Abend-, Liebes- und Abschiedslied: „Ade zur guten Nacht“

Anonym/Eduard Mörike

Ade zur guten Nacht

1. Ade zur guten Nacht!
Jetzt wird der Schluss gemacht,
Dass ich muss scheiden.
Im Sommer da wächst der Klee,
Im Winter, da schneit´s den Schnee,
Da komm ich wieder.     

2. Es trauern Berg und Tal,
Wo ich viel tausendmal
Bin drüber gangen;
Das hat deine Schönheit gemacht,
die hat mich zum Lieben gebracht
mit großem Verlangen. 

3. Das Brünnlein rinnt und rauscht
Wohl dort am Holderstrauch,
Wo wir gesessen,
Wie manchen Glockenschlag,
da Herz bei Herzen lag,
das hast du vergessen.

4. a) Die Mädchen in der Welt                      
Sind falscher als das Geld
Mit ihrem Lieben.
Ade zur guten Nacht,
jetzt wird der Schluss gemacht,
daß ich muss scheiden.

4. b) Ade zur guten Nacht,
jetzt wird der Schluss gemacht,
daß ich muss scheiden
Im Sommer da wächst der Klee,
Im Winter, da schneit´s den Schnee,
Da komm ich wieder.

[In vielen Liederbüchern ist das Lied nur mit den ersten drei Strophen enthalten.]

Abschied, Abend, Liebe – alles wird angesprochen. Kein Wunder, dass Ade zur guten Nacht in einigen  Liederbüchern als Abschiedslied tituliert wird, in anderen als Abendlied, und in der Volksliedforschung als Liebes- und Abschiedslied bezeichnet wird. Dichter und Komponist, da sind sich die Liederbücher einig, sind – bis auf die 3. Strophe – anonym geblieben. Uneins ist man, was Herkunft und Entstehung der Volksweise angeht. Da wird mal Thüringen, mal Sachsen und ein andermal  Franken oder die Rheinpfalz angegeben oder das Problem mit „in Mitteldeutschland entstanden“ umgangen. Fest steht bisher: Erstmalig in Druck erschienen ist Ade zur guten Nacht 1843 in Gottfried Wilhelm Finks Musikalischem Hausschatz der Deutschen (vgl. liederlexikon.de).

Der Sänger des Liedes ist wahrscheinlich ein Handwerksbursche, der nicht nur zur Sommerzeit auf Wanderschaft gehen muss  (vgl. Es, es, es und es, es ist ein harter Schluß) und erst, wenn es schneit, wieder nach Hause kommt. Er denkt an seine Liebste, mit ihm „trauern Berg und Tal“ (pathetisch wie oft in der spätromantischen Lyrik) darüber, dass er Abschied nehmen muss, und er tröstet sich und sie damit, dass er ja wieder zu ihr zurückkommt. Dass er so verliebt (bis hin zum Verlangen) ist, hat ihre „Schönheit gemacht“. Er denkt zurück an die guten Zeiten, in der beide „das Brünnlein haben rauschen“ hören (psychoanalytisch könnte man meinen: als ihr Blut vor Verlangen rauschte) und „am Holderbusch gesessen“ haben (eventuell auch: gelegen). Mörike, von dem diese 3. Strophe stammt, „erweist sich hier als subtiler Kenner erotischer Andeutungen in der volkstümlichen Bilderwelt, auf die er rekurriert, ohne die Grenzen des in bürgerlichen Kreisen seinerzeit Sag- und Singbaren zu überschreiten“ (so das Historisch-kritische Liederlexikon). Dass sie „Herz an Herzen lagen“, ist wohl gerade noch durchgegangen, obwohl das, da sie manchen Glockenschlag gehört haben, stundenlang gewesen sein muss. Doch während der Sänger sich gern daran erinnert, wirft er seiner Liebsten vor, das alles vergessen zu haben.

Und hat er noch in der 1. Strophe ihre Schönheit besungen, so ist er über ihr (vermeintliches) Vergessen so enttäuscht, dass seine Stimmung umschlägt. Er wirft allen Mädchen vor, sie seien „falsch wie das Geld“ (zu den damaligen Zeiten waren immer wieder falsche Münzen im Umlauf), dass also ihre Zuneigung nicht echt und nur vorübergehend sei (Strophe 4. a). Aber vielleicht ist es nur der Abschiedsschmerz, der ihm diese Flausen in den Kopf setzt; im Grunde hofft er auf ein glückliches Wiedersehen im kommenden Winter „da komm ich wieder“ (Strophe 4. b).

