Vorfreude statt Abschiedsschmerz: „Winter, ade“ von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1835)

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben

Winter, ade

Winter, ade!
Scheiden tut weh.
Aber dein Scheiden macht,
Daß mir das Herze lacht!
Winter, ade!
Scheiden tut weh.

Winter, ade!
Scheiden tut weh.
Gerne vergeß ich dein,
Kannst immer ferne sein.
Winter, ade!
Scheiden tut weh.

Winter, ade!
Scheiden tut weh.
Gehst du nicht bald nach Haus,
Lacht dich der Kuckuck aus!
Winter, ade!
Scheiden tut weh.

Das kleine Abschiedslied auf die Melodie des alten fränkischen Volksliedes Schätzchen ade (vgl. Kommentar im Volksliederarchiv), das sich schnell als Frühlingslied zu erkennen gibt, ist hierzulande gleichermaßen beliebt und bekannt und wird von vielen Menschen als Kinderlied betrachtet. Es verwendet einfache Worte, besitzt eine einprägsame Melodie und zeigt einen klaren gedanklichen Aufbau. In allen drei sechszeiligen Strophen redet die Sprecherinstanz die kalte Jahreszeit an, die –  solcherart personifiziert – jeweils im ersten und fünften Vers explizit verabschiedet wird: „Winter, ade!“ „Ade“ ist eine süd- bzw. südwestdeutsche Variante des französischen Abschiedsgrußes „Adieu“ („bei Gott“ im Sinne von „geh‘ zu/mit Gott“), der in ganz Deutschland bis 1914 vorherrschend war, dann aber mit der nationalistischen Sprachpropaganda zugunsten von „Auf Wiedersehen!“ zurückgedrängt wurde (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Adieu).

Die erste Strophe führt das gedanklich leicht auflösbare Paradox aus, dass Abschiede zwar im Allgemeinen schmerzen, in diesem Fall aber entgegengesetzte Gefühle auslösen. Der Winter verkörpert für die Sprecherinstanz ganz offensichtlich die unwirtliche, karge, beschwerliche und trostlose Jahreszeit, deren Ende die Menschen kaum erwarten können. Das Lied wurde von Hoffmann von Fallersleben 1835 gedichtet, in einer Zeit harter Hungerjahre, als viele Deutsche aus purer Not ihr Land verlassen mussten.

In der zweiten Strophe des Liedes schickt das Sprecher-Ich dem Winter noch die Verwünschung hinterdrein, dass er ihm gerne für immer gestohlen bleiben könne:

Gerne vergeß ich dein,
Kannst immer ferne sein.

In der dritten Strophe rahmen die Refrainverse einen Satz, der als Warnung oder sogar als Drohung zu verstehen ist:

Gehst du nicht bald nach Haus,
Lacht dich der Kuckuck aus!

Erst jetzt wird dem Hörer klar, dass der Winter sein Ränzlein offenbar doch noch nicht geschnürt hat, sondern seinen vom Sprecher so sehnlichst erwarteten Abschied hinauszögert. Der häufig wiederholte Abschiedsgruß „Winter ade“ war offensichtlich an einen abschiedsunwilligen ,Gast‘ gerichtet gewesen. Ob die formal-logisch als materiale Implikation (,wenn-dann-Konstruktion‘) formulierte Wendung als Warnung oder Drohung zu betrachten ist, ergibt sich aus der Einschätzung der Beziehung zwischen Sprecherinstanz und Adressaten: Wie sehr sind sich die beiden feind und wie ist das Machtgefälle zwischen beiden einzuschätzen? Vielleicht spielt dabei auch eine Rolle, wie ,bedrohlich‘ das Gespött des Kuckucks dem Winter überhaupt erscheinen mag. Aus unserer Erfahrung mit dem Gang der Jahreszeiten glauben wir zu wissen, dass der Winter mit dem Fortschreiten des Kalenderjahres keine wirkliche Chance mehr hat. Die Sprecherinstanz scheint sich auch auf diesen natürlichen Gang der Dinge zu verlassen, wenn sie sich dem Winter gegenüber einen solch kecken Ton anmaßt. Die Klimageschichte lehrt allerdings, dass es vom Anfang des 15. bis deutlich in das 19. Jahrhundert hinein in Mitteleuropa eine sogenannte ,kleine Eiszeit‘ mit vielen kühlen, verregneten Sommern und entsprechenden Missernten gegeben hat. Insofern schwingt in der zuversichtlich vorgetragenen Verabschiedung des Winters in unserem Lied von 1835 auch eine Portion Optimismus bzw. Wunschdenken mit.

Mit dem Kuckuck verbinden sich traditionell viele unterschiedliche Assoziationen; unser Lied macht allerdings explizit nur von zwei Semantisierungen Gebrauch: der Kuckuck als Spottvogel und als Frühlingsbote.( Eventuell könnte man – bezogen auf den nachfolgend zu besprechenden Hintersinn des Liedes – auch noch an die Rolle des Kuckucks als Prophet denken, der auf die Frage, wie viele Lebensjahre einem noch bleiben, mit seinem Ruf antwortet.)

Ein kleiner Kommentar zu unserem Lied im Volksliederarchiv weist allerdings auch darauf hin, dass der Kuckuck ein Freiheitssymbol der 1848er Revolution gewesen ist und Hoffmann von Fallerslebens Frühlingslied als revolutionärer Text verstanden werden kann. Vieles spricht in der Tat für eine solche zweite Bedeutungsebene des Textes, z.B. die eindeutige politische Symbolik der kalten Jahreszeit (vgl. etwa Heine, Deutschland, ein Wintermärchen). Zu Zeiten des Systems Metternich war es für politische Dichter nicht ratsam, die Abschaffung der repressiven Verhältnisse  offen zu fordern; insofern versteckten Vormärz-Schriftsteller ihre subversiven Botschaften gerne hinter Metaphern und das zeitgenössische Publikum war im Entziffern solcher Texte durchaus versiert. Mit welchen Sanktionen man zu rechnen hatte, wenn man der Obrigkeit unangenehm auffiel, war den Zeitgenossen dank vieler böser Exempel höchst bewusst. Angesichts solcher Rahmenbedingungen ist es erstaunlich, dass Hoffmann sich der politischen Dichtung ausgerechnet nach 1831 mit Vehemenz zuwandte, nachdem er sich durch seine Berufung zum (zunächst a.o., 1835 sogar zum ordentlichen) Professor endlich in einer bürgerlich gefestigten Position etabliert hatte.

Wie v. Wintzingerode-Knorr ausführt, agierte Hoffmann damals gegen die ausdrücklichen Bedenken seiner Freunde, indem er mit der Publikation seiner Unpolitischen Lieder 1840 „sehenden Auges ins Verderben“ marschierte (Karl-Wilhelm Frhr. V. W.-K.: Hoffmann von Fallersleben. Ein Leben im 19. Jahrhundert. In: August Heinrich Hoffmann von Fallersleben 1798-1998. Festschrift zum 200. Geburtstag. Hrsg. von Hans-Joachim Behr, Herbert Blume und Eberhard Rohse. Bielefeld 1999, = Braunschweiger Beiträge zur deutschen Sprache und Literatur 1, S. 11-33, hier S. 26). Der Kommentar des Volksliedarchivs weist allerdings auch zu Recht darauf hin, dass der politische Bezug des hier behandelten Liedes nicht zwingend hergestellt werden musste; ansonsten wäre es auch kaum erklärlich, dass es in Preußen vor dem ersten Weltkrieg im Lehrplan der ersten Klasse stand. Für eine politisch harmlose Aufnahme von Winter ade! spricht der Umstand, dass sich Hoffmann 1835 mit dem Musiklehrer Ernst Richter zusammengefunden hatte, um eine Sammlung schlesischer Volkslieder zu betreiben, wobei er für etliche von Richter aufgetriebene Melodien passende Texte entweder in seiner Bibliothek fand oder selber neu verfasste (vgl. Ingeborg Gansberg: Volksliedsammlungen und historischer Kontext. Kontinuität über zwei Jahrhunderte? Frankfurt a. M. 1986, = Europäische Hochschulschriften XXXVI/17, S. 170).

Eine Einordnung als Volks- bzw. Kinderlied wurde somit also auch dadurch gestützt, dass Hoffmann viele weitere populäre und wohl auch politisch unbedenkliche Lieder wie Alle Vögel sind schon da,  Summ, summ, summ,  Kuckuck! Kuckuck! ruft’s aus dem Wald (alle ebenfalls 1835), Ein Männlein steht im Walde (1843), Der Kuckuck und der Esel (?) und andere mehr geschrieben hatte. Ferner hatte sich der Dichter durch seine einschlägigen Forschungen und Editionen schon einen erheblichen Ruf als Germanist erarbeitet, den er in späteren Jahren noch ausbaute. Heute gilt er sogar als der Vorbereiter der modernen Volksliedforschung (vgl. Otto Holzapfel: Hoffmann und der Beginn kritischer Volksliedforschung in Deutschland. In: Festschrift zum 200. Geburtstag, 1999, S. 183-198).

Der Kuckuck wurde übrigens nicht erst im Zuge der 1948er Revolution (s.o.), sondern schon im 18. Jahrhundert als Freiheitssymbol in deutschsprachigem Liedgut zum Einsatz gebracht. Einen Beleg liefert z.B. das auch heute noch recht bekannte Volkslied Auf einem Baum ein Kuckuck (vgl. http://www.volksliederarchiv.de/text434.html). Dass diese Verbindung des Brutparasiten mit freiheitlichen Konnotationen nie völlig in Vergessenheit geraten ist, zeigen neuere Aufnahmen dieses Liedes durch Sänger wie Hannes Wader oder Rio Reiser.

Hans-Peter Ecker, Bamberg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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