Gute-Laune-Weihnachtslied: Wilhelm Lindemanns „Eine Muh, eine Mäh“ (eigentlich: „Der Weihnachtsmann kommt“, 1914)

Wilhelm Lindemann

Der Weihnachtsmann kommt

Eine Muh, eine Mäh,
eine Täterätätä,
eine Tute, eine Rute,
eine Hopp-hopp-hopp-hopp,
eine Diedeldadeldum,
eine Wau-wau-wau,
ratatsching-daderatabum.

Wenn der Weihnachtsbaum uns lacht,
wenn die Glocke bim-bam macht,
kommt auf leisen Sohlen,
Ruprecht an verstohlen.
Zieht mit vollen Säcken ein,
bringt uns Bäcker-Leckerein
und packt unter Lachen
aus die schönsten Sachen.
Kommt, Kinder, seht euch satt,
was er für Schätze hat:

Eine Muh, eine Mäh,
eine Täterätätä,
eine Tute, eine Rute,
eine Hopp-hopp-hopp-hopp,
eine Diedeldadeldum,
eine Wau-wau-wau,
ratatsching-daderatabum.

Wenn der Schnee zum Berg sich türmt,
wenn es draußen friert und stürmt,
um die Weihnachtslichter
fröhliche Gesichter.
Alle Stuben blitzeblank,
denn es kommt mit Poltergang
durch die Luft, die kalte,
Ruprecht an, der alte.
Und pustet, prustet – dann
zeigt uns der Weihnachtsmann:

Eine Muh, eine Mäh,
eine Täterätätä,
eine Tute, eine Rute,
eine Hopp-hopp-hopp-hopp,
eine Diedeldadeldum,
eine Wau-wau-wau,
ratatsching-daderatabum. 

Der Weihnachtsmann ist da ...
Der Weihnachtsmann ist da ...
Der Weihnachtsmann ist da!

Deutschen Weihnachtsliedern kann man viel nachsagen, nicht aber dass sie große Fröhlichkeit verbreiten – selbst wenn sie genau dies vorgeben („O du fröhliche …“). Sie sind bei zumeist gemächlichem Tempo eher gemütvoll-besinnlich und auf die christlichen Wurzeln dieses Festes gestimmt als auf Kindergaudi, Winterurlaub und Kaufrausch. Kein Wunder, dass sich Radiostationen in der verlängerten Vorweihnachtszeit, die heute eigentlich schon unmittelbar nach Ende des Sommerschlussverkaufs einsetzt, bevorzugt aus dem ganz anders klingenden Repertoire angloamerikanischer Weihnachtsbeschallung bedienen: Jingle Bells, Let it Snow, Rudolph the Red-Nosed Reindeer, Santa Claus is Coming to Town, Winter Wonderland, Driving Home for Christmas usw.

In dieser Situation sollten wir (und speziell unsere Radiomoderatoren!) daran erinnern, dass es keine Regel ohne Ausnahmen gibt und im deutschsprachigen Liedgut auch einige flotte, lustige und gute Laune verbreitende Weihnachtslieder zu finden sind. Eines davon stammt aus der Feder des 1882 in Berlin geborenen Sängers, Musikers, Dichters und Schlagerkomponisten Wilhelm Lindemann (alias Fritze Bollmann, vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Lindemann_%28Komponist%29) und hieß bei seinem Erscheinen zunächst „Der Weihnachtsmann kommt“. Wesentlich bekannter ist es dann aber unter seiner ersten Verszeile „Eine Muh, eine Mäh“ geworden, wobei dieser Titel gelegentlich noch durch den Wortlaut der zweiten Zeile „eine Täterätätä“ ergänzt wird.

