Norddeutsches Fensterln. Zu „Dat du min Leevsten büst“

Konstantin Wecker auf seiner Tour „Kein Ende in Sicht“ mit Hannes Wader in Giessen,
Schiffenberger Tal am 19.06.2011.

Anonym

Dat du min Leevsten büst


1. Dat du min Leevsten büst, dat du woll weeßt.
Kumm bi de Nacht, kumm bi de Nacht, segg wo du heeßt,,
kumm bi de Nacht, kumm bi de Nacht, segg wo du heeßt.

2. Kumm du üm Middernacht, kumm du Klock een!
Vader slöpt, Moder slöpt, ick slap aleen.
Vader slöpt, Moder slöpt, ick slap aleen.

3. Klopp an de Kammerdör, fat an de Klink!
Vader meent, Moder meent, dat deit de Wind.
Vader meent, Moder meent, dat deit de Wind.

4. Kummt denn de Morgenstund, kreiht de ol Hahn.
Leevster min Leevster min, denn mößt du gahn!
Leevster min Leevster min, denn mößt du gahn!

5. Sachen den Gang henlank, lies mit de Klink!
Vader meent, Moder meent, dat deit de Wind.
Vader meent, Moder meent, dat deit de Wind.

Klock een: ein Uhr - slöpt: schläft - kreiht: kräht - ol: alte - 
mößt du gahn: musst du geh’n - sachen: sachte - henlank: entlang - 
lies: leis - deit: macht (eigentlich tut).

Als „plattdeutschen Klassiker“ hat der Norddeutsche Rundfunk das wohl bekannteste niederdeutsche Lied Dat du min Leevsten büst bezeichnet. Seinen Ursprung hat es – den Forschungen des Historischen-kritischen Liederlexikons zufolge – in einem in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bekannten westfälischen Gassenhauer Daß du mein Schätzken bist: „[…] Kumm hüte Nacht, kumm hüte Nacht, / brink mi‘n Stück Fleesk [Fleisch].“ (Ob es sich hier tatsächlich um nächtliche Essgelüste handelt oder um eine Zweideutigkeit, möge der Leser beurteilen). Von wem die ersten drei Strophen stammen, ist nicht bekannt. Sie sollen 1845 zum ersten Mal in Karl Müllenhoffs Sagen, Märchen und Lieder der Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg, veröffentlicht worden sein. Die Strophen 3 und 4 tauchen erstmalig 1925 in Hamburger Jugendlieder auf. Verfasst hat sie der holsteinische Schriftsteller Iven Kruse (1865– 1926). Als Grundlage der Melodie geben viele Liederbücher das Freimaurerlied Lasst uns, ihr Brüder, Freiheit erhöhn an (vgl. www.deutscheslied.com). Dagegen führt das Historisch-kritische Liederlexikon die heute noch gesungene Melodie auf einen 1760 erschienenen Variationensatz für Cembalo des Komponisten Josef Anton Steffan (1726–1796) zurück (zur ausführlichen Herkunftsgeschichte vgl. www.liederlexikon.de).

Die meisten Liederbücher weisen nur die ersten drei Strophen auf. Die erste Strophe ist nicht eindeutig. Lädt das junge Mädchen (die Jungfrau, die junge Frau?) einen jungen Mann ein, den sie kaum kennt, den sie erst nach nach seinem Namen fragen muss: „Segg, wie du heeßt.“ Soll diese Aufforderung bedeuten, dass sie tatsächlich nicht weiß, wer er ist? Hat er ihr im Wirtshaus derartig gefallen, dass sie ihm schöne Augen gemacht hat? Hat er sie auf dem Heimweg begleitet, und sie hat ihn, ohne ihn näher zu kennen, zu sich eingeladen? Wäre diese erste Strophe so verstanden worden, hätte kein „anständiger“ Herausgeber dieses Lied in Druck gehen lassen.

