Tabuthema Republikflucht. Zur „Rockballade vom kleinen Otto“ der Klaus Renft Combo

Klaus Renft Combo

Rockballade vom kleinen Otto

Seine Kinderjahre
Lagen ihm im Magen
Wie Steine, doch er weint nicht mehr
Manchmal sagte Otto
Leben ist wie Lotto
Doch die Kreuze macht ein Funktionär!

Ob ich nach Norden
Ob ich nach Norden
Ob ich nach Norden flieh?

Als er mal ein Foto
Sah vom großen Otto
Aus Hamburg an der Reeperbahn
Schrieb dem Namensvetter
Er: Du bist mein Retter
Der mir die Freiheit kaufen kann!

Hol mich nach Norden
Hol mich nach Norden
Hol mich oder ich flieh!

Die deutschen Mark, die harten
Ließen auf sich warten
Da ging er an die Autobahn
Und fuhr ungefährdet
Bis nach Wittenberge
Dort sprang er auf´n Elbekahn

Hol mich nach Norden
Hol mich nach Norden
Hol mich oder ich flieh!

Nimm mich mit oh Kapitän
Auf die Reise!
Nimm mich mit oh Kapitän
Durch die Schleuse!

Nach dem Tütenkleben
Wollt er nicht mehr leben
Er fuhr nach Wittenberge rauf
Und ging in die Elbe
Die Stelle war die selbe
Vielleicht taucht er in Hamburg wieder auf

Hol mich nach Norden
Hol mich nach Norden
Hol mich oder ich flieh!

     [Renft-Combo: Live Rock Aus Leipzig (Originalaufnahmen 1972-75)
     Taraxacum Buchversand 1980.]

 

Wittenberge ist eine größere Kleinstadt im Nordwesten Brandenburgs und die bevölkerungsreichste Ortschaft der dünnbesiedelten Heidelandschaft Prignitz. „Das Tor zur Elbtalaue“ (vgl. Webseite der Stadt) liegt am nördlichen Ufer des von Südosten nach Nordwesten fließenden Flusses, der zu Zeiten der deutschen Teilung nur wenige Kilometer weiter unten zu einem innerdeutschen Grenzfluss wurde; ziemlich genau in der Mitte zwischen Hamburg, also der größten Stadt der alten Bundesrepublik mit einem am Ende jenes Flusses gelegenen Hafen als „Tor zur Welt“ (vgl. Webseite des Hamburg Hafens), und Berlin, dessen Osthälfte ja einmal die „Hauptstadt der DDR“ genannt wurde. Insofern ist Wittenberge kein ungeeigneter Ort, um deutsch-deutsche Geschichte zu erzählen.

Mittlerweile ist dieses Land schon eine ganze Weile wiedervereint. Uns stehen diesbezüglich einige Monate des Erinnerns bevor (vgl. Bundespräsident Joachim Gauck im Gespräch mit Reinhold Beckmann), der Mauerfall jährt sich heuer bereits zum fünfundzwanzigsten Mal. Entsprechend befindet sich nun auch schon seit stattlichen zwei Jahrzehnten eine Bassgitarre der Klaus Renft Combo im Bonner Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (vgl. Webseite der Nachfolgeband Renft); und zwar – wie in einem Spiegel-Artikel von 1998 betont – „nur ein paar Meter entfernt von Helmut Kohls Strickjacke“.

Die prominent ausgestellte Bassgitarre repräsentiert also ein Stück deutsch-deutscher (Musik-)Geschichte: Aus in einem grundsätzlich rock´n´roll-feindlichen System aufbegehrenden – d.h. exzessiv anspielenden und ebenso exzessiv antrinkenden – Rockmusikern, die sich mit ihren ersten beiden Alben Widerständen zum Trotz ganz gut etablieren konnten, wurden Mitte der 1970er Oppositionelle und Inhaftierte, es folgten Übersiedlungen in den Westen und schwierige Neuanfänge sowie glücklicherweise auch noch einige Jahre als gefeierte Altrocker. Wesentlich geprägt wurde diese Entwicklung von der – dem Klang nach erkennbar durch westliche Vorbilder wie Deep Purple, Uriah Heep oder Pink Floyd inspirierten – Rockballade vom kleinen Otto (vgl. Wikipedia-Eintrag zu diesem Titel). Der Song, der ohne große Umschweife, Verklausulierungen, Chiffren etc. von einer schwierige Kindheit im Sozialismus (Strophe 1), von Westkontakten (Strophe 2), von einer gescheiterte Republikflucht (Strophe 3) und von einem auf zermürbende Haft folgenden Selbstmord (Strophe 4) erzählt, entstand Ende 1974. Ab Anfang 1975 reagierte die Staatsmacht mit Auftrittsverboten, soweit ging die zu Beginn der Ära Honecker eingeleitete Liberalisierung, welche Kunstwerke beschwor, „die durch ihre Wirklichkeitsnähe, Volksverbundenheit und Parteilichkeit ergreifen, packen und darum begeistert aufgenommen werden“ (Rede Erich Honeckers auf dem VIII. Parteitag), dann leider doch nicht.

Im Zuge einer Rückschau auf die Bandgeschichte erklärt Sänger Thomas Schoppe den unerhörten Mut zur außerordentlich direkten Provokation mit einem Verweis auf einen „naive[n] Glaube[n,] irgendwie durchzukommen“. Zudem erinnert er sich an „ein Gefühl, tief unbewusst, auf der Suche nach Erlösung von den Zwängen“. Gerade so „[a]ls hätte uns eine innere Stimme angetrieben: ‚Macht weiter, bringt euch in Gefahr‘.“ (Interview Deutsche-Mugge mit Thomas Schoppe, 2008, hier zit. nach renft.de) Bei all dem, was man heute über die DDR weiß, erscheint es bedauernswerterweise nur allzu konsequent, dass der Text des Schlagzeugers Gerulf Pannach von offizieller Seite abgelehnt wurde und den Musikern massiven Ärger einbrachte: Die Kritik an einem System, in dem nicht das Individuum, sondern ein „Funktionär“ bestimmt, wie das Leben verläuft; die Imagination eines westdeutschen „Retter[s]“, der „mir die Freiheit kaufen kann“; die Bezugnahme auf die „harten“ „deutschen Mark“ und die Beschreibung einer Möglichkeit zur Überwindung der Grenzanlagen der DDR; der Umstand, dass „Tütenkleben“ auf „nicht mehr leben“ gereimt wurde – all das war dazu prädestiniert, dass sich die ängstlichen „Funktionär[e]“ im Kultusministerium wie im Ministerium für Staatssicherheit dadurch herausgefordert fühlten.

Dass der „kleine Otto“ nicht explizit nach Westen geholt werden bzw. „flieh[en]“ will, sondern den „großen Otto“ im „Norden“ sucht (vgl. hierzu den variierten Refrain bei Auftritten in Dresden und Chemnitz), hat die tatsächliche „Wirklichkeitsnähe, Volksverbundenheit und Parteilichkeit“ des Songs kaum abgeschwächt. Mitte 1975 musste sich eine zermürbte Combo auflösen, Ende 1976 – nach Unterzeichnungen des Protests gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns – saß die Hälfte der Band im Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen, danach gingen Klaus Renft, Thomas Schoppe, Christian Kunert und Gerulf Pannach nach West-Berlin. Nicht dorthin schaffte es leider Hans-Georg Lemme: im August 1974 scheiterte sein Versuch, einige Kilometer unterhalb von Wittenberge durch die Elbe zu fliehen, seine Leiche wurde erst im September geborgen (vgl. Forschungsverbund des SED-Staats).

Martin Kraus, Bamberg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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