Auf Freiersfüßen im Wilden Westen: „Schnucki, ach Schnucki“ (Hermann Leopoldi/André Heller u.a.)

(Bernhard Schmid und dem Bamberger Karl-May-Verlag zum 100. Firmen-Jubiläum)

Hermann Leopoldi (Text: Rudolf Skutajan)

Schnucki, ach Schnucki

Ein Sioux-Indianer, 
ein ganz ein dicker, klaaner, 
sah eines Morgens eine Squaw, 
so jung und fesch, er war ganz baff! 
Er folgte ihrer Fährte,                                    (5)
weil er sie so begehrte, 
bis in das nächste Jagdrevier. 
Dort sprach er dann zu ihr: 

"Schnucki, ach Schnucki, 
foahr' ma nach Kentucky!                                   (10)
In der Bar Ould Schetterhend, 
da spielt a Indianerbend! 
Dann in die Pampas 
auf a Flaschen Schampas. 
Um halber achte geht der Zug!                              (15)
Ich hab' gesprochen! Hough!" 

"Das ist", sagt sie drauf schnippisch, 
"für so a Wüden typisch! 
Ich geh' doch nicht mit so an Gauch 
mit einer Glatzen und am Bauch!                            (20)
Anstatt mir nachzuschleichen, 
kauf lieber mir an neichen, 
an schicken Indianerschal 
und dann sag noch amoal (wannst di traust):" 

"Schnucki, ach Schnucki,                                    (25)
fahr' ma nach Kentucky! 
In der Bar Ould Schetterhend, 
da spielt a Indianerbend! 
Dann in die Pampas 
auf a Flaschen Schampas.                                    (30)
Um halber achte geht der Zug! 
Ich hab' gesprochen! Hough!" 

"Laßt du dich nicht verführen, 
dann werd ich dich skalpieren!" 
sprach drauf zu ihr der rote Mann,                           (35)
"weil ich das ausgezeichnet kann! 
Sag ja, zum letzten Male! 
Sonst wirst am Marterpfahle 
gemartert du an einem Baam 
dahaam in mei'm Wigwaam!                                     (40)

Schnucki, ach Schnucki, 
foahr' ma nach Kentucky! 
Um halber achte geht der Zug! 
Ich hab' gesprochen! Hough!" 

"Du willst mich wirklich martern?                             (45) 
Das sag ich meinem Vatern! 
Wenn ich ihm schreib' nach Idaho, 
dann is er morgen wieder do! 
Als Häuptling der Komantschen 
wird er dir eine pantschen!                                   (50)
Das kann ich wirklich nicht riskiern, 
drum loaß ich mich verführn!" 

"Schnucki, ach Schnucki, 
fahr' ma nach Kentucky! 
In der Bar Ould Schetterhend,                                  (55)
da spielt a Indianerbend! 
Dann in die Pampas 
auf a Flaschen Schampas. 
Um halber achte geht der Zug! 
Ich hab' gesprochen! Hough!"                                   (60)

Minnesota, 
Piawota, 
Manitu, der Himmelvota, 
schuf die Liebe und den Suff. 
Piffalopuff,                                                   (65)     
uff, uff, uff!
[Leise aus der Ferne:] A Bundesland für a Pferd …

     [Text: Transkription von André Hellers gesungener Fassung. Die österreichische
     Klangfärbung wurde dabei ein Stück weit erfasst, sicher aber nicht linguistisch 
     perfekt repräsentiert.]

Als ich diesen Titel erstmals in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts hörte und mich darüber tüchtig amüsierte, hatte ich keinen Zweifel daran, einer zeitgenössischen Produktion aus dem damaligen Umfeld des Austropop à la EAV zu begegnen. Umso überraschter war ich vor ein paar Jahren, als ich Schnucki, ach Schnucki im Zuge einer näheren Beschäftigung mit dem Wiener Lied wieder begegnete und dabei erfuhr, dass es in Wirklichkeit einem Alt-Star des Wiener Unterhaltungsbetriebes zuzurechnen war, nämlich Hermann Leopoldi (geb. 1888 als Sohn des Musikers Hermann Kohn, gest. 1959). Der startete seine Karriere als Komponist, Schauspieler und Klavierhumorist noch im 1. Weltkrieg und wurde bald unter seinem neuen Künstlernamen zu einem gefeierten Entertainer, der durch Tourneen weit über Wien hinaus bekannt war. 1938 wurde er wegen seiner jüdischen Religion zunächst nach Dachau und dann nach Buchenwald deportiert; dort schrieb er die Melodie zu dem berühmten Buchenwald-Marsch, dessen Text sein Freund und Leidensgefährte Fritz Löhner-Beda verfasste. Im Gegensatz zu diesem konnte Leopoldi – von seiner in die USA emigrierten Ehefrau – freigekauft werden und dort seine Karriere in Emigrantenkreisen fortsetzen. 1947 kehrte er wieder nach Wien zurück, wo man ihn nicht vergessen hatte und mit großem Bahnhof empfing. (Vgl.  http://austria-forum.org).

