Karl-Marx-Stadt in den Köpfen. Zu Kraftklub: „Karl-Marx-Stadt“ (2012)

Kraftklub

Karl-Marx-Stadt

Ich steh auf Kaffee, Kippen und Diamant-Räder.
Ich war nie der In-der-Klasse-vorne-Sitzer-und-die-Hand-Heber.
Eher so’n Angeber, ein verpeilter Hänger.
Daran hat sich bis heute eigentlich nicht viel geändert, verdammt!

Ich kann nix dafür, doch die meisten begreifen nicht,
dass es nicht meine Schuld ist, wenn mein Leben scheiße ist.
Nein, eigentlich das System, Politik und Hartz IV.
Egal woran es liegt, es liegt nicht an mir.

Ich komm aus Karl-Marx-Stadt. Bin ein Verlierer, Baby, original Ostler.
Ich komm aus Karl-Marx-Stadt. Bin ein Verlierer, Baby, original Ostler.
Ich komm aus Karl- Marx-Stadt. Bin ein Verlierer, Baby, original Ostler.

Ich steh auf keiner Gästeliste.
Ich bin nicht mal cool
in einer Stadt, die voll mit Nazis ist, Rentnern und Hools.
Ich cruise Banane essend im Trabant um den Karl-Marx-Kopf,
die Straßen menschenleer und das Essen ohne Farbstoff.
Diskriminiert. Nicht motiviert.
Von der Decke tropft das Wasser. Nichts funktioniert.
Und so wohnen wir in Sachsen, auf modernden Matratzen,
ohne Kohle in den Taschen, immer gut drauf.

Ich komm aus Karl- Marx-Stadt. Bin ein Verlierer, Baby, original Ostler.
Ich komm aus Karl- Marx-Stadt. Bin ein Verlierer, Baby, original Ostler.
Ich komm aus Karl- Marx-Stadt. Bin ein Verlierer, Baby, original Ostler.

Ich komm aus Karl- Marx-Stadt. Bin ein Verlierer, Baby, original Ostler.
Ich komm aus Karl- Marx-Stadt. Bin ein Verlierer, Baby, original Ostler.
Ich komm aus Karl- Marx-Stadt. Bin ein Verlierer, Baby, original Ostler.

     [Kraftklub: Mit K. Vertigo Berlin (Universal). 2012]

Spätestens seit der Veröffentlichung ihres ersten Albums Mit K Anfang 2012 und dem direkten Einstieg auf Platz 1 der Media Control Charts stand in Bezug auf Kraftklub immer wieder eine Tatsache im Vordergrund: dass es sich um eine Band aus dem Osten des Landes handelt, die trotzdem erfolgreich ist ­- gern auch mit dem Nachsatz „oder gerade weil“. Kraftklub gelten mitunter als Vorzeige-Ossis, die angeblich selbstbewusst bis stolz ihre Herkunft aus der östlichen Provinz vertreten (so etwa Jana Hensel oder Martin Machowecz).

Allerdings liegt der Akzent der Texte von Kraftklub nicht auf der Betonung eines Ost-West-Gegensatzes, vielmehr thematisieren sie Erfahrungen ihrer Generation und Alterskohorte, die unter anderem dadurch geprägt ist, dass sich in ihr soziale Distinktion auch als Spaltung zwischen denen, die weggehen in die Metropolen und denen, die dableiben in der Provinz, manifestiert. Bereits beim Bundesvision Song Contest 2011 waren Kraftklub mit Ich will nicht nach Berlin mit einem Lied angetreten, das auf den Rechtfertigungsdruck des Provinzmenschen reagiert. Auch andere Lieder greifen diesen Topos auf. So muss das Ich in Wieder Winter nicht nur vom Sommer und den Albernheiten der Jugend Abschied nehmen, sondern auch von den alten Freundschaften:

Du bist weg, ich bin hier.
Du studierst jetzt in Frankfurt am Main.

Auch dasjenige Lied auf dem Album Mit K, das sich tatsächlich einer Ost-West-Problematik widmet, ist keine Darstellung von Ossi-Stolz und keine Klage von Wendeverlierern. Kraftklub nehmen sich in Karl-Marx-Stadt stattdessen die Vorurteile vor, denen sich die Hierbleiber in einer ostdeutschen Provinzstadt ausgesetzt sehen. Der Titel des Liedes – der Name der Stadt Chemnitz von 1953 bis 1990 – markiert bereits das Stigma des „Ostlers“, beschwört er allein doch eine paradigmatische Kombination aus Plattenbau und zerfallener Industrie herauf. Tatsächlich dürften die Mitglieder von Kraftklub gerade eben noch Karl-Marx-Stadt als Geburtsstadt in ihren Ausweisen stehen haben – eine Stadt, die es nicht mehr gibt und die ihre Generation nicht mehr erlebt hat. Der Name „Karl-Marx-Stadt“ ist ein Symbol für das untergegangene Land, ein Label für alles das, was man an Klischees unter „ostdeutsch“ ablegen möchte und damit auch die fiktionale Spielwiese des Liedes. Dabei fällt das Image von Chemnitz als einer abgehalfterten Provinzstadt mindestens ebenso ins Gewicht, wie der Umstand, dass die Stadt im Osten liegt. Manche Berliner In-Viertel lagen vormals ebenfalls im Osten und verbinden sich heute mit ganz anderen Vorstellungen, als sie in Karl-Marx-Stadt vorgetragen werden, während man sich ähnliche Lieder mit Oberhausen oder Gelsenkirchen im Titel durchaus vorstellen kann (Tatsächlich taugte Gelsenkirchen bereits 1961 Georg Kreisler zum gleichnamigen musikalischen Städteverriss). Die Stoßrichtung des Liedes ist demnach keineswegs nur gegen die Dichotomisierung in Ost und West gerichtet, sondern vielmehr auch im Diskurs um die spatiale Bestimmung von sozialem Status zwischen Zentrum und Peripherie verankert.

Das sprechende Ich definiert sich über seine Herkunft aus Karl-Marx-Stadt, allerdings als  Spiegelung der Rollenerwartung an einen Vorzeigeverlierer aus dem tiefen Osten. Der bekennt sich freimütig zu seinen Vorlieben für Ostprodukte (Diamant-Fahrräder) und legt sein Bekenntnis als echter „Kaffeesachse“ ab. Geradezu emblematisch finden die Klischees im Bild des im – ehemals gleich nebenan in Zwickau produzierten – Trabant um den „Nischel“, den gigantischen, nach einem Entwurf des sowjetischen Bildhauers Lew Kerbel 1971 erschaffenen Karl Marx-Kopf, fahrenden und dabei Bananen essenden Ostlers zusammen. Auch das Vorurteil vom Jammer-Ossi wird aufgegriffen, wenn das Ich jede Verantwortung für sein Leben abstreitet und „denen da oben“ die Schuld gibt – Schuld daran, dass die Stadt nur noch von Alten und Nazis bevölkert ist, Schuld an den miserablen materiellen Lebensbedingungen. Und so vermischt sich im Refrain das vermeintlich selbstbewusste „Ich komm aus Karl-Marx-Stadt“ mit dem resignierten „Bin ein Verlierer, Baby“ – Kraftklub schließen im Refrain (auch musikalisch) an Loser (1993) von Beck an: „Soy un perdedor | I’m a loser baby, so why don’t you kill me?“  Dabei wird ein kausaler Zusammenhang hergestellt: Weil ich aus Karl-Marx-Stadt komme und ein „echter“ Ostler bin, bin ich ein Verlierer.

Das ist keine Verteidigung von Ost-Identität, wie sie Kraftklub unterstellt wird, auch keine ins Komisch-Ironische verzerrte. Es wird auch keine positive Interpretation eines gesellschaftlich randständigen Milieus wie in manchen Spielarten des Rap vorgenommen. Das sprechende Ich disst sich vielmehr selbst im Sinne der Rollenerwartung und bestätigt sich damit in der sozialen Position, die ihm zugewiesen ist. Die vielfache Wiederholung und Betonung der Herkunft versetzt das Ich immer wieder in eine Vergangenheit zurück – allerdings in eine, die es nie gegeben hat, die nur dem Klischee entspringt. Das Ich verinnerlicht diese Außenperspektive, indem es sich selbst als uncoolen Verlierer einstuft. Dadurch, dass der Topos des Herkunftsstolzes – man denke an die Ghetto-Romantik des Gangsta Rap oder auch das tatsächlich ost-stolze Irrtum von Ce-Rebell-um – umgekehrt wird, aber auch durch die hyperbolische Darstellung der Befindlichkeiten und Zustände sowie die albernen und absurden Bilder (fahrradfahrender Loser, Bananen Essen beim Trabant-Fahren, modernde Matratzen) entsteht Komik im Lied, das man am Ende eben doch beim besten Willen nicht als (Selbst-)Beschreibung einer Ost-Mentalität, sondern nur als die Verulkung ihres Klischees lesen kann.

Die Band macht sich nicht über ein tatsächlich existierendes Milieu lustig und arbeitet sich auch nicht an einer eigenen Identifikation als Ostdeutsche ab, sondern an Zuschreibungen, Vorurteilen und Rollenerwartungen. Der eigentliche Witz des Liedes ergibt sich allerdings durch die häufige Wiederholung des Bekenntnisses dieses angeblichen Provinzverlierers im Refrain, der zum Mitsingen einlädt. Landauf, landab werden Zuhörer und Publikum bei Live-Auftritten so mit großer Leichtigkeit in die Rolle des Karl-Marx-Städters gezwungen, und damit wird die ganze Herkunftsbetonung ad absurdum geführt. Karl-Marx-Stadt, so die Moral der Geschichte, ist überall, denn Karl-Marx-Stadt gibt es nur in den Köpfen.

Tabea Dörfelt-Mathey (Jena)

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

One Response to Karl-Marx-Stadt in den Köpfen. Zu Kraftklub: „Karl-Marx-Stadt“ (2012)

  1. hpe says:

    Ich finde die Interpretation überzeugend.

    Als jemand, der Chemnitz/Karl-Marx-Stadt nicht aus persönlicher Anschauung kennt, würde mich aber noch interessieren, ob der jetzige – bauliche, demographische, ökonomische, soziale – Zustand der Stadt zu den im Song formulierten Verhältnissen (Vorurteilen) passt oder sie nur – bzw. überwiegend – wegen ihres Namens zum Thema geworden ist, obwohl die Kommune vielleicht längst ,auferstanden aus Ruinen‘ ist und den nachwendezeitlichen Strukturwandel gepackt hat. Diese Frage hat im Prinzip also nichts mit dem Text zu tun, sondern mit meiner Neugierde auf das reale aktuelle Chemnitz, die allerdings durch den Song stimuliert wurde (= Datum für Medienwirkunsforschung!).

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