Lasst uns düsen, und zwar im Sauseschritt! „Codo“ von D.Ö.F.

D.Ö.F.

Codo

[Erzähler:] Seit 2.000 Jahren lebt die Erde ohne Liebe.
Es regiert der Herr des Hasses.

[Herr des Hasses:] Häßlich, ich bin so häßlich, so gräßlich häßlich:
Ich bin der Haß!
Hassen, ganz häßlich hassen, ich kann's nicht lassen:
Ich bin der Haß!

[Controller:] Attention, attention!
Unknown flying object approaching the planet. -

[Herr des Hasses:] Identify unknown flying object.

[Codo:] Codo der dritte, aus der Sternenmitte
bin ich der dritte
von links.

[Controller:] Unknown flying object identifies as: “Codo.”

Und ich düse, düse, düse, düse im Sauseschritt
und bring die Liebe mit von meinem Himmelsritt.
Denn die Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, die macht viel Spaß,
viel mehr Spaß als irgendwas.

[Herr des Hasses:] We do not need any love on this planet:
Tötet Codo! Vernichtet die Liebe!

[Controller:] Zielansprache: Gamma, Delta, sieben, drei, eins, Überraum.

[Codo:] Codo aus der Ferne der leuchtenden Sterne:
Ich düse so gerne durchs All.
Und ich düse, düse, düse, düse im Sauseschritt
und bring die Liebe mit von meinem Himmelsritt.
Denn die Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, die macht viel Spaß,
viel mehr Spaß als irgendwas.

[Controller:] Objekt überwindet den Haßschirm.

[Herr des Hasses:] Ätzend, ich bin so ätzend, alles zersetzend:
Ich bin der Haß.

[Codo:] Und ich düse, düse, düse, düse im Sauseschritt
und bring die Liebe mit von meinem Himmelsritt.
Denn die Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, die macht viel Spaß,
viel mehr Spaß als irgendwas.

     [Tauchen - Prokopetz/DÖF: Codo...düse im Sauseschritt. WEA 1983.]

Abseits von Kirchen- und Weihnachtsliedern (vgl. etwa „O du fröhliche“) passiert es nicht allzu häufig im populären deutschsprachigen Liedgut, dass die Welt gerettet wird. Eher hört man vom Gegenteil (vgl. Nestroys Kometenlied oder Nenas 99 Luftballons, um nur zwei bekannte Interpreten mit „N“ zu nehmen.) Umso schöner, dass Codo unseren (?) Planeten aus den Fängen des ,Herrn des Hasses‘ und seines ätzenden Machtapparats befreit. Das Erzähler-Intro im Sprechgesang betont die eschatologische Dimension des Geschehens: „Seit 2000 Jahren“ – und das heißt doch wohl seit den Ereignissen von Bethlehem und Golgatha – „lebt die Erde ohne Liebe. / Es regiert der Herr des Hasses“, den sich der geschätzte Hörer, ganz nach Belieben, als Römer, Teufel, Papst oder Ober-Terroristen vorstellen mag. In der Folge inszenieren drei Gesangsstimmen die einschlägigen Ereignisse quasi: Zwei männliche Stimmen geben den Herrn des Hasses und seinen Ersten Offizier bzw. ,Controller‘ in einem ziemlich hart und dissonant klingenden Sprechgesang. In den Codo-Partien hören wir dagegen eine weibliche Stimme, die dem Ohr reine Wohltaten erweist, indem sie ausgesprochen sanft in gefälligen Dur-Tonarten (C, D und G) umhersurft. Die Rettung der Welt kommt in dieser Geschichte also weder von einem Agenten Ihrer Majestät noch von einem edlen Rebellen, sondern von ganz weit weg – „aus der Sternenmitte“. Behauptet wenigstens der Retter bzw. – wenn wir nach der Stimmlage gehen – die Retterin.

Obwohl der Herr des Hasses schon bald erfährt (da Codo sich freundlicherweise selbst identifiziert), wer der ungebetene Gast ist und welche Konterbande er im Gepäck mitführt, kann er ihn nicht aufhalten. Alle Abwehrmaßnahmen versagen. Das fremde Objekt aus dem All mit der angenehmen Stimme überwindet auf seinem offensichtlich ziemlich lustvollen „Himmelsritt“ spielend den „Haßschirm“ der bösen Macht und infiziert mit seinem erotischen Virus alles, was auf seiner Route liegt. Was wir als Publikum selbstverständlich spontan begrüßen: „Denn die Liebe […] macht viel Spaß“, um ehrlich zu sein sogar „viel mehr Spaß als irgendwas“. Doch halten wir hier einen Augenblick inne und geben uns Mühe, die Dinge einmal objektiv zu sehen. Wenn die Liebe wirklich mehr Spaß macht als alles andere, kommen wir kaum umhin, sie unter die harten Rauschdrogen zu subsummieren. Und damit erscheint uns auch die plötzliche Panik des Hasses nachvollziehbar, hebelt Codo doch gerade seine (unsere?) ganze Ordnung aus. (Einschub Bildungswissen: Ein Beiname des Teufels, Diabolos, lässt sich von gr. ,durcheinanderwerfen‘ ableiten!) Wo kämen wir denn da hin, wenn sich die Leute nur noch lieben würden? Nicht mehr in die Schule gehen, keinen Müll rausbringen, keine Lokomotiven mehr in Bewegung setzen, kein Auftausalz streuen – und das womöglich noch im Winter vor Weihnachten?

So müssen wir wohl oder übel unsere Eingangshypothese korrigieren: Der Song Codo berichtet nicht von der Rettung der Welt, sondern von ihrem Untergang und passt damit bestens zu Nestroy und Nena, obwohl die Formation D.Ö.F. nicht mit „N“ anfängt. Welch einer Fehlinterpretation wären wir da doch beinahe aufgesessen! Womöglich ist Codo auch gar kein Stern, sondern ein durchgeknallter Alt-Hippie auf Ecstasy (siehe ,Himmelsritt‘!), der sich in eine schräge Art von Jesus-Nachfolge hineindeliriert hat und in den vernünftigen Staatsorganen, die ihn in eine Ausnüchterungszelle bugsieren wollen, die Mächte der Finsternis zu erkennen glaubt. Wie auch immer: Bei Codos (gleich ob Junkies oder Kometen) ist immer Vorsicht geboten, wie schön sie auch singen!

Apropos D.Ö.F. Diese Buchstabenfolge erinnert vage an DAF, eine auf elektronische Musik und Mussolini-Tänze spezialisierte Band der späten siebziger und frühen achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts, die sich als „Deutsch Amerikanische Freundschaft“ ausbuchstabieren lässt. Auch für die Abkürzung D.Ö.F. gibt es eine Auflösung: „Deutsch-Österreichisches Feingefühl“. Das klingt einigermaßen hintersinnig (um nicht zu sagen hinterfotzig), und zwar in mehrfacher Hinsicht: einmal betreffs des sprichwörtlichen Feingefühls zwischen Piefkes und Ösis, das sich vielleicht am eindrucksvollsten bei Fußballspielen oder Koproduktionen von Angehörigen beider Brudervölker im Burgtheater erleben lässt, dann aber auch wegen der lautlichen Nähe zu sowohl DAF als auch ,doof‘. Wenn Harald Havas in seinem Austropop Sammelsurium (Wien 2008, S. 122) die Vermutung äußert, dass D.Ö.F. als „kabarettistische Zusammenrottung der Ambros-immer-wieder-Mittäter Joesi Prokopetz und Freddy Tauchen mit den Berliner Humpe-Schwestern“ (ebd.) das Ganze als Parodie auf die Neue Deutsche Welle geplant und erwähnte Assoziationen billigend in Kauf genommen habe, will ich ihm nicht unbedingt widersprechen. Aber wie das Leben so spielt: mit 1,2 Millionen verkauften Codo-Singles und Hitparaden-Spitzenplätzen in den deutschsprachigen Ländern, aber auch im Benelux-Raum, fand man sich unversehens selber an der Spitze der Bewegung.

Zu Recht, wie ich meine: denn der Hit ist ein rechter Ohrwurm und hat mit einigen seiner sprachlichen Wendungen Eingang ins kollektive Gedächtnis gefunden: So haben wir neben dem zweifelhaften ,Walkürenritt‘ nun auch noch einen ,Himmelsritt‘ und wenn ich morgen einen guten Tag habe, dann eile ich nicht etwa beschwingten Schrittes ins Büro, sondern ,düse im Sauseschritt‘ zum Café Müller.

Hans-Peter Ecker, Bamberg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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