Die JU, die JU, die hat immer recht. Zum JU-Lied („Die junge Union ist unsere Mission“) von Dietrich Rudorff

Dietrich Rudorff

JU-Lied

Die Junge Union
ist unsere Mission.
Die Zukunft unseres Landes, das sind wir.
Wir lieben unser Heimatland
vom Allgäu bis zum Nordseestrand.
Gemeinsam haben wir ein großes Ziel.

Wir sind Deutschlands Nummer Eins
für Freiheit und Gerechtigkeit.
Die JU wird immer sein.
Komm mit und sei auch du dabei.

Mit Mut und Taten steh'n wir ein
und werden immer vorne sein.
An uns'ren Werten halten wir stets fest.
Der Motor der Unionsparteien,
das werden wir für immer sein,
und gehen dabei uns'ren eig'nen Weg.

Wir sind Deutschlands Nummer Eins [...]

„Wer mit 20 kein Kommunist ist, hat kein Herz. Wer mit 40 noch Kommunist ist, hat keinen Verstand.“ So gern ältere Konservative dieses Zitat Winston Churchills zur repressiv-toleranten Umarmung junger oder zur Diskreditierung älterer politischer Gegner anführen, so ungern dürften es Mitglieder der Jungen Union hören. Denn wohl keine Jugendorganisation einer Partei mutet so unjugendlich und uncool an, wie die von CDU und CSU. Dieser Eindruck wird auch von denjenigen geteilt, die mit den politischen Inhalten der JU durchaus sympathisieren, wie exemplarisch eine Passage aus der programmatisch „Der schwarze Kanal“ betitelten Spiegel Online-Kolumne des sich selbst ausdrücklich als konservativ bezeichnenden Jan Fleischauer zeigt:

Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, erinnere ich mich überhaupt nur an zwei Klassenkameraden, die nicht links waren. Der eine hieß Christian, ein weizenblonder Junge mit Brille und einem sympathischen, aber linkischen Lächeln. Der andere, Walter, war in der Schule eher unauffällig. Dafür hatte er ein Hobby, das ihn von allen unterschied: Er stopfte Tiere aus. Kaninchen, Mäuse und kleine Echsen, am liebsten aber Vögel. Christian und Walter waren die beiden örtlichen Vertreter der Jungen Union. Das hat, wie ich zugeben muss, meinen Blick auf die Jugendorganisation der deutschen Christdemokratie nachhaltig geprägt. Sie blieben es auch für die gesamte Schulzeit, soweit ich das beurteilen konnte.

Alle anderen großen politischen Strömungen weisen zugleich Affinitäten zu popkulturellen Tendenzen auf: Linke und linksradikale Positionen sind in der Popkultur ohnehin weit verbreitet, die Grünen waren in ihren Anfängen stark der Ästhetik der Hippiekultur verbunden, jüngere Akteure der FDP können an die Popper-Ästhetik der 80er Jahre anknüpfen, und auch rechtsradikale Ästhetiken (mal mit, mal ohne – wie bei DAF – entsprechenden politischen Inhalt) sind im Pop zu finden. Dem jugendlichen Unionsanhänger hingegen dürfte es trotz des unüberschaubaren Arsenals popkultureller Angebote schwer fallen, seine politische Überzeugung zu einem Lebensgefühl zu erweitern. Hier wollte offenbar JU-Mitglied und CDU-Politiker Dietrich Rudorff im Wahlkampf 2009 Abhilfe schaffen, indem er für die Junge Union Tempelhof-Schöneberg eine Hymne auf die konservative Jugendorganisation schrieb und aufnahm.

Das Lied erhielt im Internet weitaus größere Aufmerksamkeit als alle anderen Wahlkampfvideos, worüber dann auch etablierte Medien berichteten (u. a. SZ, FR, taz). Die Reaktionen bewegten sich überwiegend zwischen Amüsement und Fassungslosigkeit. Eine ausführliche literaturkritische Reaktion mit Verbesserungsvorschlägen findet sich unter www.impactsuspect.de [Tippfehler im Original]:

An sich ein Lied, dass vielleicht einige der Zeilgruppe schmissig finden mögen, aber die Flut von unglaublich unreienen Reimen im Refrain tut zumindest in meinen Ohren sehr weh.

