Kein guter Stern für den Sternenkrieger – Welle: Erdballs „Starfighter F-104G“

Welle: Erdball

Starfighter F-104G

Mein Name ist Joachim von Hassel.
Ich bin Pilot der Bundeswehr
und sende euch aus meinem Flugzeug 
den Funkspruch, den niemand hört.

(Kontrolle!)

Verzweifelt drücke ich die Tasten,
doch das Fahrwerk fährt nicht aus.
Gefangen in der Welt der Technik.
Gefangen in einem Sarg aus Stahl.

Dies ist mein letzter Flug
in meine Ewigkeit.
Doch ich habe keine Angst,
denn du bist bei mir.
Du bist bei mir!

Mein Name ist Joachim von Hassel,
und mein Vater wird stolz auf mich sein.
Denn ich bin schneller als der Schall,
und ich nehme euch jetzt alle mit.

Verzweifelt regel’ ich die Schubkraft,
doch das Triebwerk reagiert nicht mehr.
Gefangen in der Welt der Technik.
Gefangen in einem Sarg aus Stahl.

Dies ist mein letzter Flug
in meine Ewigkeit.
Doch ich habe keine Angst,
denn du wirst bei mir sein.

Und auch der Schleudersitz
bricht mir nur das Genick.
Ich habe keine Angst,
denn du bist – Du bist bei mir!

Mein Name ist Joachim von Hassel.
Ich bin Pilot der Bundeswehr.
Zum Fliegen um die ganze Welt
brauche ich kein Flugzeug mehr.

     [Welle: Erdball: Starfighter F-104G. SPV 2002]

„Das nächste Lied handelt von einem Flugzeug.“ Der Titel Starfighter F-105G der Hannoveraner Minimal-Elektro-Formation Welle: Erdball hat – trotz oder gerade wegen seines eher zynisch-düsteren Hintergrunds – in der Szene Kultstatus erlangt. Die stampfenden Rhythmen machen den Titel zu einem idealen Lied für die Tanzfläche, wo ganz bewusst der im Lied thematisierte Kontrollverlust erreicht werden soll. Kontrolle ist das zentrale Thema des Liedes. Nicht nur das Sänger-Ich, das mit seinem Flugzeug abzustürzen droht, auch die realen Piloten in den Kampfflugzeugen vom Typ Lockheed F-104 „Starfighter“ rangen um die Kontrolle über sich und ihre Maschinen. Letzten Endes mussten selbst die Politiker in der sogenannten Starfighter-Affäre eingestehen, dass sie die Kontrolle über die Vorgänge im Rahmen der Beschaffung, Umrüstung und Verwendung der Flugzeuge verloren hatten.

Schon die offizielle Indienststellung des Waffensystems F-104G „Starfighter“ stand unter keinem guten Stern. Tags zuvor war bei der Generalprobe für die Feierstunde die für die Zeremonie vorgesehene Kunstflugstaffel in einem Braunkohletagebau bei Köln abgestürzt. Die vier beteiligten Maschinen kollidierten und rissen ihre Piloten in den Tod (vgl. Karl Heinz Weiß: Vier auf einen Schlag. In: Flugsicherheit. Fachliche Mitteilung für fliegende Verbände der Bundeswehr [2012], H. 2, S. 16-19). Insgesamt gingen von den 916 von der Bundesrepublik im Zeitraum zwischen 1962 und 1991 eingesetzten F-104 269 Maschinen durch Abstürze verloren, 116 Piloten verloren dabei ihr Leben. Eine ähnlich hohe Verlustquote hatte der Starfighter auch in Belgien (38 von 101 Maschinen) und Italien (137 von 360) (vgl. Wikipedia). Die gravierenden Mängel des Flugzeuges, die durch die umfassenden Umrüstungen (vgl. Rüstungs-Aufträge: Kalifornische Preise. In: Der Spiegel (1959), H. 6, S. 17) für die Einsatzzwecke der deutschen Luftwaffe zum Teil verschlimmert wurden, waren bereits vor der Anschaffung Grund zur Warnung. Experten wiesen von Beginn an darauf hin, dass etwa die von Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß geforderte Einsatzreichweite nicht erreicht werden könne. Doch nur mit dem amerikanischen Modell konnte Strauß die von ihm angestrebte nukleare Teilhabe der Bundesrepublik umsetzen (Vgl. Ein gewisses Flattern. In: Der Spiegel [1966], H. 5, S. 21-36), die technisch ausgereiftere und ebenfalls zur Disposition stehende französische „Mirage III“ erlaubte dies nicht. Strauß entschied sich unter bis heute dubiosen Umständen für das US-Modell und gab damit den Anstoß für eines der größten technischen Fiaskos der Bundeswehr und für die in den späten 1960er Jahren folgende „Starfighter-Affäre“.

Die Namen der 116 tödlich verunglückten Piloten sind in einer weitgehend entmilitarisierten Bevölkerung heute längst nicht mehr geläufig. Wie die gefallenen Soldaten der deutschen Auslandseinsätze seit der Wiedervereinigung erschöpft sich die Erinnerung in Kranzniederlegungen am Volkstrauertag. Welle: Erdball setzt mit Starfighter F-104G zumindest einem der Piloten stellvertretend ein musikalisches Denkmal. Die Identifikation des Piloten erfolgt dabei durch die Sprecherinstanz selbst zu Beginn des Liedes. Im harten, militärisch korrekten Ton gibt sich der Sprecher als Joachim von Hassel zu erkennen, der in der Tat unter den in „Starfightern“ umgekommenen Piloten eine besondere Rolle spielt. Oberleutnant zur See Joachim von Hassel war der Sohn Kai Uwe von Hassels, von 1962 bis 1966 Bundesverteidigungsminister und überzeugter Verteidiger des „Starfighters“. Joachim von Hassel starb am 10. März 1970 beim Absturz seiner F-104G.

Schon die erste der mit für die Band typischen minimalelektronischen Sounds unterlegten Strophen, die passend zum militärisch-technischen Thema von harten, an Industrial erinnernden Percussion-Elementen unterbrochen werden, wendet sich direkt an die Zuhörerschaft. Im weiteren Verlauf tritt das Sprecher-Ich in einen Dialog mit einem „euch“ und einem „du“. Es ist dabei nicht ganz eindeutig, wer angesprochen wird; ob es sich um die Zuhörer, die Flugüberwachung oder gar eine (fiktive?) Geliebte handelt, deren ideelle Nähe dem zum Absturz verdammten Piloten die Angst nimmt („Ich habe keine Angst, / denn du bist … – Du bist bei mir!“). Da der Dialog jedoch mit dem Funkspruch an ein „Euch“ beginnt, ist die Intimität einer zweisamen Dialogsituation bereits von Beginn an gestört. Die Anrede versucht die Selbstreferenzialität des Sprecher-Ichs zu durchbrechen und eine direkte Beziehung zum Hörer herzustellen. Dadurch, dass der Hörer durch die direkte Anrede quasi in das Cockpit des rettungslosen Flugzeuges gezogen wird, schmilzt die Distanz und wird eine deutlich gesteigerte emotionale Nähe erzeugt. Zugleich bricht diese Handlungsweise mit dem Bild des heroisch-einsam sterbenden Soldaten. Das Sprecher-Ich will keinen isolierten, aufopferungsvollen Heldentod, sondern den Hörer mitreißen, was sich in der aggressiven Stimmlage des Gesangs niederschlägt. Die Versicherung, „Du bist bei mir!“ ist nicht die eines zärtlich Liebenden, sondern die eines Verzweifelten.

