Höhe über Enge. Zu „Ikarus“ der Puhdys

Puhdys

Ikarus

Einem war sein Heim, war sein Haus zu eng
sehnte sich in die Welt
sah den Himmel an,
sah wie dort ein Schwan hinzog.

Er hieß Ikarus und er war sehr jung, war voller Ungeduld
baute Fluegel sich, sprang vom Boden ab und flog und flog.
Steige Ikarus!
Fliege uns voraus!
Steige Ikarus!
Zeige uns den Weg!

Als sein Vater sprach: "Fliege nicht zu hoch!
Die Sonne wird dich zerstören."
Hat er nur gelacht, hat er laut gelacht, und schrie.
Er hat's nicht geschafft, und er ist zerschellt

Doch der erste war er. Viele folgten ihm,
darum ist sein Tod ein Sieg - ein Sieg!
Steige Ikarus!
Fliege uns voraus!
Steige Ikarus!
Zeige uns den Weg!

Einem ist sein Heim,
ist sein Haus zu eng, er sehnt sich in die Welt,
sieht den Himmel an,
sieht wie dort ein Schwan hinzieht.

Er heisst Ikarus und ist immer jung, ist voller Ungeduld.
baut die Flügel sich, springt vom Boden ab und fliegt und fliegt.
Steige Ikarus!
Fliege uns voraus!
Steige Ikarus!
Zeige und den Weg!

     [Puhdys: Ikarus/Sommernacht. Amiga 1973.]

Von Oktober 2012 bis Februar 2013 zeigt das Neue Museum Weimar Gemälde, Grafiken, Skulpturen etc. von Künstlern der DDR unter dem Titel „Abschied von Ikarus“ (Beitrag in der Tagesschau, Artikel des Magazins Art). Dass der griechische Mythos vom zu hoch aufsteigenden und darauf tief fallenden Sohn des Daidalos im Ostblock (auch abseits des ungarischen Omnibusherstellers gleichen Namens) ein Begriff bzw. ein wichtiges Motiv war, kann bei einem Besuch der Ausstellung u.a. in den Werken von Heinrich Apel, Hans-Hendrik Grimmling und Werner Tübke entdecken werden.

Wissenschaftlich abgehandelt findet man das intensive Verhältnis der DDR-Kultur zum Mythos Ikarus etwa in einem Aufsatz von Udo Reinhardt (Themen griechischer Mythen in der bildenden Kunst der DDR: Parisurteil, Sisyphus, Kassandra, Ikarus. In: Bauer, Nicole (Hg.): Antiker Mythos Vorträge und Beiträge als Grundlage für Deutung und Bewältigung heutiger Probleme. Stuttgart 2008.) oder in der Interpretationen des Ikarus-Mythos in der Literaturgeschichte der DDR überschriebenen Dissertation von Chiara Marmugi. Darin wird erkennbar: Auf der einen Seite stand der zur Sonne fliegende Jüngling für sozialistische Idealismus und Fortschrittsglauben (vgl. Brüder, zur Sonne, zur Freiheit), auf der anderen Seite für einen Drang nach Freiheit und das Scheitern an Grenzen (vgl. Wolf Biermanns Ballade vom preußischen Ikarus [1976]). Dies spiegelnd zeigte der Maler der Leipziger Schule Wolfgang Mattheuer 1980 einen abgestürzten (Seltsamer Zwischenfall) und 1989 einen aufsteigenden Helden (Ikarus erhebt sich).

