Entstehung und Rezeption eines Weihnachtslieds. Zu „O du fröhliche“ von Johannes Daniel Falk

Johannes Daniel Falk 

O du fröhliche

O du fröhliche, o du selige
gnadenbringende Weihnachtszeit!
Welt ging verloren. Christ ward geboren.
Freue, freue dich, o Christenheit!

O du fröhliche, o du selige,
gnadenbringende Osterzeit!
Welt liegt in Banden; Christ ist erstanden.
Freue, freue dich, o Christenheit!

O du fröhliche, o du selige
gnadenbringende Pfingstenzeit!
Christ unser Meister, heiligt die Geister.
Freue, freue dich, o Christenheit!

Vor fast 200 Jahren (1816) dichtete Johannes Daniel Falk (1768–1826) das Lied O du fröhliche. Dem Text hatte er eine Melodie unterlegt, die Johann Gottfried Herder (1744–1803) von einer Italienreise mitbrachte und in seinen Stimmen der Völker in Liedern mit lateinischem Text bereits 1788 veröffentlicht hatte. Die Melodie von O Sanctissima, o piissima (O, du Heilige, Hochbenedeite) zur Verehrung  der – nach biblischem Verständnis – Jungfrau Maria soll einem sizilianisches Fischerlied entstammen, das später als Marienlied häufig auf marianischen Wallfahrten gesungen wurde.

Der aus Danzig stammende Falk, Privatgelehrter und Schriftsteller in Weimar, hatte nach der Besetzung Weimars durch die Franzosen und die späteren Befreiungskriege viel Not und Elend der Bevölkerung, vor allem der zahlreichen Waisenkinder, erlebt. Als Folge einer Typhusseuche starben 1813 vier der sieben Kinder Falks. Im selben Jahr gründete er mit anderen Honoratioren Weimars die „Gesellschaft der Freunde in der Not“. Er selbst nahm zusammen mit seiner Frau viele Kinder, die ihre Angehörigen im Krieg oder infolge des Krieges verloren hatten, in sein Haus auf oder brachte sie bei Handwerkerfamilien unter.

Später erwarb er ein verfallenes Haus, das er mit Hilfe befreundeter Handwerker und von ihm betreuter Jugendlicher neu aufbaute. Als gläubiger Christ sorgte Falk nicht nur für Essen, Trinken, Wohnung und Kleidung, sondern versuchte auch, den verwaisten Kindern und Jugendlichen das Christentum nahe zu bringen. Und für die drei bedeutenden christlichen Jahresfeste dichtete er das genannte Lied.

Einer seiner Mitarbeiter, Heinrich Holzschuher (1798–1847), dichtete zu jedem Vers noch zwei weitere. Von den so entstandenen drei Liedern setzte sich im 19. Jahrhundert nur O du fröhliche, o du selige gnadenbringende Weihnachtszeit mit folgendem Text langsam durch:

O du fröhliche, o du selige,
gnadenbringende Weihnachtszeit!
Welt ging verloren, Christ ist geboren:
Freue, freue dich, o Christenheit!

O du fröhliche, o du selige,
gnadenbringende Weihnachtszeit!
Christ ist erschienen, uns zu versühnen:
Freue, freue dich, o Christenheit!

O du fröhliche, o du selige,
gnadenbringende Weihnachtszeit!
Himmlische Heere jauchzen Gott Ehre:
Freue, freue dich, o Christenheit!

In den jeweils letzen Zeilen fordert das Lied die Christen gleich doppelt auf, sich zu freuen über die Geburt Jesu Christi und darüber, dass er „erschienen [ist], uns zu versühnen“, zu versöhnen mit dem strafenden Gott des Alten Testaments. Daher nennt der Dichter die Weihnachtszeit Gnaden bringend. In der dritten Strophe jauchzen die „himmlische Heere“, und die Christen werden angeregt, sich der Bedeutung von Weihnachten bewusst zu werden und sich über die Geburt des Heilsbringers Jesus zu freuen.

Es ist davon auszugehen, dass das Lied als eines der populärsten Weihnachtslieder zu allen Zeiten in vorwiegend evangelischen Kirchen und Familien gesungen wurde, und es erfreut sich bis heute sich großer Beliebtheit. Die Rezeption in den Liederbüchern in den vergangenen Epochen sehr unterschiedlich.

Während in Deutschland im 19. Jahrhundert das Lied im Vergleich zu den kirchlichen Gesangbüchern nur in wenige weltliche Liederbücher Eingang fand, wurde es in der Schweiz sogar in Schulliederbüchern aufgenommen.

In der deutschen Jugendbewgung  war das Weihnachtslied nur in sehr wenigen Liederbüchern vertreten. Im  weit verbreiteten Zupfgeigenhansl (von 1908 bis 1927: 150 Auflagen mit über 800. Exemplaren),  war das Lied nicht zufinden – auch nicht in den erweiterten Ausgaben.

Bei den Nationalsozialisten dagegen stieß das Lied auf ein größeres Echo, davon zeugen etliche Liederbücher der NS-Organisationen. Auch die rassistisch und antisemitisch orientierten Gottgläubigen, die den Nazis huldigten,  nahmen das Lied in ihre Sammlung auf.

Noch während des Krieges tauchte das Lied im Liederbuch für die deutschen Flüchtlinge in Dänemark auf (1944). Und in der BRD fand es nach wie vor Aufnahme in kirchliche Gesangbücher, jedoch als christliches Weihnachtslied selten in weltliche Liederbücher. Im Katalog des Deutschen Musikarchivs in Leipzig (dem von allen Musik betreffenden Veröffentlichungen ein Pflichtexemplar zuzustellen ist)  finden sich nur wenige Liederbücher mit dem Lied; in den vergangenen 20 Jahren wird nicht ein entsprechendes Liederbuch ausgewiesen. In den frühen Nachkriegsjahren taucht O du fröhliche vereinzelt in Schul- oder Schulliederbüchern auf. Rechtzeitig zur Einführung der Bundeswehr im Jahr 1956 erscheint Die Fanfare – Volks- und Soldatenlieder, der 1989 das Gesang- und Gebetsbuch für katholische Soldaten in der Bundeswehr folgt. In Österreich gibt das Bundesministerium für Verteidigung das Österreichische Soldaten-Liederbuch heraus (1962).