Vorsichtshalber und um gar nicht erst Missverständnisse aufkommen zu lassen, heißt es in anderen Versionen: „dat du wull weest“ (dass du wohl weißt) oder auch „segg mi was Leevs“ (Sag mir etwas Liebes). In einem Lied mit ähnlichem Inhalt singt die Jungfer: „wenn du nur wollst, / ich wär dir hold“, aber sie stellt gleich klar: „kein Silber und kein Gold, / ist meiner Liebe Sold“ (Die Fastnacht bringt uns Freuden. In: Rolf Rölleke: Das große Buch der Volkslieder, Gütersloh o. Jg./Köln 1993, S. 186). Wahrscheinlich war dem anonymen Dichter unseres Liedes das Fastnachtslied aus Des Knaben Wunderhorn bekannt (herausgegeben 1805/1808 von Achim von Arnim und Clemens von Brentano). Daher kann auch hier davon ausgegangen werden, dass die junge Frau nicht so eine ist, die den ersten Besten nächtens einlädt; sicherlich ist der junge Mann ihr Freund, den sie seit einiger Zeit kennt. Die Frage nach dem Namen dient hier als Losung oder Code, damit sich nicht ein anderer Mann, z.B. ein Verehrer oder gar ein Knecht, in ihre Kammer schleicht. Ihr Geliebter muss nichts befürchten: „ick slap aleen“ und wenn er „um Middernacht“ oder – noch besser – erst „um Klock een“ kommt, können beide sicher sein, dass die Eltern fest schlafen. Da Mägde zusammen in einem Raum schliefen, muss es sich hier um die Tochter des Hauses handeln; sie hat eine eigene Kammer und teilt das ihrem Liebsten mit. Und falls jemand das (leise) Klopfen an der Kammertür hören oder die Klinke quietschen sollte, beruhigt sie ihn: „Vader meent, Moder meent, / dat deit de Wind“.

Da die meisten Liederbücher nur die drei ersten Strophen aufgenommen haben, muss das nächtliche Geschehen unserer Vorstellungskraft überlassen bleiben. Auch die beiden zusätzlichen Strophen geben darüber keinen Aufschluss. Immerhin wird klar: die Liebenden werden einige Stunden miteinander verbringen und zwar bis in die „Morgenstund“ (in anderer Fassung: „Kummt denn de Morgenstern“) bis ‚de ol Hahn kreiht‘. Dann wird es höchste Zeit, „dann mößt du gahn“. Sie gibt ihrem Liebsten noch den Rat, „sachen den Gang henlank“ zu gehen und „lies de Klink“ zu öffnen. Sollten ihre Eltern dennoch wach werden, beruhigt sie ihn, denn „Vader meent, Moder meent, dat deit de Wind“.

Dat du min Leevsten büst ist bis heute populär geblieben, wenn auch deutschlandweit gesehen in unterschiedlicher Verbreitung. Betrachtet man die Liederbücher des 19. Jahrhunderts, so hatte das Lied es nicht leicht, in die bedeutenden Liedersammlungen aufgenommen zu werden. In den Standardwerken wie dem ersten Deutschen Liederhort (1856) oder dem von F. Silcher und F. Erk herausgegebenen Allgemeinen Deutschen Kommersbuch (diverse Auflagen von 1858 bis 1896) ist es nicht vertreten. Erst nachdem es 1884 in das Niederdeutsche Liederbuch eingegliedert wurde, fand es schließlich in den 3. Band der erweiterten und überarbeiteten Ausgabe (1893/1894) des Liederhorts (Erk/Böhme) seine Aufnahme.

Keinen Anstoß am Inhalt nahm die Jugendbewegung, die das Lied in zahlreiche Liederbücher adaptierte. Vor allem der Zupfgeigenhansl‚ mit einer Auflage von 1910 bis 1924 von 733. Tausend trug zur großen Verbreitung des Liebesliedes bei. Aufgenommen wurde es auch in die Liederbücher von links bis rechts in der Weimarer Republik (z.B. in das sozialistische Arbeiterjugend-Liederbuch und das rechtskonservative Stahlhelm-Bundesliederbuch). Dagegen taucht es in keinem konfessionsnahen Liederbuch auf. Die bürgerlich-moralischen Bedenken des 19. Jahrhunderts schienen Bestand zu haben.

Zu Zeiten des Nazi-Regimes war Dat du min Leevsten büst zwar nicht in den weit verbreiteten Liederbüchern der Hitlerjugend (wie Uns geht die Sonne nicht unter oder Blut und Ehre) vertreten, aber durchaus in anderen nazistischen Veröffentlichungen, so im Liederbuch des Bundes Deutscher Mädel, im SS-Liederbuch und auch im Liederheft für die Kriegsmarine – Steh ich im Feld. In das vor den KZ-Aufsehern geheim gehaltene Lagerliederbuch des KZ Sachsenhausen wurde es 1942 wie Die Moorsoldaten und Volkslieder, z. B. Die Gedanken sind frei oder Ade zur guten Nacht geschrieben.

Nach 1945 war die Beliebtheit des Liedes ungebrochen. In Schleswig-Holstein und Niedersachen, im Sauerland und im Lipperland kamen Liederbücher mit dem Liebeslied heraus. In der DDR waren es nicht nur die Küstenregionen, in denen das Lied populär geblieben war, auch die Freie Deutsche Jugend nahm es (später, 1963) in ihr Liederbuch Leben, Kämpfen, Singen – Liederbuch der deutschen Jugend – FDJ auf (1985 in der 17. Auflage). Selbst in der Schweiz und in Österreich erschienen Liederbücher mit dem Lied, z. B. Liederbuch der Schweizer Wandervögel bzw. 155 Volks- und Soldatenlieder aus fünf Jahrhunderten (herausgegeben vom Österreichischen Heeresamt).

