Ahnherr aller Torwarthelden: „Der Theodor im Fußballtor“ von Kurt Feltz

 

Kurt Feltz

Der Theodor im Fußballtor

Der Theodor, der Theodor,
der steht bei uns im Fußballtor
wie der Ball auch kommt, wie der Schuss auch fällt
der Theodor, der hält!

Die Männeraugen werden wach,
die Mädchenherzen werden schwach,
wie der Ball auch kommt, wie der Schuss auch fällt
der Theodor, der hält!

Und rollt der Angriff in unsern Strafraum
dann kommt die Flanke und Schuss hinein!
Aber nein, aber nein, aber nein; aber nein:
Der Theodor, der Theodor, der steht bei uns im Fußballtor.
Wie der Ball auch kommt, wie der Schuss auch fällt,
der Theodor, der hält, der hält
Ja, unser Theodor, der Held, der hält!

Der Theodor, der Theodor, der steht bei uns im Fußballtor
wie der Ball auch kommt, wie der Schuss auch fällt
der Theodor, der hält!

„Hallo, Hallo, Sie hören jetzt die letzten 5 Minuten der interessanten Übertragung des
internationalen Fußballwettspiels: Schienbein 04 gegen Miniskuskickers.
Das Spiel steht 45 zu … Ja, das weiß man noch …, nein, das weiß man leider noch nicht,
denn alle 2 Minuten fielen hier 3 Tore, sämtliche 32 Karten befinden sich auf dem
Spielfeld verteilt, der … die 22 Spieler befinden sich noch in … Pardon, eben hat der
Mittelstürmer von Miniskus den Ball nach rechts gegeben, nein, Verzeihung, das war der
Schuh vom Schiedsrichter, aber ein anderer Stürmer trägt etwas nach vorne. Was trägt
denn der nach vorne? Aaah ja, den Ball natürlich, den Ball und alle anderen ihm nach,
sie setzen ihm nach, sie rennen ihm nach, sie laufen ihm nach, man könnte sogar sagen,
sie segeln ihm nach, denn der Zustand des Spielfeldes ist geradezu katastrophal,
sämtliche Spieler stehen bis zu den Knöcheln im Wasser, vom Ball ist leider weit und
breit nichts zu sehen, aber jetzt, aber jetzt, der halbrechte Verteidiger von
Schienbein 04, nimmt dem voreiligen Stürmer von Miniskus in die Krawatte, er setzt ihm
einen doppelten Meldor [eigentlich eine Abart der Hunderasse des Irish Setters, hier
als Ringergriff gemeint], drückt ihm die Brücke ein und auch eine Brücke, eine Brücke,
Akrobat schön, und beide versinken im Morast, das Spiel aber geht weiter, der Sturm
rast, ja, es rast der Sturm und will sein Opfer haben und hilflos steht der arme
Tormann von Schienbein 04 dem Ansturm gegenüber, nur noch 5 Meter, nein 4, nein 3 1/2
trennen die Hyänen des Spielfeldes von dem armen Tormann, da in letzter Minute, in
letzter Sekunde reißt Theo, der Tormann, geistesgegenwärtig die obere Latte vom Tor und
schlägt damit den Angriff zurück, gerettet“.

Und rollt der Angriff in unsern Strafraum
dann kommt die Flanke und Schuss hinein!
Aber nein, aber nein, aber nein; aber nein:
Der Theodor, der Theodor, der steht bei uns im Fußballtor!
Wie der Ball auch kommt, wie der Schuss auch fällt,
der Theodor, der hält, der hält
Ja, unser Theodor, der hält, der hält!

Und Schuss hinein, aber nein, aber nein, aber nein
der Theodor, der Theodor, der steht bei uns im Fußballtor,
wie der Ball auch kommt, wie der Schuss auch fällt,
der Theodor, der hält, der hält:
Ja, unser Theodor, der Held, der hält.

Lied und Reportage stammen aus dem Jahr 1948. Vom „Stürmer“ hatte das Volk die Nase voll, und so geriet der Torwart in den Brennpunkt des Geschehens. Ein Torwart greift nicht an, er ist der wichtigste Defensivspieler. Das Volksempfinden nimmt hier das Jahr 1956 vorweg: Aus dem Kriegsministerium wurde das Ministerium für Verteidigung. Und so wie ein Torwart seinen Strafraum sauber hält, so sollte die neu geschaffene Bundeswehr nur die Heimat verteidigen.

1948: Deutschland war aufgeteilt in vier Besatzungszonen; Adenauer wurde zum Präsidenten des aus den Ministerpräsidenten der elf Länder der Westzonen bestehenden Parlamentarischen Rats gewählt, der das Grundgesetz der späteren Bundesrepublik ausarbeitete. Westberlin wurde mit der Luftbrücke durch die „Rosinenbomber“ der US-Amerikaner versorgt. Der Zweite Weltkrieg lag drei Jahre zurück, aber die Folgen waren noch zu spüren, u. a. daran, dass die Deutschen nicht zu den Olympischen Spielen in Sankt Moritz und London eingeladen wurden. Doch war das Brot auch knapp, Spiele mussten her. Und so entstanden viele Sportvereine; vor allem wurden viele Fußballvereine neu- oder wiedergegründet. Passend zur geplanten 1. deutschen Fußballmeisterschaft 1948 textete Kurt Feltz das Fußballlied Der Theodor im Fußballtor, das zunächst über das Radio und durch die von seinem Schulfreund Ralph Maria Siegel im selben Jahr herausgegebene Akkordeon-Partitur schnell bekannt wurde.

