Die Geschichte des Reschensees. Zu „Atlantis der Berge“ von den Kastelruther Spatzen (1994)

Video hier.

Kastelruther Spatzen

Atlantis der Berge

San Pedro, San Pedro, Atlantis der Berge!

Die Menschen sahen von den Bergen hinab in ihr geliebtes Tal.
Tagtäglich stieg das Wasser höher und brachte Haus um Haus zu Fall.
Bald sah man nur noch diesen Kirchturm, mit dem der Glöckner unterging.
Es heißt: Er zieht noch an den Seilen, wenn aus dem See die Glocke klingt.

San Pedro, Atlantis der Berge, dein Schicksal ließ dich untergehen.
San Pedro, Atlantis der Berge, dein Geheimnis bleibt bestehen.
Ein Klang wie die Stimme des Mondes, ein Licht aus dem Herzen der Zeit.
San Pedro, Atlantis der Berge, das Amen für die Ewigkeit.

Im Winter, wenn die Fluten sinken, ragt aus dem Eis der Kirchturm auf.
Da dringen seufzend leise Stimmen aus dem versunkenen Dorf herauf.
Im Sommer, wenn die Winde schweigen, dann sieht man diesen hellen Schein.
Man sagt: Der Wächter von San Pedro, der ladet sich ein Mädchen ein.

San Pedro, Atlantis der Berge [...]

Taucher jagen das Geheimnis, doch der See gibt es nicht preis!
Erst am Tag, wo er vertrocknet, kommt die Stunde, wo es jeder weiß!

San Pedro, Atlantis der Berge, dein Schicksal ließ dich untergehen.
San Pedro, Antlantis der Berge, dein Geheimnis bleibt bestehen.
San Pedro, Atlantis der Berge!
San Pedro, Atlantis der Berge!
San Pedro, Atlantis der Berge!
San Pedro, Atlantis der Berge!

     [Kastelruther Spatzen: Atlantis der Berge. Koch International 1994.]

Zugegebenermaßen schon ein wenig verführerisch erscheint die Option, hier mit einem schnoddrigen Satz zu beginnen, in dem es irgendwie gut formuliert heißt, dass der Weg von Platon zu Andrea Berg nur über die Kastelruther Spatzen führen könne. Das wäre dann auf deren jeweilige Auseinandersetzung mit Atlantis bezogen, würde aber wohl von vielen zu Recht als peinlich gewertet werden und außerdem viele andere (schlager-)musikalische Thematisierungen des mythischen Inselreiches unterschlagen.

Denn Atlantis (vgl. hierzu auch die Auflistung im Rahmen des Wikipedia-Artikels „Atlantis als Sujet“) ist in seiner Eigenschaft als mit viel Pathos zu betrauernde Sehnsuchtslandschaft und äußerst unbestimmte Projektionsfläche irgendwelcher verborgender Wünsche unter (Schlager-)Musikern als Motiv naturgemäß ziemlich beliebt: etwa zur gleichen Zeit wie Andrea Berg mit Atlantis (2013) und dem ihr Doppelalbum eröffnenden Track Atlantis lebt brachte die Gruppe Silly eine Nummer mit dem Titel Dein Atlantis heraus, die österreichischen Unterhaltungsmusiker Brunner & Brunner sangen 2003 über ein Atlantis in mir, Modern Talking standen 1986 mit Atlantis is calling (SOS for love) an der Spitze der Charts; etwas anspruchsvoller wirkt der Song Atlantis (1976) der DDR-Artrockband Lift, insgesamt am geläufigsten ist allerdings Donovans Atlantis (1968), unter tatkräftiger Mithilfe des Meisters selbst 2002 noch einmal von den No Angels gecovert. Neben diesen und weiteren Liedern gab und gibt es Musikgruppen, die vielleicht nicht über Atlantis sangen, aber sich danach benannt haben, etwa eine Krautrockband (als Hörbeispiel kann der der Song Let’s Get On The Road Again dienen) sowie wiederum Vertreter des volksmusikalischen Schlagers. Ein Lied der Letztgenannten mit dem Titel Ich will sie immer noch erscheint für eine Besprechung im Rahmen der Bamberger Anthologie Deutsche Lieder sehr interessant, trotzdem soll es hier um Atlantis der Berge der Kastelruther Spatzen gehen.

