Die rote Sonne von Irgendwo. Das Genre des Sommerhits in seinen verschiedenen Stadien – von Die Flippers: „Die Rote Sonne von Barbados“ zu Helge Schneider: „Sommer, Sonne, Kaktus“ Teil I

Die Flippers

Die rote Sonne von Barbados

Ein weißes Boot im Sonnenglanz,
und du schenkst mir den Blütenkranz.
Ich folgte dir ins Paradies,
ein Märchenland, das Barbados hieß.

Die rote Sonne von Barbados –
für dich und mich scheint sie immer noch.
Mit den Wolken nach Süden zieh'n,
und die Sterne seh'n.

Die rote Sonne von Barbados –
ja, dieses Märchen läßt mich nicht los,
und wird die Zeit auch zu Ende geh'n,
es war so schön.

Nur du und ich im Palmenhain,
leise Musik und roter Wein.
Ein Abschiedswort im Sommerwind,
es bleibt nur ein Traum, den keiner mehr nimmt.

Die rote Sonne von Barbados – […]

Die rote Sonne von Barbados – […]

Wenn weiße Rosen blüh'n,
und ich nicht bei dir bin,
dann träum' ich noch heute von dir.

Die rote Sonne von Barbados – […]

Die rote Sonne von Barbados – […]

Und wird die Zeit auch zu Ende geh'n,
es war so schön.

     [Die Flippers: Die rote Sonne von Barbados. Bellaphon 1986.]

Wenn die Tage kürzer werden, die Nächte kälter, und eine angenehme Kühle das Hirn umweht, ist es an der Zeit, einen distanzierten Blick auf das Genre des Sommer-Hits zu werfen; auf die Lieder also, die im erhitzen Zustand unter glühender Sonne oder regennassem Partyzelt die sommerlich-leichten Gemüter erfreuen und runtergehen wie Maibowle im August. Wollte man das Sommerlied auf eine Formel reduzieren, lautete diese wohl: Sommer + Sonne + Süden/Strand = Sommerliedtext (z. B.: Buddys Ab in den Süden [2003] oder Summer Sunshine [2004] von The Corrs). Wobei gilt: Jeder Sommerhit, der etwas auf sich hält, enthält diese Wörter (in mehr oder weniger abgewandelter Form und Ausnahmen gibt es natürlich immer), nicht aber jedes Lied, das diese Wörter enthält, ist oder wird zwangsweise ein Sommerhit.

Hinter diese Schlagwörter tritt im Allgemeinen die inhaltliche Seite eines Sommerschlagers zurück, wird vor allem zur Trägermasse für ebenjene Sommerwörter und das Gefühl, das sie transportieren (sollen). Im ersten Teil dieser kleinen Studie über den Sommerhit wird das am Beispiel Die rote Sonne von Barbados von den Flippers erläutert. Im zweiten Teil (folgt zu einem späteren Zeitpunkt) wird gezeigt, wie Helge Schneiders Sommer, Sonne, Kaktus mit diesem Befund spielt, ihn dadaistisch-ironisch bricht und damit am Ende gar die Wortebene hin zu einer Lautebene unterwandert.

 

Teil I: Dekadente Romantik im Palmenhain.

Gedanken zu Die rote Sonne von Barbados von den Flippers (1986)

Man betrachte also die blütenträumende Eilandphantasie der Flippers aus dem Jahre 1986 auf ihre Schlagwortfrequenz hin: Es findet sich die „rote Sonne“, „der Sonnenglanz“, dazu die Wärme des „Süden[s]“ „im Sommerwind“. Der Strand versteckt sich im germanisch-kolonialen „Palmenhain“, in dem wohl einst Goethe schon gerne seinen Wein genossen hätte. Als Reimwort Palmenstrand freilich hätte man wohl ein allzu kleinbürgerliches Weinbrand beimischen müssen.

Überhaupt versteckt sich der Strand im karibisch gewählten setting des Lieds. Das ist allerdings weniger eine post-kolonial kritisch beleuchtete Repräsentation einer Karibikinsel als viel mehr Fototapete eines Südseetraums. So ist der „Blütenkranz“ ebenso auf der polynesischen Inselkette Hawaii zu finden, für die das traditionelle Lei-Flechten vor allem typisch ist (vgl. Wikipedia), wie auf den Kleinen Antillen.

Der Ort Barbados erhält somit keine distinktiven, inhaltlichen Merkmale, ist mehr Impuls für die Phantasie des Hörers. Das Wort Barbados mit seinen vollen klingenden Vokalen, im Lied als Daktylus realisiert [eigentlich ist die zweite Silbe betont], ist also vor allem ein sommerlich-sonniger Platzhalter eines generisch-exotischen Irgendwo. Das ließe sich übrigens ebenso gut singen und würde in Verbindung mit Sonne wohl auch sommerliche Gefühle wecken.

Diese Wortklauberei zeigt schon: Der Inhalt fungiert vor allem als Raster, in das sommerliche Reizwörter prominent eingepasst werden. Die im Lied gezeichnete Traumlandschaft bietet dafür die nötige inhaltliche Flexibilität. In einer sehnsuchtsvollen Nachwehe erinnert sich ein noch immer verliebtes Ich an eine märchenhaft schöne Urlaubsromanze auf Barbados. Dazu glänzt und funkelt es wie zu Eichendorffs Mondachtzeiten („Sonnenglanz“, „Sterne“, „die rote Sonne“) und beinahe ästhetizistisch umranken Blüten und Wolkentaft („Blütenkranz“, „weiße Rosen“, „Wolken nach Süden“) das Geschehen wie in einem süßlich-dekadenten Rausch von Stefan George. Romantisch verklärt ist folgerichtig der Rückblick: „Ich folgte dir ins Paradies, / ein Märchenland“, „es bleibt nur ein Traum, den keiner mehr nimmt“.

Erlauben dieser Traum-Status und die flirrenden Hitze einer karibischen Insel einen inhaltlichen Schwebezustand (ein Sommer-Delirium wie es zum Beispiel in Sommer in der Stadt inszeniert wird, vgl. Interpretation indiesem Blog), stößt man doch auf einige gravierende Unebenheiten im textlichen Flickenteppich, was vor allem dem Bedienen von sommerlichen Erinnerungstopoi geschuldet scheint, weniger einer bewussten Entscheidung zur Ambivalenz. Der Beziehungsstatus des Sprechers bleibt deswegen unklar. An manchen Stellen hält das Sprecher-Ich geradezu verzweifelt im Präsens an seinem Inselmärchen fest: „Die rote Sonne von Barbados –/ für dich und mich scheint sie immer noch.“ Die Romanze scheint gar erfolgreich in eine langjährige und noch immer sonnig glühende Zweierbeziehung (im Kosmos der Flippers-Texte wohl eine Ehe) gemündet zu haben: „Wenn weiße Rosen blüh’n, / und ich nicht bei dir bin, / dann träum‘ ich noch heute von dir.“

Heißt das also, dass der Ehemann, wenn er nicht bei seiner Ehefrau ist, beim Rosenschnuppern an sie denkt? Oder aber ist das „Abschiedswort“, das an anderer Stelle im Sommermärchen fällt, als endgültig anzusehen und der Sprecher kommt einfach nicht von seiner Urlaubsbekanntschaft los? Möglicherweise lebt er einen nostalgischen Tagtraum, in dem die weißen Rosen die Blütenkränze des weißgetünchten Südseepanoramas wiederholen mit seinem weißen Segeltuch, den weißen Stränden und den sich wohl darauf räkelnden weißen (später roten) Europäern. Erstaunlicherweise beziehen sich die Rosen nicht als rote Rosen auf die Sonnenröte im Titel oder die rote Rose als Symbol der Liebe. Vielmehr erinnern sie ganz in weiß an Roy Black, oder an Nana Mouskouri, die einst weiße Rosen aus dem südlich gelegenen Athen  nach Deutschland brachte. Einerlei.

Die serielle Reproduktion von exotischen Schlager- und Sehnsuchtsmotiven und die unter anderem daraus resultierenden Inkonsistenzen im Text bestätigen, dass es beim Sommerhit der Flippers vor allem um die (Platzierung der) erwähnten Signalwörter und ihren emotionalen Effekt geht, weniger um inhaltliche Kohärenz. Liest man den Text allerdings als Nachklapp einer romantischen Literaturtradition, die physikalische Genauigkeit und die äußere Welt der Imagination des Individuums unterordnet, verleihen die inhaltlichen Brüche – und das soll hier ausdrücklich erwähnt werden – dem Text auch einen gewissen Reiz. Wollte man den Text darauf aufbauend gegen den Strich lesen, dann sind es gerade solche Brüche die den Leser womöglich aufmerksam machen, auf die Brüchigkeit und Ungereimtheit (Barbados und noch ist ein unreiner Reim, dazu finden sich noch einige weitere!) der kolonialen Phantasie.

Doch vielleicht sollte man darüber seinen Kopf gar wieder nicht zu sehr erhitzen, die rote Sonne von Barbados als Metapher für einen südlichen Sonnenunter- oder aufgang gelten lassen und als Anstoß für eine romantische Urlaubserinnerung nutzen:

Die rote Sonne von Barbados –
für dich und mich scheint sie immer noch.
Mit den Wolken nach Süden zieh’n,
und die Sterne seh’n.

 Man luge also in einer kurzen, heißen Sommernacht einmal flugs unter der noch regennassen Zeltplane hervor, unter der sich die schwüle Hitze der Menschen gestaut hat, blicke verträumt gen Süden und durch den wolkenverhangenen Abendhimmel den karibischen Sternen entgegen – und hoffe darauf, dass eine Abkühlung noch einige lange Monate nicht kommen möge.

Florian Seubert, Oxford

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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