Romantisiertes Landleben. Zu „Im Märzen der Bauer“

Anonym

Im Märzen der Bauer

Version A

1.
Im Märzen der Bauer
die Rößlein einspannt.
Er setzt seine Felder
und Wiesen instand.
Er pflüget den Boden
er egget und sät
und rührt seine Hände
frühmorgens und spät.

2.
Die Bäuerin, die Mägde
sie dürfen nicht ruh´n.
Sie haben im Haus
und im Garten zu tun.
Sie graben und rechen
und singen ein Lied
und freu´n sich, wenn alles
schön grünet und blüht.

3.
So geht unter Arbeit
das Frühjahr vorbei.
Dann erntet der Bauer
das duftende Heu.
Er mäht das Getreide,
dann drischt er es aus.
Im Winter da gibt es
manch herrlichen Schmaus.

Version B

1.
Im Märzen der Bauer
Die Rößlein einspannt;
Er pfleget und pflanzet
All' Bäume und Land.
Er akkert, er egget,
Er pflüget und sät
Und regt seine Hände
Gar früh und noch spät.

a.
Den Rechen, den Spaten,
Den nimmt er zur Hand
Und ebnet die Äcker
Und Wiesen im Land.
Auch pfropft er die Bäume
Mit edlerem Reis
Und spart weder Arbeit
Noch Mühe und Fleiß.

2.
Die Knechte und Mägde
Und all sein Gesind,
Das regt und bewegt sich
Wie er so geschwind.
Sie singen manch munteres,
Fröhliches Lied
Und freu'n sich von Herzen,
Wenn alles schön blüht.

3.
Und ist dann der Frühling
Und Sommer vorbei,
So füllet die Scheuer
Der Herbst wieder neu.
Und ist voll die Scheuer,
Voll Keller und Haus,
Dann gibt's auch im Winter
Manch fröhlichen Schmaus.

Herkunft

Erstmals veröffentlicht wurde das uns heute geläufige Lied (A) 1923 in der von Walther Hensel herausgegebenen Liedersammlung Das Aufrecht Fähnlein. Hensel (1887–1956), der Musikpädagoge und Mitbegründer der Jugendmusikbewegung, hat das unter B aufgeführte Lied textlich und musikalisch bearbeitet, wie auch andere Volkslieder (vgl. auch Im Frühtau zu Berge in diesem Blog).

Ursprünglich stammen Text und Melodie aus Nordmähren, wo es „von der deutschen Landbevölkerung der mährischen Sudeten häufig und gern gesungen wurde“ (so der österreichische Ethnomusikologe Josef Pommer, 1845-1918). Die Version B taucht erstmalig 1884 im Liederbuch für die Deutschen in Österreich (Hrsg. Pommer) auf. Laut Eckart John, dem Volksliedforscher und Herausgeber des online verfügbaren Historisch-kritischen Liederlexikons, gehen beide Versionen auf die vierte Strophe des Liedes So hasset alle Sorgen, verjaget sie gar zurück:

Im Märzen der Bauer die Ochsen anspannt.
Er pflüget die Felder und bauet das Land.
Er pflüget und pflanzet die Bäumchen und Land.
Das bringet uns öfter ein‘ fröhlichen Stand.

Unbekannt geblieben ist, von wem Text und Weise dieses vom Beginn des 19. Jahrhunderts stammenden Kalenderliedes – jeder Monat wird einzeln besungen – stammen (vgl. liederlexikon.de).

Melodie

Formal ist das Lied dreiteilig aufgebaut: A B A, ein Aufbau wie er auch häufig bei Kinderliedern zu finden ist, z. B. Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann oder Weißt du wie viel Sternlein stehen. Hier wird der erste Formteil zu Beginn wiederholt: |:A:| B A. Die Formteile bestehen aus nur 4 Takten, wobei alle Formteile mit einem Auftakt beginnen wie viele Volkslieder (vgl. z. B. Aus grauer Städte Mauern oder Kommt ein Vogel geflogen). Die Melodie umfasst eine Oktave; sie enthält ausschließlich Viertelnoten, lediglich am Schluss eines jeden Formteils steht wegen des Auftaktes eine halbe Note. Die Textverteilung ist syllabisch, d.h. auf jeden Ton kommt eine Silbe.

Begleiten lässt sich die meistens in G-Dur notierte Melodie mit zwei Hauptharmonien, der Tonika und der Dominante; farbiger wird das Begleitspiel unter Einbeziehung des Dominantseptakkords. Die eingängige und einfache Melodie im Dreivierteltakt und sein leicht verständlicher Inhalt haben zur Beliebtheit des Liedes beigetragen, in den letzten Jahrzehnten vor allem bei Kindern und Kinderchören.

