What is the answer? Zum Protest- und Lovesong „Sie war, sie ist, sie bleibt“ von …But Alive

…But Alive

Sie war, sie ist, sie bleibt

Ein Hool schreibt ein wirklich schönes Gedicht,
irgendjemand tritt ihm dafür ins Gesicht.
In den S-Bahnen fährt hier längst schon der Tod,
und die Bürgersteige verfärben sich rot.
In der Kneipe gegenüber hat man aufgehört zu fragen,
zuhause werden nur noch die Kinder geschlagen.
Einer Krawatte wird einmal mehr geglaubt,
in der Vorstadt ein effektives Ghetto gebaut.

Sie war, sie ist, sie bleibt.
Tut mir leid.

Und ‚Clockwork Orange‘ 10x gesehen
und wirklich versucht, ihn ganz zu verstehen.
Und ein Hippie sabbelt mich mit Weltfrieden voll,
weiß nicht was ich ‘93 davon halten soll.
Es wird immer härter je mehr wir verfallen,
wenn sich vor Wasserwerfern Hunderte von Fäuste ballen.
Manchmal kommt sie laut, viel öfter ist sie still,
ich kenne keinen der freiwillig am Fließband sein will.

Sie war, sie ist, sie bleibt.
Tut mir leid.

Ich seh in diese Augen die Zeit steht still,
weiß nur daß ich nirgendwo anders sein will.
Irgendetwas explodiert in mir,
so fern von jedem Hass, fern von jeder Gier.
Vielleicht hatte John Lennon doch irgendwo recht,
wenn es so wäre, es wäre wirklich nicht schlecht.
Dieses kleine Licht gib gut drauf acht,
wenn der kalte Sturm wieder auf dich niederkracht.

Sie war, sie ist, sie bleibt.
Du hast die Wahl.

     […But Alive. Für uns nicht. Weird System 1993.]

Schon der erste Vers von Sie war, sie ist, sie bleibt irritiert in zweifacher Hinsicht: Zum einen ist das Verfassen von Gedichten nicht die erste Hooligan-Tätigkeit, die einem in den Sinn kommt, steht das gängige Bild des Lyrikers als besonders feinfühligem Menschen doch der Bereitschaft zu exzessiver körperlicher Gewalt entgegen. Zum anderen erscheint die Rede von einem „wirklich schöne[n] Gedicht“ verwunderlich angesichts der Tatsache, dass es sich bei …But Alive um eine Hamburger Politpunkband handelte, denn im Punkdiskurs stellt eine solche Formulierung eigentlich eine contradictio in adjecto dar, verkörpert das, zumal ‚schöne‘, Gedicht, mit dem als Gattung ungeachtet seiner vielfältigen konkreten Ausgestaltung in der Literaturgeschichte prototypisch Innerlichkeit, Mehrdeutigkeit, Metaphorik, eine elaborierte, ungewöhnliche Ausdrucksweise und kunstvolle Gestaltung verbunden werden, doch genau das Gegenteil des gesellschaftskritischen, um Eindeutigkeit bemühten, sich der Umgangssprache bedienenden und jeden Kunstcharakter ablehnenden Politpunktextes. Hinzu kommt, dass das Gedicht literarisch den Inbegriff der ‚Hochkultur‘ darstellt als eine Textsorte, deren ‚Bedeutung‘ sich nicht jedem erschließt, sondern nur dem gebildeten, mit kulturellem Wissen und bestimmten hermeneutischen Techniken vertrauten Leser.

Mit Clockwork Orange wird zu Beginn der zweiten Strophe auf die hochgradig ästhetisierte Literaturverfilmung des Romans von Anthony Burgess durch Stanley Kubrick Bezug genommen. Im Kontext von Punk interessant erscheint an diesem Verweis, dass die Mitglieder der britischen Punkband The Adicts sich in ihren Outfits auf die Droogs aus Kubricks Film bezogen, viele andere Bands, insbesondere der Skinheadszene, den Film zitieren und der kommerziell erfolgreichen deutschen Punkband Die Toten Hosen mit der Single Hier kommt Alex und dem Album Ein kleines bisschen Horrorschau, die aus einer dramatischen Umsetzung des Stoffs am Bonner Schauspielhaus hervorgegangen waren, 1988 der Durchbruch gelang. Deren Texte interpretieren die Hauptfigur Alex, die u.a. extrem gewalttätig gegen wahllos ausgewählte Opfer vorgeht, als Rebellen. Wenn nun das Sprecher-Ich in Sie war, sie ist, sie bleibt mitteilt, den Film im Bemühen, „ihn ganz zu verstehen“, zehn Mal gesehen zu haben, so demonstriert es damit einen anderen Umgang damit: Es bezieht ihn nicht auf seine eigenen Lebensumstände, identifiziert sich nicht mit den Protagonisten, sondern versucht, sich dem Film als Kunstwerk in der Rolle des Interpreten zu nähern. Wie schon in der positiven Bezugnahme auf die Gattung Gedicht wird hier dem Identifikation ermöglichenden und in seiner Aussage zugespitzten Politsongtext eine Form von Literatur entgegengesetzt, die dem Rezipienten eine eingehende Beschäftigung abverlangt.

Dieser nähert sich der Text selbst insofern an, als zwar in den Strophen, wie in Politsongtexten üblich, konkrete Missstände geschildert werden, im folgenden Refrain daraus aber keine Forderung bzw. die Aufforderung zu einer Handlung abgeleitet wird, sondern anstelle einer solchen Zuspitzung eine Bedeutungsöffnung erfolgt. Denn der Refrain ist maximal unbestimmt gehalten: Jedes Substantiv mit weiblichem Genus kann für „sie“ eingesetzt werden. Und daraus, dass „sie“ dem Sprecher-Ich zufolge war, ist und bleibt, kann auch keine Konkretisierung abgeleitet werden. Der Leser ist also, will er den Text ‚verstehen‘, darauf angewiesen, sich aus dem Inhalt der dem Refrain jeweils vorangehenden Strophe zu erschließen, wie „sie“ konkretisiert werden könnte, wobei im siebenten Vers der zweiten Strophe auch von „sie“ die Rede ist, jedoch ebenfalls relativ vage: „Manchmal kommt sie laut, viel öfter ist sie still“. Wie auch immer der Rezipient dieses hermeneutische Problem – in einer Amazon-Kundenrezension heißt es „…But Alive ist fast die einzige deutsche Punkband, die sinnvolle Texte schreibt. Und schon ‚Sie war sie ist sie bleibt‘ muss man erstmal verstehen…“ (amazon.de)  – löst, er muss dies auf dem Wege einer Auseinandersetzung mit dem Text bzw. mit den darin geschilderten Zuständen tun. Textanalyse wird so in den ersten beiden Strophen zur Gesellschaftsanalyse. Der Rezipient sieht sich mit der Frage konfrontiert, unter welchen Begriff sich die verschiedenen geschilderten Zustände subsumieren lassen. Er wird so dazu gebracht, Zustände, zwischen denen er unter Umständen spontan keine Verbindung hergestellt hätte, als verschiedenen Ausformungen ein und desselben Phänomens oder als verschiedene Resultate ein und derselben Ursache zu sehen. Er wird also genau an der Stelle, an der im klassischen politischen Rocksongtext die Zuspitzung zur Parole erfolgt, im Refrain, also an dem Punkt, an dem ihm der Kritik aus einem anderen …But Alive-Song, Wir vs. verbitterte Empörung (Korrekt II), zufolge das Denken abgenommen wird, eben dazu gezwungen.

Dafür, dass eine solche Auseinandersetzung mit dem Text auch tatsächlich vielfach stattgefunden hat, spricht, dass die Frage danach, wofür „sie“ steht, auf der Homepage des Bandlabels B.A. Records unter Frequently asked Questions beantwortet wird:

Was ist mit „Sie“ gemeint in „Sie war, sie ist, sie bleibt“?
Unser bestgehütetes Geheimnis wird – hier und jetzt – preisgegeben: In den ersten beiden Strophen ist die Gewalt gemeint und in der dritten Strophe die Liebe. Kein Witz jetzt. Du hast die Wahl. (http://www.ba-records.de/label/faq.html)

In dieser seitens der Band vorgeschlagenen Lesart propagiert das Lied einen weiten Gewaltbegriff, der neben individueller („In den S-Bahnen fährt hier längst schon der Tod, / und die Bürgersteige verfärben sich rot“) und institutioneller („wenn sich vor Wasserwerfern Hunderte von Fäusten ballen“) auch familiäre („zuhause werden nur noch die Kinder geschlagen“) und v.a. strukturelle Gewalt („in der Vorstadt ein effektives Ghetto gebaut“, „Manchmal kommt sie laut, viel öfter ist sie still, / ich kenne keinen, der freiwillig am Fließband sein will“) einschließt. Mit dem Wechsel des besungenen Gegenstands in der dritten Strophe eröffnet sie zudem das Spannungsfeld Liebe/Sexualität und Politik, wobei der Text einen mittelbaren Zusammenhang zwischen diesen beiden Polen herstellt: Die Liebeserfahrung wird als emotional ausgleichender Gegenpol zur unvermeidlichen Gewalterfahrung gesehen. Das letzte „Du hast die Wahl“ könnte dahingehend verstanden werden, dass eine Wahl zwischen Gewalt und Liebe getroffen werden könne oder gar müsse. Diese Position ermöglicht bezogen auf die Bedeutung der Liebe eine Annäherung an John Lennon als eine der Ikonen der Hippiebewegung, obwohl deren politische Haltung als naiv abgelehnt wird: „Und ein Hippie sabbelt mich mit Weltfrieden voll, / weiß nicht, was ich ‘93 davon halten soll.“ Indem nicht nur in Erwägung gezogen wird, dass „Love ist the answer“ (Mind Games) tatsächlich zutreffen könnte, sondern diese Möglichkeit sogar begrüßt wird, deutet sich in Sie war, sie ist, sie bleibt vom …But Alive-Debutalbum bereits die Abkehr vom Politpunk an, die der Sänger und Texter Marcus Wiebusch nach drei weiteren Alben mit dieser Band und zweien mit Rantanplan mit der Gründung von Kettcar vollzog.

Martin Rehfeldt, Bamberg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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