Lindemanns Weihnachtslied lehnt sich thematisch und atmosphärisch an den älteren Weihnachtsklassiker „Morgen, Kinder, wird’s was geben“ an, dessen Wurzeln schon für das 18. Jahrhundert belegt sind. Wie dieses Vorläuferlied greift „Eine Muh, eine Mäh“ die Vorfreude der Kinder auf die Weihnachtsbescherung auf und malt konkret aus, was denn der Weihnachtsmann alles bringen könnte. Der allseits obwaltenden Fröhlichkeit kommt hier wie dort zugute, dass die Bescherung dem derb-lustigen Knecht Ruprecht zugeschrieben wird und nicht dem ätherischen Christkind. Auch formal gibt es Entsprechungen, insofern beide Lieder ein beachtliches Tempo anschlagen und jeweils mit fünf Strophen auskommen. Auch bei den angesprochenen Geschenken ließe sich die eine oder andere Parallele entdecken. Wichtiger als die Gemeinsamkeiten sind aber wohl doch die Unterschiede.

Drei der fünf Strophen bei Lindemann werden vom Refrain gefüllt, der nun aber tatsächlich auf einem genialen Einfall beruht. Die erhofften Geschenke des Weihnachtsmanns werden onomatopoetisch charakterisiert, womit mehrere Ziele zugleich erreicht werden:

a) Die lautmalerischen Bezeichnungen bewegen sich auf der Ebene einer Kleinkindersprache, womit die Perspektive auf das erwartete Bescherungserlebnis entsprechend konkretisiert wird und eine analoge emotionale Verortung des Geschehens erfolgt.

b) Ältere Sänger/Hörer des Liedes (Erwachsene wie größere Kinder) können in dieser Situation zwei unterschiedliche Haltungen einnehmen, die aber beide mit Lustgewinn verbunden sind: Zum einen wäre es möglich, den Refrain-Text als komisch zu betrachten und sich damit von der Sprach- und Gefühlswelt von Kleinkindern zu distanzieren, zum anderen aber könnte man sich bewusst darauf einlassen, wobei u.U. eigene frühere Weihnachtserlebnisse kognitiv und emotional erinnert werden könnten. Abstrakt formuliert würde ich hier von einem Angebot des Liedes zur komischen Distanzierung und/oder lustvollen Regression sprechen, das älteren Rezipienten unterbreitet wird. Literaturgeschichtliche Bezüge zum zeitgenössischen Werk von Joachim Ringelnatz (geb. 1883) drängen sich auf.

c) Die indirekten Bezeichnungen der Spielzeugfiguren im Sack Knecht Ruprechts verrätseln die intendierten Objekte und stellen damit gerade auch nicht mitsingenden Rezipienten eine Aufgabe, die sie zur Partizipation in anderer Form einlädt. Diese Interaktion kann diskursiv erfolgen, aber auch pantomimisch oder – wie mehrfach belegbar – durch produktive Rezeption. Ein einschlägiges Beispiel für die zuletzt genannte Option wäre etwa die graphische Kommentierung des Liedes durch den Animationsfilm von „Opakett1“ .

d) Das vom Dichter gewählte onomatopoetische Verfahren ist seiner Natur nach zutiefst musikalisch, wird hier Semantik doch vornehmlich mit klanglichen Mitteln tradiert. (In Lindemanns Lied ,infiziert’ dieses Verfahren aus der Reim-Strophe, wo es exzessiv zum Einsatz kommt, übrigens an zwei Stellen die beiden narrativen Strophen, die ansonsten ohne Lautmalereien auskommen: „Wenn die Glocke bim-bam macht“, „Und pustet, prustet“.)

Die narrativen Strophen (2 und 4) rufen gängige Winter- und Weihnachtsstuben-Klischees auf, um dem onomatopoetischen Klangspektakel des Refrains einen geeigneten Rahmen zu geben und melodische Kontraste zu setzen. In der Refrainstrophe wird allein das Wort „Rute“ nicht lautmalerisch wiedergegeben. Diesen Umstand nur aus Reimnot zu erklären, erschiene mir zu billig; die „Rute“ steht für die ernst-bedrohliche Seite der ,schönen Bescherung’, sie gehört mehr zur Erwachsenen- als zur Kleinkinder-Welt. Insofern finde ich es ästhetisch gerechtfertigt, dass hier kein Zisch- oder Klatsch-Laut eingesetzt wird, sondern das Züchtigungsinstrument sprachlich-abstrakt codiert bleibt. Das Lautwort „ratatsching-daderatabum“ habe ich in meinem Textvorschlag – entgegen der üblichen Überlieferung – klein geschrieben, weil es keinen vorgestellten Artikel besitzt. Zwar glaube ich auch, dass es indirekt über das von einer Spielzeugfigur (einem Beckenschläger oder Tambour-Major) erzeugte Geräusch auf eben diese verweist, aber nicht so unvermittelt-synonymisch, wie davor „eine Muh“ für ,Kuh’ oder „eine Wau-Wau-Wau“ für ,Hund’ steht.

Wie vorzüglich der Refrain dieses ganz und gar untypischen deutschen Weihnachtsliedes nach wie vor ,funktioniert’, zeigen mehrere kreative Interpretationen neuerer Zeit: die Jazz-Version (Parodie?) von Götz Alsmann, ein Jumpstyle Remix oder das Muh-Mäh-Zitat der Abstürzenden Brieftauben. Dass Deutschland 1914, als Wilhelm Lindemann dieses Lied veröffentlichte, gerade in seinen ersten Weltkriegs-Winter ging, ist dem lustigen Gute-Laune-Titel – trotz darin erwähnter „Rute“ – nirgends abzuhören.

Hans-Peter Ecker (Bamberg)

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7 Responses to Gute-Laune-Weihnachtslied: Wilhelm Lindemanns „Eine Muh, eine Mäh“ (eigentlich: „Der Weihnachtsmann kommt“, 1914)

  1. Andy says:

    Vielen Dank für diesen ausführlichen Beitrag über dieses schöne Weihnachtslied. Diese Version kennt sogar eine dritte narrative Strophe: http://www.youtube.com/watch?v=Si9d7LJkKo4
    Wissen Sie vielleicht auch etwas über die Entstehungsgeschichte der anderen bekannten Fassung von „Eine Muh, eine Mäh“, die oftmals auch im Titel oder Untertitel mit „Wenn Weihnachten ist“ benannt wird? Hier eine Fassung der Trixis: http://www.youtube.com/watch?v=05HcrFsQIYA Schon oft habe ich mich gefragt, welche Fassung wohl zu erst da war und wie es zu diesen unterschiedlichen Texten und Arrangements gekommen ist.

  2. hpecker says:

    Danke für die Ergänzungen bzw. zusätzlichen Funde; leider kann ich zur Rezeptionsgeschichte dieses Weihnachtsliedes nichts Genaueres beitragen, die Fassung der Trixis war mir überhaupt nicht bekannt. Intuitiv scheint mir Lindemanns Fassung die ältere und originellere zu sein; aber ich will mir keine musikwissenschaftlichen Kompetenzen anmaßen, die mir nicht zustehen.

  3. Gerhard G. says:

    Bei der Liedfassung „Wenn’s Weihnachten ist“, die man von den Paola, den Trixis oder Costa Cordalis kennt, dürfte es sich um eine Komposition aus den 1970er Jahren des Produzenten- und Autorenduos Roland Heck und Gerd Köthe handeln, die sich nur an Lindemanns „Eine Muh, eine Mäh“ anlehnt. Heck und Köthe waren beispielsweise auch die Macher hinter Gitarrenspieler Ricky King. Zum ersten Mal dürfte die „Eine Muh, eine Mäh“-Anlehnung „Wenn’s Weihnachten ist“ 1977 auf den Costa Cordalis-Album „Weihnachten in Deutschland“ erschienen sein: http://www.cd-lexikon.de/album_costa-cordalis-weihnachten-in-deutschland.htm
    Das unter Google-Books aufrufbare Buch „Weihnachtslieder“ von Frank Weber nennt als Texter für „Wenn’s Weihnachten ist“ auch explizit Roland Heck und Gerd Köthe: http://books.google.de/books?id=NO4uujyAkukC&printsec=frontcover&hl=de#v=onepage&q&f=false

  4. Pingback: maitre electricien boisbriand

  5. Ursula Schmidt says:

    ich habe hier noch eine zweite Zwischenstrophe gehört, die ich noch nicht kenne. Leider ist in der Aufnahme der Text nicht verständlich. Gibt es das wo schriftlich auch? Dieses Lied begleitet mich seit 47 Jahren und ich würde es gerne um die zusätzliche Strophe erweitern.

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