Interpretation

Das Lied gibt uns ein idyllisches Bild von der Arbeit auf dem Lande. Zwar wird von „früh bis spät“ gearbeitet, aber von der Härte der Arbeit ist nicht die Rede, und außerdem helfen dem Bauern beim Pflügen und Eggen „die Rößlein“, die ja eigentlich Ackergäule sind. Es scheint, als ob er anschließend ohne Hilfe nur noch das Säen besorgen müsste.

In der zweiten Strophe werden die Arbeiten der Bäuerin und der Mägde im Haus erwähnt und im Garten mit „graben und rechen“ beschrieben. Nach dem Motto Mit einem Liedchen auf den Lippen fließt die Arbeit munter fort „singen sie ein Lied“. Wer schon einmal ein Beet umgegraben hat, wird gemerkt haben, dass einem dabei nicht gerade nach Singen zumute ist. Zu der Zeit dienten die Gärten von Bauern fast ausschließend dem Anbau von Gemüse; blühende Stauden werden nicht zu sehen gewesen sein. Hier aber heißt es romantisierend „sie freun sich, wenn alles /  schön grünet und blüht“.

Darüber, wie schweißtreibend und anstrengend das Mähen in der (noch) nicht technisierten Landwirtschaft mit der Sense war, erfahren wir ebenso wenig wie über das tagelange Dreschen des Getreides mit dem Flegel. Aber im Winter geht es den Landleuten gut, „da gibt es manch fröhlichen Schmaus“. Auch hier dürfte die Realität geschönt worden sein. So viel Geld, wie für Fleisch und andere Zutaten zu einem fröhlichen Schmaus nötig war, hat der (Klein-)Bauer wohl kaum eingenommen. Also ist davon auszugehen, dass der Bauer nicht nur „ Rößlein“, sondern, wie selbst bei ärmeren Bauern üblich, Federvieh, mindestens eine Kuh und ein, zwei Schweine besessen hat und Bäuerin und Bauer sowie die Mägde davon profitieren konnten. Das aber würde bedeuten, dass eine Menge zusätzliche Arbeit in die Tierhaltung, ins Füttern, Melken, Stall ausmisten usw. gesteckt werden musste, wie es auch in der dritten Strophe einer Neudichtung von O. Haen (veröffentlicht 1973 in der Sammlung Der Liederquell) heißt:

Dann hat er das Tagwerk noch lang nicht vollbracht,
er füttert die Tiere noch ehe es Nacht.
Die Rösslein, das Kälbchen, das Lämmchen, die Kuh,
und geht dann mit Frieden im Herzen zur Ruh.

(liederlexikon.de)

Doch davon ist in unserem Lied keine Rede. Im Gegensatz zu dem an der Wirklichkeit des damaligen Bauernlebens vorbeigehenden Lied zeichnen uns frühere Bauernlieder ein ganz anderes Bild.

Bauernleben

In den Bauernliedern, die Der Große Steinitz, Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten ausweist (vgl. S. 53 ff.), geht es tatsächlich alles andere als idyllisch zu. Da mussten Fron- und Anspanndienste (Ackerbau und Arbeiten mit eigenen Zugtieren für den Grund- oder Leibherrn) geleistet werden, die häufig zu Lasten der Arbeit auf dem eigenen Acker gingen, der Zehnte an die Kirche und hohe Steuern gezahlt und auch noch „Pickdienste“ (Drill- und Kriegsdienste – „Ich trag ein Pick im vierten Glied“ heißt es in der 21. Strophe der Schwäbischen Bauernklage) erfüllt werden. Steinitz weist unter dem Titel Ich bin ein armer Bauer neun Lieder bzw. Gedichte über Bauernklagen aus. In dem unter dem Titel wohl bekanntesten Lied aus dem 17. Jahrhundert mit dem Untertitel „Wie sich der Baur beklagt wegen der grossen Contribution (Grundsteuer) und Beschwärnussen“ heißt es in der ersten von 31 Strophen:

Ach ich bin wol ein armer Baur,
Mein Leben wird mir mächtig saur,
Ich mein, ich könn oft nimmermehr:
Ach daß ich nie geboren wär!

Eine Variante aus dem Jahr 1818, die die ersten beiden Zeilen aufnimmt, stammt aus Mähren:

Ei, Pauer, liewer Pauer,
Dos Lawe fällt mer sauer,
Dos Lawe fällt mer a su schwer,
Ich woll‘, dos ich kae Pauer wär.

Sicherlich gibt es auch aus früheren Zeiten Bauernlieder, die von zufriedenen Bauern handeln, besonders nachdem Fron- und Pickdienste abgeschafft waren, so z. B. Ich lebe als Landmann zufrieden (1880) oder Ich bin das ganze Jahr vergnügt, im Frühling wird das Feld gepflügt (um 1900) (weitere Bauernlieder s. volksliederarchiv.de).

