Phantasialand. Gedanken zu „Abenteuerland“ von PUR

Pur

Abenteuerland

Der triste Himmel macht mich krank 
Ein schweres graues Tuch 
Das die Sinne fast erstickt 
Die Gewohnheit zu Besuch 
Lange nichts mehr aufgetankt 
Die Batterien sind leer 
In ein Labyrinth verstrickt 
Ich seh‘ den Weg nicht mehr 

Ich will weg, ich will raus
Ich will – wünsch mir was 
Und ein kleiner Junge nimmt mich an die Hand 
Er winkt mir zu und grinst: 
Komm hier weg, komm hier raus 
Komm, ich zeig dir was 
Das du verlernt hast vor lauter Verstand

Komm mit 
Komm mit mir ins Abenteuerland 
Auf deine eigene Reise 
Komm mit mir ins Abenteuerland 
Der Eintritt kostet den Verstand 
Komm mit mir ins Abenteuerland 
Und tu‘s auf deine Weise 
Deine Fantasie schenkt dir ein Land 
Das Abenteuerland

Neue Form, verspielt und wild 
Die Wolken mal‘n ein Bild 
Der Wind pfeift dazu dieses Lied
in dem sich jeder Wunsch erfüllt 
Ich erfinde, verwandle mit Zauberkraft 
Die Armee der Zeigefinger brüllt: „Du spinnst!“
Ich streck' den Finger aus, ich verhexe, verbanne, ich hab die Macht 
Solange der Kleine da im Spiegel noch grinst 

Komm mit 
Komm mit mir ins Abenteuerland 
Auf deine eigene Reise 
Komm mit mir ins Abenteuerland 
Der Eintritt kostet den Verstand 
Komm mit mir ins Abenteuerland 
Und tu's auf deine Weise 
Deine Fantasie schenkt dir ein Land 
Das Abenteuerland

Peter Pan und Captain Hook mit siebzehn Feuerdrachen 
Alles kannst du sehen, wenn du willst 
Donnervögel, Urgeschrei, Engel, die laut lachen 
Alles kannst du hören, wenn du willst 
Du kannst flippen, flitzen, fliegen und das größte Pferd kriegen 
Du kannst tanzen, taumeln, träumen und die Schule versäumen 
Alles das ist möglich in dir drin, in deinem Land 
trau dich nur zu spinnen, es liegt in deiner Hand
Komm mit!
Auf deine eigene Reise
Komm mit!
Und tu‘s auf deine Weise!

Komm mit 
Komm mit mir ins Abenteuerland 
Auf deine eigene Reise 
Komm mit mir ins Abenteuerland 
Der Eintritt kostet den Verstand 
Komm mit mir ins Abenteuerland 
Und tu's auf deine Weise 
Deine Fantasie schenkt dir ein Land 
Das Abenteuerland

     [PUR: Abenteuerland. Intercord 1995.]

Im Grunde ist das Konzept des Freizeitparks zutiefst romantisch: Man schafft sich mit Hilfe der Imagination eine taumelbunte Welt, möchte den Alltag bereichern. Folglich poetisiert man Alltägliches: Aus schnöden Würstchenbuden werden in einem Themenpark übergroße hot dogs. Aus prosaischen Transportmitteln werden geschwungene Drachenbahnen oder knarrende Piratenbote. In manchen Fällen werden im Farb- und Geschwindigkeitsrausch gar aus vernünftigen Erwachsenen wieder unvernünftige Kinder. Und auch das populäre Lied, der Schlager, bietet Fluchtpunkte im Alltag mit seinen oft heilen Parallelwelten. Es ist also nur konsequent, beides zusammenzubringen und ein Lied über einen Freizeitpark, eine romantische Wunderwelt zu schreiben. Mit Abenteuerland haben PUR genau das getan.

