Soundtrack der Postwendedepressionen. Zu „Halloween in Ostberlin“ von Silly

Silly

Halloween in Ostberlin

Der Osten is ne Reise wert
den sollten sie besuchen
hier gibt‘s noch ein Stück
vom neuen deutschen Kuchen.
Die Rosinen sind schon weg,
das macht ihn etwas trocken,
doch in mancher Treu-hinter-hand
klebt noch ein fetter Brocken.

Die Ossis, die sind lall und mall
vom Plunder und vom Fusel,
wenn die mal aus dem Koma sind,
kommt das kalte Gruseln.
Sie schlagen sich die Köpfe ein
mit ihren Stasi-Akten,
derweil wir mitten auf dem Platz
die letzten Ferkel schlachten.

Halloween in Ostberlin
hier schwoofen die Gespenster
Halloween in Ostberlin
hier füllt man sich die Wänster
Halloween in Ostberlin
die schaurigsten Gestalten
Halloween in Ostberlin
gut drauf und wohlbehalten
die Neuen und die Alten

Dann räumen sie von ganz allein
die Buden und die Posten,
und wir ziehn weiter mit Geheul
zum nächsten Fest gen Osten.
Da tobt auch schon die Klopperei
und wir, die guten Geister
ziehn denen auch das Hemd vom Arsch
nur flinker noch und dreister.

Der Osten ist ne Reise wert,
den sollten sie besuchen,
kein schöner Land hier weit und breit
zum Zocken und zum Spuken.

Halloween in Ostberlin […]

     [Silly: Hurensöhne. DSB Berlin 1993.]

An dieser Stelle sei etwas wiederholt, was in diesen Tagen Tausende (ältere) Menschen gesagt haben mögen: Halloween – so ein Quatsch, das hat es früher bei uns nicht gegeben. Bekanntlich kommen die Umtriebe in der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November ursprünglich aus dem katholischen Irland. Über die USA schwappten gewisse damit zusammenhängende Bräuche in den letzten zwei Jahrzehnten dann auch zu uns. Als wesentlicher Grund für die schnelle Ausbreitung darf wohl gelten, dass den Süßigkeiten-Produzenten im Jahresablauf zwischen Schulanfang und Nikolaus noch ein weiterer Anlass zum verstärkten Fruchtgummi- und Schokoladenabsatz recht war; die Kostümbranche ist umso dankbarer, dass sich zur Faschings- respektive Karnevalszeit noch ein zweites Großereignis gesellte. Wenn Halloween verdammt wird, dann sind die Vorbehalte vornehmlich gegen Amerikanisierung und Kommerzialisierung gerichtet. Insofern erscheint der Titel Halloween in Ostberlin sehr treffend gewählt.

Das Lied der Ostberliner Band Silly erschien 1993 auf dem Album Hurensöhne, also auf ihrer sechsten Studienproduktion, der ersten nach Februar 1989, dem „Soundtrack der Wende“ (hier ist der dazugehörige Wikipedia-Eintrag zitiert) – Hurensöhne ist demgegenüber eine Art Soundtrack der Postwendedepressionen. Das Album steckt voller entsprechender Textstellen: Der Song Kriminelle Energie beginnt etwa mit den Zeilen „Tag für Tag vorm Kaufhaus auf der Bank. / Kein Job, kein Moos, die Weile ist lang. / Wer redet da von Life Style? / Na schönen Dank.“ In Fliegender Fisch wird gefragt: „Wie kann ich leben in der dünnen Luft, / die ihr verbraucht für euer Marktgeschrei?“ In Diebe heißt es: „Mit diesem Kapital / gewinnen wir die Wahl. / Du wirfst dich in Schale, / und ich zahle.“ In Neider: „Trüffelschweine wühlen in deiner Vergangenheit / und treten mit den Hinterbeinen die eigene Scheiße breit.“