 Im Märzen der Bauer19. Jahrhundert, unbekannter Maler

 

Rezeption

Ob die Henselsche Fassung in der späten Jugend- und Wandervogelbewegung gesungen wurde, ist nicht bekannt. In die einschlägigen Liederbücher ist es nicht aufgenommen worden, jedoch in viele Schulbücher der Weimarer Zeit und in einige Liederbücher der Wanderburschen.

In der Zeit des NS-Staats fand es als Frühlings- oder Kinderlied Aufnahme in zahlreiche Schulbücher. Während es den meisten NS-Organisationen wahrscheinlich als zu unpassend für „Aufbau oder Stärkung des Nationalsozialismus“ erschien, fand es Platz im Liederbuch Werkleute singen der NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude und in der Sammlung Lieder der Arbeitsmaiden.

Geht man von der Anzahl der Liederbücher (über 250) im Schendel-Archiv (www.deutscheslied.com) sowie der Platten, CDs (rund 70) und Partituren fast (200) des Deutschen Musikarchivs Leipzig aus, wurde Im Märzen der Bauer nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute gern gehört und gesungen. Da es auch als Kinderlied gilt, singen es vor allem Kinderchöre, wie die Wiener Sängerknaben, die Regensburger Domspatzen und der Tölzer Knabenchor u.v.a., aber auch Nena auf der Kinderlieder-CD Unser Apfelhaus. In ihr Repertoire nahmen es auch der Tenor Peter Schreier und der Bariton Peter Schreyer auf. Bei den über 100 Videos von Youtube überwiegen die Interpretationen als Kinderlied.

Parodien

Wie populär ein Lied ist, kann sich auch in Parodien oder Umdichtungen zeigen, wobei häufig die erste Zeile (sog. Incipit) als Aufmacher bzw. Titel dient. Von acht mir bekannten Parodien aus den vergangenen Jahrzehnten handeln sieben von der Mechanisierung der Landwirtschaft. Statt der „Rösslein“ wird zum Pflügen ein „Traktor“ eingesetzt; dafür gibt es ein überzeugendes Beispiel: Im Märzen der Bauer Motoren anwirft (m. E. sehens- und hörenswert dieses Youtube-Video). In dreien dieser Varianten wird zusätzlich der übermäßige Einsatz von Düngemitteln und Giften angeprangert. Folgerichtig heißt es einem Lied des früheren Mitglieds der Münchner Lach- und Schießgesellschaft, Klaus Peter Schreiner:

Er [der Bauer, Anm. d. Verf.] fährt in die Kreisstadt
– er ist ja nicht dumm,
und kauft im Reformhaus
– er weiß schon, warum.

Politische Variante

Zum Schluss noch die Variante, die am schärfsten die Verwendung von Chemikalien anprangert. Das folgende Lied wurde anlässlich der Demonstrationen im Mai 2013 „March against Monsanto“ von A. E. Corvis verfasst:

Der Bauer im 21. Jahrhundert

Im Märzen der Bauer den Traktor anspannt
er spritzt tonnenweise Glyphosat auf das Land.
Kein Regenwurm lebt mehr, kein Pflänzchen, o Graus!
Nur Saat von Monsanto mit Genen hält‘s aus!

April ist‘s, der Bauer die Felder schön düngt,
er spritzt reichlich Gülle, das ganze Land stinkt.
Dazu noch Ammoniumnitrat und Phosphat,
ganz dick und massiv bald empor wächst die Saat.

Im Maien der Bauer das Rapsfeld einsprüht.
Besonders gut wirkt‘s, wenn der Raps goldgelb blüht.
Es sterben die Bienen, und krank wird das Vieh,
doch die Aktien von Bayer, die steigen wie nie!

Im Juni der Bauer mit Ammoniak aast,
ganz tief wird mit Düsen der Acker vergast.
Kein Vöglein mehr singt, da die Lunge verätzt,
die Kröten am Boden gleich werden zersetzt!

Im Juli der Bauer mit Gift um sich spritzt,
damit ihm kein Käfer ein Körnchen stibitzt.
Von Jahr zu Jahr stärker das Gift wird dosiert,
doch sind die Insekten längst immunisiert.

Im Herbste dem Bauern die Ernte verdorrt,
die Bank um Kredit er vergebens anschnorrt.
Der Herr von Monsanto verspricht ihm sehr viel:
„Ein paar Zentner Gift noch, dann sind Sie am Ziel!“

Im Winter der Bauer durchs Stadttor einfährt,
damit die Familie gesund sich ernährt.
Er schaut auf dem Markte sich aufmerksam um,
kauft BIO-Gemüse, er weiß schon, warum!

Georg Nagel, Hambung

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

One Response to Romantisiertes Landleben. Zu „Im Märzen der Bauer“

  1. Pingback: Albtraum-Schlaflied: „Maikäfer, flieg!“ | Deutsche Lieder. Bamberger Anthologie

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