„Keiner weiß, was dann geschehen ist.“ Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll. Oder: Warum Heino eigentlich schon immer ein Rocker war. Zu „Blau blüht der Enzian“

Heino (Text: Adolf von Kleebsattel) 

Blau blüht der Enzian

Ja, ja, so blau, blau, blau blüht der Enzian 
Wenn beim Alpenglühen wir uns wiedersehen 
Mit ihren ro-, ro-, ro-, roten Lippen fing es an 
Die ich nie vergessen kann

Wenn des Sonntags früh um viere die Sonne aufgeht 
Und das Schweizer Madel auf die Alm 'naufgeht 
Bleib' ich ja so gern am Wegrand stehen, ja, stehen 
Denn das Schweizer Madel sang so schön 
Holla hia hia holla di holla di ho 
Holla hia hia holla di holla di ho
Blaue Blumen dann am Wegrand stehen, ja, stehen 
Und das Schweizer Madel sang so schön

Ja, ja, so blau, blau blau blüht der Enzian 
Wenn beim Alpenglühen wir uns wiedersehen 
Mit ihren ro-, ro-, ro-, roten Lippen fing es an 
Die ich nie vergessen kann
Ja, ja, so blau, blau blau blüht der Enzian [...]

In der ersten Hütte, da haben wir zusammen gesessen 
In der zweiten Hütte, da haben wir zusammen gegessen 
In der dritten Hütte hab' ich sie geküßt 
Keiner weiß, was dann geschehen ist 
Holla hia hia holla di holla di ho 
Holla hia hia holla di holla di ho 
In der dritten Hütte hab' ich sie geküßt 
Keiner weiß was dann geschehen ist

Ja, ja, so blau, blau blau blüht der Enzian 
Wenn beim Alpenglühen wir uns wiedersehen 
Mit ihren ro-, ro-, ro-, roten Lippen fing es an
Die ich nie vergessen kann
Die ich nie vergessen kann
Die ich nie vergessen kann – Ja!

     [Heino: Blau blüht der Enzian/Irgendwann sind alle gleich. Electrola 1972.]

Heino ist wieder cool. Oder war es vielleicht schon immer? Zumindest ist er mit seinen Coversongs aus Rock und Pop an die Spitze der Charts marschiert. Auf diese Weise hat der  Schlagerbarde mit seinem tiefen Stimmton die Pophits in deutsches Volksliedgut überführt. Die Frage nun an alle Rocker: Warum im Gegenzug nicht einfach mal aus einem Heino-Lied ein Rockhymne machen? Denn so wie sich die Rocknummern als Schlager eignen, stecken in so manchem Heino’schen Schlagertext echte Rockqualitäten. Blau blüht der Enzian aus dem Jahre 1972 zum Beispiel weist gleich zwei Elemente der Trias Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll deutlich auf, und mit etwas Phantasie kann man sich auch das dritte dazureimen.

In Heinos Schlager geht es heiß her: Die Alpen glühen förmlich, und das muss man hier nicht nur keusch als Sonnenaufgangsszenario verstehen. Es wird die Geschichte erzählt, wie ein (vermutlich männliches) Sprecher-Ich einem Schweizer Madl nachstellt und dabei schließlich erfolgreich ist. Der Refrain ist voll mit sexuellen Anspielungen. Deutlich stechen die roten Lippen durch die exzessive Betonung der roten Farbe neben dem Blau des Enzians heraus. Schon im Minnesang waren sie eine Chiffre für die erotische Anziehungskraft einer hehren Dame. Der Enzian selbst erhält gleich mehrere erotische Komponenten. Bereits im Mittelalter wurde er als Aphrodisiakum verwendet, wie das österreichische Heimatlexikon Austria-Forum vermerkt. Um dem Enzian seinen Liebeszauber zu entlocken, musste man ihn am Johannistag bei Sonnenaufgang, also beim Alpenglühen, mit einer goldenen Schaufel ausgraben.

Die erotischen Zuschreibungen für den Enzian werden zudem durch die im Text explizit aufgerufene „blauen Blume“ unterstützt. Sie gilt als zentrales romantische Symbol und taucht im Kontext eines (sexuellen) Erweckungserlebnisses in Novalis’ Heinrich von Ofterdingen auf. Abgesehen davon gibt es auch eine Tradition von phallisch-sprießenden („blühenden“) Gewächsen im Schlager: Man denke an, Veronika, der Lenz ist da und den Spargel, der darin ostentativ wächst. Parallel sind Blumen (und vor allem das Brechen dieser) weiblich geprägte Metaphern für Geschlechtsverkehr, wie beispielsweise in Goethes Heideröslein.

Der unschuldige Enzian, der aufgrund seiner blauen Farbe auch ein Symbol für Treue ist (vgl. wikipedia), mutiert vor dem gezeichneten Hintergrund also zur Sex-Droge. Schon die leuchtenden Primärfarben und deren eindringliche mehrfache Wiederholung sind ein Indiz dafür, dass die alpinen Schäferstündchen möglicherweise von Drogenkonsum begleitet werden, was wiederum den psychedelischen Farbrausch erklärt. Außerdem fände sich im Enzianrausch auch eine Erklärung dafür, warum der Tempusgebrauch so bunt und oft unerwartet wechselt. Die Zeitebenen zwischen Erleben und Erinnern verschwimmen:

Wenn des Sonntags früh um viere die Sonne aufgeht
Und das Schweizer Madel auf die Alm naufgeht
Bleib ich ja so gern am Wegrand stehn, ja, stehn
Denn das Schweizer Madel sang so schön.

Aufgrund der Uneindeutigkeiten beim Tempusgebrauch, kann nicht eindeutig geklärt werden ob sich das Sprecher-Ich als älterer Mann bei einer Bergwanderung zurückerinnert und an ein vergangenes Ritual des Wiedersehen beim Alpenglühn denkt oder aber, ob das erlebende Ich sich erneut nach sei’m Schweizer Madel und dessen Gesang sehnt und folglich den Sonnenaufgang um viere kaum erwarten kann.

Dass die sexuell-frivolen Zwischentöne durchaus beabsichtig sein mögen, zeigt der weitere Verlauf der Geschichte zwischen Bursch und Madel. Eine Orgie kann der Schlagertext freilich nicht schildern, aber im dem Genre eigenen prüd-keuschen Rahmen geht er so weit, wie es eben noch vertretbar ist: In einer Drei-Hütten-Klimax kommt es zur körperlichen Annährung. Erst wird „gesessen“ (händchenhaltend?), dann wird „gegessen“ (sich fütternd?), dann wird „geküsst“ (sich küssend!) und dann… . Die dramaturgische Struktur der letzten Strophe führt unausweichlich im doppelten Wortsinne zum Höhepunkt. Ausgesprochen wird dies allerdings nicht: „Keiner weiß, was dann geschehen ist.“ Und damit weiß es jeder (Denken Sie jetzt nicht an rosa Elefanten!). Falls dem Hörer das beim ersten Mahl nicht klar geworden ist, wird die Passage mit Bezug auf den mehrdeutig-schlüpfrigen „Gesang“ der feschen Maid („Holla hia hia holla di holla di ho/ Holla hia hia holla di holla di ho“) wiederholt.

Viel mehr sex and drugs lässt sich in einem traditionellen deutschen Schlager kaum unterbringen. Das offensichtliche Ausstellen eines geradezu aufgedrängten Zwischen-den-Zeilen-Lesens macht die rhetorische Spannung des Textes aus. Es hat sich also gezeigt, dass Heino thematisch eigentlich schon immer ein Rocker war. Und dass er auch noch der Roller schlecht hin ist, um an einen SZ-Artikel vom 1. Februar anzuschließen, lässt sich zumindest mit Blick auf die lautliche Ebene nicht bestreiten: Sein ro-, ro-, rollendes R ist unverwechselbar. Und das ist dann ja irgendwie auch wieder cool.

Florian Seubert, Bamberg

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4 Responses to „Keiner weiß, was dann geschehen ist.“ Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll. Oder: Warum Heino eigentlich schon immer ein Rocker war. Zu „Blau blüht der Enzian“

  1. In dieser Lesart ergibt dann ja auch eine zunächst irritierende Aussage Sinn: „KEINER weiß, was dann geschehen ist“ – also auch nicht die Beteiligten, die sich einen Filmriss zugezogen haben.

    Martin Rehfeldt

  2. hpecker says:

    In die Debatte um die – vorgeblichen oder tatsächlichen? – Rocker-Qualitäten Heinos will ich mich überhaupt nicht einmischen; statt dessen darf ich aber vielleicht einige völlig unmaßgebliche Bemerkungen zum Enzian beisteuern, dessen schön blau blühende Arten weit verbreitet als Treuesymbol gelten. M.E. macht Heinos Lied auch genau diesen Zug stark, womit dann auch jenes Sprichwort, demzufolge es auf der Alm überhaupt ka Sünd gar net gibt, als gerettet gelten darf, odrrr?

    Enzian-Schnaps (in der Schweiz auch als ,eau de vie“ gehandelt), dem manche Leute in der Tat aphrodisische Kräfte zuschreiben (wobei ich jetzt nicht zu sagen wüsste, ob diese Kräfte den Mann unterstützen oder den Widerstand der Frau schwächen sollen?), wird aus der gelb blühenden Art „Gentiana lutea“ gewonnen. Immerhin trägt das aber auch wieder nicht allzu viel zur Interpretation bei, da aus Marketing-Gesichtspunkten meistens blaue Enziane die Flaschenetiketten zieren und insofern fast nur Apotheker und Schwarzbrenner wissen, dass die Enzian-„Droge“ nix mit der blauen Blume zu tun hat.

    Dessen ungeachtet würde ich mir persönlich aber vom Enzianschaps ohnehin keine großartigen psychedelische Erfahrungen versprechen. Vermutlich taugt er viel besser dazu, die Mädels zu vertreiben; denn einer der volkstümlichen Namen für „Gentiana lutea“ lautet „Sta up un ga weg“. Vgl. Marianne Beuchert, Symbolik der Pflanzen (2004).

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