Autopoiesis des Hintergrundradios. Adel Tawils „Lieder“

Adel Tawil

Lieder

Ich ging wie ein Ägypter
Hab' mit Tauben geweint
War ein Voodookind
Wie ein rollender Stein
Im Dornenwald sang Maria für mich
Ich starb in deinen Armen, Bochum '84
Ich ließ die Sonne nie untergehen
In meiner wundervollen Welt

Und ich singe diese Lieder
Tanz' mit Tränen in den Augen
Bowie war für'n Tag mein Held
Und EMF kann es nicht glauben
Und ich steh' im lila Regen
Ich will ein Feuerstarter sein
Whitney wird mich immer lieben
Und Michael lässt mich nich' allein

Ich war willkommen im Dschungel
Und fremd im eigenen Land
Mein persönlicher Jesus
Und im Gehirn total krank
Und ich frage mich, wann
Werd' ich, werd' ich berühmt sein
So wie Rio, mein König für die Ewigkeit
Ich war am Ende der Straße angelangt
War ein Verlierer, Baby, doch dann
Hielt ich ein Cover in der Hand
Darauf ein Mönch, der in Flammen stand
Kurt Cobain sagte mir, ich soll kommen wie ich bin

Und ich singe diese Lieder [...]

Ich war einer von fünf Jungs
"One Minute" aus, dann war's vorbei
Ich sang nur noch für mich,
für ‘ne unendlich lange Zeit
Dann traf ich auf sie
Und sie erinnerte mich
Wir waren Welten entfernt
Und doch vom selben Stern
Ich ging wie ein Ägypter
Hab' mit Tauben geweint
War ein Voodoo-Kind
Wie ein rollender Stein
Ich ließ die Sonne nie untergehen
In meiner wundervollen Welt

Und jetzt singe ich meine Lieder
Tanz' mit Tränen in den Augen
Bowie war für'n Tag mein Held
Und EMF kann es nich' glauben
Und ich steh' im lila Regen
Ich will ein Feuerstarter sein
Whitney wird mich immer lieben
Und Michael lässt uns nicht allein

Denn wir singen diese Lieder
Tanzen mit Tränen in den Augen
Bowie war für'n Tag ein Held
Und EMF kann es nich' glauben
Und wir stehen im lila Regen
Wir wollen Feuerstarter sein
Whitney wird uns immer lieben
Und Michael lässt uns nicht allein

     [Adel Tawil: Lieder. Vertigo 2013.]
Der Künstler Matthias Schamp hat eine umfangreiche Fotoserie mit dem Titel „Schlechte Verstecke“ veröffentlicht, deren Bilder einen Mann zeigen, der hinter zu kleinen Gegenständen hockt, sich deutlich abzeichnend unter Teppichen liegt etc. Ähnlich raffiniert versteckt sind auch die Zitat-Ostereier in Adel Tawils Lieder. Offensichtlich besteht der Reiz, den das Lied ausweislich der hohen Chartplatzierung (Platz 2) und des massiven Radio-Airplays (Platz 1) auf viele Hörer auszuüben scheint, nicht darin, dass es den sportlichen Ehrgeiz beim Zitate-Suchen weckt. Das wird nicht nur daran deutlich, dass in manchen Fällen (Whitney Houston, Michael Jackson, Kurt Cobain, David Bowie, EMF) der Interpret sogar gleich mitgenannt wird, sondern auch in der wörtlichen Übersetzung von „Firestarter“ mit dem Neologismus „Feuerstarter“ anstelle des geläufigen „Brandstifter“, was wohl tatsächlich längeres Überlegen provoziert hätte.
Und ordnet man die zitierten Lieder (die u. a. bereits bei Wikipedia aufgelistet sind) chronologisch an, wird auch deutlich, dass es sich hier nicht, wie mancherorts behauptet (Tawil selbst spricht nur von „Liedern, die [ihn sein] ganzes Leben lang begleitet haben“, vgl. Interview), ausschließlich um Lieder aus der Jugend des 1978 geborenen Sängers handelt:
  • Anonym: Maria durch ein Dornwald ging (1850)
  • Bob Dylan: Like a Rolling Stone (1965)
  • Louis Armstrong: What a Wonderful World (1968)
  • Jimi Hendrix: Voodoo Child (1970)
  • Elton John: Don’t Let the Sun Go down on Me (1974)
  • David Bowie: Heroes (1977)
  • Prince: When Doves Cry (1984)
  • Cutting Crew: (I Just) Died In Your Arms (1984)
  • Herbert Grönemeyer: Bochum (1984)
  • Ultravox: Dancing with Tears in My Eyes (1984)
  • Prince: Purple Rain (1984)
  • The Bangles: Walk Like an Egyptian (1986)
  • Rio Reiser: König von Deutschland (1986)
  • Guns ’n‘ Roses: Welcome to the Jungle (1987)
  • Bros: When Will I Be Famous (1987)
  • Depeche Mode: Personal Jesus (1989)
  • EMF: Unbelievable (1990)
  • Advances Chemistry: Fremd in eigenen Land (1992)
  • Boyz II Men: End of the Road (1992)
  • Nirvana: Come as You Are (1992)
  • Rage Against the Machine: Killing in the Name (1992)
  • Whitney Houston: I Will Always Love You (1992)
  • Cypress Hill: Insane in the Brain (1993)
  • Beck: Loser (1994)
  • Michael Jackson: You Are Not Alone (1995)
  • The Prodigy: Firestarter (1996)
Doch nicht nur zeitlich, auch stilistisch sind die zitierten Songs derart gestreut, dass ihre Zusammenstellung keine spezifische musikalische Sozialisation einer Alterskohorte oder der Angehörigen einer bestimmten Musikszene abbildet und somit als Erinnerungsmedium funktionieren könnte. Auch entsteht durch die Zitate, abgesehen von der dritten Strophe, in der Tawil seine musikalische Vergangenheit in der Boyband The Boyz und zusammen mit Annette Humpe als Ich + Ich besingt, kein neuer Sinn, etwa in Form einer Geschichte (wie unter Verwendung diverser Punkbandnamen in Wir sind nicht die Onkelz von Rantanplan).
Die Aufzählung erinnert an die Programmankündigungen von Massenwellen: „Das Beste der 60er, 70er, 80er und 90er“. Und so verwundert es nicht, dass das Lied vor allem dort derart erfolgreich ist. Es ist eine Feier jener popkulturellen Indifferenz, in der linksradikaler Metal, Lovesongs, Rap, Deutschrock und Adventslieder sich abwechseln, ohne dass sich jemand daran stört, was ja überhaupt – aus Sicht der Programmverantwortlichen auch ganz explizit – das Hauptanliegen solcher Sender ist: nicht zu stören – beim Autofahren, Bügeln, Frühstücken oder Lieder schreiben.
Martin Rehfeldt, Bamberg
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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

2 Responses to Autopoiesis des Hintergrundradios. Adel Tawils „Lieder“

  1. hpecker says:

    Muss man solch ein Machwerk (vor allem natürlich vom Text her, aber Melodie und Stimme stehen dem poetischen Grauen nur wenig nach) in diesem Blog besprechen? Nach längerem Nachdenken würde ich zustimmen! Dieses Lied erhebt Produktionen deutscher Schlagerkunst vergangener Zeiten von Roy Black bis Nena in den Rang genialer Meisterwerke und hat mich hinsichtlich der pseudoreligiösen Kitschlieder eines Xavier N. unversehens milde gestimmt. Besagtes Teil verändert einfach alle gängigen Maßstäbe und erweitert die nach unten unbegrenzte Richter-Skala für deutschsprachiges Liedgut um einige Oktaven nach Süden. Aber warum um Himmels willen spielen die Radiosender diesen Titel unentweg? Wollen sie uns in der Fastenzeit dabei unterstützen, aufs Radiohören zu verzichten? Zahlt ihnen ein sadistischer Oligarch für jede Titeleinspielung Unsummen? Sind die Sender gehackt? Gibt es eine große Psychostudie zum Thema ,psychische Belastbarkeit dekadenter Westeuropäer‘? Ich weiß es nicht, will es auch nicht wirklich wissen, sondern will diesen Titel nur NIE wieder hören.
    PS. Übrigens habe ich das parasitäres Zitieren erfolgreicher Songs (was mit Covern, Parodieren oder kreativem Variieren aber auch nicht das Geringste zu tun hat!) bzw. das Erwähnen prominenter Stars zum Zwecke der Anwanzung an Fans schon immer gehasst.

  2. Pingback: Das fragmentierte Selbst: Sidos „Bilder im Kopf“ | Deutsche Lieder. Bamberger Anthologie

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