Regression der Dancefloor-Generation ins Kinderland: „Eine Insel mit zwei Bergen“ von Dolls United nach dem Lummerlandlied der Augsburger Puppenkiste (1995)

Dolls United feat. Jim Knopf & Lukas der Lokomotivführer

Eine Insel mit zwei Bergen

[Lukas:] Hier Lummerland Hauptbahnhof.

Eine Insel mit zwei Bergen
Und dem tiefen weiten Meer,
Mit viel Tunnels und Geleisen
Und dem Eisenbahnverkehr.
Nun, wie mag die Insel heißen?
Ringsherum ist schöner Strand.
Jeder sollte einmal reisen
In das schöne Lummerland!

[Jim:] Eine Insel, da ist eine Insel!

[Lukas:] Wo denn? Wo denn?

[Jim:] Eine Insel, da ist eine Insel!

[Lukas:] Wo denn? Wo denn?

Ah, jetzt, ja, eine Insel!
Ah, jetzt, ja, eine Insel!
Ah, jetzt, ja, ah, jetzt, ja …

[Lukas:] Eine Insel mit zwei Bergen [...]

[König Alfons:] Ich erkläre hiermit diese Insel zu meinem Königreich –
Und wir bauen einen gemütlichen Palast.

[S. (?):] Das öst ein wondervolles Thöma för eine Balladö!

[Jim:] Lukas, da ist ja Lummerland!
Ich bin's, Jim Knopf, wir kommen!

[Lukas:] Eine Insel mit zwei Bergen [...]

[Emma:] Fiep, fiep!

[Jim:] Uiii, mach nochmal! Wer bist du denn?

[Emma:] Fiep, fiep!

[Jim:] Uiii!

[Lukas:] Ah, jetzt, ja, eine Insel!
Ah, jetzt, ja, eine Insel!
Ah, jetzt, ja, ah, jetzt, ja …

Eine Insel mit zwei Bergen [...]
Jeder sollte einmal reisen
In das schöne Lummerland!

So, Feierabend, Emma …

     [Dolls United feat. Jim Knopf & Lukas der Lokomotivführer: Eine Insel mit zwei 
     Bergen. Ultraphonic 1995.]

Die Abenteuer von Jim Knopf, seinem großen starken Freund Lukas und dessen Lokomotive Emma zählen seit Jahrzehnten zu den beliebtesten Stoffen der deutschen Kinderliteratur. Michael Ende (1929-1995) hat sich die Geschichten ausgedacht und Anfang der 1960er Jahre – nach vielen erfolglosen Versuchen – endlich beim Thienemann Verlag untergebracht. Gegen die Erwartungen vieler Lektoren entwickelten sich seine beiden Romane Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer (1960) und Jim Knopf und die Wilde 13 (1962) rasch zu Bestsellern ihres Genres und werden bis heute fleißig gelesen. Fast zeitgleich brachte die Augsburger Puppenkiste eine szenische Darstellung der Romane mit Marionetten heraus, die auch im Fernsehen gezeigt wurde und den Protagonisten sowie ihrem Schöpfer bundesweite Popularität verschaffte. Nach der relativ schlichten Schwarz-Weiß-Produktion von 1961/62 folgte 1976/77 eine neuerliche Verfilmung, dieses Mal in Farbe und vier Teilen unter der Regie von Manfred Jenning (1929-1979), dem Hausautor, Spielleiter und Sprecher der Augsburger Puppenkiste. Diese Verfilmungen erweiterten nicht nur die Fan-Gemeinde von Jim und Lukas, sondern brannten auch das sog. ,Lummerlandlied‘ (siehe Anhang) ins kollektive deutschsprachige Gedächtnis ein. Es fungiert im Film als Exposition der folgenden Abenteuerhandlung, indem es den phantastischen Zwergstaat von Alfons-dem-Viertel-vor-Zwölften skizzenhaft vorstellt und zudem noch ein wenig in die dort herrschende Atmosphäre einführt.

Dieses Kinderlied griff Mitte der 1990er Jahre die Dancefloor-Formation Dolls United auf und passte es musikalisch an einen populären Discostil jener Zeit an, der elektronische Dance-Rhythmik mit Pop-Refrains und Rap-Strophen kombinierte. Zur musikalischen Grundstruktur dieser Richtung vgl. den Artikel „Eurodance“ bei Wikipedia. Die Stimmenverteilung im Falle der Lummerlandlied-Version von Dolls United ergibt sich aus dem Personal von Michael Endes Kinderbüchern, wobei naturgemäß die meisten Verse auf Lukas und Jim entfallen. Die Abkürzung „S.“ auf mehreren Lyrics-Seiten konnte ich allerdings nicht auflösen. Möglicherweise hat ja ein Leser dieses Blogs eine gute Idee?

Der  Refrain, gesungen von Lukas, folgt in Text und Melodie weitgehend dem Original-Lummerlandlied der Augsburger Puppenkiste. Inhaltlich wird darin das winzige Phantasieland Michael Endes mit einigen charakteristischen Attributen (zwei Berge, im Meer liegend, Eisenbahn) vorgestellt, das Publikum – im Gestus einer rhetorischen Frage – nach seinem Namen befragt und die Auflösung ,Lummerland‘ gleich nachgereicht, verbunden mit der Anmutung im Stil eines Reiseveranstalters, dass eigentlich jeder einmal dort gewesen sein sollte. (Sind Sie wie Peter Cornelius Reif für die Insel, wäre Lummerland bestimmt das Richtige für Sie!) Ob in der Realität oder in der Phantasie mit Hilfe des Liedes bzw. des einschlägigen Films bleibt natürlich offen. Nach der ersten Strophe gehen die beiden Lied-Versionen allerdings auseinander. Während das alte Kinderlied im Stil der ersten Strophe fortfährt, einzelne Lummerland-,locations‘ bzw. Ausschnitte der fiktiven Welt vorzustellen, schieben Dolls United nun eine Rap-Passage ein, wobei es ihnen weniger um Treue zum Kinderbuch bzw. den logischen Zusammenhang geht (siehe etwa die Bahnhofsdurchsage im Eingangsvers), als um ein rhythmisches Aufmöbeln und Tanzbar-Machen des Rohmaterials.

Der Rap-Dialog zwischen Jim („Eine Insel, da ist eine Insel!“) und Lukas („Wo denn? Wo denn?“) nimmt die Vorstellung einer Reise nach Lummerland aus der Eingangsstrophe auf und lässt uns praktisch den ersten Moment miterleben, in dem Sichtkontakt hergestellt wird. Der kleine Jim entdeckt das Ziel zuerst, nach einiger Zeit erkennt es dann auch Lukas: „Ah, jetzt, ja, ah, jetzt, ja …“. Aufmerksame Michael-Ende-Leser wissen natürlich, dass dieser Dialog im Kinderbuch bei ganz anderer Gelegenheit stattgefunden hat, nämlich im Schlussteil von Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer bei der Sichtung jener schwimmenden Insel, die die Helden bei ihrer Heimfahrt auf Frau Mahlzahns Rat hin einfangen werden, um damit die durch den rasanten demographischen Wandel erzeugten Lebensraumprobleme auf Lummerland zu lösen und so die Geschichte endgültig einem guten Ende zuzuführen.

Den Fortgang des Dancefloor-Lummerlandsongs kann man sich als langsame Annäherung der Reisenden an die Insel vorstellen. Mit der zweiten Rap-Passage ist man schon nahe genug herangekommen, um Stimmen von Inselbewohnern unterscheiden zu können. Schließlich, im dritten Rap-Teil, kommt es zu einem ersten Zusammentreffen zwischen Jim und Emma, der Lokomotive, die per ,Fiepen‘ auch einen akustischen Beitrag zum Song leisten darf. Zumindest Jim ist begeistert: „Uiii, mach nochmal!“ Nach einer weiteren Refrain-Strophe, die wieder Lukas übernehmen muss, hat dieser aber offensichtlich genug: „So, Feierabend, Emma …“ – Die Kids in der Disco werden nicht gefragt, ob sie auch Feierabend machen wollen, dürfen aber wahrscheinlich auf Eins, zwei, Polizei von Mo-Do weitertanzen.

Ich habe mich gefragt, wieso ausgerechnet musikalisch aufgestylte Kinderlieder, zumindest für einige Jahre, in Discos Erfolg haben konnten, d.h. bei einem Publikum, dem man eigentlich unterstellen würde, dass ihm viel daran liegt, den Status des Erwachsen-Seins zu betonen. Als jemand, der selber einer anderen Generation angehört, kann ich die Frage selbstverständlich nur hypothetisch ventilieren: Möglicherweise erlaubten solche Titel ihren Fans einerseits – natürlich unter ironischem Vorzeichen! – eine lustvolle Regression in eine offiziell bzw. theoretisch überwundene Lebensphase unter Einschluss der Lizenz einschlägiger Verhaltensweisen (Stichwort: ,unschuldiges‘ Kindergebaren!), andererseits aber auch das Erlebnis bzw. Gefühl der Zugehörigkeit zu einer kollektiven Gemeinschaft. Ich erinnere an einen Song von Rainald Grebe (Sag wir zu mir, auf dem Album 1968), worin das Sprecher-Ich über mögliche Gemeinsamkeiten zwischen ihm selbst und seiner Alterskohorte nachsinnt; nach vielem Herumgrübeln kommt es dort zu dem als befreiend empfundenen Ergebnis, dass man wenigstens über ein kollektives Bildungserlebnis verfügt – die gesamte (offensichtlich primär vor/ von der Mattscheibe erzogene) Generation hat Karel Gotts Biene-Maja-Lied gesungen.

Hans-Peter Ecker, Bamberg

Anhang:

 

Augsburger Puppenkiste

Lummerlandlied 

Eine Insel mit zwei Bergen
und im tiefen weiten Meer,
mit viel Tunnels und Geleisen
und dem Eisenbahnverkehr.
Nun wie mag die Insel heißen?
Ringsherum ist schöner Strand.
Jeder sollte einmal reisen
in das schöne Lummerland!

Eine Insel mit zwei Bergen
und dem Foto-Atelier,
in dem letzten macht man Bilder
auf den ersten Dullijö.
Diese Breiten, diese Tiefen,
diese Höhen sind bekannt
und man spricht von den Motiven
von dem schönen Lummerland.

Eine Insel mit zwei Bergen
und dem Fernsprechtelefon,
wählt man nur die richtige Nummer,
klappt auch die Verbindung schon.
Hallo, hier ist falsch verbunden,
wollen sie sich jetzt beschweren?
Nein, warum? Das kann passieren,
also dann auf wiederhörn.

Eine Insel mit zwei Bergen
und der Laden von Frau Waas,
Hustenbonbons, Alleskleber,
Regenschirme, Leberkas,
Körbe, Hüte. Lampen, Bürsten,
Blumenkohl und Fensterglas,
Lederhosen, Kuckucksuhren
und noch dies und dann noch das.

 

 

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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