Ersehnte Apokalypse. Gustav: „Alles renkt sich wieder ein“

Gustav

Alles renkt sich wieder ein

Ich habe eine Sehnsucht
nach der nächsten Katastrophe.
Denn wenn wir gemeinsam leiden,
fällt dieses Unbehagen ab.
Der Zufall ließ uns weiterleben,
der Überdruss ging vor der Angst,
ließ uns einander fest umklammern
und hoffen für den nächsten Tag.
Mach aus den Städten Schutt und Asche,
ich will nie wieder Sonnenschein.
Ein Menschenleben weg genügt nicht,
es müssen Gottesleben sein.
Ich will die Kinder weinen hören,
die Mütter einsam flehn am Grab,
und keine Vögel solln mehr singen,
nur unsre Melodie erklingen.

Alles renkt sich wieder ein,
irgendwann geht es vorbei.
Der Schmerz tut weh und es wird besser
nur durch unsre Melodie.
Lass den Kopf nicht hängen, Sweetheart,
es wird alles wieder schön.
Halt die Ohren steif, my Darling,
und unser Glück wird in Erfüllung gehen.

Während die Feigen Tode suchen,
der Knechtschaft Qualen wolln entgehn,
sich ängstlich in den Abgrund stoßen,
wird uns're Melodie bestehn.
Wir überwinden jede Hölle,
ob Hagel, Blitze, Feuer, Blut,
verwandeln klägliches Gesänge
in Harmonie und neuen Mut.

Alles renkt sich wieder ein […]

     [Gustav: Verlass die Stadt. Indigo 2008.]

Hinter dem Namen Gustav verbirgt sich die österreichische Musikerin Eva Jantschitsch, die erstmals im Jahr 2002 auftrat. Nach ihrem ersten, 2004 erschienenen Album Rettet die Wale, das einen überraschenden Erfolg erzielen konnte, wartete Gustav mit der Veröffentlichung eines neuen Albums bis 2008. Jantschitsch ist bemüht, der Vereinnahmung durch die Musikindustrie auszuweichen, doch gerade dieses Umgehen macht ein Nachvollziehen des Entstehungsprozesses fast unmöglich. Das Projekt Gustav setzt nicht nur durch seine Texte Regeln außer Kraft, bereits die Namensgebung ist eine Provokation: „Ich bin keine Frau, ich bin kein Mann […] I am just a concept“ (Gustav, 2005). Nicht nur das Spiel mit Geschlechterrollen, welches auf Gustavs Herkunft aus der feministischen Künstlerszene zurückzuführen ist, auch der Musikstil erschafft eine nicht greifbare Musik, die das Projekt auszeichnet. Gustav kann nicht auf ein spezifisches Genre festgelegt werden (vgl. David Weidinger in Music Austria).

Alles renkt sich wieder ein zitiert ausdrücklich Motive der biblischen Apokalypse. Doch entgegen der erwarteten Reaktion wird die Apokalypse teilweise als positives Ereignis betrachtet und sogar herbeigesehnt. Das Lied beinhaltet eine Aufforderung an eine höhere Macht: „Mach aus den Städten Schutt und Asche“. Es handelt sich um die direkte Bitte, die ersehnte, alles verändernde Katastrophe einzuleiten. Denn diese Katastrophe erscheint als einzige Rettung aus dem Ist-Zustand. Es muss eine Veränderung eingeleitet werden, doch diesen Wandel kann die sprechende Person nicht alleine bewirken. Die biblischen Plagen: „Hagel, Blitze, Feuer, Blut“ werden direkt angesprochen und auch mit der Verdunklung der Sonne „Mach aus den Städten Schutt und Asche, / ich will nie wieder Sonnenschein“ wird auf die Apokalypse verwiesen. Das Leid von Kindern und Müttern wird ebenfalls akzeptiert und ist als ein notwendiges Signal der Katastrophe sogar erwünscht: „Ich will die Kinder weinen hören, / die Mütter einsam flehn am Grab“. Die aufgezählten Plagen und das erwartete Unheil werden zu Herausforderungen ausgestaltet, welche es zu überwinden gilt. Nur das Bestehen in dieser Katastrophe garantiert eine Veränderung und somit erscheinen die Plagen als unumgängliche Prüfungen. Der Refrain betont mehrfach den Glauben an ein positives Ende:

Alles renkt sich wieder ein
irgendwann geht es vorbei.
Der Schmerz tut weh und es wird besser,
nur durch unsre Melodie

Die sprechende Person, es bleibt unklar ob Mann oder Frau, glaubt also fest an eine Besserung im Anschluss an die Katastrophe. Wie am Ende der Johannesapokalypse gibt es hier die Aussicht auf Erlösung. Doch nicht alle Menschen können angstfrei in die Zukunft sehen:

Während die Feigen Tode suchen,
der Knechtschaft Qualen wolln entgehn,
sich ängstlich in den Abgrund stoßen,
wird uns’re Melodie bestehn.

Diese Verse entsprechen dem in der Johannesoffenbarung erwähnten Todeswunsch vieler Menschen. Der Tod als Ausweg steht hier allerdings nicht zur Debatte, einzig das mutige Durchschreiten der Prüfungen bietet die Chance auf eine Verbesserung der Situation. Das Lied propagiert folglich einen angstfreien, selbstbewussten Umgang mit der Apokalypse. Die aktuelle Situation erscheint so negativ, dass nur die Apokalypse eine entscheidende Veränderung bewirken kann: „Denn wenn wir gemeinsam leiden, / fällt dieses Unbehagen ab“.  Deshalb versucht die sprechende Person mit Hilfe von Durchhalteparolen Mut zu machen:

Lass den Kopf nicht hängen, Sweetheart,
es wird alles wieder schön.
Halt die Ohren steif, my Darling
und unser Glück wird in Erfüllung gehen

Zuletzt ist anzumerken, dass auch das biblische Bild der Opferung Jesu für die Menschen angesprochen wird: „Es müssen Gottesleben sein“. Hier ist eine Steigerung zu erkennen, Menschen können keine Veränderungen mehr bewirken, eine externe Macht ist nötig. In dem Lied ist eine ambivalente Deutung der Apokalypse erkennbar, Angst und Hoffnung konkurrieren. Die vorbehaltlose Akzeptanz des menschlichen Leides, welche phasenweise freudiger Erwartung der Apokalypse gipfelt, hinterlässt allerdings ein beklemmendes Gefühl.

Offen bleibt, inwiefern hier vielleicht auch nur ein ironisches Spiel mit dem Inventar apokalyptischer Schrecken stattfindet. Im Lied mag auch die heimliche Katastrophensehnsucht derjenigen parodiert werden, die in der Sicherheit des gutbürgerlichen Alltags unglücklich sind und sich nach Extremerfahrungen sehnen. Aus rein egoistischen Gründen, wie der Steigerung der eigenen Emotionen oder dem Erleben einer ‚wahren‘ Leidenschaft und Liebe, sehnen sie sich den Untergang aller herbei. Die Aussage, dass der „Zufall“ bisher über das Leben bestimmte, lässt den Wunsch nach einer Bestätigung der eigenen Existenz anklingen und die Sehnsucht nach einer Selbstaufwertung – das Überleben der nächsten Katastrophe, der Apokalypse, als Extremerfahrung, ein Erlebnis, welches einen positiv von der Masse abgrenzt. Eine zynische Betrachtung menschlicher Träume und Abgründe, nicht Sensationssucht, sondern Geltungssucht und Größenwahn prägen die sprechende Person und werden dem Zuhörer so parodistisch dargeboten.

Daniela Link, Düsseldorf

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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