Aus der Produktionsphase dieser späteren Zeit stammt dann auch unser Lied (vgl. Fritz/Kretschmer [Hg.]: Wien Musikgeschichte, Teil 1: Volkslied und Wiener Lied, 2006, S. 422), das m.E. drei Aspekte geschickt kombiniert: Einerseits greift es die bereits von Nestroy in seiner Posse Häuptling Abendwind erfolgreich praktizierte Strategie auf, ,Wienerisches‘ (Dialekt, Sprachformeln, Mentalität, Alltagskultur usw.) mit ,Exotisch-Wildem‘ so zu vermischen, dass den Mitbürgern ein satirischer Spiegel vorgehalten wird, der sie allerdings so grotesk verfremdet zeigt, dass sie sich nicht zwangsläufig darin erkennen müssen. Zweitens verweist Leopoldi mit dieser Groteske indirekt auf seine Biographie: Als zurückgekehrter USA-Emigrant ist er ja besonders prädestiniert, aus dem Wilden Westen zu berichten. Drittens nimmt er ein Stück weit auch den Karl-May-Boom auf, der sich während der Weimarer Republik und des Tausendjährigen Reichs gegen alle Schmutz-und-Schund-Kampagnen durchgesetzt bzw. gehalten hatte und auch noch in den Nachkriegsjahren anhielt, indem er sein Lied im Indianermilieu ansiedelt, die aus den Winnetou-Romanen berüchtigten Komantschen an prominenter Stelle erwähnt und im Refrain sogar von einer „Bar Ould Schetterhend“ spricht. Die Kombination dieser Faktoren sicherte dem Titel von vornherein eine gewisse Aufmerksamkeit, sein Erfolg über den Augenblick hinaus stand und fiel aber mit den humoristischen Formulierungen im schrägen Anbandelungs-Dialog. Ob und inwieweit das zeitgenössische Wiener Publikum beim „roten Mann“ auch noch aktuelle politische Assoziationen hatte, vermag ich nicht zu beurteilen.

Selbstverständlich arbeitet der männliche Protagonist dieses Wiener Liedes für heutige Moralvorstellungen nicht gerade mit gendermäßig korrekten Mitteln. Aber vielleicht ist er ein Stück weit durch den Charakter der „Jagdrevier[e]“, in denen er sich bewegt, entlastet? Die Erwähnung der „Flaschen Schampas“ in einer Refrainzeile deutet eher in Richtung Rotlichtmilieu als endlose Büffelgrasweiden. Doch wir greifen vor. Kaum hat der Sioux („ein dicker, klaaner“) das schnuckelige Objekt seines Begehrens erblickt und seine Fährte aufgenommen, fällt er im „nächste[n] Jagdrevier“ (der nächsten Bar?) auch schon mit der Tür ins Haus: Ohne Umschweife lädt er die Squaw zu einer Spritztour per Zug nach Kentucky ein. Auch über sein Ziele lässt er die Dame nicht im Unklaren: Man könnte in der „Bar Ould Schetterhend“ starten und sich dann mit der schon erwähnten „Flaschen Schampas“ in „die Pampas“ begeben. Diese spanisch-indianersprachliche Landschaftsbezeichnung wäre als „Ebene“ zu übersetzen, im Kontext unseres Dialogs noch treffender als „Horizontale“. Womit der Fall klar liegt, für die Hörer des Liedes ebenso wie für die angesprochene Frau.

Diese ziert sich zunächst. Wenn sie ihren forschen Verehrer in der ersten Hälfte der dritten Strophe gehörig abbügelt, sind die Ursachen dafür aber offensichtlich weniger in einer habituellen Gschamigkeit zu suchen, als in einem professionellen Reflex, die Preise hoch zu halten; würde er sich dazu bereitfinden, in einen „neichen, an schicken Indianerschal“ zu investieren, dürfte er sich gerne noch einmal trauen, seinen Antrag vorzubringen. Dieses Verhalten macht unsere Squaw noch nicht zwingend zur Bordsteinschwalbe, legt allerdings einen gewissen Verdacht nahe. Andererseits verhält sie sich nicht sehr viel anders als viele erfahrene weibliche Figuren der Wiener Possentradition, die ihren Wert kennen und Geizhälse verabscheuen (man vgl. etwa den Beginn des Stückes Der gefühlvolle Kerkermeister oder Adelheid, die verfolgte Wittib). Und mit einem indianischen Geizhals der Extraklasse haben wir es hier offensichtlich in der Tat zu tun, obwohl er „Schampas“ in Aussicht gestellt hat. Statt mit der Squaw shoppen zu gehen, droht er ihr mit dem Marterpfahl. Diese finstere Drohung läuft allerdings ins Leere, denn die Maid kann auf Rückendeckung durch einen extrem gefährlichen Clan (Karl-May-Leser wissen, dass speziell mit Komantschen nicht zu spaßen ist!) verweisen, zumal ihr Dad (Zuhälter?) da noch eine herausragende Stellung innehat:

Als Häuptling der Komantschen
wird er dir eine pantschen!

Würdigen wir wenigstens eine Sekunde lang diesen Reim, der vermutlich bis dato in der deutschsprachigen Literatur noch nicht vorgekommen war. – – Gleichwohl lenkt die Prärietochter fast unmittelbar nach ihrer eindrucksvollen Drohung ein. Diese Kehrtwende erfolgt mehr als überraschend und ist nach allem zuvor Gesagten auf komisch-groteske Art unlogisch. Ihre Argumentation wird auch dadurch nicht verständlicher, dass sie vorgeblich kein ,Risiko‘ eingehen möchte und deshalb dem unmoralischen Angebot zustimmt:

Das kann ich wirklich nicht riskiern,
drum loaß ich mich verführn!

An dieser Stelle kann man darüber spekulieren, welches Risiko die Indianerin fürchtet: dass ihr Beschützer den Verehrer massakrieren könnte? (Oder sie, weil sie das Geschäft vermasselt hat?) Dass der ,klaane Dicke‘ ihre Drohung ernst nehmen und gleich ganz abspringen könnte? (Womit auch die Flaschen Schampas futsch wäre …) Oder wirkt am Ende doch noch die Marter-Drohung? (Zumal es etwas dauern würde, bis der Vater von Idaho herüber gekommen wäre.) Fragen über Fragen, die ich hier nicht wirklich beantworten kann. Wie auch immer, die Squaw schreibt den neuen Schal ab und lässt sich ohne weitere Forderungen auf den Antrag ein.

Der leicht derbe Nachgesang fasst die Essenz des Liedes noch einmal bündig zusammen: Wilder Westen, Liebe, Suff, …puff, uff! Das reimt sich, da kann man leicht das eine für das andere halten (Penthesilea). Wunderbar grotesk setzt dann André Hellers noch einen Nachruf aus dem Off drauf, bei dem sich Fernweh, Amerikafaszination und Männerphantasien frei nach Shakespeare zu dem Herzenswunsch verdichten: „A Bundesland für a Pferd …“

Weitere bemerkenswerte Interpretationen des Titels stammen von Hermann Leopoldi selbst, Fredl Fesl (Video mit Publikumsreaktionen), derhavas (kreative Variante für die web 2.0-Welt, leider gesanglich nicht auf der Höhe des Textes) und der Showband Global Kryner.

Hans-Peter Ecker, Bamberg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

7 Responses to Auf Freiersfüßen im Wilden Westen: „Schnucki, ach Schnucki“ (Hermann Leopoldi/André Heller u.a.)

  1. Es gibt nur eine definitive Version, und das ist die Leopoldi’sche. Warum sich Heller daran versuchte bleibt rätselhaft.

  2. Woschl says:

    Das Original ist von Leopoldi – nicht vom Heller.

    • Lieber Woschl,

      das stimmt, und deshalb steht es ja auch genau so im Artikel. Die Heller-Version wird u.a. wegen des hinzugefügten Rufs „A Bundesland für a Pferd …“ zitiert.

      Beste Grüße

      Martin Rehfeldt

  3. Wer oder was ist „Piawota“?

    • hpecker says:

      Lieber Herr Hölzer, ganz ehrlich: da bin ich überfragt! Als ich den Artikel geschrieben habe, habe ich mir über dieses Wort nicht einmal große Gedanken gemacht und es im Grunde als ein Unsinns-Wort betrachtet, das lautlich-atmosphärisch irgendwie im Freiraum zwischen Wild West und Wien angesiedelt ist. Auf Ihre Anfrage hin habe ich – erfolglos – in einem Wörterbuch des Wienerischen nachgesehen und Google bemüht. In den nächsten Wochen werde ich Kollegen aus der Sprachwissenschaft und Namensforschung ansprechen, sobald sich eine Gelegenheit ergibt. Vielleicht tüfteln die ja noch etwas aus. Auf alle Fälle danke ich für das Interesse und grüße freundlich: Hans-Peter Ecker

      • hpecker says:

        Mein Hilfe-Ersuchen bei einem Kollegen der Sprachwissenschaft hat Früchte getragen: Hinter dem ominösen Wort steckt mit ziemlicher Sicherheit das lateinische „pia vota“ – „fromme Wünsche“, eine schöne Abschiedsformel zum Ausklang des Liedes mit hinreichendem Wien- und Wild-West-Kolorit im Klangbild.

  4. Ulrich Fuchs says:

    Es gibt eine Version, in der anstelle von „Piavota“ der indianische Name „Hiawatha“ ( sprich: „Haiawota“ ) steht.
    Klingt sinnvoll, zumal die Rothäute höchst selten Lateinisch gesprochen haben.

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