Es muss natürlich der Klavierspieler sein. Wer singt da eigentlich: Gemischte Wertvorstellungen in France Galls „Dann schon eher der Pianoplayer“ (1970)

France Gall

Dann schon eher der Pianoplayer

Susi liebt den blonden Gitarristen,
Gabi liebt den jungen Mann am Bass.
Beide sehr sympathisch,
aber dennoch sage ich:
Die wär'n beide nichts für mich.
 
Dann schon eher der Pianoplayer
mit den schönen Händen drüben am Klavier.
Ja, dann schon eher der Pianoplayer
mit den treuen Augen, den wünsch ich mir.
 
Er sieht so zärtlich aus,
ja so ein Mann im Haus
das müsste wie im siebten Himmel sein.
Ein bisschen näher am Pianoplayer
wär' für mich das Leben voll Sonnenschein.
 
Jenny liebt den schwarzgelockten Drummer,
Babsi den, der die Trompete bläst.
Beide nett und freundlich, aber wieder sage ich:
Die wär'n beide nichts für mich.

Dann schon eher der Pianoplayer [...]

Er legt so viel Gefühl in sein Pianospiel,
genauso wird es in der Liebe sein.
Ein bisschen näher am Pianoplayer
wär' für mich das Leben voll Sonnenschein.

Dann schon eher der Pianoplayer [...]

     [France Gall: Ihre großen Erfolge 2. Decca 1970.]

Die Beatles hatten keinen. Die Rolling Stones nicht. Deep Purple: Nein. Led Zeppelin: Fehlanzeige. Eine echte in den 60ern gegründete Rockband hatte keinen Pianoplayer im Line-Up – zumindest nicht in der Stammbesetzung. Pianos sind ja dann wieder auch zu großbürgerlich, zu kultiviert. Vielleicht zu unsexy? Wie Elton John 2011 in einem Interview mit dem Rolling Stone ausführte (in dieser Ausgabe): Zur Akrobatik dient das Hammerinstrument nicht. Unhandlich. Man kann den Deckel schlagen, auf den Flügel hüpfen. Drunter herkriechen. Und sonst? Wie eine Gitarre lasziv um die Hüften schwingen, zwischen den Beinen hindurch kann man das schwergewichtige Neutrum nicht. Das Klavier. Es steht einfach da und der Klavierspieler sitzt daran. Toll!

Das haben sich Ende der 60er vielleicht auch die gutbürgerlichen Elternhäuser gedacht. So ein Piano – zwar im Jazz ein rechter Rabauke – ist doch immer noch ein anständiges Instrument, und die Herren, die es spielen, sicherlich auch. Ein Pianospieler macht nichts Unanständiges mit dem Mund, die Tastatur liegt über der Gürtellinie und hängt nicht vor dem Gemächt. Und die Hände trommeln nicht wie wild auf allerhand Schlagzeug, sondern laufen mehr oder weniger geradlinig über die Tasten. Ja, haben sich die freundlichen Muttis auf ihrem Sonntagssofa gedacht und die gescheitelten Vatis im Lesesessel, für unsere Tochter dann schon eher den Pianoplayer. Und France Gall hat dazu das passende Rollenmodell geliefert: ein blondgestriegeltes Mädchenimage, das einer jungen Generation die Vorzüge eines Pianoplayers vorführt. In ihrem Schlager Dann schon eher der Pianoplayer aus dem Jahre 1970 grenzt das Sprecher-Ich die anderen Musiker bewusst aus und landet nach dem soliden Ausschlussverfahren beim: Pianoplayer. Diese Wahl (und deren keusche Präsentation) mag der elterlichen Prägung geschuldet sein, oder aber zeugt von der opportunistischen Schläue der Tochter. Aus den konkurrierenden Konnotationen, die das Piano und sein Spieler mit sich bringen, lassen sich beide ideologische Tendenzen konstruieren. Der Text wird zum unauflösbaren Spiel der Stimmen.

Antagonistisch stellt die Sprechinstanz zunächst andere Männer im Vergleich mit dem Klavierspieler vor. In den parallelistischen Strophen zählt die (vermutlich weibliche) Sprechinstanz die Traummänner ihrer Freundinnen auf: Die Gaby mag den jungen Mann am Bass, die Susi den Gitarristen. Die Babsi mag den Trompeter, der (und man darf hier die sexuelle Note ruhig raushören) bläst hervorragend, ein traditionelles double entendre wie schon in Cole Porters „Blow, Gabriel, Blow“ (1934, hier in der Version von Patti Lupone). Der Trompeter ist zwar nicht in der Grundbesetzung einer klassischen Rockband, aber mit genannten sexuellen Untertönen doch nicht ganz hasenrein für die gute Stube. Die anglophon benamte Jenny liebt den anglophon benamten Drummer, dessen schwarzgelockte Haare vielleicht ein bisschen zuviel vom Hippietum haben. Nein, nein, sagt da der Vater wieder, dann schon eher den Pianoplayer. Damit das nicht ganz so bieder-bürgerlich klingt, bemüht er sein English. Da klingt der Klaverspieler doch gleich wie der Drummer.