Ähnlich wie die Romantiker etablieren PUR mit ihrer Wunderlandphantasie eine Gegenwelt zur bürgerlichen Tristesse. Nicht nur die Wunderlandthematik ist eine Gemeinsamkeit zwischen dem Fantasiestück aus dem Jahre 1995 und romantischen Prätexten wie etwa Der goldne Topf (1814) von E.T.A. Hoffmann. Mit ihrer Weltflucht-Arie bedienen PUR  die romantische Motivtradition. Auf den ersten Blick scheinen dabei die Grenzen zwischen Fantasie und Wirklichkeit, zwischen den Welten klar abgesteckt. Doch eine solche Schwarz-Weiß-Malerei lässt sich vor dem Hintergrund eines romantischen Konzepts der Verschmelzung zugunsten feinerer Zwischentöne auflösen. Schließlich steht der  Hörer am Ende vor der Entscheidung, ob er durch das Lied mit dem Sprecher ins Abenteuerland reisen möchte. Die Ebenen vermischen sich, der Hörer steht wie der Erzähler in Hoffmans Topf-Märchen merkwürdig zwischen den Welten.

Bevor es aber ins Abenteuerland geht, wird in der ersten Strophe der Weltfluchtarie die Philisterwelt gezeichnet. Schon die Akkumulation von bedrückenden Adjektiven gibt den Ton in dieser Welt vor: „trist“, „krank [machend]“, „schwer“, „grau“. Der Himmel ist ein „schweres graues Tuch“, das sich über alles legt, dem Leidenden seine Lebenskraft entzieht und seine Sinne „fast erstickt“. Das gleichzeitige Ansprechen aller Sinne in Form der Synästhesie ist ein zentrales romantisches Stilmittel um Grenzen aufzuheben, dem Diktum der Universalpoesie zu entsprechen. Ironischerweise blitzt in dieser Strophe über den fast völligen Verlust der Sinneswahrnehmung dieses Stilmittel auf, denn man sieht die graue Farbe des Himmels und spürt das Erdrückende der Umgebung. Die Sinne sind eben nur fast erstickt.

Ebenfalls ambivalent wirkt das Spiel mit der Floskel ‚ein Besuch wird zur Gewohnheit‘ – „die Gewohnheit zu Besuch“. Der Alltag des Sprechers ist eintönig, hört man hier zunächst heraus. Gewöhnlich. Immergleich. Das Vertauschen der Satzglieder untergräbt allerdings bei genauer Analyse die negative Aussage: Handelt es sich nicht um einen penetranten Dauergast, dann reist der Besuch – im besten Falle – nach einiger Zeit wieder ab. Die Zeit des Besuchs ist also eigentlich eine Abweichung von der monotonen Tagesplanung. Wie schon bei dem Spiel mit der Synästhesie wirkt die Alltagswelt hier noch nicht eindeutig graugemalt.

Um nun aber keinen Zweifel an der depressiven Stimmung des Entkräfteten zu lassen, wird die Strophe mit Allerweltsmodernismen wie „[l]ange nichts mehr aufgetankt“ oder „[d]ie Batterien sind leer“ im Stile eines New-Age-Selbsthilfebuchs abgerundet. Der Schlagerhörer kennt nun die Diagnose des späteren Abenteuerlandfahrers: Er leidet an burn out. Dem psychologischen Krankheitsbild entsprechend erscheint dem Ausgebrannten seine Situation zunächst – im Text wörtlich genommen – ausweglos: Er fühlt sich „[i]n ein Labyrinth verstrickt“ und sieht „den Weg nicht mehr“.

