Täter und Opfer. Zu „Salome“ von Arthur Rebner und Robert Stolz (1920)

Arthur Rebner

Salome

Still durch den Sand der Sahara dahin 
Die Karawane sich zieht,
Welche der Forscher, der junge, aus Wien, 
Führt in ein neues Gebiet.
Plötzlich am Rand der Oase erspäht,
Was er geschaut nie zuvor.
Er sieht ein Weib, das jauchzend sich dreht
Zu der Araber Chor:

Salome – schönste Blume des Morgenlands.
Salome – wirst zur Göttin der Lust im Tanz!
Salome – reich den Mund mir wie Blut so rot.
Salome – deine Küsse sind süßer Tod!

Starr auf der nackten, gebräunten Gestalt
Haftet sein trunkener Blick.
Sie muß er haben und sei's mit Gewalt,
Kost' es auch Ehre und Glück.
Nacht bricht herein, sinnbetörend und schwül,
Da schleicht zu ihr er ins Zelt
Und wie im Rausch erreicht er sein Ziel,
Haucht, da er heiß sie hält:

Salome – schönste Blume des Morgenlands.
Salome – du drehst heut' dich für mich im Tanz.
Salome – sollst nur einmal mir alles sein,
Salome – schenk dein Herz mir und werde mein.

Schwer ist sein Schlaf nach entnervender Nacht,
Schwer und von Träumen erfüllt,
Bis er von gellendem Schreien erwacht,
Das durch den Wüstensand schrillt:
„Steinigt das Weib, das vergessen die Pflicht,
Schenkte dem Fremdling ihr Herz!“
Und während jäh ihr Auge schon bricht,
Schreit er in tiefstem Schmerz:

Salome –  –  –

Robert Stolz, der schon im Alter von zehn Jahren zu komponieren begann und der in seiner langen Karriere insgesamt über 600 Kompositionen schrieb (vgl. Matthias Bardong u.a.: Lexikon des deutschen Schlagers, S. 318), „soll – fast fünf­undneunzigjährig – kurz vor seinem Tot gesagt haben: Die alte Hur‘ is net umzu­bringen. Er meinte den anhaltenden Erfolg seines Schlagers.“ (Thomas Phleps: Die Fremde als Insel der Seligen im deutschen Schlager, S. 282.) Zusammen mit Arthur Rebner, der sich für den Text dieses orientalischen Foxtrotts verantwortlich zeichnet, schuf der im damaligen Österreich-Ungarn geborene Stolz ein Lied, dass von der NDW-Punkband Extrabreit gecovert wurde, und selbst im 21. Jahrhundert noch auf der großen Bühne gesungen wird (Max Raabe vertonte mit seinem Palast Orchester 2003 das Lied neu und veröffentlichte es auf seinem Album Palast Revue).

Das Lied greift den neutestamentarischen Mythos der Salome auf. Sie wird in den Evangelien nach Markus und Matthäus für den Tod Johannes des Täufers verantwortlich gemacht [Markus 6, 14-29]. Im Evangelium ist die Figur noch anonym. Ihren Namen erhält sie von Flavius Josephus, dem jüdischen Geschichtsschreiber, der sie auf den Namen Salome tauft (vgl. Michael Braun: ‚Sie tanzt wie eine Feder‘, S. 53.).

Der Salomemythos sollte sich über die Jahrtausende wieder und wieder transformieren. Sein Kern blieb jedoch meist unverändert. Die ikonische Konstanz (in der Mythenforschung bezeichnet dieser Begriff das Grundmuster eines Mythos, vgl. ebd., S. 54) des Mythos, sein Grundgerüst, bildeten „der Tanz und sein fataler Lohn“ (ebd.).

Im Schlager von Stolz und Rebner  fallen zentrale Elemente des biblische Hintergrunds weg: es findet keine Enthauptung statt, kein Mann muss sein Leben lassen und auch sonst lehnt sich die Salome des Schlagers eher an den bibli­schen Mythos an, als ihn in Gänze neu aufleben zu lassen.

Die Handlung des Textes beginnt damit, dass ein junger Wiener Forscher mit einer Karawane durch die Sahara zieht. Damit ist für den Hörer geklärt, wo man sich befindet: im Orient. Nun ent­deckt ebenjener Forscher am Rande einer Oase „was er geschaut nie zuvor“. Eine Frau tanzt „jauchzend […] zu der Araber Chor“. Schon hier fällt die starke Inversion der Verse auf. Es kommt kaum einmal vor, dass Subjekt, Prädikat und Objekt an der syntaktisch für sie vorgesehenen Stelle platziert werden. Man nehme nur den ersten Satz. Eine konventionelle syntaktische Reihenfolge sähe beispielsweise so aus: Durch den Sand der Sahara zieht sich still die Karawane, welche der junge For­scher aus Wien in ein neues Gebiet führt. Der Text verdreht die Syntax wie folgt: „Still durch den Sand der Sahara dahin / die Karawane sich zieht, / welche der Forscher, der junge, aus Wien, / führt in ein neues Gebiet.“ Dies lässt den Text wie aus einer anderen Zeit oder Welt erscheinen; der exotische Inhalt wird durch extravagante Syntax zusätzlich betont.