Wir sind Deutschlands Nummer Eins
Für Freiheit und Gerechtigkeit
Die JU wird immer sein
komm mit und sei auch du dabei

Da fragt man sich doch, welches Reimschema das sein soll? AABB? ABAB? Am Ende gar noch AAAA? Man weiß es nicht, denn effektiv ist das Reimschema hier ABCD, bzw. gar keins.
An sich ist es ja nicht schlimm, wenn sich ein Refrain nicht reimt, aber der Fakt, dass die Strophen allesamt aus sehr einfachen gereimten Versen bestehen, lassen einen denken, dass auch der Refrain sich eigentlich reimen soll.
Dass er es doch nicht tut klingt irgendwie blöd.
Dabei kann es ja eigentlich nicht so schwer sein, Worte zu finden, die sich auf “Gerechtigkeit”, “Eins”, “Dabei” oder “Sein” reimen.
Wie wäre es hiermit?

Wir kämpfen mit Beharrlichkeit
für Freiheit und Gerechtigkeit
Die JU wird immer sein
komm doch endlich auch hier rein

Ist auch nicht wahrer oder eleganter, reimt sich aber wenigstens irgendwie.
Oder wie wäre es hiermit, für ein moderneres Publikum:

Die JU ist supertoll
und ganz doll mit Leute voll
mach bei uns mit und sei kein Fool
dann bist auch du krass supercool

Oder wenn man unbedingt drin haben muss, dass man die Nummer Eins ist:

Wir sind Deutschlands Nummer Eins
Peter, Pit und auch der Heinz
Aber nicht nur Heinz und Pit
auch Sabine macht hier mit

Da muss man doch eigentlich einen besseren Refrain als den im Video hinbekommen können, oder? Ansonsten fordert man förmlich heraus, dass Irgendwer das Lied etwa wie folgt umdichtet:

Die junge Uniohon,
die erntet Spott und Hohn,
hat sie doch ein Lied, das sich nicht reimt. Fidibumm!

Nach anfänglicher Euphorie im JU-Kreisverband Tempelhof-Schöneberg über eine angebliche Welle positiver Reaktionen, nach denen Rudorff angeboten hatte, er könne innerhalb von zehn Tagen auch eine Hymne für die CDU schreiben, nahm er das Video aus dem Netz.

Neben den texterischen (und gesanglichen) Fähigkeiten des Komponisten (die durchaus eingängige Melodie stammt nicht ausschließlich von Rudorff, sondern ist teilweise Albert Hammonds Down by the River entlehnt) kommt noch eine allgemeinere Erklärung für die Wirkung des Lieds in Frage: dass der besungene Gegenstand, die JU, einfach unrockbar ist.

Nimmt man die Bildlichkeit des Lieds in den Blick, so fällt deren völlige Inadäquanz zum thematisierten Objekt auf: Es geht um die seit 1947 bestehende Jugendorganisation einer gemäßigt konservativen demokratischen Partei, besungen wird sie aber in einer Sprache, die direkt den Hymnen auf kommunistische Einheitsparteien (vgl. etwa Lied der Partei) entlehnt ist. Statt wahrheitsgemäß zu singen, dass die eigene berufliche Zukunft in der Partei liegt, erklärt man sich gleich zur Zukunft des Landes, im Selbstbewusstsein irgendwo zwischen Jugend erwach! (Bau auf, bau auf!) und Dem Morgenrot entgegen. Und der Ewigkeitsanspruch, der mit „Die JU wird immer sein“ formuliert wird, würde eher zu dem Selbstverständnis passen, bei dem die Partei als gebündelte Intelligenz der gemäß der Theorie des historischen Materialismus den Gang der Geschichte bestimmenden Arbeiterklasse aufgefasst wird, als zu dem der Jugendorganisation einer – zudem etwa im Vergleich zur SPD – recht jungen demokratischen Partei.

Schließlich sind sogar die beiden Schlagworte für das, wofür man zu kämpfen vorgibt, eigentlich von politischen Mitbewerbern besetzt: Freiheit von den Liberalen, (soziale) Gerechtigkeit von Sozialdemokraten und Linken. Was an identifizierbaren Inhalten bleibt, ist der Patriotismus, ein potentiell kontroverses Thema, das hier aber eigenartig zahm vorgetragen wird – auch aufgrund der ausschließlichen geographischen Nennung der Nord-Süd-Ausdehnung Deutschlands, die die historisch brisantere Frage nach Ost- und West-Grenze ausspart – man denke an die entsprechenden, hochpolitischen Angaben in Hofmann von Fallerslebens Lied der Deutschen („Von der Maas bis an die Memel / Von der Etsch bis an den Belt“) und in Brechts Kinderhymne („Von der See bis zu den Alpen / Von der Oder bis zum Rhein“). Die Behauptung innerparteilicher Relevanz bei gleichzeitiger programmatischer Eigenständigkeit („Der Motor der Unionsparteien, / das werden wir für immer sein, / und gehen dabei uns’ren eig’nen Weg.“) schließlich reagiert offensichtlich direkt auf das verbreitete Bild der JU als reinem Durchlauferhitzer für zukünftige Parteifunktionäre, wirkt aber in ihrer reinen Umkehrung der Unterstellung wenig überzeugend.

Inwiefern hilft nun die Feststellung, dass sich das JU-Lied sowohl in der Sprache als auch in den Inhalten beim politischen Gegner bedient, bei der Beantwortung der Frage nach der Unrockbarkeit der JU? Begreift man Rock nicht nur als Musikstil, sondern als modernen Mythos (Roland Barthes), der als zentrale Bestandteile Rebellion und Radikalität beinhaltet, so wird deutlich, dass eine Partei, die offensiv die Mitte besetzen möchte und deren zentrales Argument in den vergangenen Jahren der Hinweis auf die „Alternativlosigkeit“ des eigenen Handelns war, gar nicht zum affirmierten Gegenstand eines Rocksongs taugen kann – selbst wenn dieser in textdichterischer Hinsicht gewandter verfasst würde. Für die JU heißt das: entweder radikal werden oder beim Schlager bleiben. Es steht insofern zu hoffen, dass bei JU-Partys auch in Zukunft Andrea Berg erklingen wird.

Martin Rehfeldt, Bamberg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

6 Responses to Die JU, die JU, die hat immer recht. Zum JU-Lied („Die junge Union ist unsere Mission“) von Dietrich Rudorff

  1. undergroundnoises says:

    Super, da mache ich mit!

  2. undergroundnoises says:

    Hat dies auf undergroundnoises rebloggt und kommentierte:
    Es geht immer noch ein Stück debiler…

  3. Pingback: NETZ.Skripte Ein Herz für Rapper | Netz.Reporter

  4. No Name Product says:

    Ach sooo, das mit der Gerechtigkeit haben die Konservativen von den Linken geklaut! Dass die Meilensteine der sozialen Gerechtigkeit von konservativen Größen wie Bismarck und Adenauer bzw. Erhard eingeführt wurden, scheint da kaum eine Rolle zu spielen…

    Ihre Argumentation impliziert, dass nur die Linken irgendwie für Gerechtigkeit sind und nur die FDP irgendwie für Freiheit ist. Und sie beschäftigt sich in keinster Weise mit dem Lied selbst sondern ist eine rein politisierende Hasstirade auf die Junge Union. Erbärmlich ist kaum ein Ausdruck…

    • Liebe(r) No Name Product,

      ich schreibe mitnichten, dass das Thema Gerechtigkeit ausschließlich von linken Parteien vertreten werde und das der Freiheit von liberalen, sondern, dass diese das jeweilige Thema „besetzt“ haben, was bedeutet, dass man es allgemein mit ihnen assoziiert – ob dies zu Recht oder zu Unrecht geschieht, darüber treffe ich keine Aussage, weil dies ein literaturwissenschaftliches und kein politisches Blog ist und es zudem viele verschiedene Freiheits- und Gerechtigkeitskonzepte gibt, unter denen sich auch welche finden, denen ein konservatives Programm gerecht wird.
      Ansonsten würde mich interessieren, auf welche Textstelle ich Ihrer Meinung nach nicht ausreichend eingehe und wo ich gegen die JU als solche polemisiere – oder werten Sie bereits die Annahme, dass auf JU-Parties auch Andrea Berg zu hören ist, als Polemik?
      Anliegen meines Beitrags war es, hierin sogar Dietrich Rudorff eher entlastend, nach Gründen dafür zu suchen, warum eine popkulturelle Repräsentation der JU offenbar schwer umsetzbar ist – wenn Ihnen aber gelungene Gegenbeispiele bekannt sind, bin ich für Hinweise darauf dankbar.

      Ich bin gespannt auf eine Antwort und grüße Sie freundlich.

      Martin Rehfeldt

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