Bereits in den späten 1940er und den 1950er Jahren erschienen in der DDR einige Liederbücher mit dem Weihnachtslied, so Ihr Kinderlein kommet und Unser Lied, unser Leben (beide 1947).

In der BRD beinhaltet das auflagenstärkste Liederbuch, die Mundorgel (bis Oktober 2013 über 11 Million Textauflage und  4 Million Auflage mit Text und Noten), die ja ursprünglich von Mitgliedern des CVJM (seit den 1970er Jahren „Christlicher Verein junger Menschen“ statt „Männer“) herausgegeben wurde, das Weihnachtslied nicht.

Dagegen ist das Lied in zahlreichen Partituren und auf Tonträgern vertreten. Das Deutsche Musikarchiv in Leipzig weist in seinem Katalog rund 2.800 aus.  Von Peter Alexander, Herman van Veen und Nana Mouskouri, der Kelly Family, Frank Schöbel, Christian Anders (in leicht verkitschter Interpretation) und Wolfgang Petry bis hin zur Gruppe Die Toten Hosen (als Die Roten Rosen) haben das Lied  in ihr Repertoire aufgenommen. Auch von zahlreichen Chören wurde  und wird es noch heute  gesungen, z. B. vom Tölzer Knabenchor oder von den Hamburger Alsterspatzen. Und Heintje und Heino haben es auf ihre Weise das Lied interpretiert.

Das Lied O du fröhliche ist in vielen Ländern bekannt und beliebt, so in Österreich und in der Schweiz, in England (Oh, how joyfully) Frankreich (O temps joyeux et heureux) und Schweden (O, du saliga, o, du heliga).

Das Lied, das vorwiegend an den Weihnachtstagen, manchmal auch in der Adventszeit gesungen wird, ist aber auch bereits vor Weihnachten in Kaufhäusern, Einkaufszentren und auf Weihnachtsmärkten  allerdings ohne Text  zu hören. Die eingängige Melodie soll dazu beitragen, die Besucher in Stimmung  zu bringen, womöglich noch mehr und/oder kostspieligere Waren als geplant zu kaufen. Diesem kommerzialisierten und konsumorientierten, das Weihnachtsfest entwürdigenden Rummel setzt Uwe Wandrey seine Fassung von O du fröhliche (aus: Stille Nacht allerseits! Ein garstiges Allerlei. Hg. v. Uwe Wandrey. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1975, Neuausgabe 1994) entgegen:

O du fröhliche, o, du selige,
dollarbringende Weihnachtszeit.
Geld ward geboren
Welt ging verloren
Verloren, verloren die Christenheit.

O du fröhliche, o, du selige
Dollarbringende Weihnachtszeit.
Geld ist erschienen, dass wir ihm dienen
Dienen, dienen der Marktfreiheit.

O du fröhliche, o, du selige
Dollarbringende Weihnachtszeit.
Re- und Aktionäre
Jauchzen die Ehre
Jauchzen dir, jauchzen dir, Christenheit.

Georg Nagel, Hamburg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

4 Responses to Entstehung und Rezeption eines Weihnachtslieds. Zu „O du fröhliche“ von Johannes Daniel Falk

  1. hpecker says:

    Lieber Herr Nagel, Ihr Beitrag ist zwar schon ein Jahr alt, aber immer noch ,frisch‘! Im letzten Jahr hatte ich ihn irgendwie verpasst, dafür heute mit großem Interesse gelesen. Schade dass die Adventszeit nicht länger ist: Es gibt ja noch so viele schöne Weihnachtslieder, die wir nicht im Blog haben – und Martin Rehfeldt mahnt derweilen für die nächsten Wochen schon Karnevalslieder an … Herzlichst, Hans-Peter Ecker

  2. Klaus-Kaspar Irmer says:

    Lieber Herr Nagel,
    vielen Dank für Ihre hochinteressante Analyse des Liedes „O Du Fröhliche … “ Eine Frage: Worauf bezieht sich genau „Welt ging verloren“?
    Für Ihre Antwort im Voraus ganz herzlichen Dank!
    Liebe Grüße
    Klaus-Kaspar Irmer

    • Jan Ewert says:

      Guten Tag, Herr Dr. Irmer,
      Der „Waisenvater“ Falk hat das Lied als Christ gedichtet. Dabei hat er sich wahrscheinlich von einigen Aussagen der Bibel inspirieren lassen. Die Verszeilen „Welt ging verloren, Christ ward geboren“ und „Welt liegt in Banden, Christ ist erstanden“ dürften auf 1. Korinther 7, 31 und/oder Psalm 98, 3 u/o 1. Johannes 2 u/o Psalm 45, 22 u/o 1. Galater 1,4 u/o Psalm 52,10 u/o zurückgehen.
      Ich hoffe, dass Ihnen das weiterhilft.
      Beste Grüße
      Georg Nagel

  3. Alexander says:

    Hallo zusammen! Ich danke für den Beitrag. Das finde ich total schön, wenn Leute im Zug so froh und lustig sind, wie von dieser Videoreportage. Dieses Weihnachtslied ist echt schön. Da wo ich wohne, singen Menschen im Verkehrsmittel fast nie, sogar in der Weihnachtszeit.

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