Nachdem der Forscher die Tänzerin erblickt hat, beginnt der Chor der Araber, den Refrain zu singen. Jeder Vers beginnt anaphorisch mit „Salome –“ und ordnet der Tänzerin im Anschluss eine Eigenschaft zu. Es wird ihre Schönheit heraus­gestellt, indem die Schönheitssymbolik der Blume auf sie übertragen wird. Ihr Tanz wird zum Zeichen überschwänglicher Sexualität, indem der Chor sie zur „Göttin der Lust“ stilisiert. Die nächsten zwei Verse verbinden ihre sexuell anregende Ausstrahlung mit Todessymbolik; zum einen über einen Vergleich – ihr Mund sei „wie Blut so rot“ – und zum anderen über ein Oxymoron – „ihre Küsse sind süßer Tod!“

Ihr Tanz erregt den jungen Forscher so sehr, dass er eine Entschluss fasst: „Sie muß er haben und sei’s mit Gewalt, / kost‘ es auch Ehre und Glück.“ Völlig von Sinnen schleicht er zu ihr und erreicht „wie im Rausch […] sein Ziel“. Diese Wendung ist unerwartet, da in früheren Bearbeitungen des Mythos die Figur der tanzenden Salome Macht über die Männer ausüben kann. Im Schlager wendet sich dieses Machtinstrument gegen sie. Sie macht den Mann durch ihren Tanz wahnsinnig, der sich daraufhin lüstern auf sie stürzt. Es wird zwar nicht ausgesprochen, aber höchstwahrscheinlich verge­waltigt der Wiener die schöne Tänzerin. Indizien, die dafür sprechen, gibt es zumindest zwei: Zum einen formuliert der Forscher unmissverständlichen seinen Besitzanspruch, den er notfalls auch mit Gewalt durchzusetzen gedenkt, und zum anderen wird sein Ver­halten in einen Rauschzustand entrückt, der sein sexuelles Bedürfnis stark betont, wohingegen moralische Überlegungen zweitrangig erscheinen.

Der nun folgende Refrain unterscheidet sich vom Ersten signifikant. Durch ihn lässt sich die Vergewaltigungsthese stützen. Während der erste Vers wiederum Salomes Schönheit preist, formuliert das Sprecher-Ich im zweiten Vers wieder den Besitzanspruch auf die Tanzende: „Salome – du drehst heut‘ dich für mich im Tanz.“ Dies degradiert die Frau zum Eigentum des Mannes. Die folgende Zeile verweist klar darauf, dass es nicht um eine Liebesbeziehung geht, sondern vielmehr um einen einmaligen Akt der Besitznahme durch den österreichischen Forscher: „Salome – sollst nur einmal mir alles sein“. Im letzten Vers des Refrains verlangt er von ihr, sie solle ihm ihr Herz schenken, was entweder ein Euphemismus für Geschlechtsverkehr haben ist oder einfach bedeutet, dass er tatsächlich ihre Liebe erlangen möchte.

Die zweite Variante wird vom Text eher als unwahrscheinlich ausgestellt, obwohl die Wendung noch ein weiteres Mal aufgegriffen wird – als die Araber Salome steinigen, da sie ihr vorwerfen, sie habe dem Fremden ihr Herz geschenkt. Man kann letztlich nicht sicher sein, ob sich hier eine Vergewaltigung zugetragen hat oder nicht. Jedoch spricht vieles dafür. Man könnte die Frage dahingehend auflösen, dass es für das Verhalten des Europäers gar keine Rolle spielt, ob sie beide wollen oder nur er. Das Verhalten des Mannes ist von einer starken Gleichgültigkeit gegenüber ihren Präferenzen geprägt. Es geht nur um sein zu stillendes sexuelles Verlangen.

Dass sie am Ende von ihrem Volk gesteinigt wird, zeugt von einer perfiden Sexualmoral, die der Text den Arabern zuschreibt. Falls man dem Text unterstellen möchte, dass er selbst die Moral der innerfiktionalen Araber vertritt, könnte man sogar argumentieren, dass Salome zur Schuldigen gemacht werden soll – frei nach dem Motto: Wer so aufrei­zend tanzt, ist selber schuld. Selbst der verzweifelte Schmerzensschrei, den der Forscher aufgrund ihrer Steinigung von sich gibt, entkräftet diese These nicht vollkommen. Zum einen denkt er gar nicht daran, in die Exekution einzugreifen, sondern besingt Salome statt­dessen noch ein letztes Mal (Vgl. Phelps, Thomas: Die Fremde als Insel der Seligen im deutschen Schlager, S. 282); zum anderen ist es durchaus möglich, dass er die moralischen Ansichten der Araber grundsätzlich teilt und nur die Brutalität der Bestrafung missbilligt.

