Vom Vorkämpfer des sportlichen Schlagers. Zu Max Schmelings „Das Herz eines Boxers“ (1930)

Max Schmeling und Kurt Gerron

Das Herz eines Boxers

Was hat der Boxer vom Leben der Welt?
Das muss er meiden, was ihm grad gefällt.
Sucht er sich manchmal fürs Herz einen Schatz,
hat er im Ring keinen Platz.

Was hat ein Boxer mit Liebe zu tun?
Nie darf er tun, was er will.
Teilt er sein Herz, dann ist alles vorbei,
dann ist es um ihm auf einmal still.

Das Herz eines Boxers kennt nur eine Liebe:
Den Kampf um den Sieg ganz allein.
Das Herz eines Boxers kennt nur eine Sorge:
Im Ring stets der erste zu sein.
Und schlägt einmal sein Herz für eine Frau,
stürmisch und laut:
Das Herz eines Boxers muß alles vergessen,
sonst schlägt ihn der Nächste knock out!

Ist oft ein Boxer berühmt und bekannt,
weil er im Kampfe sein Bestes nur gibt,
schnell bricht man ihm die geschworene Treu'
schnell ist es mit allem vorbei.

Wenn er nur einmal den Kampf nicht besteht,
wer nimmt noch seine Partei?
Nichts als der Spott ist der Dank, wenn er dann geht,
dann kommt der Nächste an die Reih´.

Das Herz eines Boxers kennt nur eine Liebe [...]

Sportler singen hierzulande (vgl. 11freunde.de) längst nicht mehr so viel wie früher, die „Tradition der öffentlichen Selbsterniedrigung mittels Gesang“ (Martin Rehfeldt: Strategische Selbsterniedrigung. Zu „Fußball ist unser Leben“) ist versandet. Zumindest die Spitzenfußballer brauchen das Geld nicht mehr; auch wird der „musikalische“ Auftritt nicht mehr als Möglichkeit zur Imagepflege wahrgenommen, leider ging es zu oft zu peinlich aus. Von den aktuellen Fußballnationalspielern präsentierte sich bisher nur Lukas Podolski (im Chor mit der Kölsch-Pop-Band Brings im Song Halleluja) unbeirrt stimmgewaltig. Dabei gab es einmal eine Zeit, da war es fast selbstverständlich, dass ein junger Franz Beckenbauer trällernd seine „gute(n) Freunde“ beschwor (Gute Freunde kann niemand trennen, 1966).

Als Hochphase sportlicher Schlagersänger darf die Dekade zwischen Mitte der 1960er und Mitte der 1970er Jahre gelten: 1965reflektierte der HSV-Linksaußen Charly Dörfel mit zarter Stimme über die Folgen eines Kusses (Erst ein Kuss), 1974 ging es bei den Schalker Kremers-Zwillingen Erwin und Helmut einfühlsamst um ein – anscheinend brüderlich geteiltes – Mädchen meiner Träume, während es bei Gerd Müller damals schlicht und ergreifend „Bumm“ machte (Dann macht es Bumm). Der aus Belgrad stammende Torhüter des TSV 1860 München Petar „Radi“ Radenkovic veröffentlichte gleich einen ganzen Stapel Schallplatten (am populärsten: Bin i Radi, bin i König, 1965), ähnlich verhielt es sich bei den Eiskunstläufern Hans-Jürgen Bäumler und Marika Kilius (z.B. im Duett über ihren angeblichen Honeymoon in St. Tropez, 1964) sowie bei dem Skifahrer (und Schauspieler) Toni Sailer (für dessen Bergwelt- und/oder Sehnsuchtsmelodien beispielhaft der Titel Am Fudschijama blüht kein Edelweiß von 1964 genannt werden kann).

Sucht man nach Pionierleistungen des deutschen Sportlerschlagers stößt man u.a. auf die Geschichte von Martin Lauer, der angesichts seines vorzeitigen Karriereendes Anfang der 1960er offensichtlich noch im Krankenbett mit dem Schreiben mehrerer wild-west-romantischen Schlager begann, u.a. Sacramento (1962) und Am Lagerfeuer (1963). Vor ihm hatte sich auch schon der Boxer Bubi Scholz u.a. mit dem Song Der starke Joe aus Mexiko (1960) auf den Schlagermarkt gewagt; vor diesem wiederum ein mehrfacher Mittelgewichtsmeister namens Peter Müller (Ring frei, zur ersten Runde, Ring frei, jetzt komme ich).

Noch lange davor war freilich der berühmteste aller deutschen Faustkämpfer vorangeschritten: Max Schmelings Herz eines Boxers, geschrieben von Artur Guttmann und Fritz Rotter, in den Strophen gesungen von Kurt Gerron (u.a. als Schauspieler Die weiße Hölle von Piz Palü und als Sänger Ich bin dein Nachtgespenst), erschien 1930 mit dem Film Liebe im Ring. Darin wird der von Schmeling verkörperte Sohn eines Obsthändlers namens „Max“ als Naturtalent im Boxen entdeckt und gefördert, bis er schließlich den Titel des Deutschen Meisters erringt. Auf dem Weg zu diesem Triumph muss er freilich noch aufreibende Liebeswirren zwischen der treuherzigen Tochter des Fischhändlers, „Hilde“, und der verschlagenen Salondame „Lilian“ bestehen. Das Herz eines Boxers reflektiert diese klassische Dreieckskonstallation. In einer Szene entdeckt Max die „Femme fatale“ Lilian während des Kampfes im Publikum. Er wirkt irritiert, muss einige heftige Schläge einstecken. Nachdem er schließlich doch noch gewinnen kann, wartet dann seine Hilde in der Umkleide.

Dass das Lied so direkt auf die Handlung des Films Bezug nimmt, mag auch in der Entstehungsgeschichte von Liebe im Ring begründet liegen. Ursprünglich als Stummfilm mit Zwischentiteln gedreht, wurde der Film dann doch nachsynchronisiert; und Hauptdarsteller Schmeling wurde – angeblich gegen seinen Willen – zum Singen veranlasst: In seinen Erinnerungen beschreibt er selbst sowohl den Prozess als auch das Resultat als „schauderhaft“. Demgegenüber hatte er im gleichen Jahr den Höhepunkt seiner sportlichen Leistungsfähigkeit erreicht. Nach einer Disqualifikation seines Gegners Jack Sharkey (USA) blieb er knapp zwei Jahre lang Weltmeister im Schwergewicht; seine Popularität war damals – national wie international – enorm und sollte mit Film und Gesang genutzt wie gepflegt werden.

Wenn es im Zusammenhang mit dieser Popularität um das generelle Ansehen des Boxsports in der Weimarer Republik geht, wird häufig auf dessen Bewertungen bzw. Verklärungen seitens einiger zeitgenössischer Intellektueller verwiesen. Exemplarisch angeführt sei hier Brechts Essay Sport und geistiges Schaffen von 1926, in dem er sich mit Frank Thieß auseinandersetzte, der kurz zuvor in einem Essay postulierte: „Dichter sollen boxen“. Nach Thieß hätten Boxer „das Geheimnis der geistigen Hygiene erkannt“, entsprechend „diene ich [durch sportliche Betätigung] nicht nur meinem Körper selbst, der doch meines Geistes Träger ist, sondern ich diene unmittelbar meinem Geiste.“ Brecht erwiderte: „Ich muß zugeben, daß ich die These, Körperkultur sei die Voraussetzung geistigen Schaffens, nicht für sehr glücklich halte. Es gibt wirklich, allen Turnlehrern zum Trotz, eine beachtliche Anzahl von Geistesprodukten, die von kränklichen oder zumindest körperlich stark verwahrlosten Leuten hervorgebracht wurden.“ (alle Zitate nach Brecht, Bertolt: Sport und geistiges Schaffen [1926], online einzusehen hier). Gleichwohl verfasste er selbst in dieser Zeit boxbegeisterte Texte wie etwa jenes Gedicht mit der Überschrift Gedenktafel für 12 Weltmeister, in dem sich „die Geschichte der Weltmeister im Mittelschwergewicht“ kurz zusammengefasst findet. Hier zeigt sich ein Spannungsverhältnis zwischen der „Abgrenzung des Boxers vom Geistesarbeiter und d[er] gleichzeitige[n] Instrumentalisierung der Boxbegeisterung durch Intellektuelle“ (zit. nach Ulrike Schaper: „Das Boxen ist ein Sport wahrer Männlichkeit“. Geschlecht im Ring: Boxen und Männlichkeit in der Weimarer Republik, S. 5 f.).

Ulrike Schaper hat dieses Spannungsverhältnis in ihrem Aufsatz zum Thema Boxen und Männlichkeit in der Weimarer Republik mit dem damaligen Geschlechterdiskurs verknüpft: „Als Reaktion auf Verunsicherung von Geschlechterbildern kam der Boxer im Diskurs der 1920er Jahre so siegessicher und selbstverständlich männlich daher, bildete das Boxen doch scheinbar ein Refugium vor geschlechtlichen Verwirrungen.“ (Ebd., S. 16) Auf dieser Grundlage lassen sich aus dem Lied über Das Herz eines Boxers schlagkräftige Botschaften an sowohl die weiblichen als auch die männlichen Kino- und Schallplattenkonsumenten herauslesen.

Die Botschaft an die weibliche Hälfte des Publikums könnte man so zusammenfassen: Liebe Frauen, ich bin noch ein echter Mann und ich würde euch ja gerne lieben, aber ich muss weiter Siege für euch erringen, weiter für euch kämpfen. Ihr gefallt mir alle sehr, doch ich muss eben meiden, was mir gerade gefällt. Ich will das, was ihr wollt, aber ich darf nicht tun, was ich will. Bitte haltet noch lange zu eurem Lieblingssportler, auch dann, wenn er „den Kampf nicht besteht“.

Die Botschaft für die männliche Hälfte des Publikums ist etwas schwerer zu fassen – vielleicht aber ungefähr so: Liebe Männer, keine Angst, ich spanne euch eure Frauen nicht aus, auch ihr könnt mich also ohne Hemmungen anschmachten. An mir könnt ihr freilich sehen, dass es – zumindest manchmal – auch ohne Frauen geht. Wenn dein Schatz dich nicht mehr liebt, wie gut, dass es den Boxsport gibt. So oder so haben wir es alle schwer. Mancher Mann muss gegen einen Gegner im Ring ankämpfen, andere Männer eben gegen ihre Frauen. Oft ist „Spott der Dank“ für unsere Mühen. Gut, dass wir allesamt Kämpfernaturen sind; und gut, dass wir in den richtigen Momenten unsere Prioritäten setzen können.

Wenn die Wichtigkeit des Umschaltens zwischen Emotion und Sport, Liebe und Kampf betont wird, wird der Boxsport zugleich von der schlichten Schlägerei abgegrenzt. Als Boxer braucht man eine enorme mentale Stärke, es geht nicht um Aggression, man „muss alles vergessen, sonst schlägt [einen] der Nächste knock out.“ Damit ist der Boxsport zwar keine intellektuelle Leistung, hat aber dann doch mit einer geistigen Arbeit, nämlich dem aktiven Ausblenden boxferner Gedanken, zu tun. Damit erscheint Das Herz eines Boxers als durchaus gelungene Imagepflege. Ob der Boxsport je wieder so gut dastehen wird wie 1930, ist sehr fraglich. Dass Sportler wieder mehr singen, darf mit kindlicher Vorfreude erhofft werden.

Martin Kraus, Bamberg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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