Frühlings- und Liebeslied. Zu „Der Winter ist vergangen“

Anonym

Der Winter ist vergangen

1.
Der Winter ist vergangen,
ich seh des Maien Schein,
ich seh die Blümlein prangen,
des ist mein Herz erfreut.
So fern in jenem Tale,
da ist gar lustig sein,
da singt die Nachtigale
und manch Waldvögelein.

2.
Ich geh, ein Mai zu hauen*,
hin durch das grüne Gras,
schenk meinem Buhl* die Treue,
die mir die liebste was.
Und bitt, daß sie mag kommen,
all vor dem Fenster stahn,
empfangen den Mai mit Blumen,
er ist gar wohl getan.

3.
Und als die Allerliebste
sein Reden hatt gehört
da stand sie Traurigliche***
und sprach zu ihm ein Wort
"Ich hab den Mai empfangen
mit großer Würdigkeit!"****
Er küßt sie an die Wangen
war das nicht Ehrbarkeit?

4.
Er nahm sie sonder Trauern
in seine Arme blank,
der Wächter auf der Mauern
hub an ein Lied und sang:
"Ist jemand noch darinnen,
der mag bald heimwärts gahn.
Ich seh den Tag herdringen
schon durch die Wolken klar."

5.
"Ach Wächter auf der Mauern,
wie quälst du mich so hart!
Ich lieg in schweren Trauern,
mein Herze leidet Schmerz.
Das macht die Allerliebste,
von der ich scheiden muß;
das klag ich Gott dem Herren,
daß ich sie lassen muß.“

6.
Ade, mein Allerliebste,
ade, schöns Blümlein fein,
ade, schön Rosenblume,
es muß geschieden sein!
Bis daß ich wieder komme,
bleibst du die Liebste mein;
das Herz in meinem Leibe
gehört ja allzeit dein.

     * Ein alter Brauch, nachdem ein Mann der von ihm Umworbenen eine junge Birke vor
     ihr Fenster stellt oder Birkenzweige anbringt
     ** Buhl = Liebste, Geliebte 
     *** von trouwen, trauen, hier im Sinn von Vertraut; vertrauensvoll
     **** würdig von wert, etwas wert sein, etwas wertschätzen.

„Der wynter ys verganngen, ons compt des meyen tyet“ lauten die beiden ersten Zeilen des Liedes, dessen „mittelniederländischer Text auf einem losen Blatt im 15. Jahrhundert (auftaucht), das in Hanau gefunden wurde“ (Nederlandse Liederenbank unter De winter is vergangen). Erstmalig gedruckt erschien es in Het zutphens Liedboek (bekannt als Weimarer Liederhandschrift, 1537-1543, Weimarer Landesbibliothek). 1544 wurde das inhaltlich ähnliche Lied Het viel eens hemels douwe / Voor mijns liefs vensterkijn (Es fiel ein himmlischer Tau auf meiner Liebsten Fenster) in das Antwerp Liederboek aufgenommen, dessen zweite Strophe identisch ist mit der ersten von Der Winter ist vergangen.

Wie beliebt das Lied in den Niederlanden war, zeigen sieben weitere allein im 16. Jahrhundert erschienene Liederbücher. Nach Deutschland gekommen ist De winter is verganghen 1856 durch den Dichter und Germanistik-Professor Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798 – 1874), bekannt wurde es durch die Übersetzung ins Deutsche 1877 des  Volksliedforschers und -sammlers Franz Magnus Böhme (1827 – 1898) und die Aufnahme in seine Sammlung Altdeutsches Liederbuch und populär seit der Aufnahme in die Lieder Sammlung Deutscher Liederhort von Ludwig Erk und Franz Magnus Böhme, Leipzig 1893/94.

Der Verfasser des Liedtextes, der bis heute unbekannt geblieben ist, hat sich offensichtlich von Versen aus dem Hohelied Salomos (Altes Testament) inspirieren lassen:

Zur 1. Strophe:

Denn siehe, der Winter ist vergangen, der Regen ist weg und dahin;
die Blumen sind hervorgekommen im Lande, der Lenz ist herbeigekommen,
und die Turteltaube lässt sich hören in unserm Lande…
Hohelied Salomos, Kapitel 2, Vers 11 und 12.

Zur 2. Strophe:

… und sieht durchs Fenster … Kapitel 2, Vers 8.

Zur 5. Strophe:

Es fanden mich die Wächter, die in der Stadt umgehn … Kapitel 3, Vers 3.

Zur 6. Strophe:

Wie eine Rose …..ist meine Freundin … Kapitel 2, Vers 2.

Wer aber hatte im 15. Jahrhundert derart gute Bibelkenntnisse, wenn nicht ein Theologe oder ein Student der Theologie?