Unabhängig davon, welche Musiker denn nun bei der Aufnahme tatsächlich im Studio standen, handelt es sich dabei um ein ausgesprochen südtirolerisches Lied: von der berühmtesten Volksmusikgruppe Südtirols präsentiert und auf einen der bekanntesten Orte Südtirols Bezug nehmend. Es geht hier um etwas, das vielen deutschen Urlaubern vertraut ist: Will man seinen Weg nach Italien nicht über den Brenner nehmen, dann bietet sich u.a. der Reschenpass an. Kurz nach der Staatsgrenze von Österreich nach Italien bei Reschen (italienisch: Resia) findet sich der gleichnamige See, den Reisende vor allem deswegen zu einem Zwischenstopp nutzen, weil nur wenige Meter von der Bundesstraße entfernt nahe des Dorfes Graun ein romanischer Kirchturm aus dem Wasser ragt, der zwar noch nicht so oft fotographiert wurde wie etwa der Campanile di San Marco in Venedig oder der schiefe Turm von Pisa, aber vermutlich doch schon häufiger einen bzw. den wesentlichen Höhepunkt einer Italienreise darstellte. Hinter dem kuriosen Anblick steckt eine traurige bzw. für bestimmte Tendenzen des 20. Jahrhunderts beispielhafte Geschichte: Nach Ende des Zweiten Weltkriegs nahm man aus den 1920ern stammende und in den Zeiten des italienischen Faschismus noch einmal ausgeweitete Pläne zur Errichtung eines Wasserkraftwerks mit einem größeren Stausee in dieser Region wieder auf. Kofinanziert durch Inverstoren aus der Schweiz (vgl. einen entsprechenden Artikel des Journalisten Jürg Frischknecht) stellte die Firma Montecatini aus Mailand 1950 den Bau fertig. Bitten der Grauner an Pius XII. in Rom waren vergeblich geblieben, die Bewohner wurden teilweise ohne Entschädigung aus ihrem Heimatdorf vertrieben (vgl. u.a. Artikel der Tageszeitung Dolomiten anlässlich des 60jährigen Jahrestags). In der Folge wurde der Reschensee mit seinem Kirchturm für die Südtiroler zu einem Mahnmal, das über einen nicht korrekten Umgang mit ihren Interessen berichtet, gleichzeitig etablierte er sich als eine (auch touristisch relevante) Marke (hier wird die Geschichte im Rahmen der Fernsehsendung Kein schöner Land zusammengefasst).

Nur konsequent, dass sich Südtirols musikalischer Exportschlager Nummer eins diesem besonderen Wahrzeichen annahm. Im ersten Song ihres gleichnamigen Albums von 1994 stilisieren sie das vormals unter den Kirchturm St. Katharina stehende Dorf (Alt-)Graun zu „San Pedro, Atlantis der Berge“. Die erste Strophe der Volksmusikerfolges erzählt dabei direkt von der Fertigstellung des Stausees: Wie in so vielen Volksmusikschlagern wohnen hier Menschen in den Bergen, von denen sie in „ihr geliebtes Tal“ blicken. Dort herrscht nun jedoch keine Bilderbuchidylle mehr vor, stattdessen wird die schöne Heimat zerstört. Tatsächlich wurden die Häuser von Graun und Reschen vor der Erhöhung des Wasserpegels von 5 auf 22 Meter gesprengt, während der romanische Kirchturm stehenblieb, weil er unter dem Schutz des regionalen Dekmalpflegeamtes stand. In der Erzählung von Atlantis der Berge steigt der Wasserpegel „[t]agtäglich“, also langsam aber unaufhaltsam, an und bringt damit „Haus um Haus“ auf eine noch dramatischere Art und Weise „zu Fall“, während der Kirchturm den enormen Wassermassen standhält und in der Folge die Zeiten überdauert.

Mystisch zusätzlich aufgeladen wird der Ort, indem von all denen erzählt wird, die mit untergegangen seien – vom „Glöckner“, „Wächter“ und den anderen „leise[n] Stimmen“. „Es heißt“ bzw. „man sagt“ über diese Wiedergänger so einiges Unheimliches. Entsprechend ist mehrfach von einem „Geheimnis“ die Rede, dass „bestehen“ bleibe bzw. das „der See […] nicht preis“ gebe, bis er eben „vertrocknet“. Es ließe sich wohlwollend urteilen, dass mit dieser vagen Spuckgeschichte ein gewisser Ausgleich zwischen der dunklen Geschichte und dem bezaubernden Anblick dieses aus einem See herausragenden Kirchturms gelungen sei. Man könnte sich freilich darüber beschweren, dass das eigentliche, doch noch viel interessantere und gleichzeitig beklemmendere „Schicksal“ des Ortes nicht ausreichend abgebildet wird. Aber dann wiederum bügelt das Lächeln der Spatzen – insbesondere das des Keyboarders – beim Liveauftritt sowieso jede sachbezogenen Empfindung nieder.

Martin Kraus, Bamberg

 

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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