Zur Rezeptionsgeschichte:

Zieht man die Liederbücher, Partituren und Tonträger heran, um die Rezeption eines Liedes zu untersuchen, so ist festzuhalten, dass ihre Anzahl nichts darüber aussagt, ob und wie oft ein bestimmtes Lied gesungen oder gehört wird. Dennoch können sie Aufschluss geben, über die Verbreitung und die Popularität eines Liedes.

Nachdem Ade zur guten Nacht bereits durch die Verbreitung von Lied-Flugschriften bekannt geworden war, erlangte Ade in der Zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch die Aufnahme in diverse Kommersbücher vor allem in studentischen Kreisen und in den Deutschen Liederhort auch in bürgerlichen Gesellschaftsschichten große Popularität. In der Jugendbewegung setzte sich die Erfolgsgeschichte des Liedes fort, gehörte es doch zu den ersten fünf Liedern, die in der ersten Ausgabe des Zupfgeigenhansl vertreten waren. Der Zupf, wie das Liederbuch liebevoll genannt wurde, erreichte mit erweitertem Umfang von 1910 bis 1924 eine Auflage von 733. Tausend. Das auch in bündischen Gruppierungen benutzte  Allgemeine Deutsche Kommersbuch erlebte hohe Auflagen  (bereits 1914 bereits die 101.-110. Auflage).

Im „Dritten Reich“ griffen die Nationalsozialisten gern auf traditionelles „deutsches Liedgut“ zurück, so wie sie auch aus der Jugendbewegung Fahrten- und Feuerlieder (Lieder, die am Lagefeuer gesungen wurden) übernahmen. Nicht nur Hitlerjugend und Bund Deutscher Mädel sangen diese Lieder, sondern auch SS, Reichsarbeitsdienst und die Wehrmacht. Ade zur guten Nacht war außer Den Moorsoldaten, Die Gedanken sind frei u. a. auch im vor den KZ-Wachmannschaften geheim gehaltenen „Lagerliederbuch“ (1942) des Konzentrationslagers Sachsenhausen enthalten. Und Ende 1944 wurde das Lied auch in das Liederbuch für die deutschen Flüchtlinge in Dänemark aufgenommen.

Auch nach 1945 blieb Ade de in allen Bevölkerungskreisen und Gruppierungen beliebt. Gefördert wurde die Popularität durch eine Unzahl von Liederbüchern. Während die Auflagen in der DDR sich in Grenzen hielten, haben in der  BRD vor allem die Neuauflagen bzw. Reprints des Zupfgeigenhansls (Auflage inzwischen über eine Million), der Bertelsmann Club mit  Die schönsten Volkslieder, das  weit verbreitete Fischer-Taschenbuch Das Liederbuch und das Songbook (2006) von Hannes Wader Lieder von 2000–2005 dazu beigetragen. Nicht nur in deutschsprachigen Ländern wie der Schweiz (Fahrtenlieder der Wandervögel und Das große Liederbuch – 204 deutsche Volkslieder und Kinderlieder, Zürich 1975 – eine der schönsten Liedersammlungen illustriert von Tomi Ungerer) und Österreich (diverse Liederbücher), sondern auch in England (1999 erschien ein Reprint der englischen Edition Fifty German Folk-Songs (London, ursprünglich 1967) und in Polen (deutsch-polnische Ausgabe Polsko-niemiecki śpiewnik – Deutsch-polnisches Liederbuch, Warszawa und Potsdam 1999) ist das Abend-, Liebes- und Abschiedslied bekannt.

Besonders die zum Teil hohen Auflagen der Tonträger, die das Lied übernahmen, zeigen die Beliebtheit des Liedes. Allein Heino interpretierte es auf sieben LPs bzw. CDs und ebenfalls die Fischer-Chöre, Rudolf Schock und viele andere. Darüber hinaus war es auf den in Folkkreisen geschätzten Alben von Zupfgeigenhansel, Hein und Oss Kröher und vor allem Hannes Wader zu finden. Kaum ein Sänger oder eine Sängerin, der bzw. die nicht das Lied interpretieren wollte (vgl. die zahlreichen Videos auf Youtube). Gesungen wird es ebenfalls von Kinder-, Männer- und gemischten Chören; das Deutsche Musikarchiv in Leipzig hat in den vergangenen 20 Jahren über 50 Partituren in seinen Bestand aufgenommen. Ade zur guten Nacht ist nach wie vor populär.

Georg Nagel, Hamburg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

2 Responses to Abend-, Liebes- und Abschiedslied: „Ade zur guten Nacht“

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  2. Pingback: Der Deutschen liebstes schwedisches Lied. Olof Thunmans “Im Frühtau zu Berge” | Deutsche Lieder. Bamberger Anthologie

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