Dass Welle: Erdball die technischen Hintergründe recherchiert haben (so von der Band in der eigenen Dokumentation 20 Jahre Welle: Erdball konstatiert), zeigt sich an den zahlreichen Anspielungen auf die Schwachstellen des Flugzeuges. Selbst der Sprecher ist überzeugt, dass der Funkspruch von niemandem mehr gehört wird, und hat das Grundvertrauen in die von ihm gesteuerte Maschine bereits verloren. Weder Elektronik noch Fahrwerk reagieren auf Ansprache, letztendlich versagt die Triebwerksteuerung. Tatsächlich waren Fehler im Fahrwerk und Defekte in der Antriebsöffnung des Triebwerks die Hauptgründe für Abstürze und Bruchlandungen der „Starfighter“. Insgesamt 88 Maschinen gingen wegen Triebwerksschäden verloren (vgl. www.cactus-starfighter-staffel.de). Selbst der Schleudersitz garantierte keine Rettung, da zahlreiche Piloten bei der Trennung von ihren eigenen Sitzen erschlagen wurden. Die erste Schleudersitzversion „C1“, die bereits bei der Beschaffung durch die Bundeswehr verworfen wurde, sah einen Ausstieg nach unten vor, da man ironischerweise befürchtete, bei einem Ausstieg nach oben könnten die Piloten von der langen Heckflosse des Flugzeuges erschlagen werden. Ein Ausstieg bei Tiefflug, wofür die „Starfighter“ vorgesehen war, war so jedoch praktisch unmöglich, da die Piloten buchstäblich in den Boden katapultiert worden wären. (Vgl. Tödliches Taumeln. In: Der Spiegel (1966), H. 51, S. 56-57) Die von der Bundeswehr genutzte Version „C2“ stieß zwar nach oben aus, war jedoch erst bei relativ hohen Geschwindigkeiten wirksam, was wiederum bei den häufigen Problemen bei Start und Landung wenig hilfreich war. Erst 1967 wurde ein „Zero/Zero-Sitz“ eingeführt, der die Piloten auch bei stehendem Flugzeug (null Höhe, null Geschwindigkeit) sicher aussteigen ließ.

In der Verzweiflung der Sprecherinstanz zeigt sich die Ohnmacht des Menschen vor der „Welt der Technik“, einer Abwandlung des Albumtitels Die Wunderwelt der Technik, auf dem das Lied im Jahr 2002 erschien. Das Album setzt sich provokant und vielschichtig mit der Allgegenwart der Technik und blinder Technikhörigkeit auseinander. Der „Starfighter“, in der deutschen Version bis auf die letzte Nische mit zusätzlicher Technik vollgestopft, wird für den Piloten zu einem „Sarg aus Stahl“. Noch heute hat die F-104 die zynischen Beinamen „Witwenmacher“, „Sargnagel“ und „Sargfighter“.

In den letzten Strophen wird die Regelmäßigkeit der formalen Gliederung verlassen. Eine finale Resignation, nun nicht mehr verzweifelt, sondern vielmehr gleichgültig, endet in einer letzten, einer Selbstvergewisserung gleichen Wiederholung von Rang und Namen. Der Funkspruch bleibt unvollständig und reißt ab, die fehlende Sentenz „Dies ist mein letzter Flug“ bleibt angesichts des ausgesparten Absturzes sprechende Leerstelle.

Tobias Illing,  Hürth

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

2 Responses to Kein guter Stern für den Sternenkrieger – Welle: Erdballs „Starfighter F-104G“

  1. T. Illing says:

    Hat dies auf pagina secunda rebloggt und kommentierte:
    Ein Gastbeitrag meinerseits für die Anthologie „Deutsche Lieder“.

  2. Georg Nagel says:

    Wie populär die Wildgänse beim CVJM wirklich waren oder noch sind, vermag ich nicht zu beurteilen. Die Aussage: Mundorgel als erfolgreichstes deutsches Liederbuch nach 1945 mit einer Auflage von über 10 Millionen bezieht sich auf die Mundorgel mit ihren mehr als 250 Liedern als Ganzes. Ich selbst, in jungen Jahren Mitglied des CVJM, habe das Lied in rund 4 Jahren nicht ein einziges Mal gesungen oder auf Fahrt oder am Lagerfeuer gehört.

    Ergänzend könnte Folgendes interessant sein: Nach einer „repräsentativen Umfrage“ 1975 des Instituts für musikalische Volkskultur (heute Institut für europäische Musikkultur) war das Lied 57,3 % der Befragten bekannt; gesungen wurde es von 62,2 %, von denen, die das Lied kannten. Mit den 57,3 % standen die „Wildgänse“ an 14. Stelle der 20 bekanntesten Lieder. (Quelle: Ernst Klusen, Hrsg., Zur Situation des Singens in der Bundesrepublik Deutschland, Bd. II Die Lieder, Köln 1975).
    Interessant wäre es, zu erfahren, wie hoch diese Werte 40 Jahre nach der ersten wissenschaftlichen Untersuchung über die Verbreitung von Liedern aussähen.

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