About Love. Zu „Liebe wird oft überbewertet“ der Lassie Singers

Lassie Singers 

Liebe wird oft überbewertet
 
Liebe wird oft überbewertet
Liebe ist nicht so wichtig wie man denkt
Liebe ist nur ein Teilaspekt des Lebens
und die anderen Teile sind auch nicht schlecht

Überflüssige Liebeslieder
Falsch und schlecht und laut
Tun so als wär das Leben
auf der Sehnsuchtsbasis aufgebaut
und das stimmt nicht das ist ganz falsch denn:

Liebe wird oft überbewertet [...]

Überflüssige Liebesfilme
Handlung unwahrscheinlich familiengerecht
Jugendliche werden so darauf konditioniert
daß das Leben nur als Paarbindung funktioniert

Überflüssige Werbefilme
Körpergebirgsergriffenheitssex
Partnervermittlung wird immer obszöner und fragt:
Wäre Fernsehen zu zweit nicht viel schöner?
Nein, pfui Teufel

Liebe wird oft überbewertet [...]
Liebe – ist gar nicht wichtig
Liebe – ist Baldrian fürs Volk
Liebe – ist eine Korkwand aus Flokati
Liebe – ist tautologisch
nämlich Liebe
Was soll das?

     [Lassie Singers: Hotel, Hotel. Dragnet Records 1996.]

Wenn man Liebeskummer hat, fällt es am meisten auf: Überall geht es um zärtliche Gefühle, inniges Begehren und schmerzende Herzen, überall spielen sie Lieder namens Love Hurts , Love is Strong, Wer Liebe lebt oder Verdammt, ich lieb´ dich. Der Themenkomplex Liebe dominiert vom mittelalterlichen Tagelied bis in zeitgenössische Nachtclubs. Es ging und geht immer nur um das Eine. Ein wissenschaftlicher Versuch beziffert den Anteil von Songs über Liebe in den Charts auf 60 Prozent, anderswo kann man lesen, es seien noch wesentlich mehr. Wen wundert es, dass dabei einige Kompositionen als „überflüssige Liebeslieder“ empfunden werden?

Die Lassie Singers reagierten auf die unzähligen Variationen des immer gleichen Motivs mit der Feststellung Liebe wird oft überbewertet. Ihr Anti-LiebesliedLied erschien 1996 als Single sowie als erster Song auf dem Album Hotel, Hotel. Mittlerweile hat Ex-Lassie-Sängerin Christiane Rösinger Material nachgelegt und ein Buch gleichen Namens verfasst. Anfang 2012 wurde Liebe wird oft überbewertet. Ein Sachbuch veröffentlicht.

Im Buch zum Lied findet man neben dem Songtext (S. 201) eine Mischung von populärwissenschaftlichen und persönlich gehaltenen Einsichten zur bzw. gegen die Liebe. Autorin Rösinger zeigt sich als „Liebes-Desillusionistin und Paarkritikerin“ (Verlagsmeldung). Sie argumentiert gegen die „Paarideologie“ (S. 21) und verknüpft subjektive Pärchenbeobachtungen mit der „Ökonomie der Romantik“ (S. 74; vgl. hierzu etwa Eva Illouz); sie lästert über den „Mythos von der Liebe“ (S. 120) und versucht den „Gegenbeweis“ (S. 126). Dem Grundtenor des Liedes entsprechend finden sich Formulierungen wie: „Leider werden diese historische Wahrheiten in den Medien unterdrückt“ (S. 156) oder „Wer sich aus allem raushält und alleine lebt, braucht aber nicht auf ein reges Gefühlsleben zu verzichten“ (S. 199).

Wenn sich Rösinger zu Beginn ihres Buches mit den „zehn Pärchenlügen“ (S. 25-29) auseinandersetzt, erinnert auch dies an die Musik der Lassie Singers. Bereits auf deren erstem Album wurde mit Pärchenlüge über allzu präsentes Liebesleben geschimpft: „Pärchen verpisst euch, keiner vermisst euch“. Ebenfalls auf Die Lassie Singers helfen dir (1991) hört man Mein Freund hat mit mir Schluß gemacht („endlich, endlich wieder frei, bin ich nicht zu beneiden?“) oder Das Traurige Liebeslied („das dich runterzieht, immer runterzieht“). Auf dem zweiten Album, Sei A Gogo (1992), findet sich das desillusionierende Mein zukünftiger Ex-Freund („du wirst nämlich mein nächster Freund werden und zwar mindestens für ein Jahr“) sowie die „Schlussmach-Hymne“ Loswerden („jetzt sind wir die ganze Zeit zusammen, doch wir haben uns nicht mehr viel zu sagen“). Bei Stadt Land Verbrechen (1994) hieß die Single Es ist so schade („dass du so bist wie du bist“) und auf Hotel, Hotel (1996) ist noch der Song Wenn du mich nicht willst (will ich dich auch nicht). Man kann da vielleicht schon von missionarischem Eifer sprechen: Auch bei den Lassie Singers ging es immer wieder um das eine Thema, aber betont nicht im Stile gängiger Glorifizierungen, sondern in naiv formulierten Skizzen pubertärer Nöte. Liebe wird oft überbewertet kann als zusammenfassender – und auch für T-Shirts geeigneter – Slogan verstanden werden.

In Opposition zu anders lautenden Radio-Hymnen heißt es hier im Refrain über die Liebe, sie sei „nur ein Teilaspekt des Lebens“ und generell „nicht so wichtig wie man denkt“; eine Facette von vielen Facetten also, die allesamt zwar nicht unglaublich toll, aber doch zumindest „auch nicht schlecht“ seien. In den Strophen geht es der Reihe nach um die amouröse Gefühlswelt als Gegenstand „überflüssige(r) Liebeslieder“, „überflüssige(r) Liebesfilme“ und „überflüssige(r) Werbefilme“. Man hört eine Medienkritik aus der Mitte der 1990er Jahre – aus der Zeit also, in der sich Privatsender und Musikfernsehen in unserem Alltag ausbreiteten  – und mag sich an gewisse Songs,  Blockbuster und Spots von damals erinnern; oder der Einschätzung der Lassie Singers einfach recht geben (schließlich wiesen sie ja auch schon darauf hin, dass „Partnervermittlung […] immer obszöner“ werden würde). Gemäß der Kernthese bewirke die mediale Maschinerie eine widernatürliche Sozialisation: „Jugendliche werden darauf konditioniert, dass das Leben nur als Paarbindung funktioniert“. Man  müsste glauben, dass Leben sei „auf der Sehnsuchtsbasis aufgebaut“.
Wie wohl in keinem einzigen jener zahllosen „Liebe ist…“-Cartoons wird der Liebe hier als „Baldrian fürs Volk“ nicht nur eine befriedigende sondern auch eine sedierende Wirkung attestiert. Am Ende führe das ganze Gesinge von der Liebe zu Oxymora und Kitsch („Korkwand aus Flokati“) und schließlich zu nichts als semantischer Redundanz:  „Liebe – ist tautologisch/ nämlich Liebe“.  Das heißt natürlich nicht, dass es nicht trotzdem noch viel zu darüber zu texten gäbe. An der Seite all der Lieder über dieses eine Thema ist ja auch die – vorgebliche – Verweigerung des unmittelbaren Liebeslieds zu einem fruchtbaren Motiv geworden. Man denke hier etwa noch an Johnny Lydons This Is Not A Love Song (1983) oder Kein Liebeslied (2006) von Andreas Dorau, an Bon Jovis This Ain´t A Love Song oder Kein Liebeslied von Kraftklub etc.

Martin Kraus, Bamberg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

2 Responses to About Love. Zu „Liebe wird oft überbewertet“ der Lassie Singers

  1. hpecker says:

    Puh, was für ein Lied … Die Interpretation arbeitet ja den Lebensberatungs-Kontext heraus, in dem dieses Machwerk durchaus eine therapeutisch sinnvolle Funktion haben mag und gegen die ich auch gar nichts sagen will. (Möglicherweise unterstützt es ja auch noch die Pro-Zölibats-Bewegung – auch das fände ich völlig o.k.!) Aber vielleicht sollte man doch hinzufügen, dass dieser Song von seiner poetischen, musikalischen und gesanglichen Qualität her so grauenhaft schlecht ist, dass er sich eigentlich kein Urteil über ,falsche, schlechte und laute Liebeslieder‘ erlauben darf. („Was erlauben Struuuunz …?“) – Oder gibt es tatsächlich Fans dieser Gruppe, die an ihm mehr Schätzbares finden als seine deutlich artikulierte Abneigung gegen die Pärchen-Glücksideologie unserer Gesellschaft?
    (Nachtrag: Da hat „Männer & Frauen“ von den Ärzten – bei allen Einwänden, die ich dagegen in diesem Blog vorgetragen habe, – doch einen ganz anderen Witz und Drive; wenn ich bei meiner Interpretation jenes Titels schon diesen furchtbaren Leserbrief-Song der Lassies gekannt hätte, wären sie sicherlich besser davongekommen! Sorry Ärzte, aber man feilt ja ständig an seinen Maßstäben …)

  2. Lieber Hans-Peter,

    in mir regt sich ein spontaner Verteidigungsreflex, der sich, in ein Argument gegossen, vielleicht am ehesten so formulieren lässt: „Eben!“ Mir scheint alles, was du kritisierst, beabsichtigt zu sein: die musikalische Trashigkeit, das pseudo-eigentliche Sprechen in ungelenken Bildern etc. Für diese These anführen kann ich neben nicht unbedingt zwingenden Aspekten wie dem Ausruf „Pfui Teufel!“, der so kaum ernst gemeint sein dürfte, und dem Video, das auch nicht gerade versucht, die These des Lieds ernsthaft zu belegen, eigentlich nur eine Art ästhetischen Vertrauensvorschusses gegenüber der Band mit dem offensiv albernen Namenanführen. Dieser Vertrauensvorschusses gründet sich u.a. auf die gute Gesellschaft, in der sich die Band bewegt hat (Funny van Dannen, Knarf Rellöm, Rocko Schamoni, Bernd Begemann – vgl. http://www.laut.de/Lassie-Singers), und findet in der Einschätzung der Band durch Zeitzeugen Bestätigung (vgl. etwa http://www.christiane-roesinger.de/seiten/lassiesingers.htm).
    Das Buch von Rösinger steht jedoch der Annahme einer rhetorischen Ironie entgegen. Es bleibt also wohl beim mehr oder minder begründeten Verdacht, dass hier eine schwebende Ironie, die den Text zwischen durchaus gegebener Ensthaftgkeit und Schlager-Parodie pendeln lässt, vorliegt.

    Herzliche Grüße

    Martin

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