Ode an Österreich. Gedanken zu „I am from Austria“ von Rainhard Fendrich

Rainhard Fendrich

I am from Austria

Dei hohe Zeit ist lang vorüber 
und a die Höll hast hinter dir, 
vom Ruhm und Glanz ist wenig über, 
sag mir wer ziegt noch den Hut vor dir, 
außer mir.
I kenn die Leit, 
i kenn die Ratten, 
die Dummheit, 
die zum Himmel schreit, 
i steh zu dir bei Licht und Schatten, 
jederzeit. 

Da kann ma machen was ma will, 
da bin i her, da ghör i hin, 
da schmülzt das Eis von meiner Söl
wie von am Gletscher im April. 
Auch wenn wir’s schon vergessen ham, 
i bin dei Apfel, du mei Stamm. 
So wie dei Wasser talwärts rinnt, 
unwiderstehlich und so hell, 
fast wie die Tränen von am Kind, 
wird auch mein Blut auf einmal schnell, 
sag i am End der Welt voll Stolz 
und wenn ihr wollts 
a ganz alla - 
I am from Austria 
I am from Austria 

Es warn die Störche oft zu beneiden, 
heit flieg ich no viel weiter furt, 
i sich di meist nur von der Weiten, 
wer kann verstehn 
wie weh des manchmal tut.

     [Rainhard Ferndrich: Von Zeit zu Zeit. Ariola 1989.]

Ja, auch im deutsch-österreichischen Raum darf man nach 1945 noch Heimathymnen schreiben. Brecht beispielsweise hat  1950 mit seiner Kinderhymne eine geglückte Nachkriegsaktualisierung zu Fallerslebens’ Lied der Deutschen verfasst: „Und weil wir dies Land verbessern/ Lieben und beschirmen wir’s./ Und das liebste mag’s uns scheinen/ So wie anderen Völkern ihrs.“ Mit seiner Heimat verbunden zu sein, ist hier etwas Völkerübergreifendes. Paradox mag es klingen, aber ein so aufgefasster Nationalstolz wird damit fast ein Element der Völkerverständigung.

Mit I am from Austria gelingt Rainhard Fendrich ein ähnliches Kunststück wie Brecht. Durch rhetorische Kniffe bricht er drohende Heimatrührseligkeit, ohne dabei das sprachliche Erbe aus Mundarttraditionen wie Wiener Lied oder Heimatliteratur zu degradieren. In seiner Ode an sein Heimatland Österreich gelingt es Rainhard Fendrich gar, vorbelastetes Heimatvokabular für eine zeitgenössische Liebeserklärung an sein Herkunftsland zu rehabilitieren, indem er immer wieder zwischen Heimat als individuellem Gefühl und Heimat als verklärtem Raum unterscheidet.

Schon die Sprechsituation macht deutlich, dass es sich beim Text-Ich nicht um einen xenophoben Heimatfanatiker handelt, der ein österreichisches Territorium gegen Eindringlinge verteidigt und vor anderen Ländern verherrlicht. Heimat bedeutet für das Ich zunächst einmal Herkunft: „da bin i her, da ghör i hin“. Die Motivation für das Lied liegt in der Sprecher-Gegenwart, also zwischen der da-bin-ich-her-Vergangenheit und der da-ghör-i-hin-Zukunft. Gegenwärtig scheint sich der Sprecher nicht (oft) in seiner Heimat aufzuhalten: „i sich di meist nur von der Weiten“. Einem Zugvogel gleich erkundet dieser Österreicher die Welt: „Es warn die Störche oft zu beneiden,/ heit flieg ich no viel weiter furt“.

Aus kosmopolitischer Erfahrung heraus entwirft der Reisende sein Heimatgefühl, das er über räumliche Grenzen hinweg mitnimmt und noch am „End der Welt“ verkündet bzw. zeitlich gesehen bis zum Weltuntergang mit sich trägt. Dabei ist die Bekundung der Heimatliebe nicht als nationaler Massenaufruf gedacht. Vielmehr stellt sich das Sprecher-Ich bewusst „voller Stolz“ als individuell fühlend gegen eine anonyme Masse: „und wenn ihr wollts/ a ganz alla“. Indirekt bezweifelt der Zugvogel eine Gefühlsgemeinschaft: „wer kann verstehn/ wie weh des manchmal tut“. Die Sprechinstanz vermutet gar die Singularität ihres stolzen Heimatgefühls, wenn sie das Land anspricht: „sag mir wer ziegt noch den Hut vor dir,/ außer mir.“

Der Sprecher zweifelt daran, dass sich aus dem Ist-Zustand des Landes heraus ein Nationalstolz entwickeln kann. Im Gegensatz zum ausgestellten Florieren eines verklärten Ortes wird Österreich als heruntergekommen präsentiert: „Dei hohe Zeit ist lang vorüber/ und a die Höll hast hinter dir,/ vom Ruhm und Glanz ist wenig über“. Diese Verknappung umreist die österreichische Geschichte kurz: von einer Donaumonarchie mit Pomp über die Hölle des Nationalsozialismus bis hin in die ruhmlose Nachkriegszeit. Im ‚Glanze von Glück‘ blüht das Vaterland des Sprecher-Ichs also gerade nicht. Das Ich kehrt diesen Zustand aber bewusst nicht unter den Teppich: Es kennt die Schattenseiten („Ratten“, „Dummheit“) und steht dennoch „jederzeit“ zu seinem Heimatgefühl, das am Ende auch mit dieser Anti-Verklärung zusammenhängt. Denn wirklich zu Hause ist man meist nur dort, wo man hinter die Fassaden geblickt hat, schmutzige Ecken kennt und diese in die eigene Heimattopographie integriert hat.

Dennoch ganz muss der Text nicht ohne naturidyllische Heimatmomente auskommen: Das Naturschauspiel der Gletscherschmelze findet ebenso Erwähnung wie der Apfelbaum. Sogar durch die Blut und Boden-Strömung vorbelastete Wörter wie Blut und Seele werden angeführt. Poetisch elegant wird dieses Wortfeld jedoch gebrochen. Der Heimatverbundene beschreibt nämlich nicht nostalgisch verklärend seine heimatliche Scholle, also einen zu verteidigenden Raum, sondern wieder sein individuelles Heimatgefühl. Denn die Naturvergleiche veranschaulichen das Gefühl des Sprecher-Ichs bei seiner (imaginierten?) Rückkehr: „da schmülzt des Eis von meiner Söl/ wie von am Gletscher im April“. Das Gletscherwasser wird mit einer Kinderträne überblendet und verliert dadurch an sprachlicher Wuchtigkeit. Darauf wiederum wird das Hinabfließen der Kinderträne mit dem euphorischen Rauschen des Bluts parallelisiert. Im wahrsten Sinne des Wortes wird das Wort Blut somit rhetorisch zweifach gewaschen: durch das Firnwasser und die Vorstellung kindlicher Unschuld und Authentizität. So ist es schließlich die Reinheit und Klarheit der Natur- und Gefühlsvergleiche, die der Heimat ihren einstigen Glanz wieder verleiht: „unwiderstehlich und so hell“.

Was allerdings als pathetisch-patriotischer Sturzbach beginnt, mündet in Codeswitching: „I am from Austria.“  Lakonisch und in der Weltsprache Englisch benennt der Sprecher hier zum einzigen Mal sein Heimatland direkt und durchbricht damit an zentraler Stelle die für ein Heimatlied erwartbare Sprachreinheit. Noch einmal zeigt das Österreich-Ich damit, dass Heimatgefühl nicht mit nationalistischem ‚Reinheitsgebot‘ zu verwechseln ist. Denn Heimatgefühl, das ist international. Grenzüberschreitend und völkerverständigend. Where are you from?

Florian Seubert, Bamberg

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2 Responses to Ode an Österreich. Gedanken zu „I am from Austria“ von Rainhard Fendrich

  1. hpe says:

    Inhaltlich bin ich mit der Deutung Florians völlig einverstanden; auch was die Wertung des Liedes im Grundsätzlichen angeht – insgesamt ist dem Fendrich hier ein ordentliches Heimatlied in einem modernen Sinne gelungen. Ergänzend möchte ich aber doch noch den Finger auf eine schwächere Passage des Songs legen. Es geht um die vier Zeilen nach „i bin dei Apfel, du mei Stamm“. Diese zitierte Zeile spielt auf das Sprichtwort vom „Apfel, der nicht weit vom Stamm fällt,“ an und betont die Prägung des Ichs durch sein Land. Damit befindet man sich als Hörer aber auch in einem poetischen Bild. Wenn die Folgezeile dann wieder das Du anspricht, hat man als Leser/Hörer immer noch den „Stamm“ vor Augen und stutzt: „So wie DEI Wasser talwärts rinnt“; zum Stamm passt das nicht mehr, denn die Sprecherinstanz hat den Bezug schon wieder gewechselt, ohne diesen Wechsel hinreichend vorzubereiten. In der Folge hakt und holpert es dann mächtig, die Bilder passen nicht mehr wirklich gut zusammen und haben auch keinen stimmigen Bezug zur Realität, wenn man genauer über sie nachdenkt. Vieles scheint jetzt nur noch durch Reimzwänge motiviert. Österreichische „Wässer“ sind allenfalls manchmal „hell“, schon gar nicht zu Zeiten, wenn sie besonders „unwiderstehlich“ fließen (Schneeschmelze, Starkregen). Sie mit den Tränen eines Kindes zu vergleichen (wobei uneindeutig bleibt, ob der Vergleich so überhaupt intendiert ist?), geht meinem Gefühl nach schon quantitativ absolut daneben, auch wenn der Text den qualitativen Aspekt starkmacht. Die ganze doppelte Vergleichskonstruktion (zu Tal rinnende Gewässer – Tränen – Blut) eröffnet zwar gewaltige, durchaus gefühlsstarke Assoziationsräume, bleibt aber unklar, schwammig.

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