Wie bei diesen Texten geht es auch im bekanntesten Lied des Albums, in Halloween in Ostberlin, sehr direkt um Arbeitslosigkeit („Dann räumen sie von ganz allein / die Buden und die Posten“), um die Auswüchse des neuen kapitalistischen Systems mit dem damit verbundenen Umgang mit vormals volkseigenen Betrieben („Die Rosinen sind schon weg, / das macht ihn etwas trocken, / doch in mancher Treu-hinter-hand / klebt noch ein fetter Brocken“) sowie um die umstrittene Aufarbeitung der DDR-Geschichte („Sie schlagen sich die Köpfe ein / mit ihren Stasi-Akten“).

Dabei wird aus Perspektive derer gesungen, die man damals als gierige „Heuschrecken“ über die besten Stücke des „neuen deutschen Kuchen[s]“ herfallen sah, und die sich den „Jammerossis“ gegenüber als „Besserwessis“ bzw. als „die guten Geister“ aufspielten. Halloween in Ostberlin erscheint so als ‚ganz klassisches‘ Dokument einer Phase der neusten deutschen Geschichte, in der zu den Wörtern des Jahres nicht nur „die neuen Bundesländer“ oder  eben „Besserwessi“ (erster Platz 1990 und 1991) zählten, sondern in den entsprechenden Listen auch Begriffe wie „Stasisyndrom“ oder „Wohlstandsmauer“ (1991), das heute nicht mehr ganz so eindeutig zu verstehende Verb „gaucken“ (1992) und dann im Jahre 1993 auch schon „Ostalgie“ (vgl. Internetauftritt der Gesellschafft für deutsche Sprache) festgehalten wurden.

Für Fans des Ostrocks traf Sängerin Tamara Danz als Texterin damals mit ihren Bildern vom  „Ausverkauf Ostdeutschlands gegen den Willen der Bürger, in einer Gesellschaft, wo nur das Geld regiert“ genau den „Nerv der Zeit“ (hier ist aus einer Vorstellung der Band auf der Internetseite ostmusik.de zitiert, entsprechende Formulierungen finden sich auch auf silly-fanpage.de). So kann man dann über die Veröffentlichung von Hurensöhne auch Folgendes lesen: „Im Westen wurde das Album kaum wahrgenommen, während es im Osten die mittlerweile von der Wiedervereinigung desillusionierten Fans in die Arme von Silly zurück trieb.“ (fan-lexikon.de). In den ersten  Jahren nach der Wiedervereinigung hatte die Band enorm darunter leiden müssen, dass sich die alte Fangemeinde nurmehr für die Musik aus dem Westen (solchen Nummer 1-Hits wie Phil Collins‘ Another Day in Paradise, Wind of Change von Scorpions, Mr. Vain von Culture Beat etc.) interessierte. Unter Umständen konnten sie deshalb umso besser – umso glaubwürdiger – über die Zurücksetzungen der Ostdeutschen texten.

Zu den Anekdoten, die die Geschichte der Band Silly garnieren, gehört, dass bei den Aufnahmen der Studioversion von Halloween in Ostberlin zufällig ein Death-Metal-Sänger anwesend war (vgl. Alexander Osang: Tamara Danz. Legenden. Berlin: Aufbau 2002, S. 196), der dann auch gleich engagiert wurde, um durch sein Grölen das Lied noch ein bisschen ‚gefährlicher‘ klingen zu lassen – manche würden vielleicht auch ‚westlicher‘ sagen. Seine Stimme passte für  Danz jedenfalls zu ihren „schaurigsten Gestalten“. Es sei angemerkt, dass solche „schaurigsten Gestalten“ zum „kalte[n] Gruseln“ mit ihrem „Spuken“ und auch mit ihrem „[S]chlachten“ keineswegs nur in dieser einen Auseinandersetzung mit dem jung wiedervereinten Deutschland auftauchten; man denke da etwa an Schliengensiefs Das deutsche Kettensägenmassaker (1990).

Martin Kraus, Bamberg

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