Die epitheta ornans die dem Pianospieler beigemischt werden sind gegenüber seinen Bandkollegen moderat und klischeehimmelig. Die Auflistung fügt sich zum Merkmalskatalog des Traumschwiegersohns: „Schöne Hände“ hat er und „treue Augen“. Ja, der Klavierspieler wäre ein „so ein Mann im Haus“. „Zärtlich.“ „Mit Gefühl.“ Und die keusche Tochter fühlt sich da im Gewölk des siebten Himmels, umstrahlt von Sonnenschein, pudelwohl. Das einzige, was die Sprechinstanz möchte, ist ein bisschen näher an den Pianoplayer, sonst gar nichts. Der Vater nickt und findet’s gut und freut sich, dass die Tochter das genauso sieht: Die anderen Musiker sind „nett“, die kleine Schwester von Scheiße, (vgl. Erobique & Jacques Palminger: Nett) und „sympathisch“, die große Schwester von Scheiße. „Freundlich“, aber eben kein anständiger Pianoplayer. Welche Wertvorstellung sich in diesem Text wirklich ausspricht, bleibt im Vagen. Auf den ersten Blick scheint es die gutbürgerliche Vaterstimme zu sein, die von der braven Tochter adaptiert wird und sie zum Schwiegersohn der elterlichen Träume geleitete.

Oder aber alles ist eine clevere Maskerade, ein perfekt beherrschtes Gesellschaftsspiel der subversiven 70er Jahre-Tochter. Das Piano ist nämlich nicht nur das Instrument der guten Stube, sondern auch ein orgasmisches Gerät (vgl. meine Interpetation zu Ich bin die fesche Lola), das im 19. Jahrhundert den Frauen Raum zur köperlich-emotionellen Ertüchtigung bot. Diese sexuelle Komponente wird auch in der Literatur rezipiert. Hanno Buddenbrooks Klaviereinlagen bringen ihm Extase. Der Klavierspieler ist ein kultiviertes Sexsymbol und gerne einmal eine Liebeschiffre. Das Piano ist dazu auch das Instrument des jazz hot. In Diana Ross’ My Old Piano (1980) wird das Tasteninstrument als Beziehungsmetapher rangenommen. Irving Berlin drückt seinem Liebe zur Klaviatur in I love a Piano (1915) aus, an dem ein „long-haired genius“ sitzt und spielt. In Pretty Woman (1990) verfällt Vivian Edward am einsamen und auf dem einsamen Piano in der Hotellounge (Ausschnitt hier). Der Klavierspieler ist anständig attraktiv und kultiviert sexy, ein beliebtes Motiv in der Populärkultur sowie im vermeintlichen Höhenkamm.

So gesehen ist der Pianospieler der Schlimmste von allen, das Instrument ein Trojaner in gesitteten Zimmerchen: „Er legt so viel Gefühl in sein Pianospiel, / genauso wird es in der Liebe sein.“ Das weckt sicher auch die ein oder andere Bettphantasie der zivilisierten Tochter. „Die Hände“, „die Augen“ zeigen ein Liebesspiel am Piano. „Pianospiel“ ist vage genug, um Raum für eine ordentliche und eine unordentliche Interpretation zu lassen. Die gute Tochter weiß schon, wie sie den Pianoplayer präsentiert, ohne ihn zu verraten. Gewieft macht sie den Verführer den Eltern schmackhaft mit deren eigenen Worten und Wertvorstellungen. Welche gesellschaftliche Stimme sich in diesem Lied letztendlich wirklich spricht, ob die elterlich-konservative oder töchterlich-subversive, das bleibt reizend offen. Dem Klavierspieler kann’s egal sein, er sitzt ganz ruhig und gelassen an seinem viel sagenden Instrument und streichelt verlockend die Tasten. Die Tochter kriegt er so oder so.

Florian Seubert, Bamberg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

One Response to Es muss natürlich der Klavierspieler sein. Wer singt da eigentlich: Gemischte Wertvorstellungen in France Galls „Dann schon eher der Pianoplayer“ (1970)

  1. Jan Ewert says:

    Ganz köstlich! Man müsste Klavier spielen können – Seufzer.

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