Codierte Kritik. Zu „z.B. Susann“ von City

City

z. B. Susann

Ich kenn den Friedhof hinterm Gaswerk,
wo's nach Teer und Efeu roch.
Ich kenn den Wind beim Trümmerbunker
und meinen Drachen seh ich noch
verboten dicht am Schornstein fliegen,
der sich zu Stalins Ehren streckt.
Die Mauern, über die wir stiegen,
warn grau und weiß vom Taubendreck.

Berlin.
Berlin.

Da fuhren noch die Straßenbahnen 
bis an den Streifen Niemandsland,
wo für die armen Zonenkinder 
ein Wanzenkino offenstand.
Heut seh ich vom Balkon bei Mutter
da drüben den Mercedesstern,
Reklame für McDonalds-Futter
und Türken, die die Straße kehrn.

In Berlin.

Am Dönhoffplatz traf sich die Clique
mit Jumping Jack und Lucy Sky.
Im Dschungel an der Hochbahnbrücke
war Rudi auch noch mit dabei.
Wir haben was von langen Haaren
und viel von echten Jeans gewußt,
da ging die erste große Liebe
vom Frühling bis in den August.

In Berlin.
In Berlin.

Seitdem brach Wohlstand aus den Poren
und bunte Kacheln aus Beton.
Es wurde manches neugeboren 
– so zum Beispiel du, Susann.

In Berlin.
In Berlin.
In Berlin.
In Berlin.

     [City: Casablanca. Amiga 1987.]

Die Ost-Berliner Band City gehörte zu den berühmtesten Rockbands der DDR. Ihre Geschichte begann 1972, 1975 erschien ihre erste Single und ihren Durchbruch hatten sie in dem Jahr 1977 mit dem Titel Am Fenster, der sich allein in der DDR 100.000 Mal verkaufte und nach aktuellem Stand über 500.00 Mal weltweit. Ihr erfolgreichstes Album war Casablanca aus dem Jahr 1987, auf der sich auch das Lied z. B. Susann befindet.

Der Text zu dem Lied ist alles andere als leicht zu entschlüsseln, wenn man nicht in der Zeit des Bestehens der DDR aufgewachsen ist, da er diverse versteckte Botschaften aufweist. Viele Künstler versuchten, der öffentlich herrschenden Sprache der SED eine eigene Sprache entgegenzusetzen. Das Chiffrieren der Kritik sowie das Entschlüsseln der versteckten Botschaften und das Lesen zwischen den Zeilen waren daher bei solchen Texten von großer Bedeutung. Die damalige DDR-Hörerschaft als „Insider“ war allerdings darin geübt solche Codierungen zu entschlüsseln (Vgl. Nicole Weisheit-Zenz: Öffentliche Meinung im Dienste des Regimes? Soziale Kontrolle und ‚Opposition‘ in der DDR in den letzten Jahren ihres Bestehens. Münster/Berlin 2010, S. 292-295.).

Der Text entwirft nicht, wie beim ersten Lesen durch die Verse der zweiten Strophe („Heut seh ich vom Balkon bei Mutter / da drüben den Mercedesstern/ Reklame für McDonalds-Futter / und Türken, die die Strasse kehr’n.“) zu vermuten ist, das Szenario einer Wiedervereinigung von DDR und BRD, sondern handelt vom Leben im Ost-Berlin der Nachkriegszeit (Vgl. Wikipedia: Casablanca [Album]). Genauer gesagt berichtet er chronologisch vom Erwachsenwerden in der DDR: Der Text beginnt irgendwann nach dem zweiten Weltkrieg. Damals spielte die Erzählinstanz als Kind mit „Drachen“ im „Trümmerbunker“. Anschließend geht es um die Zeit kurz vor dem Mauerbau, in der „arme Zonenkinder“ noch die Möglichkeit hatten, z. B. „Wanzenkinos“ in West-Berlin zu besuchen. Kurze Zeit später konnte man West-Berlin nur noch „von dem Balkon der Mutter“ aus sehen, da die innerdeutsche Grenze zu diesem Zeitpunkt endgültig geschlossen war. In der dritten Strophe werden die späten 1960er Jahre aus der Sicht eines – vermutlich rebellischen –  Jugendlichen beschrieben. In der letzten Strophe ist die Erzählinstanz schließlich erwachsen. Außerdem lässt der letzte Vers darauf schließen, dass der Sänger Toni Krahl von seinem eigenen Heranwachsen in Ost-Berlin berichtet, da „Susann“ geboren wurde: Denn Susanne ist ebenfalls der Name seiner erstgeborenen Tochter.

Die erste Strophe beginnt zunächst noch ‚harmlos‘ mit der Beschreibung eines beliebten Treffpunkts von Kindern auf einem „Friedhof hinter dem Gaswerk“. Dieser Ort ist durch die Verwendung des Wortes „Trümmerbunker“ noch von Kriegszeiten geprägt. Außerdem wird der Platz als heruntergekommen beschrieben, denn „Die Mauern, über die wir stiegen, / war‘n grau und weiß vom Taubendreck“.

Die ersten vier Verse der zweiten Strophe handeln anschließend von der Zeit, als es noch möglich war, mit „Straßenbahnen“ ins „Niemandsland“ zwischen Ost- und West-Berlin zu fahren und sich in „Wanzenkinos“ günstig Filme anzusehen. In den nächsten Versen wird der Ost-West-Kontrast durch den „Mercedesstern“ und „Reklame für McDonalds-Futter“ zum Ausdruck gebracht.