Doch dann kommt es plötzlichzum Bruch mit der Welt der Erwachsenen. Nicht nur inhaltlich, sondern auch auf syntaktischer Ebene wird dies in Form des Anakoluths „Ich will – wünsch mir was“ deutlich. Nun geht es in ein Land, in dem das Wünschen noch hilft. „[E]in kleiner Junge nimmt mich an die Hand“. Erst der Junge macht dem Depressiven mittels eines Paradoxons bewusst, dass Rationalität nicht alles ist: „Komm, ich zeig dir was / Das du verlernt hast vor lauter Verstand.“ Und, ähnlich der Eintrittsgelder, die man am Eingang eines Freizeitparks entrichten muss, hat auch der Eintritt ins Abenteuerland seinen Preis: „Der Eintritt kostet den Verstand.“ Ist der Verstand am Eingang erst einmal abgeben, tritt die Imagination an dessen Stelle: „Die Fantasie schenkt dir ein Land / Das Abenteuerland“. Die Rückbesinnung und Hinwendung zum Kindlichen, dem Noch-nicht-Rationalen, bietet für den romantischen Esoteriker eine Fluchtmöglichkeit.

Das Abenteuerland selbst scheint im Sinne des romantischen Formexperiments erdacht: „Neue Form, verspielt und wild“. Die verwendeten energetischen Adjektive stehen den gräulichen Beiworten der Alltagswelt vom Anfang gegenüber. Die lebendige audio-visuelle Verknüpfung der Wolkenbilder mit dem Lied des Winds antwortet auf die graue Synästhesie des Anfangs: Die Wolken am Himmel sind nicht mehr zu grauem Tuch verdichtet, sondern künstlerisch aktiv und „mal’n [nun] ein Bild“. Der Atemnot in der grauen Welt steht ein lebendiger Wind gegenüber, der ebenfalls zum romantischen Künstler wird. Er pfeift ein Lied, „in dem sich jeder Wunsch erfüllt“. Reicht schon das immanent in der Natur schlummernde Lied aus, um Verbindungen zu Eichendorffs Wünschelrute („Schläft ein Lied in allen Dingen“) festzustellen, macht die Betonung der „Zauberkraft“ (bei Eichendorff heißt es: „triffst du nur das Zauberwort“), mit der der Reisende als genialischer Schöpfer „erfinde[t]“ und „verwandel[t]“, die romantischen Töne endgültig deutlich.

Doch noch ist die bürgerlich-moralische Welt nicht ganz verlassen. Personifiziert läuft die „Armee der Zeigefinger“ als paramilitärische Sittenwehr auf und weist den Sprecher brüllend zurecht: „Du spinnst!“. Doch das Sprecher-Ich hat das Kindsein noch nicht verlernt und wehrt sich gegen die allzu erwachsene Bürgerlichkeit: „Ich verhexe, verbanne, ich habe die Macht/ Solange der Kleine da im Spiegel noch grinst.“ An dieser Stelle wird auch deutlich, dass der „Kleine“ ein früheres Ich des Sprechers zu sein scheint. Floskelhaft lässt sich daraus schließen: Er ist im Herzen jung geblieben. Entsprechend greift der Sprecher auf Kinderbuchklassiker zurück: Die Spiegelexistenz des „Kleinen da im Spiegel“ verweist auf Lewis Carrolls Alice im Wunderland. Später werden J. M. Barries Figuren Peter Pan und Captain Hook eklektizistisch mit allerhand fantastischem Getier und mit Fabelwesen gepaart: „siebzehn Feuerdrachen“, „Donnervögel“ und „Engel, die laut lachen“.

In der letzten Strophe ist dann die synästhetische Potenz auf ein Gegenüber projiziert: Das Sprecher-Ich hat schon rübergemacht, ist dem Ruf „Komm mit!“ seines früheren Ichs gefolgt, und möchte nun ein Du (den ebenfalls im Alltag gefangenen Hörer des Lieds?) dazu motivieren, mitzukommen: „Alles kannst du sehen, wenn du willst“, „Alles kannst du hören, wenn du willst“. Die kinetische Lebendigkeit des Abenteuerlands wird in Form von Alliterationen lautlich an das Du herangetragen: „Du kannst flippen, flitzen, fliegen“, „Du kannst tanzen, taumeln, träumen“. Um Erwachsenenmaßstäbe endgültig durch Kindheitswünsche zu ersetzten, wird Schuleschwänzen verführerisch angepriesen: „Du kannst […] Schule versäumen“. Gespiegelt zur rhetorisch unreinen Graumalerei des Anfangs, scheint in der merkwürdig spießbürgerlich-administrativen, unironischen Verbwahl versäumen der Einfluss der Bürgerwelt auf. Pseudo-infantil moralisierend wirkt in diesem Zusammenhang die schnippische Entgegnung auf die ‚brüllenden Zeigefinger‘ der Sittenpolizei: „[T]rau dich nur zu spinnen“.

Besonders auffällig ist die wiederkehrende Betonung der Kraft des Individuums: „Tu’s auf deine Weise“, „Alles das ist möglich in dir drin, in deinem Land“, „[E]s liegt in deiner Hand!“. In dieser Forderung verschmelzen das poetologische Konzept der Romantik und die Prinzipien von Freizeitpark und Schlager: In der Vorstellung der Romantik imaginiert ein genialisches Individuum eine die Wirklichkeit transzendierende Welt. Diese subjektive Inszenierung wird im Schlager und Freizeitpark zur massentauglichen Heile-Welt-Phantasie, von der sich der Kunde in seiner romantisch-kulturellen Prägung aber wiederum individuell angesprochen fühlen soll.

Für alle Junggeblieben als kleiner Service zum Schluss: Eine Jahreskarte für das Phantasialand kostet zuzüglich Verstand aktuell 152 €. Wahrhaft fantastisch.

 Florian Seubert, Bamberg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

3 Responses to Phantasialand. Gedanken zu „Abenteuerland“ von PUR

  1. hpe says:

    Lieber Florian, wir haben uns kürzlich ja schon persönlich über unsere Rezeptionsdifferenzen dieses Liedes ausgetauscht. Ich markiere sie hier jetzt nochmal in der Kommentarspalte: keineswegs, um Dir in den Rücken zu fallen oder hinsichtlich unserer Diskussion irgendwie nachzukarten, sondern um möglicherweise eine breitere Diskussion anzuregen und neue Argumente vom Publikum zu hören. Im Gegensatz zu Dir drängte sich mir die assoziative Brücke zu kommerziellen „Fantasia-Parks“ nie auf; das besungene Abenteuerland war für mich stets eins der Phantasie und Kindheit, in das das in seinem Alltag unglückliche Ich nur allzu gerne ,regrediert‘. Außerdem bewirbt es diese Regression auch gegenüber angesprochenen Dritten. Den Zusammenhang zur Romantik sehe ich auch, aber wesentlich dezenter, vermittelter und abstrakter, als Du es in Deiner Interpretation ausführst. Bei mir, wollte ich diese Beziehung ausführen, ginge die Interpretation vermutlich über den Rousseauismus, der das Verstandeserbe der Aufklärung angegriffen hat, und damit auch für die Romantik eine wichtige Grundlage schuf.

    Wo ich Dir uneingeschränkt zustimme: das sind Deine Beobachtungen zu den Ambivalenzen des Textes. Die ,feindlichen‘ Sphären sind hier nicht strikt getrennt, sondern durchdringen sich ständig. (Insofern scheint mir die Verfahrensweise auch etwas anders als bei „Alice im Wunderland“.) Das Plädoyer für die Regression ins Phantasieland fällt für mich deshalb auch halbherzig aus, wenn man dieser Spaß den Verstand kosten soll.

  2. Fred says:

    Das Lied Abenteuerland kenn ich und liebe ich schon seit dem das gleichnamige Album veröffentlicht wurde. (1995, da war ich 17 Jahre) Und erst viel später (30.te Lebensjahr) wurde mir so richtig bewußt welche musikalische und gesellschaftliche Botschaft dahinter steht. Der Sinn des Lebens ist Leben. Und jedes mal heul ich wie ein Schlosshund weil mich dieser Text so tief berührt.

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