Der Deutschen liebstes schwedisches Lied. Olof Thunmans „Im Frühtau zu Berge“

Olof Thunman (Übersetzung: Robert Kothe/Walther Hensel)

Im Frühtau zu Berge

1. Im Frühtau zu Berge wir gehn, fallera,
Es grünen die Wälder, die Höh’n, fallera.
Wir wandern ohne Sorgen
Singend in den Morgen
Noch eh im Tale die Hähne krähn.
 
2. Ihr alten und hochweisen Leut, fallera,
Ihr denkt wohl, wir sind nicht gescheit, fallera?
Wer wollte aber singen,
Wenn wir schon Grillen fingen
In dieser herrlichen Frühlingszeit?
 
3. Werft ab alle Sorgen und Qual, fallera
Und wandert mit uns aus dem Tal, fallera!
Wir sind hinaus gegangen,
den Sonnenschein zu fangen:
Kommt mit versucht es auch selbst einmal!

Der Text des schwedischen Wanderlieds Vi gå över daggstänkta berg stammt von dem Maler und Dichter Olof Thunman (1879–1944). Erstmals veröffentlicht mit dem Titel Gångsång (Wanderlied) wurde es 1908. Komponiert wurde das Lied gemäß der schwedischen Wikipedia von Edwin Ericson (1874–1968) „nach einer traditionellen schwedischen Melodie“ (Historisch-kritisches Liederlexikon http://www.liederlexikon.de/lieder/im_fruehtau_zu_berge). Viele deutsche Liederbücher schreiben die Melodie dem jugendbewegten Volksliedforscher und Musikpädagogen Walther Hensel (1887–1956) zu, wahrscheinlich, weil er eine deutsche Übersetzung überarbeitet und das Lied 1923/24 im Liederbuch Finkensteiner Blätter veröffentlicht hat, einem Liederbuch, das eine größere Verbreitung fand als die deutsche Erstveröffentlichung 1917 in der Sammlung Die 14. Folge für hohe und tiefe Stimme mit der Übersetzungdes Dichters, Sängers und Lautenspielers Robert Kothe (1869–1944). In Schweden gehörte das Lied bis 1969 zu den in der Schule zu lernenden und singenden Volksliedern. Auch danach wurde und wird das Lied noch heute in Schweden gern gesungen.

Sicherlich kann man die Rezeption eines Liedes nicht allein an der Aufnahme in Liederbücher festmachen, aber sie geben doch Aufschluss über die Beliebtheit eines Liedes. Vor 1933 wurde das Lied in zahlreiche deutsche Liederbücher, vor allem der Jugend- und Wandervogelbewegung, aufgenommen (z. B. Fahrtenlieder, hg. v. Fritz Sotke und Auf Fahrt, 1928, Das Lied der ‚Pfadfinder‘ – St.Georg Liederbuch, 2. Teil, beide 1930). Es wurde sowohl in studentischen (z. B. Untersberger Liederbuch – Christdeutsche Burschenschaft, 1925) als auch in sozialistischen (Jugend-Liederbuch, 1929) Kreisen gesungen. Besonders beliebt war es in konfessionellen Jugendgruppen (z. B. Freude in Fülle – Liederbuch für die christliche deutsche Mannesjugend, 1925, Der Trommler – Bund deutscher Bibelkreise, 1931 und Liederbuch für ev. Vereine und Kreise junger Mädchen, 7. Auflage 1931 – um nur einige zu nennen). Eingang fand das Wanderlied auch in deutsche Schulbücher (z. B. in Deutsche Lieder Band 1 für die höheren Schulen, o. J.). Bereits 1923 wurde es in Österreich in das Liederbuch Fahrend Volk aufgenommen.

Die Nationalsozialisten griffen das Frühlingslied wie viele andere Lieder der Jugendbewegung auf, verschwiegen aber häufig den schwedischen Ursprung. Bereits 1933 gab die Hitlerjugend Im Frühtau zu Berge als deutsches Lied aus (z. B. in Blut und Ehre, hg. v. Baldur von Schirach und in Uns geht die Sonne nicht unter, 1934) ebenso der Reichsarbeitsdienst (z. B. Singend wollen wir marschieren, o. J.) und die SS (z. B. SS-Liederbuch, o. J.). In vielen Schulbüchern wie in Ernte und Aussaat 2. Teil Oberstufe, 1940 und Klingendes Leben – Singebuch für Mädchen, Teil 1, 1941 sowie in Klingender Tag – Liederbuch für die Mittelstufe 1 und 2, 1942 war das Lied ebenfalls vertreten.

1942 wurde das Frühlingslied ähnlich wie andere Volkslieder, z. B. Der Winter ist vergangen, und Ade zur guten Nacht zu dem berühmt gewordenen Lied Wir sind die Moorsoldaten in das vor den KZ-Aufsehern geheim gehaltene Lagerliederbuch des KZ Sachsenhausen aufgenommen.

Nachdem in einem Flüchtlingslager in Dänemark deutsche Lieder gesammelt wurden, erschien Anfang 1945 das Liederbuch der deutschen Flüchtlinge in Dänemark. In Deutschland kamen bereits 1946 die ersten neuen Liederbücher heraus: in der BRD Lieder der Jugend (Hg. Erzbischöfliches Jugendseelsorgeamt, München) und in der DDR das Liederbuch der deutschen Jugend, FDJ.

Von da an wurde das Lied in allen Kreisen und Gruppierungen gesungen, wie die zahlreichen Liederbücher zeigen: sowohl von Gewerkschaftern, Christen, Wandervereinen, Turnern als auch in Schulen, in Jugendbünden und sogar von Fußballspielern (Liederbuch des deutschen Fußballbundes) und Reformjugendlichen (Liederbuch der deutschen Reformjugend).

Gesungen wurde es auch in Österreichs; es erschienen allgemeine Gebrauchsliederbücher mit dem Frühlingslied (z B. Komm sing mit uns, 1980 und Volkslieder aus Österreich, 2004) und spezielle für verschiedene Regionen, z. B. in Kärnten, Steiermark, Südtirol.

Nicht nur österreichische Soldaten (Österreichisches Soldatenliederbuch, 1967) sangen das Lied, sondern bald nach Einrichtung der Bundeswehr 1956 auch westdeutsche Soldaten. So gab die Bundeswehr in unregelmäßigen Abständen Liederbücher mit Im Frühtau zu Berge heraus, z. B. 1958 Liederbuch der Bundeswehr, 1976 Hell klingen unsere Lieder und 1991 Kameraden singt!

Auch in der Schweiz kamen mehrere Lieder- und Schulbücher mit dem Lied heraus. In Deutschland wurde vor allem das in der Schweiz edierte Das große Kinderliederbuch bekannt, eines der schönsten Kinderliederbücher mit Illustrationen von Tomi Ungerer.

Zur größten Verbreitung hat jedoch die erstmals 1953 erschienene Mundorgel beigetragen mit einer bis 2012 verkauften Textauflage von rd. 10 Millionen und einer Notenausgabe von 4 Millionen. Auch das (ab 1978 erschienene) Fischer Taschenbuch Volkslieder aus 500 Jahren und Das große Liederbuch (ab 2000) des Clubs Bertelsmann trugen zur hohen Popularität des Liedes bei. In den vergangenen 10 Jahren ließ die Anzahl der aufgelegten Liederbücher nach. Von den in geringen Exemplaren aufgelegten seien noch folgende genannt: Fahrten und Feierlieder 2, das Wandervogel-Liederbuch (beide 2007) und Jurtenburg (Liederbuch des Verbands christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder, 2010).

Betrachtet man die Rezeption von Im Frühtau zu Berge auf Tonträgern, so fällt auf, dass sowohl in der BRD, in der DDR als auch in der Schweiz die Mehrheit der Langspielplatten und Compact Discs, auf denen das Lied enthalten ist, in den 1970er und 1980er Jahren erschienen ist. In der Bundesrepublik Deutschland wurden für die Aufnahme von Volksliedern häufig Chöre engagiert, vor allem Kinderchöre wie der Dresdner Kreuzchor, die Ulmer Spatzen und der Bielefelder Kinderchor, aber auch große Orchester, z. B. das Orchester Christian Wagner, das Stabsmusikkorps der Bundeswehr und das Polizeiorchester Berlin. Auch bekannte Solisten wurden von der Tonträger-Industrie für die Interpretation des Frühlingsliedes gewonnen: vom Opernsänger Hermann Prey (LP Hermann Prey, 1970), dem ausgebildete Opern- und späteren Schlagersänger Tony Marshall (Das Wandern ist des Tony’s Lust, 1976) bis zum selbsternannten Volkssänger Heino (Sing mit Heino, Folge 7 und 8, 1979 und Lieder der Berge 2, 1981). Auch in späteren Jahren schien sich die Aufnahme des Liedes auf CDs zu lohnen: 1994 sangen es die Opernbassisten Günter Wewel auf Heimatklänge und Gunther Emmerlich auf Die schönsten Volkslieder aus aller Welt; und von dermit dem Megahit 99 Luftballons berühmt gewordene Nena erschien die Kinderlieder-CD Unser Apfelhaus (1995) mit Im Frühtau zu Berge. Zur anhaltenden Popularität des Liedes leisteten natürlich auch der mit mehreren Goldenen Schallplatten ausgezeichnete Chorleiter Gotthilf Fischer und seine Fischer-Chöre ihren Beitrag auf Vortragskonzerten, durch öffentliches Singen unter Einbeziehung des Publikums und u. a. mit ihrem Album Die schönsten Volkslieder (1997).

Ist ein Lied besonders populär, so wird es häufig parodiert oder die erste Zeile (sog. Incipit, lat. es beginnt) verselbständigt. Hier zeigen sich Verselbständigungen in Buchtiteln, die die erste Zeile verwenden, so z B. Im Frühtau zu Berge wir gehen (herausgegeben von den Naturfreunden, Kantonalverband St. Gallen 1980), beim Wanderbuch Im Frühtau zu Berge. Badens schönste Wanderungen undbei dem vom ehemaligen Chefredakteur des Manager Magazins Leo Brawand verfassten Buch Im Frühtau zu Berge – Was Wandern so vergnüglich macht (Bruckmann, München 2004).

Von den vielen Parodien des Liedes werden hier nur einige vorgestellt. 1978 hatte Otto Waalkes große Erfolge mit seiner Parodie auf Konzerten und auf der CD Ottocolor, auf der er das Lied im Gesangsstil von Louis Armstrong und Udo Lindenberg und als Country Song u. ä. interpretierte.

Werner Böhm (Künstlername Gottlieb Wendehals nahm 1983 mit der CD Ervolkslieder eine besondere Version auf; der Text der ersten Strophe lautet: „Im Frühstau bei Herne wir blühen richtig auf. / Da stehen wir so gerne und wachen langsam auf. / Wir gucken in die Runde und alle Viertelstunde, / da schiebt sich der Stau plötzlich meterweit vor“. Einige Jahre später versuchte sich Mike Krüger im Medley Lustig ist das Zigeunerschnitzel auf dem Album Ua Ua Ua (1989) mit „Im Kühlschrank die Zwerge sie frier’n, fallera /Sie können sich vor Kälte nicht rasieren, fallera. / Sie tanzen ohne Hosen um die Butterdose, komm her und versuch es doch selbst einmal“ und 2007 im satirischen Jahresrückblick des ZDF ein vorgeblicher Männerchor des SEK mit einer politischen Version:

Im Frühtau wir stürmen dein Haus, fallera.
Wir sprengen deine Haustür einfach raus, fallera.
Wir sind dann bei dir drinnen, du kannst uns nicht entrinnen
und siehst dabei ganz schön blöd aus, jaja.

Im Flugzeug wir schießen dich ab, fallera.
Im Ferienflieger geht es dann bergab, trallala.
Erlaubt wird es erst morgen, doch uns macht‘s keine Sorgen
weil danach kein Hahn mehr kräht, fallera.

Wir überwachen dich total, fallera.
Mecker‘ nicht du hast gar keine Wahl, trallala!
Wir sind hinaus gegangen, Terroristen fangen
komm mit und versuch es doch auch einmal!

Schließlich brachte 2012 die Gruppe Jazzkantine auf ihrer CD Jazzkantine singt Volkslieder unter Verwendung der ersten Strophe des Originals als Refraineinen Rap-Song heraus. Eine Parodie, die heute noch aktuell erscheint, schrieb 1967 der Satiriker, Grafiker und Schriftsteller Dieter Höss :

Millionärslied

1. Beim Frühstück am Morgen sie sehn, fallera,
wie schlecht ihre Aktien wieder stehn, fallera,
und warten dann voll Sorgen
auf den Stand von morgen
und sehen sich alle schon betteln gehn.

2.Selbst kluge und steinreiche Leut, fallera,
sind heute vor Angst nicht mehr gescheit, fallera,
nur weil sie mal von ihren
Milliönchen drei verlieren
und reden deswegen von Krisenzeit.

Georg Nagel, Hamburg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

5 Responses to Der Deutschen liebstes schwedisches Lied. Olof Thunmans „Im Frühtau zu Berge“

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