Die dritte Strophe beschreibt mehrere Erinnerungen aus dem Leben eines DDR-Jugendlichen Ende der 60er Jahre. Zunächst wird berichtet, wie man sich am Dönhoffplatz traf, um heimlich Musik der Rolling Stones (Jumpin‘ Jack Flash) und Beatles (Lucy in the Sky With Diamonds), vermutlich über Kurzwelle, da man diese nicht stören konnte, zu hören. Das Hören westlicher Sender, insbesondere von denen, die Rockmusik spielten, wurde seitens der SED-Führung nicht toleriert. Ein Grund dafür war, dass der West-Berliner Sender RIAS, der sein Programm, soweit technisch möglich, auch weit in die DDR einstrahlte, sich stets als eine „freie Stimme der freien Welt“ meldete. Die SED verstand dies als Provokation und wollte den Schwerpunkt der Berichterstattung auf das Geschehen in der DDR legen. Seit 1952 wurde der Empfang des Senders dann gezielt gestört (Vgl. Lindner: DDR Rock & Pop, Köln 2008, S. 14). 1958 erging dann die öffentliche Anordnung, dass künftig mindestens 60 Prozent der auf allen Tanzveranstaltungen, im Radio und Fernsehen gespielten Musikstücke aus der DDR und den anderen sozialistischen Ländern sein sollten. Platten aus dem Westen waren Mangelware, da sie offiziell nur sehr beschränkt vertrieben wurden, und wurden zu begehrten Tauschobjekten. Wer keine Möglichkeiten hatte, an solche Platten zu kommen, saß nachts stundenlang vor dem Radio und schnitt mit dem Tonbandgerät westliche Radiosendungen mit (vgl. NDR: Musik in der DDR. Zur Kulturpolitik der DDR in Sachen Musik).

Die folgenden Verse beschreiben den Großstadt-„Dschungel“ und weisen weiter darauf hin, dass der West-Berliner Studentenführer Rudi Dutschke, der 1968 bei einem Attentat schwer verletzt wurde, in Gedanken „noch mit dabei“ war. Im Anschluss daran wird beinah wehmütig von „langen Haaren“ und „Jeans“ berichtet. Denn auch bei diesen scheinbar banalen Aspekten von Jugendkultur griff die DDR-Politik mit Vorschriften ein. Dieser Eingriff in die Selbstbestimmung der Jugendlichen war dadurch motiviert, dass hinter der „formalen Hülle“ von Kleidung oder der Frisur Bedeutungen vermutet wurden, die mit den Zielen der Staatsführung kollidierten (Vgl. Cordula Günther: Jugendmode in der DDR zwischen Staatsplan und Freiraum für Selbstverwirklichung. In: Günter Burkart [Hg.]: Sozialisation im Sozialismus. Lebensbedingungen in der DDR im Umbruch. Weinheim 1990, S. 85).

Die letzten beiden Verse der dritten Strophe könnte mit der Formulierung „da ging die erste große Liebe / vom Frühling bis in den August“ sowie dem Wissen, dass sich die Verse davor auf die späten 60er Jahre beziehen, als Anspielung auf den ‚Prager Frühling‘ 1968 gelesen werden. Alexander Dubcek wurde im Januar dieses Jahres zum Parteichef der CSSR gewählt. Er verfolgte allerdings eine Politik u. a. mit Schwerpunkten auf Rede- und Pressefreiheit, Demonstrationsfreiheit und der Abschaffung von Zensur. Zum Vorwurf wurde ihn gemacht, dass er damit die Prinzipien der „Bruderpartei“ KPdSU verletzen würde. Am 20. August 1968 besetzten dann Truppen des Warschauer Paktes die Tschechoslowakei und der Prager Frühling wurde gewaltsam beendet (vgl. Stefan Karner: Der „Prager Frühling“. Moskaus Entscheid zur Invasion). So gelesen stellt diese Strophe die mit Abstand systemkritischste des Lieds dar.

Die letzte Strophe sagt dann aber auch aus, dass irgendwie trotzdem alles ein wenig besser geworden ist und man es geschafft hat, erwachsen zu werden. Aus dem „Trümmerbunker“ ist „Wohlstand“ hervorgegangen und die neue Eltern-Rolle gibt Kraft, nach vorn zu blicken.

Der Text überzeugt folglich dadurch, dass der Sänger der Hörerschaft erlaubt, sich in seine persönlichen Erinnerungen einzufühlen und diese gegebenenfalls mit eigenen, ähnlichen abzugleichen. Somit wirkt der Text authentisch. Besonders in der dritten Strophe kommt die scharfe Kritik an die Zeit sowie deren politischen Zuständen zum Ausdruck, wenn man – was bei der DDR-Hörerschaft der Fall war – in der Lage ist, die verschlüsselten Botschaften zu decodieren.

Julia Habermann, Bamberg

Advertisements

Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

One Response to Codierte Kritik. Zu „z.B. Susann“ von City

  1. Uwe K. says:

    Die letzten beiden Verse der dritten Strophe lauteten ursprünglich „…da ging im Jahre 68 der Frühling bis in den August…“. Allerdings war die Anspielung auf den Prager Frühling so offensichtlich, dass diese Stelle – vielleicht war sie als „weißer Elefant“ eingebaut worden – geändert werden musste.

Hinterlasse einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: