Tun wir was! Über PeterLichts „Unsere Zeit“

(Für DJ Jens Jot zum runden Geburtstag)

PeterLicht

Unsere Zeit

Ich ging an einem Tag                                                           
durch einen Garten
und ich mochte den Himmel
in diesem Garten
und der Himmel mochte sich                                    (5)
Tag für Tag laufen die Bänder
vorwärts vorwärts vorwärts vorwärts vorwärts
vorwärts die Zeit
das ist das Ende
und ab jetzt ist es so wie immer – so wie immer               (10)
vorwärts die Zeit

Das das das
das ist unsere Zeit
und die Zeit leuchtet laß sie leuchten
das das das                                                    (15)
das ist unsere Zeit
und die Zeit leuchtet laß sie leuchten

Tag für Tag laufen die Bänder
Tag für Tag
Nacht für Nacht                                                 (20)
fliegen die Funken
und der Flug deiner Blicke ist strahlend
und ich werde bleiben und auf dich warten
Nacht für Nacht
fliegen die Funken                                              (25)
und wir suchen die Spur

Das das das [...]

     [PeterLicht: Lieder vom Ende des Kapitalismus. Motor 2006.
     Textquelle: Booklet zur CD; der dort abgedruckte Text weicht erheblich
     von den im Internet kursierenden Text-Versionen ab.]

Songpoet PeterLicht (Meinrad Jungblut?) veröffentlicht seit dem Jahre 2000 Lieder, Texte und Theaterstücke mit oft schwer zu verstehenden Formulierungen, die gleichwohl viele Menschen faszinieren und die ihm in den letzten Jahren auch hochrangige literarische Preise eingetragen haben. Eines seiner bekanntesten Lieder erschien 2006 auf dem Album Lieder vom Ende des Kapitalismus; es trägt den programmatischen Titel „Unsere Zeit“ und hat auf der Aufnahme einen kleinen mottoartigen Vorspann, der nicht zum eigentlichen Text gerechnet wird. Nach der Feststellung, dass die Schwerkraft allgemein „überbewertet“ werde, findet sich eine freche Bemerkung über die große Himmelsleuchte, die uns aber doch Mut macht und deshalb hier zitiert wird: „Und die Sonne kocht auch nur mit Wasser, die soll sich nicht so aufspielen, die gelbe Sau.“

Nachfolgend schlage ich eine Lesart für das Gedicht vor, die nicht mit dem Anspruch verbunden wird, die einzig mögliche zu sein. Methodisch stelle ich den Text ins Zentrum meiner Interpretation, schließe an die einzelnen Begriffe und Sprachbilder aber Assoziationen an, die mir zum gemeinsamen kollektiven Wissen eines einigermaßen gebildeten Zeitgenossen zu gehören scheinen. Dass meine Annahmen bezüglich dieses Wissens nicht empirisch abgesichert und insofern zumindest ein Stück weit spekulativ sind, räume ich gerne ein.

Das lyrische Ich beschreibt eingangs seine raumzeitliche Befindlichkeit: es geht durch einen Garten und es ist Tag. Vermutlich ist hier nicht „eines Tages“ (im Sinne von „irgendwann mal“) gemeint, sondern die Tageszeit. Dass später im Gedicht auch von Nachtzeiten die Rede sein wird, macht diese Deutung noch plausibler. Überraschender Weise schaut sich unser Ich aber nicht im Garten um, bewundert keine Blumen, nascht keine Erdbeeren, sondern richtet seinen Blick gen Himmel. Der Himmel gefällt ihm, aber der Himmel reagiert auf diese Sympathie-Geste nur mit einer narzisstischen Haltung: er „mochte sich“. Da weder Garten noch Himmel irgendwie individualisiert werden, denke ich, dass uns diese Episode den Garten aller Gärten und den Himmel schlechthin zeigt, d.h. das Ich wandert durch das Paradies und es wendet seinen Blick nicht zu den schönen Früchten ringsherum, sondern nach oben, zum Sitz der Transzendenz, zu Gott, und zwar mit Gefallen, mit Liebe. Aber dieser Gott liebt nur sich selbst.

Der nicht zustande gekommene Blickkontakt, die verweigerte Gegenliebe hat Konsequenzen, die das Gedicht freilich ausspart und aussparen darf. Wir wissen aus der Bibel, was passiert ist: die Menschen wurden aus dem Garten Eden entfernt und auf die ziemlich unwirtliche Erde verbannt, um diese durch ihre Arbeit zu kultivieren und ihr Brot in Schweiß und Tränen zu essen. PeterLicht spart sich eine Wiederholung dieser misslichen Geschichte und versetzt seine Sprecherinstanz mit Vers 6 gleich aus dem Garten in die Welt der Arbeit, die auch eine Welt der Zeit ist. Arbeit und Zeit gehören zusammen; schon rein faktisch, wie wir alle wissen, aber auch mythologisch. In der Bibel müssen die Menschen nach ihrer Vertreibung aus dem christlichen Paradies arbeiten, im antiken Mythos kommen nach dem Ende des paradiesischen goldenen Zeitalters unter der Herrschaft des Kronos Zeit, Alter, Verbrechen, Krankheit und Tod in die Welt. Fließbänder und Zeit laufen von nun an nur noch in eine Richtung: vorwärts, vorwärts, vorwärts … (In paradiesischen, vorindustriellen Zeiten, als mechanische Uhren die Menschen noch nicht durchs Leben hetzten, hatten diese noch nach den zyklischen Rhythmen der Natur gelebt.)

In Vers 9 bezeichnet die Sprecherinstanz diesen Zustand monotoner Vorwärtsbewegung als „das Ende“. So scheint es auf ewig weiterzugehen, im Stumpfsinn moderner Wachstums-, Steigerungs- und Fortschrittsideologie – vorwärts, vorwärts, vorwärts, ohne höheren Zweck, ohne eigentliches Ziel. Drei einfache Verse, die es aber mächtig in sich haben und nicht von ungefähr wiederholt werden, schließen sich der deprimierenden Einsicht, ans „Ende“ gelangt zu sein, an:

Das das das
das ist unsere Zeit
und die Zeit leuchtet laß sie leuchten

Zunächst erkennt das lyrische Ich in dem fatalen Zustand die Verfassung seiner eigenen Epoche. Dabei wechselt es, quasi nebenbei, vom Ich ins Wir: es spricht von unserer Zeit, d.h. das Ich schwingt sich hier zum Sprecher einer ganzen Generation auf; anders formuliert suggeriert es seinen Hörern seine Einsichten. Mit einem ordentlichen Gedankensprung behauptet die nächste Zeile, dass diese „unsere“ Zeit leuchte.  Greifen wir dem Text jetzt bitte nicht vor! An dieser Stelle des Gedichts befinden wir uns in den Werkhallen industrieller Produktion, wo Fließbänder endlos vorwärtslaufen und Uhren den Takt des Lebens vorgeben. Wenn ein solches Szenario „unsere Zeit“ verkörpern soll, assoziiert man beim Begriff „leuchten“ Neonröhren, Kontrollanzeigen und Leuchtuhren (vielleicht vom Typ der Bahnhofsuhren). Der Vers fährt mit einer befehlsartigen Formulierung fort: „laß sie leuchten“. Ich übersetze mir dies als Aufforderung, mich um den ganzen Quatsch nicht zu scheren, die Uhren zu ignorieren, mich innerlich von der Welt kapitalistischer Produktionverhältnisse abzugrenzen.

Der nächste große Versblock bestärkt mich eingangs in dieser Lesart; er erinnert mich an die Fließbänder, die auch nachts nicht zur Ruhe kommen. Der Hinweis auf die Nacht expliziert noch einmal den schon oben angestoßenen Gedanken, dass die künstliche Arbeitswelt die natürlichen Rhythmen des Lebens von Aktivitäts- und Ruhephasen ignoriert. Im nächtlichen Szenario werden neue Lichterscheinungen sichtbar: ,fliegende Funken‘. Das Werkhallenbild der Fließbänder mutiert dadurch zu einer stärker archaischen, handfesten Form der Produktion – zur Schmiede bzw. Stahlwerkerei. Dann aber folgt wieder eine überraschende Wendung:

und der Flug deiner Blicke ist strahlend
und ich werde bleiben und auf dich warten

Vom Funkenflug der Produktion springt die Gedankenführung des Textes zum Flug der Blicke eines humanen Du, dem ein neues Attribut im großen Bedeutungsfeld des Lichtes zugesprochen wird, und dieses Attribut ist hier unbedingt positiv besetzt: Die Blicke des Du werden als „strahlend“ wahrgenommen, und damit sind sie so attraktiv, dass das Ich verspricht zu „bleiben“ und zu „warten“.  Wir haben nicht gehört, dass es vorhatte zu „gehen“, aber das musste PeterLicht nicht eigens ausführen, denn er hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass dem Ich die eigene Existenz im Zeichen der Fließbänder sinnlos erschienen war. „Zu gehen“ wäre da gewissermaßen die einzig konsequente Reaktion gewesen. Nun aber, da es die strahlenden Blicke eines humanen Gegenübers erkannt hat, lohnt es sich wieder zu leben. Wenn im nächsten Passus davon die Rede ist, dass „Nacht für Nacht“ Funken fliegen, dann geht es nicht mehr um Arbeit und Produktion, sondern darum, dass es zwischen Menschen, die zueinander gefunden haben und gemeinsam agieren, sprichwörtlich ,funkt‘.

Am Ende folgen noch einmal die uns schon bekannten Verse des Refrains, denen inzwischen aber eine neue Bedeutung zugewachsen ist:

Das das das
das ist unsere Zeit
und die Zeit leuchtet laß sie leuchten

„Unsere Zeit“ ist nun die gemeinsam verbrachte Zeit von Menschen, die sich in der Wahrnehmung des Funkenflugs ihrer strahlenden Blicke erkannt und zum Leuchten gebracht haben. Die Aufforderung „laß sie leuchten“ ist nun als Ermutigung zu deuten: Wir alle sollen unser humanes Potential einsetzen, um „unsere Zeit“ leuchten zu lassen, damit wir in ihr Freude, Liebe und Erfüllung finden. Wir haben keine andere. Und wenn wir sie nicht zum Leuchten bringen, wird es auch kein anderer für uns tun; der Himmel ist immer noch mit sich selbst beschäftigt.

Hans-Peter Ecker, Bamberg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

One Response to Tun wir was! Über PeterLichts „Unsere Zeit“

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