Ein Trostlied für den Schüchternen, mit weltpolitischem Ausblick: Mani Matters „Hemmige“ (1970)

Mani Matter

Hemmige

S'git Lüt, die würden alletwäge nie
es Lied vorsinge, so win ig jitz hie,
eis singen um kei Prys, nei, bhüetis, nei,
wil sy Hemmige hei.

[Es gibt Leute, die würden wohl niemals
ein Lied vorsingen, so wie ich jetzt hier,
eins singen? – Um keinen Preis, nein, Gott behüte!,
weil sie Hemmungen haben.]

Sy wäre vilicht gärn im Grund gno fräch
und dänke, das syg ires grosse Päch
und s'laschtet uf ne win e schwäre Stei,
dass sy Hemmige hei.

[Vielleicht wären sie im Grunde genommen gern frech
und denken, das sei ihr großes Pech,
und es lastet auf ihnen wie ein schwerer Stein,
dass sie Hemmungen haben.]

I weiss, das macht eim heiss, verschlat eim d'Stimm,
doch dünkts eim mängisch o, s'syg nüt so schlimm,
s’isch glych es Glück, o we mirs gar nid wei,
dass mir Hemmige hei.

[Ich weiß, da wird einem heiß, da verschlägt’s einem die Stimme,
aber selbst wenn man manchmal denkt, es sei nichts so schlimm (wie die Hemmungen) –
es ist doch ein Glück, auch wenn wir das gar nicht wollen,
dass wir Hemmungen haben.]

Was unterscheidet d'Mönsche vom Schimpans?
S'isch nid di glatti Hut, dr fählend Schwanz,
nid, das mir schlächter d'Böim ufchöme, nei,
dass mir Hemmige hei.

[Was unterscheidet die Menschen vom Schimpansen?
Es ist nicht die glatte Haut, der fehlende Schwanz,
nicht, dass wir schlechter auf die Bäume hinaufkommen, nein,
dass wir Hemmungen haben.]

Me stell sech d'Manne vor, wenns anders wär
und s'chäm es hübsches Meiteli derhär,
jitz luege mir doch höchstens chly uf d'Bei,
wil mir Hemmige hei.

[Man stelle sich die Männer vor, wenn es anders wäre
und ein hübsches Mädchen daherkäme.
Jetzt schauen wir doch höchstens ein wenig auf die Beine,
weil wir Hemmungen haben.]

Und we me gseht, was hütt dr Mönschheit droht,
so gseht me würklech schwarz, nid nume rot
und was me no cha hoffen isch allei,
dass sy Hemmige hei.

[Und wenn man sieht, was heute der Menschheit droht,
dann sieht man wirklich schwarz, nicht nur rot,
und das einzige, was man noch hoffen kann, ist,
dass sie Hemmungen haben.]

     [Mani Matter: Hemmige. Zytglogge 1970.]

Mani Matter, ein Berner Liedermacher, Meister der Reimkunst und oft als „Bob Dylan der Schweiz“ bezeichnet, dichtete und sang ausschließlich auf Berndeutsch – weshalb er in Deutschland und Österreich nur wenig bekannt sein dürfte. Mit etwas Gewöhnung sind seine Lieder jedoch auch für Hörer, die des Schweizerdeutschen nicht mächtig sind, ein Genuss. Diese Chansons sind „brillante Miniaturen einer kritischen Reflexion unserer Lebenswelt“, Werke eines Nonkonformisten, die oft auf dem „scheinbar Unspektakulären“ (Eckhard John) gründen – und gerade die Beiläufigkeit, das schweizerische Understatement (Matter bezeichnete sich selbst lediglich als „Värslischmid“) und die damit kontrastierende Tiefe der Texte machen den großen Reiz der geschilderten „Lebenswelten“ aus. Nicht zu vergessen die hochinteressanten Reimmöglichkeiten des Schweizerdeutschen. Einen Höhepunkt auf diesem Gebiet bildet beispielsweise Matters Limerick-Chanson Dr Sidi Abdel Assar vo El Hama.

Mit dem Titel-Stichwort „Hemmige“/„Hemmungen“ öffnet Matter noch vor Beginn des Liedes ein weites Feld an Erwartungen, das zunächst psychologisch geprägt sein könnte. Die Psychoanalyse hat das Wort zu Beginn des 20. Jahrhunderts neu erfunden; Sigmund Freud verwendet es in Schriften wie Hemmung, Symptom und Angst (1926) (hier: „psychische Impotenz“) oder auch in Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten (1905), wo er den „Hauptcharakter der Witzarbeit“ darin erklärt sieht, „Lust frei zu machen durch Beseitigung von Hemmungen“. Diese Aufgabe der „Witzarbeit“ scheint auch Matters Lied zu übernehmen – nicht indem es Hemmungen direkt beseitigt, sondern indem es sie neu bewertet, auf höhere und allgemeinere Ebenen stellt, teils mit einem Augenzwinkern betrachtet und dadurch dem gehemmten Einzelnen (dem Zuhörer) Erleichterung verschafft.

Um welche Art der Hemmung geht es hier überhaupt? Als Ausgangspunkt der Argumentation – denn das Lied ist eine fast schulmäßige Abfolge von Ausgangsthese, Gegenbehauptung und Beweisführung in drei Punkten – wird der Typus („S’git Lüt, die…“) des Schüchternen evoziert, der sich niemals trauen würde, vor Publikum aufzutreten oder gar „fräch“ zu sein, und der sich über seine Hemmungen grämt. Arthur Kahane hat die „Hemmungen der Schamhaftigkeit“ in der Bühnensituation in seinem Buch Theater. Aus dem Tagebuch eines Theatermannes (Berlin 1930) beschrieben. Doch Matter geht es an dieser Stelle nicht darum, die „Hemmige“ weiter zu differenzieren – er hebt sich das für die spätere Beweisführung auf.

Verschiedene sprachliche Mittel (Exclamatio, Vergleich, Klimax) heben die Schwere des Zustands hervor, die angesichts der zu Beginn genannten Aufgabe („es Lied vorsinge“) eine gewaltige, leicht ins Absurde spielende Affektsteigerung erfährt. Dies bereitet die Gegenbehauptung vor: Eigentlich ist es doch ein Glück, Hemmungen zu haben! Beweis Nummer eins besagt, dass Hemmungen uns Menschen von unseren tierischen Verwandten („Schimpans“) unterscheiden. Dieses Stichwort ruft dem Chanson-Liebhaber die früheste Komposition von Georges Brassens – von Anfang an ein großes Vorbild Mani Matters – in Erinnerung, Le gorille, die im Deutschen in der Version Vorsicht! Gorilla von Franz Josef Degenhardt bekannt war. In heiter-frivoler Manier wird darin ein sexbesessener Gorilla auf der Suche nach einem „Opfer“ besungen, bis das Lied eine Wendung zum Ernsten nimmt und mit einem Plädoyer gegen die Todesstrafe endet. Eine ganz ähnliche Entwicklung mit Wendung zum Ernsten macht auch Matters Hemmige. Doch nachdem die fehlenden Hemmungen des Affen bei Matter zunächst nicht weiter erläutert werden, folgt als Beweis Nummer zwei das, was man aufgrund der Kenntnis von Le gorille erwartet – eine Behandlung des Trieb-Themas: Ein friedliches Zusammenleben zwischen Männern und Frauen wäre ohne (sexuelle) Hemmungen kaum möglich.

Inzwischen ist dem Hörer das Reimschema – AABB – und der Refrainvers am Ende jeder Strophe („wil/dass sy Hemmige hei“) so vertraut, dass er mit der Lust des Wiedererkennens verbunden ist. Raffiniert ist an diesem Vers nicht nur seine melodische Hervorhebung des Wortes „Hemmige“ mit langen Noten, die aus dem sonst streng durchgehaltenen jambischen Rhythmus ausbrechen, sondern auch seine strategisch wichtige Platzierung im harmonischen Schema mit Rückführung zur Dominante, die dann jeweils wieder in die Tonika des Strophenanfangs überleiten kann. Zudem übernimmt er unterschiedliche Funktionen im Text: So kann er für Ungesagtes stehen (Strophe 5) oder die Ausgangsthese wiederholen – und dies aufgrund der immer wieder neuen Kontexte doch jedesmal so, dass sein Erklingen keineswegs eine Erwartung erfüllt, sondern vielmehr überraschend wirkt – ein bei der schlichten Strenge der Form erstaunliches Phänomen.

In der sechsten Strophe folgt der letzte und „schlagende“ Beweis, dass Hemmungen „es Glück“ sein können: Ohne sie wäre die Menschheit längst vernichtet. Von Bedrohung, von „schwarz“ und „rot“ ist hier die Rede – und obgleich Matter im Jahr 1970 ganz konkret die Doppelstrategie der Nato im Kalten Krieg und die Atombomben-Drohungen der westlichen und der östlichen Seite meinte, hat der Gedanke bis heute nichts von seiner Aktualität verloren.

Dass Matter den anfänglich leichten Ton verlässt, um ernst zu enden, ist ein Phänomen, dass sich in seinen späteren Liedern häufiger einstellt. Das Extrem wäre das letzte Lied, Warum syt dir so truurig?, das 1972 entstand, bevor Matter 36jährig bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Von Anfang an ist ansonsten ein sehr feiner Humor sein Markenzeichen, der Zuhörer aller Schichten gleichermaßen anspricht.

In einem anderen Chanson nimmt Matter noch einmal intertextuellen Bezug auf Hemmige: In Bim Coiffeur schildert er ein „metaphysischs Grusle“, das ihn beim Frisör ergreift, wenn er in den Spiegel schaut und, da hinter ihm ein weiterer Spiegel ist, sein Bild bis in die Unendlichkeit vervielfacht findet. Der Schlussvers lautet:

Und wenn dir findet i sött e chly meh zum Coiffeur ga,
de chöit dir jitz verstah warum i da e Hemmig ha.

[Und wenn ihr findet, ich sollte ein wenig öfter zum Frisör gehen,
dann könnt ihr jetzt verstehen, warum ich da eine Hemmung habe.]

Fazit: Mit ebenso witzigem wie liebevollem Verständnis für menschliche Schwächen des Alltags, ja für das Menschsein an sich, gelingt es Mani Matter, in einem betont schlicht gehaltenen „Liedchen“ mit vordergründig einfachen Mitteln Grundlegendes und Großes zu sagen. Freud und die Psychoanalyse, vom Titel ins Spiel gebracht, bilden dabei nicht mehr als eine Ausgangsfolie, die angesichts der weiter gefassten, anthropologischen Denkart bald in Vergessenheit gerät.

Dorothea Krimm, Mannheim

Advertisements

Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

Hinterlasse einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: