Der Weihnachtsvogel. Zu „Wach Nachtigall, wach auf!“

Anonym

Wach Nachtigall, wach auf!

Wach Nachtigall, wach auf!
Wach auf, du schönes Vögelein
auf jenem grünen Zweigelein,
wach hurtig auf, wach auf.
Dem Kindelein
auserkoren,
heut geboren,
fast erfroren,
sing, sing, sing,
dem zarten Jesulein.

Flieg her zum Krippelein!
flieg her, geliebtes Schwesterlein,
blas an dem feinen Psalterlein,
sing, Nachtigall, gar fein.
Dem Kindelein
musiziere,
koloriere,
jubiliere,
sing, sing, sing
dem süßen Jesulein!

Stimm, Nachtigall, stimm an!
Den Takt gib mit den Federlein,
auch freudig schwing die Flügelein,
erstreck dein Hälselein!
Der Schöpfer dein
Mensch will werden
mit Geberden
hier auf Erden:
Sing, sing, sing
dem werten Jesulein!

 

Er steht nicht in der Bibel. Aber er kommt gleich drei Mal im evangelischen Gesangbuch vor. In Lied EG 110,4 steht er für die Tierwelt, die mit den Menschen zusammen Ostern feiert, in Paul Gerhardts Geh aus mein Herz und suche Freud vertritt er neben Taube und Lerche die Vogelwelt, die sich über den Sommer freut (EG 503,3), und für Luther ist er „der Musika ein Meisterin“, denn er „macht alles fröhlich überall mit [seinem] lieblichen Gesang“ (EG 319,2).

Wer einmal das Glück hat, ihn singen zu hören, weiß, dass er wirklich etwas Besonderes ist. Er trägt seinen Namen zu Recht, ist er doch der einzige Singvogel, der auch noch nach Sonnenuntergang singt („gellt“). Es gibt kaum einen deutschen Dichter, der ihn nicht besungen hätte, und alle Kulturen von Europa über Persien bis China haben ihn mit guten Vorbedeutungen ausgezeichnet: Sein Gesang soll Glück bringen und Schmerzen lindern, er gewährt einen sanften Tod, verspricht erfüllte Liebe, aber auch Trost im Leid. Das christliche Mittelalter hat ihn zum Symbol der Himmelssehnsucht gemacht und ihn deshalb gerne in Darstellungen des Paradieses und in Marienbilder gesetzt.

Spätestens jetzt wissen Sie es, liebe Leser, es geht um das Weihnachtslied von der Nachtigall. Dabei steht das Lied selbst nicht einmal im Gesangbuch. Und doch kennen es alle, die ich danach gefragt habe. Das ist in Bamberg kein Wunder, denn hier gehört das Lied zum Kulturerbe der Stadt: Degens Bamberger Gesangbuch von 1670 ist die einzige alte Quelle des Liedes, die wir heute noch besitzen. Niemand hat bisher herausgefunden, wer den Text geschrieben hat, auch von wem die Melodie ist, wissen wir nicht. Der Volksliedsammler Freiherr von Ditfurth hat die dreistrophige Fassung mit der heute gebräuchlichen Weise in der Mitte des 19. Jahrhunderts bei Kurrendesängern im Maintal wiederentdeckt, sie aufgeschrieben und in seiner Sammlung Fränkische Volkslieder von 1855 veröffentlicht. Dort haben es vor etwa 100 Jahren die Herausgeber des evangelischen Quempasheft entdeckt. Mit dieser Sammlung ist das Bamberger Lied in ganz Deutschland bekannt und beliebt geworden, heute fehlt es in kaum einer Weihnachtsliedersammlung.

Zu meiner Überraschung steht es auch nicht im „alten“ katholischen Gotteslob. Aber wir erwarten ja das „neue“ Gotteslob zu Weihnachten und mit ihm im April 2014 einen neuen Bamberger Diözesananhang…

Was ist das Besondere an diesem Lied? Das eine ist sicher die fröhliche Melodie. Das andere hängt damit zusammen, dass das Lied aus der Zeit stammt, in der auch die St. Stephanskirche und die Martinskirche gebaut und die alten Bamberger Kirchen „barockisiert“ wurden.

So kunstvoll, aber auch so fröhlich verspielt wie die damals gebauten Orgelprospekte sind auch die ursprünglich sechs Strophen unseres Liedes. Das beginnt bei der Beobachtung, dass wir es mit einem „Figurengedicht“ zu tun haben, dessen Text also gleichzeitig ein Bild ist. Besonders häufig im Kirchenlied dieser Zeit waren die Form des Kreuzes oder wie in unserem Fall, des Abendmahlskelches, die wir sofort wiedererkennen, wenn wir die Liedstrophen einmal anders abdrucken, als wir es gewohnt sind.

Wach Nachtigall, wach auf!
Wach auf, du schönes Vögelein
auf jenem grünen Zweigelein,
wach hurtig auf, wach auf.
Dem Kindelein
auserkoren,
heut geboren,
fast erfroren,
sing, sing, sing,
dem zarten Jesulein.

Flieg her zum Krippelein!
flieg her, geliebtes Schwesterlein,
blas an dem feinen Psalterlein,
sing, Nachtigall, gar fein.
Dem Kindelein
musiziere,
koloriere,
jubiliere,
sing, sing, sing
dem süßen Jesulein!

Stimm, Nachtigall, stimm an!
Den Takt gib mit den Federlein,
auch freudig schwing die Flügelein,
erstreck dein Hälselein!
Der Schöpfer dein
Mensch will werden
mit Geberden
hier auf Erden:
Sing, sing, sing
dem werten Jesulein!

Erinnern die vielen Verkleinerungsformen nicht irgendwie auch an das zierliche Rankenwerk in unseren barocken Chorgestühlen? Die Fremdwörter in der zweiten Strophe und die immer neuen Bezeichnungen für das Jesulein in den jeweils letzten Zeilen, das alles sind Kennzeichen der Dichtkunst der Barockzeit, so wie die Blattgirlanden im Stuck der Kirchendecken zu den Kennzeichen der barocken Plastik gehören, die sich alle ähnlich sehen und doch immer wieder anders sind.

Ich verstehe durchaus, dass dies Lied nicht ins Gesangbuch aufgenommen wurde. Es drückt laienhafte Freude aus, hat keinen theologischen „Tiefgang“, wie er die Weihnachtslieder Luthers, Paul Gerhardts oder Jochen Kleppers auszeichnet. Seine theologische Aussage ist ganz einfach: „Der Schöpfer dein / Mensch will werden / […] hier auf Erden“. Aber ist das etwa Nichts? Und gerade weil das etwas ganz Großartiges ist, weckt der Dichter nun die Nachtigall, den einzigen Vogel, der bei Nacht singt und gleichzeitig den Vogel mit der schönsten Stimme von allen, um das neugeborene Jesuskind mit einem Lied zu begrüßen. Sicher kein Lied für den Gottesdienst, aber ein Lied das fröhlich macht. Probieren Sie es einmal aus: Dies Lied kann dunkle Stimmungen vertreiben und es nützt gegen den „Weihnachtsstress“!

Gesegnete Weihnachten wünscht

Ihr Andreas Wittenberg, Bamberg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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