Fordernde Allegorie. Zu Rio Reisers „Der Krieg“

Rio Reiser

Der Krieg

Der Krieg er ist nicht tot, der Krieg.
Der Krieg, er ist nicht tot, er schläft nur. 

Er liegt da unter'm Apfelbaum und wartet, wartet
auf mich, auf dich. Er ist nicht tot, der Krieg. 

Der Krieg [...]

Er liegt da im Hinterhof und wartet, wartet
auf mich, auf dich.
Er ist nicht tot, der Krieg. 

Der Krieg [...]

Er hat sich sehr gut versteckt und wartet, wartet
auf dich, auf mich.
Er ist nicht tot, der Krieg. 

Der Krieg [...]

Er liegt da unter'm Apfelbaum und wartet, wartet
auf mich, auf dich.
Er ist nicht tot, der Krieg.     

     [Rio Reiser: Durch die Wand. Columbia 1991.]

Den Krieg allegorisch zu personifizieren, hat eine lange Tradition, angefangen bei Kriegsgöttern, die auch von Dichtern, die nicht mehr an sie glaubten, besungen wurden, über das Diktum vom Krieg als „Vater aller Dinge“ bis hin zu expressionistischen Kriegsgedichten. Derartige Personifikationen dienen ganz allgemein häufig dazu, etwas anschaulich oder greifbar zu machen, das ansonsten als Vorstellung abstrakt bliebe. Rio Reiser bedient sich  dieses Verfahrens aber mit dem gegenteiligen Ergebnis: So anschaulich das Bild des unter dem Apfelbaum oder im Hinterhof Liegenden ist, so schwer erscheint es in den ersten beiden Strophen, einen Bezug zum Krieg herzustellen. Denn das geschilderte Verhalten des Krieges ist ja, das mach spätestens die dritte Strophe deutlich, untypisch, stellt eine Art Camouflage dar.

Auch dass er wartet, deutet darauf hin, dass er im beschriebenen Moment eben nicht tut, was für ihn charakteristisch ist. Worum es dabei geht, wird sowohl zum Ende der Strophen als auch im Refrain in einer irritierenden Anwendung auf ihn selbst genannt: töten. Irritierend ist daran nicht nur, dass der Krieg nicht als der thematisiert wird, der tötet, sondern als möglicherweise gestorben, sondern auch, dass er existieren soll, während er doch gerade nicht existiert. Ein Ereignis findet statt oder eben nicht, etwas dazwischen, eine Art Latenz, nehmen wir üblicherweise nicht an. Zwar gibt es oft Indikatoren dafür, dass ein Ereignis bald eintreten wird – Bewölkung etwa als Vorbote von bzw. Voraussetzung für  Regen -, das Ereignis selbst ist aber erst ‚da‘, wenn es sich ereignet. Die idiomatische Wendung, ein Krieg drohe, impliziert auch ungeachtet der grammatischen Position des Krieges als Subjekt nicht, dass er schon in irgendeiner Art vorhanden sei, sondern eben dass es Anzeichen gebe, die ihn möglich oder gar wahrscheinlich machen.

Desweiteren bleibt im Text unklar, was denn geschähe, wenn das Ich oder das Du auf den wartenden Krieg träfen. Würde er sie anfallen, würden sie unmittelbar seine Opfer? Oder würden sie selbst zu Akteuren und somit höchstens mittelbar Opfer? Um diese Frage zu beantworten, bleibt interpretatorisch der Weg, eine Mehrfachcodierung des Textes zu unterstellen und etwa nach der übertragenen Bedeutung von Apfelbaum und Hinterhof zu fragen. Der Aufenthalt unter einem Apfelbaum lässt einerseits die Assoziation zu idyllischen Szenarien wie dem in Ludwig Uhlands berühmtem Gedicht Einkehr, in dem der Apfelbaum als gastfreundlich gefeiert wird, zu, andererseits natürlich zum Sündenfall. Folgt man dieser zweiten Symboltradition, so käme dem wartenden Krieg die Rolle der Schlange zu. In einer solchen Lesart wäre es der Mensch, im Text verkörpert vom Ich und Du, der der Versuchung zur kriegerischen Aggression erliegen könnte.

Der Hinterhof weist zwar keine so lange Geschichte als Symbol auf wie der Apfelbaum, jedoch lässt er sich unschwer in eine Reihe mit anderen, der Allgemeinheit verborgenen Orten wie Kellern bringen, wozu auch das Verstecken in der dritten Strophe passt. So wird das Bild des Hinterhofs psychoanalytisch als Hinweis auf verdrängte Triebe deutbar, im Kontext des Textes den Aggressionstrieb. Auch die Aussage, dass er nicht tot sei, sondern nur schlafe, weist darauf hin, dass es hier um etwas geht, das nur vermeintlich endgültig überwunden, tatsächlich aber nach wie vor bedrohlich ist. Der Krieg wird also keineswegs wie etwa in Georg Heyms Der Krieg I, zu dessen beginn der Krieg aus langem Schlaf erwacht, als etwas beschrieben, das über die Menschen hereinbricht, sondern vielmehr als von ihnen gemacht.

Eine entsprechende Lesart wird in einer anderen, posthum auf dem Album Am Piano I (Möbius Rekords 1998) veröffentlichten Version des Lieds (die auch dem obigen Video unterlegt ist) expliziert. Dort lautet die dritte Strophe:

Er hat sich sehr gut versteckt und wartet, wartet
in mir, in dir.
Er ist nicht tot, der Krieg.

Realweltlich käme es demnach, um Krieg zu verhindern, darauf an, sich bewusst zu halten, dass die Grundlagen für Kriege nicht nur ideologischer, geopolitischer, ethnischer oder wirtschaftlicher, sondern auch indivuidual- und kollektivpsychologischer Natur sind. Rio Reisers Lied könnte einen Beitrag dazu leisten.

Martin Rehfeldt, Bamberg

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One Response to Fordernde Allegorie. Zu Rio Reisers „Der Krieg“

  1. wolfganghaberl says:

    Das schöne fatalistischer Anti-Kriegslied, das es auch in einer (meiner Meinung nach gelungeneren und textlich leicht veränderten) Version auf „Am Piano I“ (1998) gibt, bezieht sich möglicherweise auf den Slowenischen Unabhängigkeitskrieg, der zwar erst am 27. Juni 1991 und damit zu spät für das Album begann, aber schon seit dem Referendum über die Unabhängigkeit Sloweniens 6 Monate zuvor in der Luft lag. Dieser 10-Tage-Krieg war dann der blutige Auftakt für die nachfolgenden Kriege in Kroatien und Bosnien, die sich bis 1995 hinzogen. Das erste Mal seit dem 2. Weltkrieg kam es in Europa wieder zu größeren bewaffneten Auseinandersetzungen. Reiser weist mit dem Lied melancholisch auf die Unvermeidlichkeit des Krieges hin: Der Krieg, er ist nicht tot, er schläft nur (Refrain).

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