Von wem die Melodie stammt, ist ebenfalls nicht bekannt. Die holländische Liederenbank datiert die erste Notation auf 1591. Einige Quellen gehen davon aus, dass De winter is vergangen eine eigene Melodie hat, so z. B. „Thysius Luitboek“ (etwa 1600). Da jedoch die “Winter-Melodie“ fast identisch ist mit der des Liedes Het viel een hemelse douw (Es fiel ein himmlischer Tau), könnte es zwei ähnliche Melodien gegeben haben (so die Online Dutch Song Database zu beiden Liedern).

Diese beiden einprägsamen Weisen waren derart beliebt, dass im 16. und 17. Jahrhundert in Holland mehr als 20 andere weltliche und kirchliche Lieder mit diesen Melodien entstanden (vgl. Übersicht in der Nederlandse Liederenbank unter De winter is vergangen). Der Hinweis, dass die niederländische Nationalhymne Het Wilhelmus der heutigen „Winter-Melodie“ ähnele (z. B. Hans Rölleke Das große Buch der Volkslieder, S. 60), ist nicht nachzuvollziehen (vgl. die diversen Interpretationen von Wilhelmus von Nassauen auf Youtube); mag sein, dass die Notationen im 16. und 17. Jahrhundert teilweise übereinstimmten.

Im Lied freut sich  der Theologiestudent darüber, dass der Winter vorbei ist; er sieht wie die Natur grünt und blüht und hört die Vögel zwitschern – hier poetisch überhöht ‚die Nachtigall singen‘. Er bekommt „Frühlingsgefühle“, denkt an seine Liebste und stellt ihr als Zeichen seiner Zuneigung eine kleine Birke vors Fenster. Er bittet, dass sie sich am Fenster zeigen und bereit sein möge, ihn zu erhören, den ‚Mai mit Blumen zu empfangen‘. Und die Allerliebste vertraut ihm, gibt ihm zu verstehen, dass sie es schätzen wird, ‚den Mai zu empfangen‘, worauf er sie (zunächst nur) auf die Wangen küsst. In der vierten Strophe wird klar: Dabei ist es nicht geblieben. Das Liebespaar hat die Nacht miteinander verbracht. Und während es in Dat du min Leevsten büst der am frühen Morgen krähende Hahn ist, der zum Aufbruch mahnt, ist es hier der „Wächter auf der Mauern“. Der Protagonist nimmt die Aufforderung ernst, er trauert, sein „Herze leidet Schmerz“, denn er weiß, er muss scheiden, Abschied nehmen. Er nennt seine Allerliebste „Rosenblume“, versichert ihr seine Liebe und Treue – „das Herz in meinem Leibe / gehört ja allzeit dein“und tröstet seine Geliebte und sich damit, dass er ja wieder kommen wird.

Von den frühen Liederbüchern, in die Der Winter ist vergangen Aufnahme fand, sind die Altdeutschen Lieder (Hg. v. Ludwig Böhme, 1877), der Deutsche Liederhort, Band II (Hg. v. Ludig Erk u. Franz Maguns Böhme, 1894) und der Zupfgeigenhansl (Hg. v. Hans Breuer, 1908) insofern herauszustellen, als sie den Siegeszug des Liedes in Deutschland einleiteten. Danach tauchte das Lied in der Weimarer Zeit in mehr als 30 Liederbüchern (vgl. Archiv Hubertus Schendel) verschiedener Provenienz und in Schulbüchern auf.

Einen weiteren Rezeptionshöhepunkt erlebte das Lied in der Nazizeit. Das zeigen die Liederbücher Uns geht die Sonne nicht unter der Hitlerjugend, Werkleute singen der NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude, Wir Mädel singen des Bundes Deutscher Mädel und Lieder der Arbeitsmaiden des Reichsarbeitsdienstes mit ihren hohen Auflagen. Auch das SS-Lieder-Buch (9 Auflagen) und zahlreiche Schulbücher zeugen davon, wie dieses unpolitische Lied vom NS-Regime vereinnahmt wurde. Auffällig bei den von den Nazis edierten Liederbüchern ist, dass bei der Mehrzahl der niederländische Ursprung verschwiegen wird; man war bestrebt, diesem Lied eine deutsche Abkunft zu bescheinigen“ (vgl. Historisch-kritisches Liederlexikon). Außer in wenigen konfessionsnahen Liedersammlungen war das Frühlingslied neben dem Moorsoldatenlied, Wilde Gesellen vom Sturmwind durchweht, Ade zur guten Nacht  u. v. a. auch im handschriftlichen Lagerliederbuch des KZ Sachsenhausen enthalten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ist Der Winter ist vergangen ist in zahlreiche Liederbücher aufgenommen worden. Zur großen Verbreitung des Liedes haben vor allem die Mundorgel (1953 bis 2013 über 10 Millionen Auflage), das umfangreichste deutsche Liederbuch Deutschland im Volkslied – 714 Lieder aus deutschsprachigen Landschaften und Europa (1958) und das auflagenstarke  Das große Buch der Volkslieder (Bertelsmann Club, o. J.) beigetragen.

Populär geworden ist es auch in der DDR durch mehrere Liederbücher, darunter das FDJ-Liederbuch Leben Singen Kämpfen. Gesungen wurde und wird es noch heute in Österreich und England (The night of winter’s over, / The light of spring is here) und in der Schweiz, besonders im Kanton Tessin in italienisch (L’inverno è passato, l’aprile non c’è più / è ritornato il maggio col canto del cucù) mit einer leicht abgewandelten Melodie.

Von den vielen Tonträgern mit dem Frühlingslied seien hier nur die Alben mit hohen Auflagen erwähnt: Freche Lieder – liebe Lieder (Folge 1, 1987) der Büchergilde Gutenberg, Die schönsten Volkslieder (1989) von Das Beste aus Reader Digest und vor allem Volkssänger (1975) und Der Volkssänger (2004) von Hannes Wader. In den letzten 5 Jahren hat das Deutsche Musikarchiv 17 Partituren des Liedes gesammelt; ein Nachweis dafür, dass das Lied noch heute gern gesungen wird.

Die Beliebtheit eines literarischen Werks kann sich in der Verselbständigung der ersten Zeile oder Titels eines Lieds oder Gedichts zeigen. Gerade in der Werbung wird das Incipit gern benutzt,  z. B.: Ein Möbelhaus macht im Frühling eine Zeitungsanzeige mit „Der Winter ist vergangen“ auf, ein Modeschöpfer stellt seine Frühjahrskollektion unter das Motto der ersten Zeile oder ein Wanderverein wirbt im März für seine Wandertage.

Viele andere Dichter benutzen die erste Zeile oder deren Anfang als Einstieg für den weiteren Text; so z B. Wilhelm Raabe (1831 – 1910) 1857 in Der Student von Wittenberg:

Der Winter ist vergangen. Jubilate!,
Die grünen Felder prangen. Jubilate!
Ihr Schüler von den Bänken, Jubilate!
Ihr sollt des Mai’s gedenken, Jubilate!, Jubilate!

und namentlich nicht genannte Wandervögel: „Der Winter ist vergangen, /Es grünet und blühet das Feld“ (WV-Album 1920) bzw. „Der Winter ist vergangen / Sieh, Schnee und Regen sind vorbei“ (WV-Album 1922), Madeline John in Neue Lieder erklingen, 11. Folge 1983, DDR: „Der Winter ist vergangen / vom Frühling eingefangen“.

Der Grad der Popularität eines Liedes ist häufig auch an der Anzahl der Parodien abzulesen. (Parodie im literaturwissenschaftlichen Sinn als Übernahme von Form und Struktur des Vorbilds und Änderung des Textes). Eine der ersten Parodien stammt aus dem Jahr 1817 von einem unbekannten Wandergesellen (2. Strophe):

Der Winter ist gekommen,
die Meister werden stolz
Sie sprechen zu ihren Gesellen:
Geh raus und haue Holz!

(„Holzspalten ist sonst nur eine Sache von Lehrlingen und Tagelöhnern“. Der Grosse Steinitz. Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten. Westberlin 1979, S. 196).

Wandergesellen, deren Wanderschaft sich nicht auf Deutschland beschränkte, scheint also die Melodie bereits vor dem als Entdecker des niederländischen Liedes bezeichneten Heinrich Hoffmann von Fallersleben bekannt gewesen zu sein. Hoffmann hat einen eigenen Text verfasst, vertont vom Volksliedforscher und Liedersammler Ludwig Erk (1807 – 1883), mit folgender erster  Strophe:

Der Frühling ist gekommen
Es grünet Wald und Flur.
Frisch auf, mein Sang, verkünd’ es
Der ganzen deutschen Welt!

Zerspreng des Bannes Schlafe,
drin jetzt noch alles ruht,
und weck in aller Herzen
des Frühlings Lust und Mut.

(Deutscher Liederschatz von Ludwig Erk, Nr. 128, Leipzig 1889).

Auch ein 1983 entstandenes Protestlied gegen die Stationierung von Atomraketen hat sich formal an Der Winter ist vergangen orientiert (2. Strophe):

Ich ging um nachzuschauen
hin durch das grüne Gras
bis daß ein Stacheldraht war,
wo ich solch‘ Inschrift las:

„Hier baut die US-Army
ein Waffenarsenal“.
Da fand ich’s plötzlich gar nicht
mehr lustig in dem Tal.

(Manfred Bonson [Hg.]: Laßt uns Frieden schaffen ohne Waffen. 112 Lieder gegen den Krieg und für den Frieden, Fischerhude 1983.)

ebenso wie Anna Vetter mit ihrer Freude über den an der TU Berlin erlangten Bachelor (1. Strophe):

Der Bachelor ist vergangen,
Ich seh schon meinen Schein.
Ich seh den Abschluss prangen,
Des ist mein Herz erfreut.
Und auf der Abschiedsfeier,
Da ist gar lustig sein.
Da lädt uns der Dekane
zu manchem Biere ein.

(Zeit der Leser, 22. Mai 2012).

Georg Nagel, Hamburg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

2 Responses to Frühlings- und Liebeslied. Zu „Der Winter ist vergangen“

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