 1973 veröffentlichte die Puhdys ihren Beitrag zum Themenkreis und erzählten in ihrem – eingängig nach Deep Purple oder Uriah Heep klingenden – Lied Ikarus von „Einem“, dem sein „Haus“ und „Heim“ zu eng wurde. Offensichtlich geht es hier weniger um Fortschrittsglaube als um „Ungeduld“. Der junge Protagonist „sehnte sich in die Welt“. Auf Warnungen durch die ältere Generation reagierte er erst mit Lachen, dann mit Schreien. Ikarus „zerschellt“. Weil aber „Viele“ ihm folgten (und folgen), „ist sein Tod ein Sieg – ein Sieg“. Bekräftigt wird dieser Triumph durch Zitat und Aktualisierung des Liedanfangs am Ende: Was beispielhaft in der Vergangenheit geschah, passiert im dritten Abschnitt im Präsens. Das Haus ist zu eng, der Schwan inspiriert, Ikarus „ist immer jung“ „und fliegt und fliegt“. Der Refrain fordert das Idol zu einem weiterem Steigen; im Imperativ geht es um das Zeigen eines Weges.

 Als „populärste Beatband des Arbeiter-und-Bauernstaates“ durften die Puhdys mit Ikarus und ihren anderen Hits auch im Westen touren (vgl. Der Spiegel 47/1976, Christoph Diekmann bezeichnete sie entsprechend als „clevere Opportunisten“ (Zeit-online am 19.10.2006). Nach offizieller Auslegung mag der besungene „Weg“ „aus Ruinen und der Zukunft zugewandt“ in den Kommunismus geführt haben. Man konnte (und kann vor allem aus heutiger Perspektive) allerdings auch einen darüber hinausgehenden Freiheitsdrang und einen Fluchtweg aus dem real-existierenden Sozialismus heraushören. In einem Aufsatz über Language and Subversion in GDR Rock Music von Osman Durrani (veröffentlicht in German Monitor 47. Finding a Voice. Problems of Language in East German Society an Culture. Atlanta 2000) wird entsprechend zusammengefasst: „This text is potential dynamite; it fully endorses the desire of the youth whose home was too ´narrow´ for his aspirations. Against the advice of his elders, the young adventure flies off, and although he is killed, his death is hailed as a victory. Und weiter auf die Rezipienten bezogen: „Not many could have heard this without thinking of those who lost their lives when they tried to escape from a homeland that had become too restrictive for them.“

 Wer sich mit Schicksalen an der innerdeutschen Grenzen auseinandergesetzt hat, denkt hier vielleicht ganz konkret an die Versuche, die unternommen wurden, um sie auf dem Luftweg zu überwinden. 1979 glückte die sogenannte Ballonflucht zweier Familien von Pößneck in Thüringen nach Naila bei Hof, von Disney verfilmt unter dem Titel Night Crossing. Wenige Monate vor dem Fall der Mauer, als letztes ihrer Opfer am 8. März 1989 in Berlin, scheiterte Winfried Freudenberg mit seinem selbstgebauten Gasballon.

 Die 1978 – also im Jahr von Sigmund Jähns Raumflug – veröffentlichte  „Fortsetzung“ Ikarus II verknüpft den Mythos dann freilich mit dem Traum vom Kosmonauten-Dasein. In der dritten – die beiden vorhergehenden zitierenden und aktualisierenden – Strophe dieses Songs heißt es: „Den hat er sich nun endlich wahr gemacht/Er zieht weit von der Erde seine Kreise/ Sternenfahrt durch den Tag, durch die Nacht“. Überhaupt kamen die Puhdys motivisch immer wieder auf das Fliegen und Reisen, die „Sehnsucht zum Mittelpunkt der Erde“ und die „Wege in ein fernes Land“ zurück (vgl. etwa das Album Sturmvogel [1976]).

 Wann auch immer in den letzten Jahren auf RTL, ZDF, MDR oder sonst irgendwo Ostalgie gefeiert wurde, durfte man mit den Puhdys rechnen. Die „Rolling Stones des Ostens“ tourten in den letzten zwei Jahrzehnten seit der Wende erfolgreich weiter und blieben medial präsent. Zu ihren bekanntesten Songs zählt neben Alt wie ein Baum oder dem (u.a. von Ulrich Plenzdorf getexteten) Wenn ein Mensch lebt nach wie vor Ikarus.

Martin Kraus, Bamberg

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Über deutschelieder
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