Auch die Nachfolgeorganisationen der Jugendbewegung nahmen am Inhalt keinen Anstoß, wie die Liederbücher der verschiedenen Pfadfinderbünde (Über uns ein Regenbogen, Liederjurte, Das kleine Schwarze, Schwarzer AdlerNerother Liederschatz u.v.a.) oder die Wandervögel mit ihrem Wandervogel-Liederbuch zeigen. Auch in zahlreiche weit verbreitete andere Liederbücher wurde das Lied aufgenommen, so in Das große Buch der Volkslieder der Bertelsmann Buchgemeinschaft und in die Taschenbücher Die schönsten deutschen Volkslieder (Heyne Verlag) und Die schönsten Lieder aus deutschen Regionen (Moewig Verlag).

Wie beliebt das Lied nach wie vor ist, zeigt sich auch daran, dass in den letzten Jahren eine Vielzahl von Partituren veröffentlicht wurden. Auch an der Auflagenhöhe von Tonträgern (die allerdings wird bis auf wenige Ausnahmen nicht bekannt gegeben wird) und der Anzahl der Alben bekannter Interpreten in der BRD und in der DDR ist die Popularität ablesbar. Dabei ist vor allem Lale Andersen 1969 mit den Alben Stars, Hits, Evergreens und Starportrait zu erwähnen, auf denen sie auch andere niederdeutsch gesungene Liedern interpretiert hat. An Riesenerfolg der Plattdeutschen Lieder von Hannes Wader (1974) wollten auch andere Musikproduzenten anschließen. Nacheinander kamen Alben von Carla Lodders, Hein Timm und der Folkgruppe Godewind u.a. und auf den Markt; da wollten Knut Kiesewetter und Heidi Kabel nicht zurückstehen. Die DDR brachte den Leevsten auf Sing man tau (1982) und Över de stillen Straaten (1984) heraus, und in der Schweiz sang es ein Chor auf der CD Moritaten, Volkslieder und Tänze. Spätestens ab 1982 wurde das Lied zum plattdeutschen Klassiker.

Besonders gern gesungen wurde es und wird es noch heute von Chören aller Art. Nachdem Hannes Wader mit Konstantin Wecker (Wecker mit dem Versuch einer bayerischen Variante) auf der Tournee Kein Ende in Sicht (so auch der Albumtitel) das Lied zu neuem Leben erweckte, nahmen es sogar Rapper in ihr Repertoire auf. Die Braunschweiger Jazz-Rap-Gruppe Jazzkantine spielt ihre Rap-Version auf Konzerten und auf dem 2012 erschienenen Album Jazzkantine spielt Volkslieder. Und 2013 fanden sich auf Old Friends in Concert Hannes Wader und der Singer/Songwriter Allan Taylor zusammen, um den Night visiting song zu interpretieren. Nimmt man die zahlreichen Videos (fast 40) auf Youtube hinzu (davon Versionen in schwäbisch und – besonders gelungen vom in Deutschland lebenden chilenischen Folkmusiker Pablo Ardouin – in spanisch) zeigt sich auch hier, dass sich das Lied nach wie vor großer Beliebtheit erfreut.

(Quellen für die Liederbücher u. a.: www.deutscheslied.com und für einen großen Teil der Alben und Interpreten: Katalog des Deutschen Musikarchivs)

Georg Nagel, Hamburg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

2 Responses to Norddeutsches Fensterln. Zu „Dat du min Leevsten büst“

  1. Pingback: Frühlings- und Liebeslied. Zu “Der Winter ist vergangen” | Deutsche Lieder. Bamberger Anthologie

  2. Georg Nagel says:

    Wie lebendig ein Lied ist, zeigt sich auch in Umdichtungen, Parodien oder Hinzufügungen.

    Anfang Juli 2015 auf dem 25. Rudolstädter Tanz- und Folkfest (www.tff.de) lernte ich in einem Workshop von Jochen Wiegandt (www.jochenwiegandt.de, Liedforscher und ehemaliges Mitglied der Gruppe Liederjan) eine durchaus passende weitere Strophe kennen, die ein Teilnehmer vor einigen Jahren in Weimar vom Duo Lied-Fassgehört hatte (hier in plattdeutscher Fassung):

    Brukst keene Bang to hebben
    nimm doch de Pill‘!
    |: Ob ik se nehm‘, wann ik se nehm‘,
    ik mok , wat ik will. 😐

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