Oops, he did it again oder This ain’t a campaign song. Leslie Mandokis Dekonstruktion des Wahlkampflieds geht in die zweite Runde: Auf „Wir sind wir“ folgt „An jedem neuen Tag“.

Leslie Mandoki

Wir sind wir

Das Licht von morgen ist erwacht,
die Zeichen sind erkannt.
Vertrauen ist die wahre Macht.
Nur die Wirklichkeit hat Bestand.
Dinge drehen sich viel zu schnell,
verrückte Zeit, verrückte Welt.
Halten wir fest was zählt. 

Wir sind jetzt und wir sind wir,
voller Kraft und Hand in Hand.
Wir sind stark und wir sind hier,
klare Sicht und schönes Land.
Mit dem Licht von morgen in der Hand
haben wir die Zeichen der Zeit erkannt
und erreichen unser Ziel
mit Herz und mit Verstand.

Der Moment, der Weichen stellt,
hier im Strom der Zeit.
In den Augen klar der Blick, 
in uns drin endlos weit.
Keine Zeit mehr zu verlieren,
kannst du den Wind von morgen spüren,
die Zukunft schon heute berühren? 

Wir sind jetzt und wir sind wir, [...]

Es ist dieser Augenblick,
und er nimmt uns alle mit.

Wir sind wir und Schritt für Schritt
geht in die Zukunft unser Blick.
Immer weiter Stück für Stück.

Wir sind jetzt und wir sind wir, [...]

Leslie Mandoki

Am jedem neuen Tag

Jeden Tag neu
beginnt uns’re Welt.
Jeden Tag neu kommt,
was für mich wirklich zählt:

Gefühle, die mich treiben, 
Momente, die mich prägen,
Gedanken, die da fliegen,
Träume, die mich bewegen.

Das ist, was ich will,
das ist, was ich mag,
das ist, wofür ich lebe,
an jedem neuen Tag.
Das ist, was ich will,
dies ist meine Zeit.
Ich öffne die Augen,
kein Weg ist zu weit,
kein Weg zu weit.

So viele Momente,
die tief in mir wohn’n
im Kopf meine Träume,
die geh ich jetzt hol’n.

Gefühle, die mich treiben, […]

Das ist, was ich will, […]

Dies ist das Leben.
Wir wollen viel und alles geben.
Die Welt ist Liebe leben und wir.
Ich will es schaffen, ich kann es nur mit dir,
nur mit dir.

Das ist, was ich will, 
das ist, was ich mag,
das ist, wofür ich lebe,
an jedem neuen Tag.
Das ist, was ich will,
dies ist unsre Zeit.
Für das, was wir wollen
kein Weg ist zu weit.

Das ist, was ich will
mit dir in diesem Land.
Wir können es schaffen,
ich geb dir meine Hand.

Das ist, was ich will,
dies ist unsre Zeit.
Für das, was wir wollen,
kein Weg ist zu weit,
kein Weg zu weit.

Leslie Mandokis musikalische Karriere ist bereits vielerorts umfassend gewürdigt worden. Dabei gerät allerdings leicht aus dem Blick, dass seine Bemühungen als Textdichter bei genauer Betrachtung weitaus ambitionierter und radikaler erscheinen als seine Kompositionen. Bei einem Vergleich der Lyrics seiner beiden für die CDU zu den Bundestagswahlen 2009 und 2013 komponierten und auch getexteten Lieder lässt sich eine Poetik mit Anleihen bei l’art pour l’art und Dadaismus identifizieren. Hier zeigt sich der Einfluss seines früheren Mentors Bernd Meinunger, dessen Texte er als Mitglied von Dschinghis Khan vortrug. Namentlich die großen Hits der Gruppe, Dschinghis Khan und Moskau, führten geradezu exemplarisch das Verfahren der subversiven Affirmation vor, indem sie nationale Stereotype durch Übertreibung als solche erkennbar machten.

Mit seinen Wahlkampfliedern hat sich Mandoki nun an die Repoetisierung eines schlecht beleumundeten Genres gemacht. Beim Wahlkampflied als moderner Form der Kasualdichtung steht traditionell der Apellcharakter im Mittelpunkt. Und gerade diese Verpflichtung auf einen rhetorischen Zweck widerspricht dem spielerischen Element, das im Pop zentral ist. In einem Text, der ein Wahlprogramm transportieren (z. B. Destino: Darum Rot!) oder (lokal)patriotische Gefühle zum Nutzen der regierenden Partei mobilisieren soll (z.B. NRW in guten Händen, Stolz auf Bayern), ist kein Platz für Mehrdeutigkeiten.

Hier setzte Mandoki bereits 2009 mit Wir sind wir an: Schon mit der Wahl einer Tautologie als Titel, der eine Identitätsfestschreibung formal behauptet und semantisch verweigert, stellt Mandoki seine Poetik der Sinnverweigerung aus. Im Text selbst reiht er dann einzelne Schlagworte aneinander („klare Sicht und schönes Land“) und kreiert aus dem Jargon politischer Slogans schiefe Bilder und Metaphernkomplexe („Mit dem Licht von Morgen in der Hand / haben wir die Zeichen der Zeit erkannt“), die sich nicht mehr in irgendeine noch so vage Realitätsaussage oder ein Wahlversprechen rückübersetzen lassen – l’art pour l‘art.

In An jedem neuen Tag findet dieses Verfahren kaum mehr Anwendung, lediglich die Verse „im Kopf meine Träume, / die geh ich jetzt hol’n“ erinnern an das Vorgängerlied. Zitiert wird hier weniger die Sprache des Wahlkampfs als die des neuen Kirchenlieds – der Titel erinnert an den Schlussvers von Dietrich Bonhoeffers Von guten Mächten – die letzte und wohl auch berühmteste Strophe lautet:

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
Erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Im Kontext einer anstehenden Wahl lässt sich dieses Vertrauen in das kommende eher als Bekenntnis zur Nichtwahl lesen denn als Aufruf, die Zukunft qua Stimmzettel selbst in eine bestimmte Richtung lenken zu wollen. Ganz in diesem Sinne wird im Liedtext von An jedem neuen Tag auch gänzlich auf politischen (und sonstigen) Inhalt verzichtet: Die erwähnten Gefühle, Gedanken, Träume und Prägungen des Sprecher-Ichs bleiben sämtlich unbestimmt. Und sucht man im Rahmen einer dem Genre angemessenen Lesart nach Möglichkeiten, den Text in Bezug zur anstehenden Bundestagswahl zu setzen, kommt man nur zu unbefriedigenden Varianten wie der, dass das angesprochene Du, dem das Ich seine Hand reicht, sich als Angela Merkel konkretisieren ließe. Viel näher liegt es aber angesichts des vorangehenden Verses „Die Welt ist Liebe leben und wir“ die Verbindung von Du und Ich zu einem Wir ganz den Popkonventionen entsprechend als erwünschtes Happy End einer Liebesbeziehung zu lesen. So wird aus dem Wahlkampflied als einer Instrumentalisierung der Popmusik zu außerästhetischen Zwecken wieder der Inbegriff von Pop: ein Lovesong.

Martin Rehfeldt, Bamberg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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