Theodor1

Nicht überliefert ist, ob es bei den nach dem K.o.-System ausgetragenen Ausscheidungsspielen oder beim rein westdeutschen Endspiel gesungen wurde. Noch vor Beginn des Wettbewerbs zogen nach der Währungsreform (Einführung der DM) in den drei westlichen Besatzungszonen die Vereine der sowjetischen Besatzungszone ihre Teilnahme zurück. So kam es, dass sich im Endspiel der FC Nürnberg und der 1. FC Köln gegenüberstanden. Die Franken gewannen das Spiel 2:1.

Adäquat zur Ernährungslage und zur politischen Situation entstanden 1948 auch die Schlager Ich hab‘ so Sehnsucht nach Würstchen mit Salat, gesungen von Bully Buhlan, und Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien, ein Lied, das nicht nur zum Karneval gesungen wurde.

Kurt Feltz (1910-1982), der Texter des Theodor, wurde in den späteren Jahren berühmt als Verfasser zahlreicher Schlager (rund 3.500 Liedtexte), von denen 20 die Nr. 1 der Hitlisten in den Jahren 1955 bis 1982 einnahmen. Bereits 1952 und 1953 hatte Feltz große Erfolge zu verzeichnen mit Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein und Man müßte noch mal zwanzig sein.

Der Komponist des Fußballlieds, Werner Bochmann (1900-1993), mit Filmmusiken für rund 120 deutsche und internationale Filme, darunter Heimat, deine Sterne, Quax, der Bruchpilot und Die Feuerzangenbowle, erhielt 1967 für sein Lebenswerk den Bundesfilmpreis in Gold.

War dem Theodor, zuerst von der Schauspielerin Margot Hielscher gesungen, zunächst ein überschaubarer Erfolg beschieden, so wurde das Lied langsam populär, seitdem der Burgschauspieler Theo Lingen es auf der gleichnamigen Schellackplatte interpretierte und näselnd eine rasante Reportage zu einem Fußballspiel zwischen den Mannschaften Schienbein 04 und Meniskusmuskel ablieferte. Geradezu Kult wurden Gesang und Reportage nach der Kinopremiere des gleichnamigen deutsch-österreichischen Films vom 29. August 1950.

Theodor2

Wie das Lied bediente auch dieses Lustspiel mit den bereits vor oder aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs bekannten und beliebten Stars wie Lucie Englisch, Hans Moser, Gustav Knuth, Josef Meinrad oder Beppo Brem den Wunsch der Überlebenden nach Spaß und Spiel.

Bereits im August 1948 war in der SBZ bei AMIGA eine gleichnamige Platte erschienen, gesungen von Ilja Glusgal, der von Kurt Henkels Tanzorchester Sender Leipzig begleitet wurde. Ilja Glusgal, der einige Jahre nach 1945 als der beste Schlagzeuger in Deutschland galt, war als Sänger bereits 1940 von Michael Jary (Schlager- und Filmkomponist und Orchesterleiter) entdeckt worden. Glusgals berühmtester, auch in Westdeutschland populärer Schlager, war das ebenfalls von Kurt Feltz getextete Lied Maria aus Bahia.

Ebenfalls 1948 erfolgte in Österreich eine Pressung des Theodor auf Austrophon mit den Austrophon-Solisten unter Leitung von Bruno Uher. Auch in der Schweiz und sogar in Australien kamen Platten mit den Titeln Teddy Holds the Soccer Goal bzw. Theodor the Goalkeeper heraus.
Eine eindeutig am Theodor orientierte Version spielen und singen Die 3 Travellers (bekannt geworden durch ihre Erfolgsschlager: Hallo, kleines Fräulein, Ich hab‘ noch einen Koffer in Berlin) in Form einer Fußballreportage: „Hallo, hallo, hier Fußballplatz, / wir schalten uns jetzt ein …“

Wie bekannt unser Theodor im Fußballtor nach wie vor ist, zeigen einige Fußballfreunde in Weingarten. Anlässlich der Stadtmeisterschaft der Amateurvereine dichteten sie nach dem Sieg (2:1) der Stadtwerke Weingarten gegen den GHV (Gewerbe und Handelsverein):

Der Theodor, der Theodor,
der steht bei uns im Fußballtor,
wie der GHV auch rennt, wie die Stadt auch macht,
dreimal hat‘ s gekracht…

2009 verjazzte die Old Merry Tale Jazzband den Theodor auf ihrem Album Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehn. Und im April 2010 wurde in Wuppertal eine Revue aufgeführt mit dem Titel Der Theodor im Fußballtor – Lieder und Schlager aus den 50er Jahren.

Dagegen wird die folgende Strophe wahrscheinlich aus der unmittelbaren Nachkriegszeit stammen:

Du bist kein Übermensch,
du bist kein Untermensch,
du bist ein Sportsmann
und du hast deinen Sportverein.
Ob der nun vorne liegt,
ob der nun hinten liegt,
du wirst als Sportsmann,
bei jedem Spiel zugegen sein.

Georg Nagel, Hamburg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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