Der Text verwendet viel Zeit darauf, Salome als wahnsinnig erregende Person darzustellen. Der Rausch, den sie beim Mann auslöst, entbindet diesen von seiner Schuld, da er schlicht nicht Herr seiner Sinne ist. Den gleichen Schluss legt das zu Beginn erwähnte Zitat von Robert Stolz nahe, der Salome als Hure (vgl. ebd.) verunglimpft. Während bei Oscar Wilde Salomes Verhalten moralisch gerechtfertigt wurde, erscheint sie in ihrer Rolle der femme fatale bei Rebner und Stolz als Allegorie auf die Sündhaftigkeit der Frau. Bezeichnend ist auch, dass am Ende die Männer über ihre Künste siegen und nur sie in den Tod gehen muss.

In diesem Schlager der 1920er Jahre ist das imperialistische Überlegenheits­gefühl der wilhelminischen Ära noch allen Ecken und Enden spürbar. Der westliche Forscher erkundet die exotische Ferne und gibt sich im Rausch den orientalischen Verlockungen der schönen Tänzerin hin. Konsequenzen hat dies für ihn nicht, steht er doch zivilisatorisch weit über seinem Forschungsgegenstand. Das Symbol der orienta­lischen Erotik ist die Figur der Salome, deren Mythos vor allem im Hinblick auf ihre Reize bemüht wird. Durch Salomes Tod stellt der Text nochmals aus, dass Faszination und Bedrohung im Exotismus Hand in Hand gehen. Die starke sexuelle Anziehung des Orients wird mit der Brutalität seiner Bewohner verbunden und macht die Reize der Fremde ein wenig gefährlich und damit noch reizvoller.

Nico Albrecht, Bamberg

Advertisements

Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

4 Responses to Täter und Opfer. Zu „Salome“ von Arthur Rebner und Robert Stolz (1920)

  1. anthonyshere says:

    Hat dies auf The Question Mark, Antony ????????????? Wot Tha??? rebloggt und kommentierte:
    Ui Salome – deine Küsse sind süßer Tod!

  2. sibbihabibi@hotmail.com says:

    es war voll scheisse alter !! nach dem lied bin ich fast eingeschlafen xD

  3. sibbihabibi@hotmail.com says:

    habibi das geht nicht du Homo geh nach hause du pisser

  4. Ville Komsi says:

    Ich bin jetzt 69 Jahre alt. Meine Mutter erzählte sie habe damals, in 20er Jahren, bei kleinen privaten Festen in Helsinki beim Klavier Schlagersänger begleitet. Dieses Stück hat sie besonders erwähnt. Vielleicht habe ich einpaarmal durch Radio eine Version auf finnisch mit nichtssagenden Worten gehört.

    Ungefehr 60 Jahre lang habe ich diesen „orientalischen Foxtrott“ im Sinne gehört und gewünscht, dass ich eine Aufnahme finden würde. Und später, dass ich die Noten ingendwie mir scaffen und selbst singen könnte. (Lacht nicht. Mein heutiges Leben, mehr und mehr, ist Songs zu machen und ausführen.)

    Nun gibt es derdiedas Google.

    So finde ich die Originalworte und gucke erstarrt. Und lese den Blog-Essay.

    Und kann nimmer mehr denken diesen zu singen. Einfach. Kann nicht. Nicht eimal im Kopf lauten lassen.

    Ich habe ja sowohl Horst Wessel und Plegaria (den „Tango zum Tode“) aufgeführt, mit einigen Bemerkungen. Den ersten als eine Travestie, ja, mich als einen 95-jährigen ehemaligen Hitlerjunge im Pensionat vorstellend. Den anderen sehe ich etwa als einen fast-unschuldigen Kind eines Fascisten, das nicht selbst wählen gekonnt hat was man mit ihm gemacht. Wir hatten ja die Scallplatte, als ich Kind war, und Plegaria hat auch mir immer im Kopfe geklingt. Die Worte sind ja „erhaben“, irgend jemad könnte sie nicht verstehen, und womit die Geschichte Biancos und seinen erhabenen Tangos zu tun hatten, wusste man nicht oder wagte nicht daran denken. Meine Eltern waren bürgerlich-humanistisch. Gute Leute. Die Scallplatte gehörte zu meinen Schwester, die auch sehr jung war. Doch, die Geschichte muss zu den Hörern erzählt werden. Sie müssen einsehen wie Schönes und Ungeheueres zusammenleben.

    Und vor zwei Monaten habe ich selbst tief in Angst einen Song geschrieben, wo ich einen zerstörenden irrefahrenden fremden Planeten willkommen begrüβe (mit der Anmerkung: bitte versteht mich nicht recht).

    Aber Salome kan ich nun nie vorstellen.

    Wahrscheinlich „Olga, Tochter der Wolga“ auch nicht mehr. Derselbe Rebner. „Russischer Foxtrott“ — natürlich. Dieses Notenheft hatte meine Mutter nach ihr verlassen, und ich habe den Song gerne aufgeführt. Eben dieses Stück (Olga) immer so reizend, doch… Keine Frage um Prinzip. Ich möchte nur weniger wissen oder gar nichts verstehen. Oder mehr begreifen um etwas sagen zu können.

    Danke, jedenfalls. Vielen Dank.

Hinterlasse einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: