The medium is the message. Nina Hagens Hiddensee-Hymne „Du hast den Farbfilm vergessen“ (zusammen mit Automobil; Text: Kurt Demmler; 1974)

Nina Hagen & Automobil

Du hast den Farbfilm vergessen

Hoch stand der Sanddorn am Strand von Hiddensee,
Micha, mein Micha, und alles tat so weh,
Dass die Kaninchen scheu schauten aus dem Bau,
So laut entlud sich mein Leid ins Himmelblau.
(Aah!) So böse stampfte mein nackter Fuß den Sand 
Und schlug ich von meiner Schulter deine Hand.
Micha, mein Micha, und alles tat so weh,
Tu das noch einmal, Micha, und ich geh!

Du hast den Farbfilm vergessen, mein Michael,
Nun glaubt uns kein Mensch, wie schön´s hier war (Ahaahah!).
Du hast den Farbfilm vergessen, bei meiner Seel,
Alles blau und weiß und grün und später nicht mehr wahr!
Du hast den Farbfilm vergessen, bei meiner Seel,
Alles blau und weiß und grün und später nicht mehr wahr!

Nun sitz ich wieder bei dir und mir zu Haus,
Und such die Fotos für's Fotoalbum aus,
Ich im Bikini und ich am FKK,
Ich frech im Mini, Landschaft ist auch da, ja!
Aber, wie schrecklich! Die Tränen kullern heiß.
Landschaft und Nina und alles nur schwarz-weiß.
Micha, mein Micha, und alles tut so weh,
Tu das noch einmal, Micha, und ich geh!

Du hast den Farbfilm vergessen [...]

     [Nina Hagen & Automobil. Du hast den Farbfilm vergessen. Amiga 1974.]

Nina Hagens in der DDR (bzw. auch nach 1990 noch in den ,neuen Bundesländern‘) außerordentlich populärer Schlager inspirierte 2009 Silke Spengler bei der Titelfindung für ihre informative historische Skizze der DDR-Fotoindustrie: Du kannst den Farbfilm vergessen … Zur Dauerkrise der DDR-Fotoindustrie (abgedruckt in: Horch und Guck. Zeitschrift zur kritischen Aufarbeitung der SED-Diktatur, Heft 64: Heruntergewirtschaftet. Die traurige Bilanz der DDR-Industrie (02/2009), S. 14–17). Die Autorin macht in ihrem Essay an vielen Beispielen deutlich, dass das Verhältnis zwischen den zahlreichen DDR-Hobbyfotografen und der einschlägigen Industrie vor Ort seit den fünfziger Jahren ein ziemlich gespanntes war, woran sich übrigens bis zum Ende des ostdeutschen Staates nichts Entscheidendes ändern sollte. Die Ursache für die gravierende Unterversorgung der Bevölkerung mit gutem Material und den nötigen Dienstleistungen sieht Spengler in der Unfähigkeit der Planwirtschaftler, ihre verschiedenen Industriezweigleitungen unterstellten Film-, Kamera- und Laborgerätehersteller – insbesondere die großen Betriebe in Wolfen und Dresden – effizient zu koordinieren. Am schlimmsten dürfte sich die Situation Mitte der siebziger Jahre dargestellt haben; damals geriet das Fotochemische Kombinat an einen absoluten Krisentiefpunkt. Wegen stark verschlissener Produktionsanlagen und fehlender Kapazitäten für neue Filmsorten konnte die Filmfabrik ihr Plansoll kaum noch erfüllen. Zudem fiel das Wolfener Filmsortiment technologisch immer weiter zurück. Problematisch war vor allem, dass Wolfener Farbfilme sich nicht in den Entwicklungsbädern von Eastman Kodak verarbeiten ließen, die sich in den internationalen Fotolabors als Standard durchgesetzt hatten. Da die Sowjetunion ebenfalls den Übergang auf Kodak-Technologien plante, sah man sich in der DDR gezwungen, diesem Weg zu folgen, um nicht das Hauptabsatzgebiet zu verlieren.

In jene besonders prekäre Zeit fällt nun auch der hier näher zu besprechende Farbfilm-Song der Rockband Automobil, in der die seinerzeit gerade einmal neunzehnjährige Nina Hagen seit kurzem die Leadsängerin gab. In ihrem Lied geht es um einen gründlich verpatzten Urlaub, worüber sich die weibliche Sprecherinstanz („Nina“) beim Schuldigen („Micha“/ „Michael“) bitterlich beschwert. Zwischen Urlaub und Sprechsituation muss bereits eine geraume Zeit vergangen sein, denn wir wissen von Silke Spengler, dass es damals in der DDR gut 40 Tage dauerte, bis man seine Papierbilder vom Entwicklungslabor zurückbekam. (Ich erinnere daran, dass Jesus ebenso lange in der Wüste zu fasten pflegte; der etwas gewagte Vergleich mag eine Vorstellung von der Entbehrung vermitteln, die den DDR-Hobbyfotografen seinerzeit auferlegt war. Im Westen benötigten die Fotolabors ca. zwei Tage, um die Filme ihrer Kunden zu entwickeln und Papierbilder auszudrucken.)

Zeit heilt angeblich Wunden, jedoch nicht bei unserer Nina. Nicht diese Schwarzweiß-Kränkung! Jedenfalls nicht in 40 Tagen! Bei der Durchsicht ihrer Bilder vom vergangenen Ostsee-Urlaub auf der Insel Hiddensee erinnert sich Nina zwar noch an Details, aber den Bildern fehlt das – aus ihrer Sicht – Wesentliche: die Farbe. Flora, Fauna und Landschaft werden in der ersten Strophe exemplarisch aufgerufen; anscheinend waren alle Elemente eines ,Traumurlaubs‘ (jedenfalls nach zeitgenössischem Erwartungshorizont) gegeben, doch die kargen, technisch ,gestrigen‘ Schwarzweiß-Bilder können den ,himmelblauen‘ Traum nicht beglaubigen, im Gegenteil, sie berauben ihn buchstäblich seiner ,Substanz‘, seiner Wirklichkeit:  „Nun glaubt uns kein Mensch wie schön‘s hier war“, „Alles blau und weiß und grün und später nicht mehr wahr!“ Dass speziell die kleine Ostsee-Insel Hiddensee vor Rügen in diesem Lied als Urlaubsziel fungiert, ist kein Zufall, galt sie doch zu DDR-Zeiten als Geheimtipp für Intellektuelle und Künstler, Dissidenten und Aussteiger. Entsprechend stark war auch die Stasi präsent, was für die Fotografie-Thematik des Textes beiläufig interessante Nebenfragen aufwirft: Welche Art von Hobby-Fotograf war Micha eigentlich? Interessierte er sich womöglich mehr für Dokumentarisches in Schwarzweiß als für Buntes in Orwo Color?

Natürlich überzeichnet das Lied durch infantile Reaktionen (Aufstampfen) und Übertreibungen („Aber, wie schrecklich! Die Tränen kullern heiß.“) ironisch den Schmerz der Sprecherinstanz, aber im Grunde gebe ich ihrer existenziellen Verzweiflung („bei meiner Seel“!) Recht. Der Jahresurlaub am Meer (Ostsee, Schwarzmeer oder wo auch immer) war für viele DDR-Bürger das Highlight des Jahres, das Abwechslung und Freude, also Farbe im emphatischen Sinne in den grau-beigen (wer erinnert sich heute eigentlich noch an die optische Erscheinungsform ostdeutscher Kommunen vor der Wende?) Alltagsmief bringen konnte, sollte, musste. Und nun wühlt eine enttäuschte junge Frau in graugetönten Bildern, mit denen sie weder anderen imponieren noch sich selber versichern kann, dass sie wirklich einmal ein ,gutes Leben‘ gehabt hat.

Die zweite Strophe lässt uns noch eine tiefere Dimension der Kränkung spüren. Nina fühlt sich angesichts der Schwarzweiß-Bilder nicht nur um ihren Hiddensee-Urlaub betrogen, sondern auch um die eigene Attraktivität und Jugend. Vermutlich empfindet sie jene Furcht, die ein anderes populäres Lied auf den Punkt bringt: „Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder …“ Ob ,ihr‘ Micha den Farbfilm wirklich „vergessen“ hatte, wie es ihm die Freundin vorwirft, können wir nicht sicher wissen; nicht auszuschließen ist der Verdacht, dass es überhaupt keine Farbfilme zu kaufen gab oder Micha sich zu spät um das Problem gekümmert hat. Aber eine genaue Analyse der Schuldfrage ist letzten Endes wohl auch nicht wichtig. „Nina“ hat für sich ein personales Gegenüber als ,Schuldigen‘ gefunden, bei dem sie ihren Schmerz, ihre Enttäuschung, ihre Wut abladen kann; sie wütet, klagt und droht, was ihr zu helfen scheint. Wir erkennen die (selbst-)therapeutische Wirkung ihres Gefühlsausbruches daran, dass sie „ihren“ Micha nicht verlässt, sondern die Trennung nur für den Wiederholungsfall androht. Mit einem ,System‘, das permanent schlecht wirtschaftet, kann man auf diese Art nicht umgehen. Im Falle der DDR kam verschärfend hinzu, dass man sie auch nicht einfach verlassen konnte.

Dieser ,Schlager‘-Text ist – im Hinblick auf sein Genre – ungewöhnlich kunstfertig gedichtet. Poetische Artistik zeichnet seine lautliche Gestalt aus (Binnenreime, zahlreiche Alliterationen und sonstige Klangkorrespondenzen), subtile Stilisierung die Wortwahl. Konkrete Farbangaben kommen vor allem im Refrain vor; die erste Strophe erwähnt noch das „Himmelblau“, in das die Sängerin ihr Leid entlässt. Die zweite Strophe, in der die Sprecherinstanz traurig die Schwarzweißbilder vor den Augen hat, verzichtet generell auf Farbattribute, selbst beim „Bikini“ und „Mini“. Das macht Sinn.

Aber auch die einzelnen Farbadjektive verdienen einen näheren Blick: Da ist zunächst vom „Himmelblau“ die Rede, das in der ersten Strophe relativ isoliert und von konkreten Objekten abgelöst steht. „Sanddorn“, „Strand“ und „Kaninchen“ werden farblich überhaupt nicht spezifiziert – warum auch, bieten sie dem Auge doch nur Abtönungen jener Braun-, Ocker- und Graugrün-Palette, die man aus der Alltagswelt bis zum Überdruss kannte! Später erfahren wir in der zweiten Liedstrophe, dass sich die Sprecherinstanz nicht sonderlich für schöne Landschaften erwärmt: „Landschaft ist auch da, ja!“ Die Farben der äußeren Welt zählen eigentlich nicht; das „Himmelblau“ ist (darin nur „rosarot“ vergleichbar) die Farbe einer inneren heiter-utopischen Weltwahrnehmung, die für Nina mit dem Urlaub verbunden war, ihr dort aber durch Umstände (narzisstische Kränkungen) verloren gegangen ist, für die das Lied als Stellvertreter die Formel vom vergessenen Farbfilm einsetzt. Insofern lässt sich auch hinsichtlich der angesprochen Landschaftselemente nach impliziten Bedeutungen fragen. Die Dornen des Sanddorns verweisen wie die anderer Stachelgewächse auf Leid, seine Früchte sind extrem sauer („Zitrone des Nordens“). Hinter dem Strand winkt ,das Offene‘ (Hölderlin),  Neues, Interessantes, freilich auch Gefährliches. Die Symbolik des Kaninchens ist sehr vielfältig; in den Kontext unseres Liedes passen Interpretationen, die auf Angst und unerfüllte Glücksansprüche deuten, aber auch die Bereitschaft des Tieres eine Misere durch Aufbruch in neue Gefilde zu überwinden und Gefahren dank seiner (auch geistigen) Fruchtbarkeit zu bestehen.

Im Refrain werden die Farben „blau“, „weiß“ und „grün“ besungen. Dass in dieser Reihe „weiß“ als Farbe aufgeführt wird, macht stutzig. Dies trifft umso mehr zu, als diese Pseudofarbe ja auch im Schwarzweiß-Design zur Erscheinung kommt. Beim weiteren Nachdenken über diese Unstimmigkeit mag man auf die Idee kommen, alle im Lied zur Sprache gebrachten Farben symbolisch zu deuten. „Blau“ steht konventionell für „Sehnsucht“, „weiß“ für Reinheit/Unschuld und „grün“ für „Hoffnung“.  Dass die Liebes-Farbe „rot“ fehlt, lässt sich vordergründig durch die gestörte Beziehung zwischen Nina und Micha erklären. Das DDR-Publikum war allerdings darauf trainiert, literarischen Statements politische Subtexte zu unterlegen. Somit scheint mir der Gedanke durchaus plausibel, die Farbsymbolik versuchsweise auch politisch auszulegen. Dann wäre das fehlende Rot nicht erotisch zu deuten, sondern als Verweigerung der Staatsfarbe, die dem Lied-Texter nicht mit der Pluralität anderer Farben, mit „Buntem“ schlechthin und schon gar nicht mit „Himmelblau“ vereinbar schien. Nina wird das genau so empfunden haben – die Nina der Fiktion ebenso wie Ihre Darstellerin im ,richtigen Leben‘, die 1976 in den Westen emigrierte.

Hans-Peter Ecker, Bamberg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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