Stadionrock. Zu Die Doofen: „Volltreffer“

Video hier

Die Doofen

Volltreffer

Volltreffer, Volltreffer, wieder mal ein Tor
Jeder Schuss ein Treffer, jeder Schuss geht rein
Volltreffer, Volltreffer, alle singen mit
Dieser Bundesligaschlager ist ein Superspiel

Didi gibt von links hinein
auf Professor Bolz
eine kurze Körpertäuschung
und dann kracht das Holz
wieder einmal an den Pfosten
und von dort zu Paul
dieser wird gleich umgeruppt
Elfmeter wegen Foul

Volltreffer [...]

Willy ist ein Flankengott
er trägt die Nummer Drei
früher hatte er die Fünf
davor die Nummer Zwei
Eigentlich will er die Zehn
doch die ist schon besetzt
und zwar von der Nummer Acht
doch der ist heut verletzt

Volltreffer [...]

Fußi ist ein schöner Sport
man spielt den Ball per Fuß
Ebenfalls erlaubt ist auch
das Köpfen mit dem Kopf
nimmt man dann die Hand zur Hand,
pfeift der Schiri ab
und verwarnt den Bösewicht
mit einer gelben Papp

Volltreffer [...]

     [Die Doofen: Lieder, die die Welt nicht braucht. Sing Sing 1995.]

 

Seit auch fast schon wieder einem Jahrezehnt ist das Münchener Olympiastadion keine Bühne des Weltfußballs mehr: Die zentrale Austragungsstätte der Olympischen Sommerspiele von 1972, die den „Spiele[n] im Grünen“ und „Spiele[n] der Freiheit“ durch ihr seifenblasengleiches Zeltdach ein markantes, erst von den Architekten, dann vom Publikum und mittlerweile auch von (Kunst-)Historikern vielfach gelobtes Gesicht gab, erschien zu Beginn des neuen Jahrtausends nicht mehr ausreichend attraktiv. Der FC Bayern wollte in eine Arena nach Fröttmaning ziehen, der TSV 1860 musste wohl oder übel mit (zu den damaligen Diskussion vgl. etwa aktuell wieder aufgekocht den Konflikt zwischen Ex-Oberbürgermeister Christian Ude und Ex-Vereinsmanager Uli Hoeneß). Ein Stadion, in dem sich die Zuschauer wie zu einem gemütlichen Picknick als Individuen einfinden können, in dem sie nicht zur Masse konzentriert werden, entsprach leider nicht mehr der Mode der Zeit. Zur Saison vor der WM in Deutschland verließ der große Fußball das Olympiastadion.

Man kann mit dieser Betonschlüssel freilich kein echtes Mitleid haben. Bis 2005 hatte es zahlreiche bedeutende Spiele der Fußballgeschichte – u.a. die Finalpartien der Weltmeisterschaft 1974 und der Europameisterschaft 1988 sowie den Dortmunder Champions League-Triumph von 1997 – beherbergen dürfen. Und auch musikalisch gab es einige Sternstunden. Zu diesen Sternstunden zählt – zumindest aus der Sicht der Akteure (vgl. hierzu etwa Olli Dittrichs Erinnerungen in seiner Autobiografie Das wirklich wahre Leben) – zweifellos das Konzert von Wigald Boning und Olli Dittrich alias Die Doofen am 3. Juni 1995 (vgl. Artikel der Zeitschrift Musikexpress im Juni 1995).

Mitte des Jahres 1995 hatten Die Doofen den Gipfel ihres gemeinsamen Ruhmes erklommen. Die Single Mief (Nimm mich jetzt, auch wenn ich stinke) stand ebenso auf Platz 1 der Charts wie das Album Lieder, die die Welt nicht braucht; das Comedy-Duo verkaufte innerhalb weniger Monate fast eine Million Tonträger (vgl. Spiegel vom 19.2.1996). Im Magazin Focus hieß es dazu: „Deutschland im Blödelfieber – die Musikindustrie verdient sich mit Schwachsinn dumm und dämlich“.

