wir wühlen sehr viel in Literatur.“ (Interview www.rollingstone.de) Was Songschreiber Marco vermeidet: „Zu viele Adjektive. Ich bin bei allen Künsten ein Fan von Reduktion, vom Hemingway’schen Eisbergmodell. Wenn du als Produzierender genug fühlst, musst du es nicht mehr aufschreiben. Dann wird das, was du auslässt, vom Rezipienten trotzdem wahrgenommen.“ (Interview www.diepresse.com) Schaut man sich Videos von Wandas Konzerten an, findet man dies bestätigt. Die Emotionen der Band greifen auf das Publikum über.

Der Süddeutschen Zeitung lässt sich nur zustimmen: „Bitte bleibt Freunde, es ist so schön bei euch!“

Isabel Stanoschek, Bamberg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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