Manche werteten den Erfolg der „Blödelbarden“ Boning und Dittrich als besonders deppertes Phänomen der damals viel dikutierten „Spaßgesellschaft“ ab, andere hatten reichlich Spaß an einer Reihe von abwechslungsreichen Musikstücken, deren pennälerhumoristischen Texten zufolge z.B. ein Haus aus Schweinskopfsülze entstehen soll oder ein Pullunder auf Reisen geht. Weitere Lieder, die die Welt nicht braucht, beschäftigen sich etwa mit FKK oder Jesus, erzählen die Lebensgeschichte eines Weihnachtsbaums mit sexuellen Anspielungen („und dann bekam er auch noch einen Ständer“ – Ein Hoch auf das Fest der Liebe) oder preisen das Leben ohne Abitur in der Natur („der Esel fährt zur IAA / und ich geh nicht zur Penne“ – Muh, Muh, Muh).

Unter diesen Liedern weist Volltreffer wohl nicht gerade die offensichtlichsten Pointen auf, auf jeden Fall aber passte es am Abend des 3. Juni 1995 am ehesten in das Münchner Olympiastadion. Der Song kann als Parodie des schmetternden Fußballschlagers verstanden werden; vielleicht aber besser noch als Hommage, die an Der Theodor im Fußballtor(1948), die Beschreibung spektakulärer Spielszenen in Gerd Müllers Dann macht es Bumm (1974) oder die Volksfeststimmung in Gert Fröbes Laß doch mal Dampf ab („und geh mit deinem Schatz / am nächsten Samstag / auf den Fußballplatz“; 1980) erinnert.

Nach den gute alte Zeiten des Fußballs klingen bereits die Spielernamen „Didi“, „Paul“ und „Flankengott“ „Willy“; statt einem Pfosten aus Aluminium wird noch das „Holz“ getroffen, zudem kann Fußballnostalgiker erfreuen, dass „Professor Bolz“ hier wörtlich „umgeruppt“ wird (vgl. aktuell etwa die Aktion „Rettet Ruppen“ im Rahmen von Arnd Zeiglers Wunderbarer Welt des Fußballs).

In der zweiten Strophe wird sich dann einem besondern Thema der Fußballgeschichte zugewandt: dem Rückennummernfetischismus. Zur Saison 1994/95 wurde im deutschen Profifußball das herkömmliche Durchnummeriern nach Position durch feste Rückennummern ersetzt. Das führte freilich nicht dazu, dass die traditionellen Bedeutungen der Nummern 1 bis 11 verloren gingen. Wer heute den Experten lauscht, hört sie ständig von zwei Sechsern, abgekippten Neunern oder klassichen Zehnern reden. Der Flankengott kommt mit seiner „Nummer Drei“ offenbar aus der Abwehr über den linken Flügel. Dass er in vorherigen Spielen andere Ziffern auf dem Trikot trug, lässt auf eine gewisse Vielseitigkeit schließen. Dass er letztlich aber nur „die Zehn“ will, zeugt vom nach wie vor anhaltenden Prestige, das dieser Trikotnummer seit Pelé und Maradona zukommt.

In der dritte Strophe gibt es dann noch etwas banale Regelkunde – Volltreffer will schließlich nicht mehr sein als ein in seiner Banalität klassischer Fußballschlager. Der Refrain ist entsprechend mitgrölgeeignet; der Chor muss nur aufpassen, dass er nicht am alten Comedy-Prinzip des fröhlich angedeuteten und dann doch verweigerten Reims scheitert: Auf „alle singen mit“ folgt am Ende des nächsten Verses „Superspiel“.

Auf Lieder, die die Welt nicht braucht folgte 1996 das Album Melodien für Melonen. Passenderweise endete die furiose Karriere der Doofen mit einem vermeintlichen Live-Mitschnitt eines angeblichen Konzerts im Atztekenstadion von Mexico-City und der Stadionrock-Hymne Wir sind die Doofen.

Martin Kraus, Bamberg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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